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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Enemene schöne Rose – flieg hinweg du schicke Hose! Hex hex!“ Das kleine Mädchen sieht mich erwartungsvoll an. Die Hose bewegt sich keinen Millimeter. „Schade“, sagt sie, „dabei hat es sich doch so schön gereimt.“
„Ja“, sage ich, „das stimmt. Vielleicht hast du das Zauberwort noch nicht gefunden.“

Ich bin gerade durch den Kindergarten gelaufen, als mich das Mädchen angehalten hat. Sie überlegt, warum der Zauberspruch nicht geklappt hat. Und ich stelle mir vor, wie das wäre, wenn man wirklich zaubern könnte.

Ich glaube, ich würde mir den ganzen Tag irgendwelche Reime überlegen. Und dann würde ich auch hexen. Ich würde natürlich nur Gutes tun. Obwohl: Dem einen oder anderen Drängler auf der Autobahn würde ich schon gerne mal eine Lektion erteilen. Aber weiß ich, warum der so schnell fährt? Vielleicht muss er dringend mal wohin? Vielleicht ist er in einer Notsituation und ich tue ihm Unrecht?

Na gut, denke ich, dann was anderes. Ich könnte zaubern, dass alle Kinder gut lesen könnten. Und gerne lesen würden. Den ganzen Tag.
Obwohl vielleicht wäre das gar nicht so gut, wenn alle immer nur lesen würden. Vielleicht wurden die besten Erfindungen mal gemacht, weil jemand nicht lesen wollte. Vielleicht wäre es besser, wenn alle Kinder gerne Mathematik machen würden. Oder Physik.

Schon gut, denke ich, dann mache ich eben was anderes. Ich zaubere, dass alle Kinder gerne aufräumen. Dann sparen die Eltern viele Nerven daheim. Das ist jetzt aber echt spießig, denke ich dann, vielleicht entsteht gerade aus dem Chaos etwas Neues. Ist Unordnung nicht auch manchmal kreativ?

Jetzt reicht es mir. Ständig rede ich mir selbst die besten Ideen schlecht. Ich glaube, ich will gar nicht zaubern können.
Ich blicke zur Decke des Kindergartens und denke: Ist doch besser, dass der da oben die Dinge lenkt. Der weiß besser, wie es gehen soll. 
Und ich muss mir keine Reime ausdenken. Konnte ich noch nie gut.

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„Jetzt aufpassen!“ Martin setzt den Bohrer an. Der Bohrkopf berührt die Hauswand und Martin spannt seine Muskeln an. Der Bohrer geht in die Wand wie durch Butter. Sand rieselt aus dem Loch. Und Martin flucht. „Das habe ich befürchtet.“

Fünf Minuten vorher hat er mir noch erzählt, wie schwierig es ist, Löcher in alte Häuser zu bohren. Entweder stößt man auf ganz harten Stein oder eben auf Sand. In den Stein kann man kaum bohren und im Sand hält kein Dübel.
„In Sand gebohrt!“ sage ich. „Ist aber nicht so schlimm wie auf Sand gebaut.“

Martin hat jetzt keinen Sinn für Bibelzitate. Aber ich denke an das Gleichnis in der Bibel. Ein kluger Mann baut sein Haus auf Fels. Ein dummer Mann baut auf Sand. Wenn dann ein Sturm kommt, stürzt das Haus des dummen Menschen zusammen. Das Haus des klugen Menschen hält den Sturm aus.

„Jetzt hilft nur noch Spachtelmasse. Dann kriegen wir das Loch zu und der Dübel hält.“ Meint Martin.
Wenn man in einem Haus auf Sand bohrt, dann kann man das Loch wieder stopfen.
Wenn man sein Lebenshaus auf Sand baut, hat man ein Problem mit dem Fundament.
Worauf kann man sein Leben wirklich gründen? Frage ich mich. Auf Geld, auf Macht, auf Einfluss?

Mir fällt da immer nur eine Lösung ein: Gottvertrauen! Gottvertrauen hält alle Stürme des Lebens aus. Selbst wenn alles wegbricht, was man sich selbst aufgebaut hat.

Viele Dinge kann ich in meinem Leben sowieso nicht beeinflussen. Geht jemand in der Firma in Rente? Dann kann ich vielleicht befördert werden. Bekomme ich ein Angebot? Oder stößt mir etwas zu?

„Man weiß einfach nicht, was einen erwartet.“ Martin wendet sich mir zu. „Du musst es einfach versuchen und hoffen, dass es gut geht.“ Er sieht, dass ich nicht zuhöre. „Mit dem Bohren meine ich!“

Ja, denke ich, genauso ist es auch mit dem Leben. Mit etwas Gottvertrauen kann ich leben und hoffen, dass es gut wird. Dass es irgendwie so weitergeht, dass es für mich passt. Dann baue ich nicht Sand, auch wenn Martin gerade reingebohrt hat.

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„Wenn ich so mache“ – das kleine Mädchen streckt den Arm aus und zeigt in Richtung ihrer Freundin – „dann kommt da ein Sandstrahl raus: Pfuuu!“ „Und dann mache ich so“ – das andere Mädchen hebt den Arm wie einen Schutzschild – „dann wird hier alles zu Eis. Krrr!“

Ich sitze im Bus und höre dem Spiel der beiden Mädchen zu. Sie müssten neun oder zehn Jahre alt sein. Sie sind leidenschaftlich in ihrer Fantasiewelt unterwegs. Die eine ist eine böse Zauberin in einer Welt aus Eis, die andere eine gute Fee von der Blumenwiese.

Auf einmal sagt die eine: „Und jetzt bin ich allmächtig und kann alles machen, was ich will.“ „Oh ne“, sagt ihre Freundin, „das ist langweilig, da kann ich ja nichts mehr machen.“ Langweilig, denke ich, ist allmächtig langweilig? Gott ist doch allmächtig. Ist also alles langweilig?

Ich glaube, wenn man es falsch versteht: dann ja! Das eine Mädchen versteht es so, dass sie nichts mehr machen kann. Alles ist festgelegt. Nichts, was sie tut, hat eine Bedeutung. Egal, was sie tut, ihr Freundin hat auf alles eine bessere Antwort. Sie hat keine Chance mehr. Wie das Spiel ausgeht, ist klar: Sie verliert.
„Also gut“, sagt das andere Mädchen, „dann bin ich jetzt Wasser und du Feuer.“

Gott ist allmächtig, denke ich, aber wir haben trotzdem noch unser Leben. Ich glaube, dass Gott es zu einem guten Ende führen will. Ich weiß oft nicht, wie er das machen wird. Warum es oft so viele Umwege gibt. Warum schlimme Dinge passieren. Aber ich glaube, wir können in der Welt mitreden. Es ist nicht egal, was wir tun. Wir müssen uns selbst entscheiden und auch mit den Folgen leben.

Allmächtig. Gott traue ich zu, dass er die ganze Sache überblickt. Darauf hoffe und vertraue ich. Und ich arbeite am Happy End mit. So gut ich kann.

„Also gut: hier ist der Wasserstrahl: Psss.“ Das Mädchen streckt den Arm aus und ihre Freundin hat einen Moment nicht aufgepasst. Jetzt hat die gute Fee die böse Zauberin endgültig besiegt. So soll es am Ende sein. Ein Happy End!

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„Liebst du mich?“, fragt die Frau und schaut ihren Mann erwartungsvoll an. Die beiden haben gestritten. Sie ist verletzt und stellt die Grundsatzfrage.

„Liebst du mich?“ „Also so direkt habe ich jetzt nichts gegen dich“, antwortet der Mann.

Vielleicht ist er ein Schwabe. Von denen sagt man ja, sie wären sparsam. Nicht nur mit dem Geld, auch mit den Emotionen. Aber auch als Nichtschwabe kann ich den Mann irgendwie verstehen. Was soll ich denn auf so eine Frage antworten?

Vielleicht: „Das habe ich dir doch schon tausendmal gesagt. Wie oft willst du es denn noch hören?“ Ich glaube, das wäre auch falsch. Was will eine Frau eigentlich hören, wenn sie fragt: „Liebst du mich?“

Darüber hat sich der Philosoph Bruno Latour auch schon Gedanken gemacht. Und er hat erkannt: Frauen wollen gar keine Information bei dieser Frage. Sie stellen eine Beziehungsfrage. Und da kommen Männer, glaube ich, leicht ins Schwitzen. Über Beziehung und Gefühle reden – das habe ich auch nicht so richtig gelernt.

Deshalb habe ich bei Herrn Latour einen guten Rat für uns Männer gefunden: Wir sollen so antworten, dass unsere Beziehung intakt bleibt. Wir können jedes Mal denselben Satz sagen. Es kommt nicht darauf an, was wir sagen, sondern wie wir es sagen, welchen Ton wir anschlagen.

Ich glaube, bei Gott ist das anders. Diese Beziehung kann nicht gefährdet werden. Zumindest von Gott her nicht. Das ist so wie die Beziehung von Kindern zu ihren Eltern.

Normalerweise zweifeln die Kinder nicht daran, dass ihre Eltern sie lieben. Sie gehen einfach davon. Für sie ist das selbstverständlich.

Und Eltern lieben ihre Kinder ja auch tatsächlich einfach so. Ohne Leistung, ohne dass sie es sich verdienen müssen. Eine Beziehung, die einfach so funktioniert. Auch wenn oft der falsche Ton angeschlagen wird und auch mal die Fetzen fliegen.

Die Beziehung zwischen Gott und uns ist wie die intakte Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern. Ich werde geliebt. Und keine Frage kann mich überfordern.

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„Man muss die Feste feiern wie sie fallen. Noch ein Viertel von dem Spätburgunder!“
Meine alte Tante Martha hebt das Glas und ruft nach dem Kellner. Wir sitzen in einer Gaststätte und feiern ihren 80. Geburtstag. Meine Mutter hat schon lange das Signal zum Aufbruch gegeben. Es ist schon spät und wir wollen gehen.

Aber Tante Martha will nicht. Sie genießt ihren Geburtstag in vollen Zügen. Meine Mutter steht auf und geht zu ihr rüber. „Du, es ist schon spät. Und meine Enkel müssen morgen in die Schule.“ Aber Tante Martha wischt das alles vom Tisch: „Kindchen,“ sagt sie, „man muss die Feste feiern wie sie fallen. Das steht schon in der Bibel!“

Meine Mutter schaut mich irritiert an. „Stimmt das?“

„Naja,“ sage ich, „irgendwie schon. Es gibt eine Geschichte, da setzt Jesus alle Regeln außer Kraft. Da kommt eine
Frau zu ihm und schenkt ihm ganz kostbares Öl.“ „Na und“, sagt meine Mutter, „was hat das damit zu tun?“
Aber Tante Martha ruft: „Erzähl weiter Junge, genau die Geschichte meine ich.“

„Also: Die Frau reibt Jesus den Kopf mit dem Öl ein und die Jünger sagen, das sei Verschwendung. Man hätte das kostbare Öl auch verkaufen können. Und das Geld dann den Armen geben.“

„Genau,“ sagt meine Mutter, „das wäre doch vernünftig gewesen. Und vernünftig ist es auch, jetzt nach Hause zu gehen. Sonst sind die Kleinen morgen nicht ausgeschlafen.“ „Jetzt kommt doch erst die Pointe“, sagt Tante Martha.

„Ja, das stimmt.“ Ich erzähle weiter. „Jesus sagt, dass die Frau richtig gehandelt hat. Denn er ist nicht mehr lange da. Es gibt Momente im Leben, da sind die normalen Regeln nicht mehr wichtig. Manchmal zählt allein der Moment. Egal, ob das vernünftig ist oder nicht.“

„Kellner“, ruft meine Tante Martha, „bringen Sie der Dame noch ein Glas. Ich glaube, sie hat jetzt verstanden. Jetzt ist so ein Moment. Ein Moment, der alle Regeln außer Kraft setzt. Wir feiern. So wie Jesus mit seinen Jüngern. Heute gehört uns. Und morgen kommt noch. Und morgen gehört Gott. Und dann sehen wir weiter.“

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„Jetzt musst du ,Ja‘ drücken!“ Anja guckt mir über die Schulter. Sie hilft mir gerade dabei, mein neues Handy einzurichten. Ich verstehe nicht. „Na! Damit die immer wissen, wo du bist.“ „Ja“, sage ich, „das habe ich schon verstanden. Das ist ein Ortungsdienst. Apple und Google wollen immer wissen, wo ich bin. Aber will ich, dass die das immer wissen?“

„Ja, warum denn nicht? Das ist doch toll. Du kannst nicht verloren gehen. Egal, in welchem Land du bist. Die finden dich immer mit ihren Satelliten. Und für die ganzen Kartendienste und so. Wenn du den Weg wissen willst, dann müssen die doch wissen, wo du bist. Die sind immer bei dir.“

„Weißt du“, sage ich, „ehrlich gesagt möchte ich, dass nur Gott immer bei mir ist. Wenn irgendein Großkonzern immer bei mir ist, finde ich das eher bedrohlich.“
Anja guckt mich an: „Willst du jetzt mit mir eine Grundsatzdiskussion veranstalten oder dein Handy einrichten? Mach einfach diesen simplen Klick auf den blöden Bildschirm.“

„Du hast Recht“, sage ich, „und ja: die Kartenfunktion ist wirklich praktisch. Die benutze ich oft, wenn ich unterwegs bin.“ Ich drücke also „Ja“ und Anja hält mich nicht für rückständig und überängstlich.

Trotzdem: Jetzt also kann ich immer geortet werden, wenn ich das Handy dabeihabe. Das finde ich ja gar nicht schlecht. Wenn ich einen Unfall habe, dann kann ich Hilfe rufen. Wenn ich mich in einer Stadt verlaufen habe, dann finde ich wieder zu meinem Auto zurück. Das ist gut.

Aber Apple und Google wissen trotzdem nicht den Weg für mich. Den kann mir kein Handy zeigen. Ich vertraue da lieber darauf, dass Gott immer bei mir ist. Der kann mir vielleicht nicht helfen, wenn ich nicht weiß, wo die nächste Apotheke ist, aber meinen Lebensweg – den kennt er. Mit etwas Gottvertrauen kann ich darauf zählen, dass Gott den Weg sogar besser kennt als ich. Und dass er mich schon richtig führen wird. Anja sieht mich ungeduldig an. „Pfarrer und Technik“, seufzt sie, „da habe ich mich auf was eingelassen.“

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