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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es gibt nichts Nervigeres als einen erhobenen Zeigefinger. In der Regel heißt das: Achtung Moral! Verbunden mit den bekannten Forderungen: „Du musst, du sollst, du darfst nicht!“ Da werden die Hürden aufgebaut, die einem den Weg zum Therapeuten vorzeichnen oder im schlimmsten Fall das ganze Leben versauen. Einen berühmten Zeigefinger findet man in Colmar im Elsass im Museum. Da steht der Isenheimer Altar. Darauf ein Bild von Johannes dem Täufer mit einem riesigen Zeigefinger. Mit dem zeigt er auf Jesus. „Da geht’s lang“ sagt dieser Finger und es ist noch gar nicht lange her, da war dieser Weg für den frommen Christenmenschen mit unendlich vielen Ausrufezeichen und Zeigefingern gepflastert. Und viele sind daran gescheitert – kein Wunder. Johannes der Täufer ist eine typische Adventsgestalt. Er weist auf jemanden hin, der kommen wird. Morgen, am Hl. Abend. Und der große Zeigefinger des Johannes auf dem Isenheimer Altar geht nicht nach oben. Er ist kein moralischer Zeigefinger. Er weist nach vorn, er zeigt eine klare Richtung, hin zu Jesus. „Auf den allein kommt es an“ sagt dieser Finger. Nicht von mir hängt alles ab, nicht von dir oder von anderen. Wenn ihr im Leben wirklich Sinn und Glück finden wollt, dann schaut auf ihn. Das ist alles andere als eine Zeigefingertheologie. Der Zeigefinger des Johannes sagt: Er ist der Heiland. Wir können und müssen uns nicht an ihm messen. Wir können immer nur neue Anläufe machen, mit menschlichen Worten und Zeichen und so durch unser Leben Gott in der Welt spürbar werden lassen. Wir sind und bleiben oft genug nur allzu menschliche Menschen. Und was macht Gott mit diesen unvollkommenen Wesen? Er hebt keinen Zeigefinger. Er reicht uns die Hand und nimmt uns mit.

Meister Eckhart, Theologe im Mittelalter, hat das mal so ausgedrückt:

Gott geht nimmer in die Ferne, er bleibt beständig in der Nähe; und kann er nicht drinnen bleiben, so entfernt er sich doch nicht weiter als bis vor die Tür.

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Am Anfang von irgendetwas ganz Neuem stehen oft recht seltsame, um nicht zu sagen extreme Gestalten. Johannes der Täufer in der Bibel war so einer. Er lebte in einer extremen Gegend, einer Wüste und zog sich seltsam an. Und wer sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt, der muss schon ziemlich verschroben sein. Dieser Johannes, der auf alle Errungenschaften der Zivilisation verzichtet und von der Hand in den Mund in der Wüste lebt, steht für etwas ganz Neues. Und setzt deshalb in den Advent ein starkes Signal. Nämlich Reduktion auf das Wesentliche. Er redet den Leuten ins Gewissen. Seine Botschaft heißt: Umkehr, neu anfangen. Und alles was er dafür braucht ist Wasser. Damit tauft er die, die zu ihm kommen. Und seltsam: diese Botschaft funktioniert. „Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus…“ heißt es in der Bibel.  Johannes hätte sich also in seinem Erfolg sonnen können und sich wie moderne Gurus auch irgendwann im Bentley zu seiner Villa fahren lassen können. Tut er aber nicht. Johannes macht etwas ganz Verrücktes. Er macht sich ganz bewusst klein. Er sagt, seine Taufe mit Wasser sei ja nur ein Abklatsch von dem, was da noch kommt. Da wird einer kommen, der wird mit Feuer und Geist taufen und damit wirklich etwas Neues schaffen.  Johannes ist zu seiner Zeit ein Superstar, aber er ist bereit, alles aufzugeben. Er hat seine erfolgreiche Wassertaufe, sagt aber, dass die nicht zählt. Von Jesus sagt er einmal:  „Jener muss wachsen, ich aber abnehmen“ (Joh3,30). Johannes der Täufer kann so etwas sagen. Denn er hat sich frei gemacht, hat los gelassen, auch von seinem eigenen Ego. Er ist leer geworden, auch das wird mit dem Bild vom Leben in der Wüste ausgedrückt. Reduktion auf das Wesentliche eben. Und in dieser Leere ist Platz für Gott.  So ein Leerwerden fällt keinem in den Schoß, so eine Demut kommt nicht von selbst. Es ist das Endprodukt von tausend Augenblicken des Loslassens. Die haben es Johannes dem Täufer ermöglicht, Gott Schritt für Schritt in sein Leben hinein zu lassen. „Bereitet dem Herrn den Weg!“ Das ist die Kurzfassung. Man kann damit anfangen - auch wenn der Advent schon fast zu Ende ist.

 


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An Bord der Fähre unterhalten sich eine Frau und ein Priester. Die Frau: „Vielleicht lesen Sie einmal eine Messe bei uns, dann sehen Sie mich sonntags fromm in der Kirche knien.“ Der Priester: „Aber Sie glauben doch nicht an Gott.“ Die Frau: „Aber denken Sie, ich könnte es mir leisten – und ich würde es meinen Eltern antun - nicht in die Kirche zu gehen? Fromm ist unser gutes Mädchen geblieben…“  (Irisches Tagebuch, dtv 1985 S.11) So schreibt Heinrich Böll in seinem „Irischen Tagebuch“. In diesem Text versteckt der deutsche Literaturnobelpreisträger wohl etwas von seinem eigenen Verhältnis zur katholischen Kirche. Sich selbst hat er einmal als „LIKAKI“ bezeichnet, als linkskatholischen Kirchgänger. Geboren in Köln und ein Leben lang Rheinländer, war er wohl katholisch bis in die Knochen, ist aber mit seiner Frau aus der Institution Kirche ausgetreten. Die war ihm viel zu lau und angepasst, zu satt und zu reich. Böll hatte als Soldat den gesamten 2. Weltkrieg mitgemacht und überlebt. Das machte ihn zum Pazifisten. Nächstenliebe war sein erstes Gebot. Dann kamen die Vergebung und  das  Mitleid. Er schreibt:

 "Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen …"? (Eine Welt ohne Christus, 1957)

Für mich ist Heinrich Böll auch der Mann mit der Baskenmütze, der alt, krank und irgendwie gebrechlich inmitten von jungen Leuten in der Sitzblockade vor der geplanten atomaren Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf gesessen hat. Irgendwie fehl am Platz, aber trotzdem genau richtig. Unbequem und konsequent war er, polemisch und scharfzüngig. Für mich ein hellwacher Christ, der der Kirche seiner Zeit schonungslos die Meinung gesagt hat. Und er hat wunderschöne Bücher und Texte geschrieben. Heute würde Heinrich Böll  100 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Menschen wie Sie, Herr Böll, bräuchten wir heute ganz dringend.

 

 


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An einem Septembersonntag war ich auf Entdeckungstour in Rheinhessen. Kirchen haben es mir besonders angetan. So komme ich auch nach Hochheim, einem Vorort von Worms. Auf einer Anhöhe steht die romanische Kirche St. Peter. Ihren mächtigen Turm sieht man schon von weitem. Die eigentliche Kostbarkeit der „Bergkirche“ ist zunächst unsichtbar. Es ist ihre kleine Krypta. Über eine Treppe steige ich zu ihr hinunter. Das Wort „Krypta“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „verborgen“.

Kaum habe ich sie betreten, zieht mich diese Unterkirche in ihren Bann.  Ich spüre, das ist der älteste Teil des Gotteshauses; entstanden vor rund tausend Jahren!

Der Raum ist winzig, viereinhalb mal zweieinhalb Meter. Vier wuchtige Säulen unterteilen die Krypta. Grobe Würfel formen ihren oberen Abschluss. Sie tragen das schwere Kreuzgewölbe. Dunkel ist es hier unten. Und doch wirkt nichts bedrohlich. Einige Kerzen stehen rundum. Ihr Licht verstärkt noch den Eindruck des Geheimnisvollen.

Still ist es hier unten. Kein Lärm dringt durch die dicken Mauern. Hier komme ich zur Ruhe. Hier kann ich die Hektik des Alltags hinter mir lassen.

Ich sitze einfach nur da und genieße die Aura des Raumes, fühle mich geborgen. Wie viele Generationen haben das in den vergangenen tausend Jahren genauso empfunden wie ich? An einem Ort wie diesem bekomme ich wieder eine Ahnung von der Tiefe des Glaubens. Und das tut richtig gut!

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Für viele ist es eine traurige Nachricht: Kloster Himmerod schließt seine Tore. Die Mönche verlassen ihren Konvent im idyllischen Tal der Salm.

Damit geht eine lange Tradition zu Ende. Vor fast 900 Jahren hatte der heilige Bernhard von Clairvaux die Zisterzienserabtei in der Südeifel gegründet. Für viele Menschen aus nah und fern war Himmerod eine Kraftquelle für ihren Glauben, ein Ruheplatz für die Seele. Hier konnte man auftanken in der Stille eines klösterlichen Umfelds.

Nun überlegt das Bistum Trier, wie es weitergehen soll. Zusammen mit engagierten Christen in der Region wird man eine Lösung finden. Aber es bleibt der Schmerz, dass Himmerod kein Kloster mehr ist. Zuletzt zählte der Konvent noch fünf Mönche. Abt Johannes, der 56. und letzte Abt, beklagt die Überalterung der Orden. Es gibt nur wenige Eintritte. Junge Leute können sich ein Leben im Kloster meist nicht vorstellen.

Während Himmerod dicht macht, wagen die Zisterzienser andernorts einen neuen Aufbruch. Und das ausgerechnet in Brandenburg, 800 Kilometer von Himmerod entfernt. Hier wird ein ehemaliges Kloster wieder besiedelt: Kloster Neuzelle bei Eisenhüttenstadt, unweit der polnischen Grenze. Vier Zisterziensermönche aus dem österreichischen Kloster Heiligenkreuz starten dieses Experiment. Sie sind vor drei Monaten in die Niederlausitz umgezogen. Seit 1817 hatten hier keine Ordensbrüder mehr gelebt.

Für die Neuankömmlinge ist der Start eine Herausforderung. Wie fast überall im Osten sind die meisten Einheimischen konfessionslos. Aber gerade das ist auch eine Chance.

Der Görlitzer Bischof hofft, dass Kloster Neuzelle sich zu einem „Biotop des Glaubens“ entwickelt, gerade auch für Menschen, die auf der Suche sind.

Man darf auf die Erfahrungen der Neuzeller gespannt sein. Denn eines ist klar: Die Kirche muss neue Wege einschlagen, um Menschen wieder für den Glauben zu interessieren. Auch im Westen.

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Beten mit dem Smartphone. Kein Problem. Sogar der Vatikan macht mit.

Seit neuestem gibt es eine offizielle Gebets-App mit Papst Franziskus: „Click to pray“. Wer die kostenfreie App nutzt, bekommt dreimal täglich einen kurzen Gebetsimpuls auf sein Handy. Der registrierte Nutzer kann  ein Profil anlegen und eigene Gebete formulieren. Mit einem Click teilt man sein Gebetsanliegen mit anderen.

Auf Youtube wendet sich der Papst mit Videos an die Menschen weltweit. Und beten kann man mit ihm auch über Facebook. Franziskus ist also kein Feind der Technik. Dank der neuen Medien erreicht die Kirche neue Zielgruppen und vernetzt Gläubige miteinander.

Aber der Papst sieht auch die Schattenseiten einer digitalen Kommunikation. Bei einer Audienz kritisierte er vor Wochen die Sucht, alles und jedes fotografieren und filmen zu müssen„Es macht mich traurig, wenn ich die Messe feiere und so viele erhobene Mobiltelefone sehe. Ich bitte euch: Die Messe ist kein Spektakel! Warum sagt der Priester an einer gewissen Stelle: Erhebet die Herzen? Er sagt nicht: Erhebet eure Handys, um Fotos zu machen. Nein, das ist eine schreckliche Sache!“

Eigentlich sollten die neuen Medien die Kommunikation fördern. Aber oft genug kommt es anders: Das Smartphone wird zum Gesprächskiller. Da sitzen Leute zusammen, starren schweigend auf ihr Gerät und rufen die neuesten Infos ab. Dialog? Fehlanzeige!

Viele Familien können ein Lied davon singen. Auch dazu findet Papst Franziskus klare Worte. Beim Besuch einer römischen Universität ermahnte er die Studenten: „Wenn es zuhause keinen Dialog gibt, wenn man am Tisch sitzt und jeder mit seinem Mobiltelefon spielt, dann ist das der Beginn des Krieges, in dem es keinen Dialog gibt.“

Das Smartphone einmal beiseite legen, das ist auch ein Zeichen des Respekts vor dem Gegenüber. Egal, ob in der Schule, bei der Dienstbesprechung, am Stammtisch oder beim Abendessen daheim.

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