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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der schönste Lebenslauf. Den Spruch haben mir meine Erzieherinnen im Kindergarten mitgegeben. Als Proviant fürs Leben. Fürs Anfangen und Aufhören. Weil so viel davon abhängt, wie man das macht.

Wie hört man gut auf? Tür zu und Schluss? Oder: Ich bin dann mal weg? Ein Freund hat das so gemacht in seinem Job. Letzter Tag und weg. Kein großes Gedöns, keine Lobhudeleien, wie er sagte. Ehrlicher Schnitt. Jetzt ist er weg, aber denkt oft darüber nach: Was hab ich wohl bewegt? War ich wichtig für Andere? Oder nur ein austauschbares Ersatzteil. Dass er so fragt, hat was mit seiner Würde zu tun, sagt er.

Ein anderer Kollege ist mit großem Bahnhof aus dem Job gegangen. Viele Lobreden, viele Huldigungen. Am Ende haben sich manche gewundert. Und sich gefragt: war er das wirklich? Oder feiert die Firma nur die Gelegenheit, sich selber im Hochglanzprofil zu zeigen?

Von beiden habe ich gelernt: Gut aufhören ist wichtig. Das hat was mit Würde zu tun. Wenn ich mit Gott aufhöre, dann weiß ich zuerst: diese Würde ist unantastbar. Wer ich war, ob ich wer war, das ist vor Gott schon längst beschlossen. Vor Gott habe ich einen Namen. Lange bevor ich angefangen habe, mir selber einen Namen zu machen. Ich bin Gottes geliebtes Kind. Deshalb frage ich anders nach dem, was „Erfolg“ und „Lebensleistung“ ist.

Ich frage anders, weil ich dabei auf die Geschichte Jesu schaue. Der hat ja wahrlich keinen goldenen Abgang hingelegt. Damals in Jerusalem. Sogar seine engsten Freunde haben geglaubt, er wäre auf ganzer Linie gescheitert.

Aber vor Gott ist er nicht gescheitert. Er ist nur seiner Bestimmung gefolgt und dem Willen seines Vaters im Himmel. Er wollte nicht so sein, wie die anderen ihn gerne gehabt hätten. Er wollte nur tun, was nötig war. Wollte da sein, wo Not war. Alles andere war ihm nicht wichtig. Und bis heute wärmen sich Menschen an den Geschichten über ihn und dem Geist, der von ihm ausgeht.
Ich glaube, damit lässt sich gut aufhören.

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„Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der schönste Lebenslauf.“ Den Satz habe ich im Kindergarten gelernt. Lange her. Unsere Erzieherinnen haben uns dazu im Kreis aufgestellt und dann sollten wir im Rhythmus des Satzes mit den Füßen aufstampfen. „Mit Gott fang an mit Gott hör auf, das ist der schönste Lebenslauf.“ Das hat sich mir eingeprägt. Anfangen und aufhören, nicht irgendwie, sondern mit Gott.

Warum das so wichtig ist, habe ich erst später begriffen. Als ich groß angefangen habe. Zum Beispiel mit einer Ausbildung. Mit meiner Ehe. Oder mit dem Beruf. Anfangen- ist ja immer so eine Schwelle. Da fragt man sich: „Schaff ich das, was ich mir vorgenommen habe? Kann ich das überhaupt?“ und manche sagen: Besser, ich fang erst gar nicht an. Dann werde ich auch nicht scheitern. Bevor ich was falsch mache, mach ich lieber nichts. Oder wie in der vergangenen Woche: bevor wir falsch regieren, regieren wir lieber nicht. Man muss wissen, wo die Grenzen sind. Eigentlich ganz vernünftig.

Aber- wo kämen wir hin, wenn wir nur das tun, was wir uns selber zutrauen? Wenn wir unserer Angst das letzte Wort überlassen? Wenn wir unsere Selbsteinschätzung das Maß aller Dinge wäre? Ich glaube, es wäre gottlos.

Und wahrscheinlich wäre kein Kind geboren worden, würden die Frauen nur danach gehen, was sie sich zutrauen. Denn bei jeder Geburt kommt ein Punkt, an dem frau sagt: ich kann nicht mehr. Meine Kräfte sind am Ende. Aber sie macht weiter irgendwie und gebiert so neues Leben. Mit Kräften, von denen sie nicht mal zu träumen gewagt hätte.

Mir ist es mit vielen Anfängen so gegangen. Oft habe ich gedacht: das schaff ich nicht, das weiß ich nicht. Da kann ich nur auf Gottes Hilfe vertrauen. Und immer hat sich eine Lösung gefunden. Nicht immer sofort, aber dann, wenn ich es brauchte. Ist mir eine gute Idee in den Schoß gefallen. Oder stand ein Engel in Gestalt einer lieben Bekannten vor der Tür und hat mir gezeigt: Du bist nicht allein, wenn du anfängst. Gott ist an deiner Seite und er will, dass du lebst. Vielleicht ist heute ist ein guter Tag, um etwas anzufangen.

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Komm doch mit, sagt eine Freundin zu mir. Gerade ist der Gottesdienst vorbei und im Gemeindehaus gibt es einen Brunch. Komm doch mit, ich hab auch lecker Schokokuchen gemacht. Aber ich hab mich doch gar nicht angemeldet, sage ich. Und mitgebracht hab ich auch nichts! - Macht doch nichts!- Aber dann reich´ts doch nicht für die, die sich angemeldet haben! Meine Freundin schaut mich groß an. Das wär doch echt komisch, wenn nur die was kriegen, die sich angemeldet haben, oder? 

Und sie hat Recht. Wenn Christenmenschen zum Essen einladen, sitzt nämlich immer Jesus mit am Tisch. Nicht leibhaftig. Aber im Geist. Für Jesus war gute Planung immer wichtig. Aber wichtiger war für ihn der Geist, der die Menschen miteinander verbindet. Dazu erzählt die Bibel ja diese unglaubliche Geschichte von den 5000 Leuten, die von 5 Broten und 2 Fischen satt werden sollen. Die Leute haben den ganzen Tag Jesus zugehört und jetzt hatten sie Hunger. Die Jünger checken ihre Vorräte und wissen sofort: das funktioniert nie: 5000 Leute und 5 Brote mit zwei Fischen. Besser, sie gehen nach Hause, als dass sie sich um die letzten Krümel kloppen.

Aber überzeugend das Zahlenspiel ist: 5000 Leute und 5 Brote- Jesus glaubt nicht an Zahlen. Er glaubt an Gottes Geist. Und mit Gottes Geist geht das. Deshalb bittet er Gott um seinen Segen. Bittet, dass sich der Himmel öffnet und die Herzen der Menschen. Und so werden alle satt. 5000 Leute werden satt von 5 Broten und 2 Fischen. Aber das war kein Zahlenwunder. Gut möglich, dass manche noch was in ihrer Tasche hatten. Dass manche nicht so hungrig waren.

Diese Geschichte ist ein Verteilungswunder. Wenn Gottes Geist uns beseelt, wenn wir um Gottes Hilfe und Liebe bitten, dann werden wir fähig zu teilen. Dann überwinden wir den Hunger und die Not bei uns und den Hunger in der Welt. Das meint die Geschichte und daran glaube ich.

Beim Gemeindebrunch war tatsächlich genug da. Nur das letzte Stück Schokokuchen hat mir ein Kind vor der Nase weggeschnappt. Aber was ist schon Schokokuchen verglichen mit dem Lächeln eines Kindes!

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„Ihr seid das Licht der Welt“, hat Jesus einmal gesagt. Er hat die Leute angesehen und hat ihnen das zugetraut: „Ihr seid das Licht der Welt“. Als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt sei. Und so völlig mühelos…In einem Seminar sollten die Teilnehmer genau darüber nachdenken:

Wann habe ich das schon mal erlebt, dass ich das Licht der Welt war? Den meisten ist nichts eingefallen. Überhaupt nichts. Sie konnten sich einfach an keine einzige Situation erinnern… – Ich - Licht der Welt? Unmöglich!

Erst, als sie die Perspektive wechseln, als sie versuchen sich mit den Augen der Anderen zu sehen, erst da ändert sich etwas. Da fallen ihnen plötzlich Situationen ein, in denen hat ihnen jemand gesagt oder geschrieben:

„Du warst meine Rettung!“ Oder: „Ohne Dich wäre ich verloren gewesen“. Oder: „Da warst du ein Engel für mich“. Oder: „Du hast mich mit Deiner Lebensfreude hat mich angesteckt.“
Oder auch nur ganz einfach: “Danke, dass Du da warst.“,  „Danke, dass Du nach mir gefragt hast.“, „Danke, dass es Dich gibt.“ Und auf einmal war der Raum angefüllt mit Licht-der-Welt-Geschichten:

- Da hat sich einer um einen Mann gekümmert, der hatte einen Krampfanfall auf offener Straße.
- Da hat jemand einem Mobbingopfer zur Seite gestanden und alle gegen sich aufgebracht.
- Da ist eine einen weiten Weg zurückgelaufen, weil sie in einem Geschäft einen Euro zu viel rausbekommen hat…

Was mir dabei aufgefallen ist:
Diejenigen, die sehr hohe Ansprüche an sich selber gestellt haben, waren besonders streng mit sich. Sie konnten nicht glauben, dass sie genügen. – Und schon gar nicht, dass sie leuchten. Oder strahlen. Vielleicht ist es so: nicht nur die Selbstkritischen, wir alle brauchen es, dass man uns das immer wieder sagt: „Du warst Licht für mich. Du kannst das sein.“

Vielleicht können wir uns das nie wirklich selber sagen. Deshalb hat Jesus das so gesagt - damit wir es einander weitergeben:
„Ihr seid das Licht der Welt.“

 

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Jesus hat den Leuten oft die Kinder als Vorbild hingestellt: „Werdet wie die Kinder“ hat er gesagt.
Was er damit gemeint haben könnte, ist mir vor kurzem wieder einmal klar geworden. Durch eine Umfrage unter Mädchen und Frauen in Amerika. Da werden ein paar junge Frauen gefragt: „Wie laufen Mädchen? Macht es doch mal vor.“  Und dann laufen alle - ohne Ausnahme - so, als ob sie Stöckelschuhe anhätten und viel zu enge Röcke. Und mit weit gespreizten Fingern laufen sie, als ob sie sie nicht mehr alle hätten. Sie werden auch gefragt:

„Wie werfen Mädchen?“ Und: „Wie kämpfen Mädchen?“ Und wieder die gleiche Reaktion: Sie werfen oder kämpfen, als wären sie völlig unfähig.
Später werden den Frauen diese Aufnahmen gezeigt. Und direkt danach sehen sie Aufnahmen von Mädchen – also von richtigen Mädchen so im Alter von 8/9 Jahren. Die hat man auch gefragt: „Wie laufen Mädchen?“
„Wie werfen Mädchen?“ Und: „Wie kämpfen Mädchen?“ Und dann sollten die es auch vormachen. Der Unterschied zwischen ihnen und den Frauen hätte größer nicht sein können: Die richtigen Mädchen geben alles: sie rennen und werfen und kämpfen, als gälte es das Leben. Und platzen schier vor Selbstvertrauen, dabei.  Als die jungen Frauen die Aufnahmen der Mädchen sehen, werden sie nachdenklich. Wann haben sie das nur verloren: Dieses Selbstvertrauen? Diese Kraft…? 

Und ich glaube, genau daran wollte Jesus die Leute erinnern:
An das Kind, das sie einmal waren. Und an die Kraft, die in ihnen steckt.Und er sagte: „Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Ich glaube, er wollte uns damit Mut machen, dass wir zu unserem echten, unverstellten Wesen zurückfinden. Und diesem grenzenlosen Zutrauen.  Damit wir eine Chance zum richtigen Leben haben. Im Himmel. Und auf Erden.

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„Ich bin schon 60 Jahre lang verheiratet“, erzählt ein Mann einem anderen. Sie sitzen nebeneinander, im Zug. „Wie haben Sie das denn geschafft?“, fragt der jüngere. „Ich war schon zweimal verheiratet und komme nicht mal auf 15Jahre, zusammengenommen.“
Naja“, sagt der ältere und überlegt, „wenn früher etwas kaputtgegangen ist, hat man es repariert…“

Da ist was dran, denke ich. Auch wenn eine kaputte Beziehung nicht wie ein kaputter Schuh ist: Den kann man neu besohlen, schustert ein bisschen daran rum, und schon kann man wieder darin laufen. Eine kaputte Beziehung ist schon etwas Anderes.

Aber ich finde den Gedanken gut, etwas nicht gleich wegzuwerfen. Meine Lieblingsschuhe habe ich schon zweimal neu besohlen lassen. Sollte mir da mein Lieblingsmensch nicht auch den Einsatz wert sein …?

Scheinbar hat der jüngere von den beiden Männern im Zug auch darüber nachgedacht. Denn er fragt nach, wie er das denn so gemacht hat, mit dem Reparieren. Und da erzählt der Ältere von seinem Freund, dessen Frau früh gestorben ist. Sie waren nicht das harmonischste Paar, weiß Gott nicht! Aber dieser Freund sagte immer:

 „Weißt Du was? Ich würde ihr alles nachsehen, selbst ihren zwanghaften Ordnungssinn, wenn sie nur wieder da wäre. Und was gäbe ich darum, ihre Stimme wieder zu hören! Ja, all ihre Klagen würde ich mir heute ganz genau anhören. Und darüber nachdenken, was sich da machen lässt…

Vergiss das nie, denn plötzlich ist es zu spät. Und da sitzt Du dann allein mit Deinen schönen Einsichten und weißt: Du hattest deine Chance und hast sie vertan.“

„Das habe ich mir zu Herzen genommen“ sagt der ältere Mann. „Und immer, wenn der Haussegen schief hing, hab ich mich ans Reparieren gemacht: Ich habe mich zu meiner Frau gesetzt und hab versucht, ihre Seite zu verstehen. Und habe mit ihr überlegt, wie wir es besser machen können. So, dass es uns beiden gut geht. Und meistens ist uns was eingefallen. Und das ist übrigens das Schönste daran.“

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