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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Das Leben ist lebensgefährlich. Hat Erich Kästner mal gesagt. Und gerade in den letzten Monaten ist mir dieser Satz immer wieder durch den Kopf gegangen. Ob ich jetzt über die Straße gehe oder im Café sitze. Das Leben ist lebensgefährlich. So oder so. Eigentlich lasse ich ja die Finger von Dingen, die lebensgefährlich sind. Ich klettere nicht auf Strommasten und springe nicht von Dächern. Aber wo ist die Grenze?

Ich könnte mich zum Beispiel zu Hause verkriechen, kaum noch raus gehen und um alle Krankheiten und Gefahren einen großen Bogen machen. Ich könnte auch die Finger vom Leben lassen. Aber ob das dann für mich noch Leben wäre, glaub ich eher nicht. Deshalb bin ich zu dem Schluss gekommen: Wenn das Leben schon lebensgefährlich ist, dann kann ich auch etwas riskieren.

Das fängt für mich damit an, dass ich mir nicht Angst machen lasse von schlechten Nachrichten. Ich gehe natürlich ins Café und bummle durch die Stadt. Ich genieße das bunte Leben und staune über die Natur. Und ich danke Gott dafür, dass er sie so schön gemacht hat, gerade jetzt im Herbst. Auch wenn andere mich vielleicht als naiv belächeln. Was soll‘s.

Etwas riskieren heißt für mich auch: Ich will nicht alles aufschieben auf irgendwann.Denn wer weiß, wie lange ich noch lebe.
Also jetzt handeln. Jetzt den Mund aufmachen und sagen, was mir wichtig ist. Mutig denen ins Wort fallen, die andere klein reden und sich selbst für die Größten halten. Auch, wenn ich mich damit unbeliebt mache und riskiere, alleine da zu stehen.

Ich will jetzt Zeit mit meiner Familie verbringen – auch wenn das manchmal zu Konflikten mit meiner Arbeit und meinen Hobbies führt. Riskieren, Prioritäten zu setzen. Das Leben ist lebensgefährlich, ja! Aber das Leben ist auch bunt und voller Möglichkeiten.

In der Bibel klingt das so:
„Gott, lass uns begreifen, welche Zeit wir zum Leben haben –
damit wir klug werden und es vernünftig gestalten.“ (Ps 90,12, Übersetzung: Basisbibel)

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Einer hat viel, einer hat wenig. So ist das in der Welt und im Sandkasten auch. Und natürlich gibt das Streit!  Meine Tochter sitzt im Sandkasten und will unbedingt den roten Eimer haben, der ihr nicht gehört. Sie reißt an ihm mit aller Kraft. Der Junge, dem der Eimer gehört, macht es genauso.

Und jetzt? Das Recht des Stärkeren walten lassen? Oder sehen, wer den längeren Atem hat? Oder einfach abwarten, bis sich das Problem von selbst gelöst hat, weil der Eimer kaputt ist? Nein, so läuft das im Sandkasten nicht. Weil: Da sitzen ja auch wir: die Eltern.

Ich sage: „Clara, lass den Eimer los.“ Eine andere Mutter sagt: „Emil, lass dem Mädchen doch den Eimer, du hast doch noch so viel anderes Spielzeug.“ Und der Papa von Emil sagt einfach: „Spielt zusammen.“ Eltern eben. Sie wollen, dass ihre Kinder im Sandkasten alles teilen – egal mit wem.

Jetzt habe ich mich gefragt: Was wäre, wenn wir Eltern nicht nur im Sandkasten so reagieren würden, sondern auch sonst? Wenn es sozusagen um unsere „roten Eimer“ geht?

Würden wir auch mal unser Auto verleihen? An andere, an Fremde, die keins haben?
Würden wir mal auf unseren zweiten Jahresurlaub verzichten? Damit die Cousine, die kein Geld und keinen Job hat, auch mal verreisen kann?
Würden wir auch mal unser Smartphone und unsere Vorratskammer mit anderen teilen?

Die Bibel sagt, das würde Gott gefallen: Gutes tun und teilen. (vgl. Hebr. 13,16)

Vielleicht denken Sie jetzt: Eimer und Auto – das kann man doch nicht vergleichen! Im Sandkasten geht es schließlich um nichts. Aber da haben Sie meine Tochter noch nicht gesehen, wie sie heulend auf dem Boden liegt, weil sie keinen roten Eimer hat.
Einer hat viel, einer hat wenig. So ist es auf der Welt und im Sandkasten auch. Und natürlich gibt das Streit. Die Frage ist, wie wir mit diesem Streit umgehen.

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Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, niemandem gerecht zu werden. Dabei bin ich gerade in Elternzeit. Bin also als Pfarrerin beurlaubt. Und denke oft: Eigentlich müsste ich ganz entspannt meinen Alltag managen und vor lauter Freizeit täglich lächelnd Kuchen backen?!

Mein Alltag sieht aber ganz anders aus. Manchmal dauert es morgens ewig, bis die Große endlich angezogen ist. Sie ist zwei und will gerne alles alleine machen. Spätestens beim Frühstück fließen ersten Tränen, weil ich den Kakao umgerührt habe und nicht sie.

Beim Einkaufen treffe ich jemanden aus meiner Gemeinde und denke: Die Armen, die müssen ja gerade alles alleine machen! Und schon hab ich ein schlechtes Gewissen.

Zurück vom Einkaufen liegen zu Hause die Krümel immer noch unter dem Küchentisch. Ich will gerade den Staubsauger holen, da schreit meine kleine Tochter und hat Hunger. Beim Stillen fällt mir ein, dass ich meine Mutter immer noch nicht zurückgerufen habe. Und abends, wenn mein Mann heimkommt, bin ich gereizt und ärgere mich darüber, dass er wieder die Zeitung überall verteilt. Blöd eigentlich! Ist doch wurscht, wo die Zeitung liegt!

An solchen Tagen denke ich oft: Heute bin ich niemandem gerecht geworden. Mit meiner großen Tochter hätte ich geduldiger sein sollen. Meine kleine Tochter hätte ich nicht so lange schreien lassen sollen, als ich am Kochen war. Meinen Mann hätte ich nicht so anpampen sollen – und von mir will ich mal gar nicht reden. Das Komische ist: Die Anderen sehen das ganz anders als ich.

Mein Mann, der nimmt mich auch nach solchen Tagen in den Arm. Er kennt mich mit allen Macken und mag mich trotzdem – manchmal kaum zu glauben! Auch meine Große hat die Tränen vom Frühstück vergessen und betet vor dem Schlafen auch für Mama. Und gibt mir einen dicken Kuss.

Dann sage ich still „Danke, Gott!“
Danke, dass meine Familie mich kennt und trotzdem lieb hat.
Danke, dass auch du mich nimmst, wie ich bin.

Das nimmt bei mir den Druck raus und tut gut. Das ist für mich Gnade.

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"Pass auf den Regenwurm auf, Mama!" – meine Tochter unterbricht mich bei der Gartenarbeit. Sie sieht den Garten anders als ich. Sieht nicht das Unkraut, sondern die vielen wunderbaren Pflanzen und Tiere, die man retten muss. Kein Leben verletzen. Vorsichtig und respektvoll mit der Natur umgehen – dafür steht Franz von Assisi, an den viele Christen in diesen Tagen denken.

 Für mich ist er ein ganz besonderer Mensch. Von ihm kann man viel lernen, egal, ob man ihn als den ersten Tierschützer würdigt, ihn als Heiligen sieht oder  zum Vorbild nimmt, weil er Jesus nachfolgte und ein Leben in Armut gewählt hat.  Wer sich heute Franz von Assisi zum Vorbild nimmt, wird wie er damals auf Widerstand stoßen.

Menschliche Gier beutet auch heute die Natur aus, Tiere werden wie Ware behandelt. Was hätte Franz von Assisi dazu gesagt? Er hätte nicht nur den Kopf geschüttelt, er hätte sich zu Wort gemeldet. Mit der ihm eigenen Sprache  hat er wunderschön ausgedrückt, was ihm ein Herzensanliegen war: Das Universum, Sonne und Mond, alles Lebendige, Wind und Wurm,  Tiere und Pflanzen  - sie alle sind unsere Brüder und Schwestern. Und wir sind aufgerufen, einander zu respektieren. Wie in einer  Familie.

Weil wir wissen: Alles ist mit allem verbunden. Geht es den Tieren schlecht, wird es früher oder später auch uns schlecht gehen. Klimawandel wird vor allem uns schaden und die Frage ist, in welchem Zustand wir diese Erde mal  unseren Kindern und Enkeln überlassen. Für mich bedeutet diese Verbundenheit auch, mit Gott, dem Schöpfer von allem verbunden zu sein. Für Franz von Assisi singt jeder Vogel sein Lied zum Lobe Gottes. Für ihn ist die ganze Schöpfung ein einziges Loblied Gottes. Alles, was lebt, führt uns zu dem Schöpfer, von dem unser Leben kommt und zu dem wir am Ende unserer Tage wieder gehen werden.

Mich "erdet" das. Ich bin nur eines von vielen Geschöpfen. Und so bin ich dann doch mit dem Regenwurm verbunden, den meine Tochter entdeckt hat. Und kann mit ihm gemeinsam den Garten umgraben - zum Lobe Gottes.

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„Zusammen sind wir Deutschland.“ Das ist das Motto heute auf dem Tag der Deutschen Einheit, zentral gefeiert wird hier in Mainz.

Was feiern wir eigentlich? Fragt mein Sohn. Er weiß Bescheid über die Mauer und so. Aber er hat wie alle Jüngeren das ja nicht selber direkt miterlebt, dass etwas geschehen ist, weswegen es vielen Menschen heute noch wichtig ist zu feiern. Was feiern wir eigentlich? Richtig bewusst geworden ist mir das neulich bei einem Besuch bei einer über Hundertjährigen, die ich sehr schätze und die mir manches aus ihrem Leben erzählt hat.

Ihre Heimat ist "drüben", wie sie sagt. Drüben, hinter der Mauer, die einmal war. Ganz nah und doch schwer erreichbar. So war es für diese Hundertjährige. Ihre Heimat ist noch immer Rügen. Obwohl sie schon viele Jahrzehnte in Mainz lebt. Mit Rügen ist sie so verbunden, dass sie noch heute die  Wellen dort rauschen hört, und weiß, wie einem der Wind um die Nase weht und wie die Bäume und das Meer miteinander sprechen. 

Sie ist all die Jahre hingefahren, auch letztes Jahr noch. Doch es gab Zeiten, da ist sie zwar hingefahren, aber mit vielen Hürden und Unsicherheiten. Zeiten, in denen sie das nicht spontan machen konnte, oder jemand von dort nicht einfach hierher kommen konnte. Sie war schon im Westen, als die Mauer fiel. Aber  auch hier war das für sie eine absolute Befreiung: Als sie das Gefühl hatte: Unsere Gebete  sind erhört worden. Und die  Heimat ist  wieder näher gerückt.

Weil Menschen dafür gebetet und beharrlich und ohne Gewalt einen Weg in die Freiheit gesucht haben.

Seit 27 Jahren ist Deutschland wieder eins. Und doch ist noch nicht alles zusammengewachsen. Da ist noch viel zu tun.  Ich glaube fest daran- vieles ist noch möglich! Dass  wir mit unseren unterschiedlichen Lebensgeschichten, mit so unterschiedlichen Kulturen uns noch mehr als  Gemeinschaft empfinden. Und zusammen sind wir ja  nicht nur Deutschland. Zusammen sind wir auch Europa. Nur so, gemeinsam, können wir die aktuellen Herausforderungen bestehen. Die Frau hat mir das bei meinem Besuch wieder so klar vor Augen geführt: Es lohnt sich, beharrlich und ohne Gewalt daran mitzuwirken. Unsere Sehnsucht nicht aufzugeben. Diese Hoffnung und diese Sehnsucht nach Freiheit und Frieden sind es, die noch vieles zum Guten verändern können - auch heute noch!

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Vor ein paar Wochen habe ich auf dem Weg zur Arbeit meine erste Kastanie entdeckt. Auch wenn ich keine Kastanienmännchen mehr bastle, hab ich mich gefreut wie ein Kind. Diese glatten glänzend braunen Früchte faszinieren mich jedes Jahr. Und immer habe ich eine davon in meiner Jackentasche. Sie fühlt sich so gut an in der Hand. So rund und glatt.

Für mich ist die Kastanie ein Sinnbild für besondere Sätze, die ich in der Bibel finde. Manchmal lese ich etwas in der Bibel und verstehe es einfach nicht. Sperrig und stachelig - wie eine Kastanie in ihrer Stachelhülle. Aber irgendwann platzt die Hülle auf und ein Wort liegt vor mir: rund und glatt. Und es glänzt und leuchtet. Sätze wie Schätze. Als wären sie schon immer da gewesen.

Einer von diesen Schätzen steht im zweiten Korintherbrief. Da sagt Gott: “Lass  dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“  Dieser Satz war für mich lange Zeit sehr stachelig. Schwach soll ich sein?  Wer gibt schon gerne zu, schwach zu sein. Und wir lernen doch überall: Du musst durchhalten und stark sein. Versagen  ist nicht erlaubt – besser alles selber schaffen.
Und dann dieser Satz. Lass Dir an meiner Gnade genügen. Ich habe den Satz eine Weile mit mir herumgetragen und mir wurde klar:

Niemand kann immer stark sein. Eine Krankheit, ein Schicksalsschlag und schon ist es aus mit der Stärke. Auch wenn ich versuche, das Beste daraus zu machen- ich komme immer wieder an meine Grenzen. Was mache ich, wenn ich mich hilflos und am Ende fühle? Vielleicht leuchtet mir dann dieser Satz entgegen,  “Lass  dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Der Satz kann Hoffnung machen: Wenn ich selber an meine Grenze komme, wenn ich schwach bin, ist Gottes Kraft mächtig. Und es gibt ja solche Erfahrungen - als ich zum Beispiel  mal ziemlich krank war und erlebt habe: Gottes Kraft, seine Nähe bleibt mir und trägt mich hindurch.

Das zu wissen ist wie ein Schatz. Einer, den ich wie eine Kastanie in meiner Jackentasche herumtrage. Und immer wieder in die Hand nehme und spüre, dass da etwas ganz besonders drin steckt.

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