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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Was man vor 60 Jahren in der Schule fürs Leben gelernt hat. Meine bunte Welt. So hat mein erstes Lesebuch geheißen. Eine ganze Generation Pfälzer ABC Schützen hat mit ihm und Hans und Heiner und Elsa lesen und schreiben gelernt. Die sogenannte Fibel wurde 1952 für die Pfalz verbindliches Schulbuch der Erstklässler und blieb es bis 1967.
Der Inhalt spiegelt wunderbar diese Zeit. Sehr idealisiert mit vermeintlich heiler Welt, von der alle wissen, dass es sie nicht wirklich gab oder gibt. Die gute alte Zeit war auch nicht nur gut. Aber sie ist sehr anders gewesen.

Da gibt es die eine Schule für alle. Da gibt es die Küche als Zentrum des Familienlebens, da fahren vor allem Leiterwagen und Pferdefuhrwerke durch die Straßen. Die ganze Familie samt Großeltern wohnt und arbeitet zusammen. Elsa ist fleißig und Heiner ein Spitzbub. Man verreist bestenfalls bis nach Bad Dürkheim zur Tante oder nach Neustadt an der Weinstraße. Das Leben ist vor allem Arbeit, schwer und doch gut.
Und die Rollen sind klar verteilt für alle. Über die Eltern heißt es da:

„Ich hab ein liebes Mütterlein, das beste auf der Welt. Es kocht für mich, es wäscht für mich
Und gibt mich nicht für Geld.

Ich hab ein liebes Väterlein, es kennt nicht Rast noch Ruh!
Es schafft für mich, es sorgt für mich
Und kauft mir Kleid und Schuh!“

Und über den Sonntag steht da
Unter der Überschrift „Gottes Haus“:
Der Sonntag ist schön. Vater arbeitet nicht und ich habe keine Schule.
Wir dürfen länger schlaf. Auf der Straße ist es nicht so laut wie sonst.
Ich wasche mich sauber und ziehe meine schönen Kleider an.

Die Glocken läuten. Dann gehen wir in die Kirche.
Ich setze mich still in eine Bank.
In der Kirche ist es schön. Die Fenster haben buntes Glas.
Die Orgel spielt. Die Leute singen und beten. Das freut den lieben Gott..“

Mir kommt das heute ziemlich museal vor. Aber auch die ABC Schützen von heute fragen nach Vater-Mutter-Kind, Gotteshaus und Menschenhaus. Und sie haben ein Recht auf unsere Antworten wenn Morgen früh die Glocken läuten…

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Wir machen immer ein Gesicht! Der Tag fängt an und wir machen eins. So der so. „Was machst Du denn für ein Gesicht?“ Sagt meine Frau, wenn ich beim Frühstück schon finster dreinschaue. Niemand kann aus dem haus gehen und sagen:
Heut mach ich alles, nur kein Gesicht. Das geht nicht.

Ehe wir was sagen, spricht Bände, was uns im Gesicht steht. Das kann man von Weitem schon lesen. Die meisten können das kaum verbergen, so sehr sie es auch versuchen.
Jetzt habe ich in der Zeitung gelesen, dass eine chinesische Firma mit dem beeindruckenden Namen Songcheng Performance Development Company, eine Firma also, die ausgerechnet Vergnügungsparks baut, ihren Angestellten erlaubt bei meetings und Besprechungen Masken zu tragen. Damit sie kein Gesicht mehr machen. Oder vielleicht auch ihr Gesicht nicht verlieren, was im Grunde nicht nur für Chinesen ganz wichtig ist.

Es heißt, Betriebspsychologen hätten herausgefunden, dass die Masken dem Stressabbau dienen. Sie verbergen die Emotionen und sollen es so den Angestellten erleichtern, vor größeren Gruppen und vor allem vor Vorgesetzten offen zu sprechen. AZUBIs täten sich seither leichter, ihre Meinung zu vertreten, ohne Gesichtsverlust sozusagen. Seitdem seien die Arbeitsmoral und die Effektivität im Betrieb enorm gestiegen.

Ich frage mich nur, wie das auf Dauer geht, wenn man niemanden mehr zu Gesicht bekommt. Maskerade auf Dauer ist doch auch keine Lösung. Da schau ich lieber mal auch in ein böse dreinguckendes Gesicht und noch lieber in ein fröhlich strahlendes, Menschenskind. Ansehen genießen, das hat doch was.

Am Ende jeden Gottesdienstes werden die Leute mit dem Segen Gottes heimgeschickt und darin heißt es:
„Er lasse sein Angesicht leuchten über Dir
und sei Dir gnädig!
Nichts brauchen wir mehr. Mal sehen, was wir heute sichten.

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Wenn Kinder dabei sind, muss man mit allem rechnen. Vor kurzem habe ich das bei einem Gottesdienst erlebt, den ich gehalten habe. Ein Gottesdienst mit einer Taufe. Da hat sich wieder einmal gezeigt, dass der Dienst nach Vorschrift nicht immer zur Situation passt. Die einen haben geschmunzelt, die anderen haben sich mächtig aufgeregt. Letztere – also die Aufgeregten-waren lauter, aber in der Minderheit. Und alles kam so:

Die Tauffamilie steht am Altar. Ich taufe ein Kind. Und das mache ich wirklich ganz ordentlich, wie es die Liturgie vorschreibt. Alles korrekt. Und kaum habe ich das alles ganz schön so gemacht, da streckt mir eine 5 jährige zauberhafte kleine Cousine des Täuflings ihre Puppe entgegen und sagt: „Auch taufen!“ Der Augenblick ist magisch.

In der Kirche ist es mucksmäuschenstill. So eine Spannung wünscht man sich öfter. Und sie schaut mich mit diesem unfassbar betörenden Unbedingt-Blick an. Ich nehme die Puppe behutsam auf den Arm, drehe mich mit dem Rücken zur Gemeinde und träufle ein paar Wassertropfen auf den Kopf. Ohne Worte, einfach so.

Die Kleine beobachtet mich mit ungebrochener Aufmerksamkeit ganz genau. Ihr entgeht nichts. Keine falsche Bewegung! Sage ich mir und gebe ihr die Puppe wieder zurück. Sie drückt sie herzallerliebst an sich und strahlt mich an. Was für ein Gesicht! So ein Glück aber auch.

Und dazu sind doch die Gottesdienste da, meine ich, dass die Leute ein glückliches Gesicht machen. Ich weiß schon, dass die Sache nach der geltenden Kirchenordnung so nicht ganz genau vorgesehen ist. Und das sagen mir hinterher auch manche Leute, dies genau nehmen.

Als ich schließlich nach Ende des Gottesdienstes einigermaßen erschöpft in die Sakristei komme, empfängt mich dort die Kirchendienerin mit einem verschmitzen Lächeln und sagt: „Sie haben alles richtig falsch gemacht! Gott sei Dank!“

 

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Meine Frau hat ihr Poesiealbum wieder gefunden. Auf dem Dachboden. Das ist bei unserem letzten Umzug gewesen. Stolz hat sie es mir gezeigt und bewahrt es seitdem auf wie einen Schatz.Sie sagt: Es ist wunderbar, darin zu blättern. Sie liest die Namen ehemaliger Mitschülerinnen und Mitschüler, und es beginnt offenbar für sie das Kino im Kopf und das Blättern im inneren Album mit ganz viel Gefühl und staunendem Erinnern. Denn es ist ja auch ein Spiegel der Zeit und macht famose Vorschläge für ein gelingendes Leben.

So hat ihr zum Beispiel eine  Schulkameradin geschrieben:

Zum Andenken

„Liebe Susi sei so schlau,
werde niemals Ehefrau.
Vor der Ehe kriegst du Rosen.
Nach der Ehe flickst du Hosen.“

Daneben auf der linken Seite bunt gemalt, ein Rosenstrauß und eine zerrissene Hose.Das nenn ich Lebensberatung. Eine andere Schulfreundin rät:

„Eins bist du dem Leben schuldig: Kämpfe oder duld in Ruh!
Bist Du Amboss, sei geduldig, bist du Hammer, schlage zu!“
Survival Training nenne ich das.

Auf graden Bleistiftlinien hat eine Bianca krumm gekritzelt:

„Geht auch der Ochs in fremdes Land,
als Rindvieh wird er doch erkannt.“

Ich kann nur staunen über so viel Poesie. Und um so etwas zu schreiben, hat man ja lange überlegt. Meine Frau sagt, dass sie oft wochenlang gewartet hat, bis sie die richtige Idee für einen Vers und die künstlerische Gestaltung der Seite im Album der Freundin hatte.

Ich finde es großartig, dass auch im Zeitalter von Twitter, whats App und Co es noch immer Poesiealben zu kaufen gibt. Ganz nett im Internet, aber auch beim Schreibwarenhändler um die Ecke. Das ist Proviant für die Seele, wenn ich da lese:

„Drei Engel mögen dich begleiten
In deiner ganzen Lebenszeit.
Und die drei Engel, die ich meine
heißen: Liebe, Treu, Zufriedenheit.“

Schauen Sie mal auf ihrem Dachboden nach. Irgendwo liegt es – und wartet drauf, dass es gefunden wird.

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Ich finde mein Poesiealbum nicht mehr. Das ist schade, weil ich damit alte Schätze guter Worte fürs Leben verloren habe. Das ist bei den vielen Umzügen passiert. Aber ich weiß noch, wie es aussah und was zum Teil drin stand. In meiner Nordpfälzer Heimat ist man sehr fleißig und ernsthaft gewesen, weniger poetisch zum Teil. Eine Tante hatte mir deshalb vielsagend kurz und bündig reingeschrieben:

„Das Leben ist ein Kampf!“ – Ausrufezeichen.

Das hat mir Mut fürs Leben gegeben. Obwohl das nicht gerade nach Lebensfreude klingt, hatte das was kämpferisch motivierendes.
Und unsere Nachbarin, die immer zu uns rüber kam, wenn wir gerade beim Essen saßen, die schrieb mir den unvergessenen Spruch:

„Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ein Lichtlein her!“

Ohne es zu sagen, steckt darin ganz viel Glaube, dass das Leben am Ende doch bewahrt und begnadigt sein wird. Es hat was von einem trotzköpfigen optimistischen Überlebenswillen und unausgesprochenem Gottvertrauen. Wunderschön, geradezu himmlisch sind diese Eintragungen ins Logbuch. Und Gott macht da ja auch gerne mit. Er übersetzt uns die poetischen Aussichten auf Bewahrung in seine gottvollen Versprechen. Viele Leute kennen Bibelverse auswendig, die ihnen im Laufe unseres Lebens mitgegeben worden sind.

Mich beeindruckt immer wieder, wie konzentriert Paare wochenlang nach ihrem Trauspruch suchen, weil sie sich viel davon versprechen, weil sie Segen suchen. Ebenso Eltern, die den Taufspruch  für ihr Kind auswählen. Weil sie es aufwachsen lassen wollen in einem Raum der Verschonung und Bewahrung.

In manchen Familien gibt es geradezu vererbte Bibelsprüche über Generationen. Psalm 23 zum Beispiel: Der Herr ist mein Hirte. Gehört dazu. Und ganz oft als Taufspruch wird gewählt:

„Denn ER hat seinen Engeln befohlen über dir,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen!“
Gottes Versprechen sind die Poesie im Album unseres Lebens.

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Poesiealben sind früher total in gewesen. Als Schulkinder hatten wir alle eins. Sie bestimmt auch- oder?  Erinnern Sie sich noch daran, wie die ausgesehen haben? Irgendwie quadratisch, praktisch, bunt. Und wenn man eins bekam, zum Reinschreiben, dann musste das sehr ordentlich sein. Manche haben sich mit Bleistift Striche gezogen.

Peinlich, wenn ein Fettfleck reinkam, oder die Tinte ausgelaufen ist. Das waren eben die Visitenkarten eines anständigen Schreiberlings. Und wehe, es ist schief gegangen.
Poesiealben gingen als Sympathie -Barometer durch die Klasse. Manchmal haben wir sogar eine Lehrerin oder einen Lehrer gebeten, etwas reinzuschreiben.

Die Erwachsenen trugen dann in der Regel schlaue Weisheiten ein, wie zum Beispiel Goethes Apell: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“
„Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir.“

Aber am besten erinnere ich mich an die Klassiker, wie:
„Rosen, Tulpen, Nelken alle Blumen welken,
nur die eine nicht.  Diese heißt: Vergißmeinnicht!“

Darum stand ja auch immer oben drüber: Zum Andenken!

Die Botschaft war eben: Wir wollen einander nie vergessen! Ausgedrückt zum Beispiel mit dem wunderbaren Spruch:

„Wenn die Flüsse aufwärts fließen
Und die Hasen Jäger schießen,
wenn die Mäuse Katzen fressen,
dann erst will ich dich vergessen.“

Verziert wurde das ganze dann mit kleinen Klebebildchen. Und wer konnte, hat was selbst gemalt. Und dann vielleicht noch klein in die Ecken geschrieben:
„In allen vier Ecken, soll Liebe drinstecken!“

Ich habe im Schreibwarengeschäft neulich gesehen, dass es sie noch gibt. Heute heißen sie vielleicht Freunde-Bücher, aber die Idee ist die gleiche. Autogrammstunde mit guten Wünschen. Was für ein Segen!
Ich werde sie meinen Enkeln schenken, wenn sie groß genug sind. Und dann darauf hoffen, dass ich auch was reinschreiben darf. Vielleicht.
“Sich regen, bringt Segen!“ oder so ähnlich. Ich überleg mir noch was Schönes.

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