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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Auf den ersten Blick hatte das Paar seine „Hoch-Zeit“ schon hinter sich. Trotzdem haben die zwei geheiratet. Nach über 25 Jahren haben sie sich endlich getraut. Ich habe das Paar schon lange gekannt. Warum sie bisher nicht geheiratet haben, war mir immer ein Rätsel geblieben.

Umso überraschter war ich, als die Einladung kam. Eine aufwendig gestaltete Karte, bisschen zu viel Rosa für meinen Geschmack, trotzdem sehr stilvoll. Meine Frau und ich verbrachten viel Zeit mit der Auswahl der rechten Garderobe. Sie sollte festlich schwarz sein für die Herren und die Damen sollten Hut tragen, so die Anweisung auf der Karte.

Dann endlich war Samstag. Der Tag der Trauung. Als wir alle in der Kirche waren, zog das Brautpaar durch den Mittelgang ein. Ganz feierlich. Ganz in Weiß und beide mit einem Strahlen im Gesicht. Viele Gäste fingen an zu schniefen. Und als die beiden sich nach dem Ringtausch und dem Segen in den Armen lagen, da musste ich auch tief Luft holen, um nicht loszuschluchzen.

Was haben die beiden alles durchgestanden miteinander. So viele Jahre. Und ihre Liebe ist daran nur gewachsen und inniger geworden. Obwohl sie sogar früher verboten war. Aus Ärger darüber ist die eine der beiden aus der Kirche ausgetreten, war tief verletzt und frustriert. Die andere hat sich irgendwie mit der Realität abgefunden und hielt still. All die Jahre sind die beiden Frauen angefeindet worden, mussten genau überlegen, wohin Sie als Paar gehen. Bei wem und wo sie ihre Liebe zeigen. Immer waren sie in „Hab Acht“ Stellung. Und oft auf dem Rückzug.

Aber jetzt  ist sie da, ihre „Hoch-Zeit“. Jetzt darf sie sein, ihre Liebe. Uns, die wir dabei sein durften, ihre Familien und Freunde – uns hat das zutiefst berührt.
Gott ist Liebe; das war der Trauspruch, den sie sich ausgesucht haben. Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm (1. Johannes 4,16b).

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Wenn zwei sich lieben, wenn sie in guten wie in schlechten Zeiten für einander einstehen wollen, dann dürfen sie auch heiraten.  Das ist bei uns jetzt Gesetz. Liebe und Verantwortung füreinander sollen allein die Basis für eine Ehe sein.

Viele diskutieren diese Ehe für alle. Bei den Debatten fehlt mir jedoch was. Nämlich die Debatte über die Frage: was sind wir als Gesellschaft eigentlich einem Ehepaar schuldig?Wie ist das, wenn zwei Menschen heiraten und nach einiger Zeit sich wieder scheiden lassen? Ist das nur ihr privates Problem? Oder haben wir als Gesellschaft da nicht einen Anteil dran? Und wenn ja, was ist unsere Aufgabe? Diese Fragen sind mir in der ganzen Debatte über die Ehe für alle noch einmal klar geworden.

In der Ehe geht es nicht nur um starke Gefühle. Es geht um Verantwortung füreinander. Dass man miteinander redet und auch ringt. Dass soll der Staat besonders schützen. Er unterstützt die Bereitschaft Zweier Menschen füreinander Verantwortung zu übernehmen. Einander achten und unterstützen – das  ist ja keine Kleinigkeit.

Ich bin überzeugt: Schwere Zeiten zu durchstehen, das schafft letztlich kein Paar ganz allein. Dazu braucht es die Hilfe Anderer. Deshalb bitten wir in der Kirche für zwei Menschen um Gottes Segen.

Aber nicht nur Gott, auch wir alle können etwas dazu beitragen, dass eine Ehe gelingt. Wir als Gesellschaft können zwei Menschen dabei helfen, dass sie beieinander bleiben wollen und können. So können zum Beispiel Arbeitgeber dafür sorgen, dass die Interessen der Ehepartner auch eine Rolle spielen - dass genug Zeit für die Familie bleibt. So können soziale Einrichtungen Paare  in Krisenzeiten durch  Paarberatung und Ehekurse unterstützen.

Für Jesus hat die Ehe immer auch was mit Gott zu tun. Er hat ja gesagt: Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Der Mensch- also auch der Chef, die Freunde, die Familie – die ganze Gesellschaft. Sie alle sollen eine Ehe nicht so belasten, dass sie schließlich  auseinanderbricht. Deshalb meine ich: Wir brauchen nicht nur eine „Ehe für alle“.  Wir brauchen auch alle für die Ehe.

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Heute vor 30 Jahren wurde Desmond Tutu Bischof von Südafrika – der erste schwarze Bischof in diesem Land. Damals eine Sensation nach den Jahren der Rassentrennung. Desmond Tutu hat selber erlebt, wie ihm sämtliche Grundrechte des Menschseins abgesprochen wurden.  Er hat erlebt, was es heißt nicht wählen zu dürfen und sich nicht frei bewegen zu dürfen.

Er wurde politisch, um Südafrika zu verändern.  Er hat das Ende der Apartheid mit erkämpft - Wenn man diskriminiert wird, muss man kämpfen, um nicht unterzugehen. Man muss politisch sein, um seine Würde nicht zu verlieren - dann hat man nicht die Wahl. Wir haben die Wahl. In zweieinhalb Wochen. Manche meinen ja sagen zu können: ich geh nicht wählen. Ich bin nicht politisch, mal aus Resignation, mal aus Desinteresse. Es kostet auch Mühe informiert zu sein und sich eine Meinung zu bilden.

Und dann gibt es andere, wie Enno Bunger – ein deutscher Sänger und Songwriter. Für  sein neues Album hat er nicht wie sonst viele seiner Kollegen nur Liebes- und Alltagslieder, sondern auch politische Lieder komponiert. Auf die Frage, warum er das gemacht hat, hat er gesagt: Weil ein schwarzer Freund von mir immer wieder beleidigt und diskriminiert wird. Weil das so ist, kann dieser sich nicht aussuchen, ob er politisch ist oder nicht. Also bin ich auch politisch.

Das finde ich stark. Enno Bunger erinnert mich an den barmherzigen Samariter. Der überlegt auch nicht lange, ob er helfen soll oder nicht. Er sieht einen Verwundeten im Graben liegen und kümmert sich um ihn.  Am Ende der Geschichte sagt Jesus zu allen: Geht und macht es genauso. Seid solidarisch – werdet Mensch.

Nicht Politisch zu sein ist im Grunde genommen Luxus. Wenn man am Rande steht, weil man nicht mithalten kann, weil man anders aussieht oder anders liebt - dann muss man ums Überleben kämpfen. Muss politisch sein, wenn man nicht untergehen will.
Geh und mach es genauso, sagt Jesus. Und ich füge hinzu:  sei politisch und gehe wählen. Wenn nicht für dich, dann für die, die deine Hilfe brauchen. Die sich selber nicht helfen können.

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Vorurteile- die Welt ist voll davon. Und manchmal frage ich mich: wer befreit uns von all diesen Irrtümern? Was hilft uns dabei, die Menschen so sehen zu lernen, wie sie sind? In einem berührenden kleinen Film habe ich gesehen, wie das gehen könnte.

Ein Ehepaar betritt mit ihrer Tochter das Wartezimmer eines Arztes. Die Tochter hat eine schwere Krankheit hinter sich und heute ist sie zur Kontrolle da.

Im Wartezimmer sitzt schon ein junger Mann. Schwarze Haare, dunkle Augen, braune Hautfarbe- ein südländischer, arabischer Typ. Die Tochter lächelt ihm kurz zu und will sich neben ihn setzen. Aber ihre Mutter zieht sie weg von dem Mann. Vielleicht ist er ja einer von den vielen Flüchtlingen. Und vor so einem will sie ihre Tochter lieber beschützen.

Dann ruft der Arzt die Familie herein und den jungen Mann gleich mit. Der bleibt vorsichtig an der Tür stehen. Er spürt, dass er von der Mutter nicht erwünscht ist.

Der Arzt sagt zu dem Mädchen: „Na, du hast dich aber prima von der Operation erholt…“ Alle nicken und strahlen. Dann legt der Arzt den Arm um den jungen Mann und sagt zu den Eltern: „Ich will Ihnen Djafar vorstellen. Er hat das Knochenmark für ihre Tochter gespendet.“

Recht so, habe ich zuerst gedacht. Sollen sich schämen wegen ihrer Vorurteile, die Eltern. Aber dann sind mir Situationen eingefallen, in denen ich genauso dumm dagestanden bin. Weil ich jemandem Übles unterstellt habe, weil ich mich ohne Grund bedroht gefühlt habe.

Der junge Mann hat nur schüchtern gelächelt. Er war einfach nur froh, dass das Misstrauen gegen ihn weg war. Dass man ihn endlich sehen konnte als den, der er war: einer, der nur helfen wollte. Und der schließlich das Leben der Tochter gerettet hat.

Ich glaube, so könnte es gehen, was schon die alten Propheten vorausgesagt haben: Und Gott wird uns von unseren Irrtümern befreien. Und da wird viel Freude im Himmel sein.

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Das Leben ist nicht fair. Unrecht geschieht. Und manchmal trifft es einen selber. Dabei stellt sich jedes Mal die Frage: Nehme ich es hin oder will ich für mein Recht kämpfen? Dafür braucht man manchmal ziemlich Mut. Und etwas Unterstützung.

So wie Clara. Sie studiert gerade. In den Semesterferien arbeitet sie oft bei einer Catering-Firma. Das ist für sie spannend, weil sie die Schauspieler am Film-Set bedient. Immer in einer anderen Stadt, einem anderen Hotel. Neulich will sie wieder mal in ihrem Hotel einchecken, da trifft sie der Schlag: Es ist total schmutzig und es stinkt furchtbar. Sie fotografiert alles mit dem Handy und schickt es ihrer Mutter. Deren Antwort kommt sofort: „Kind, da bleibst du nicht. Beschwer dich bei deiner Chefin und sage ihr, dass das nicht geht.“

„Aber ich will nicht als die Zicke am Set dastehen!“ schluchzt sie ins Telefon. Am Set kommt es nicht gut, wenn man sich immer beschwert. Sie möchte nicht, dass die anderen hinter ihrem Rücken über sie herziehen oder nicht mehr mit ihr reden.

Andererseits aber ist es ein Fakt: Das Zimmer ist unzumutbar. Und es ist ihr gutes Recht, dass sie nach einem langen Arbeitstag zumindest ein sauberes Zimmer hat.

Aber ihre Angst vor dem Gerede ist auch nicht unbegründet. Und es könnte durchaus sein, dass sie vielleicht beim nächsten Mal den Job nicht mehr bekommt.

Ihre Mutter muss ihr lange gut zureden. Aber dann ruft sie ihre Chefin an, sagt was Sache ist. Zu ihrer Überraschung hat die sofort Verständnis. Und sie verspricht ihr, sich darum zu kümmern.

Ja, es stimmt. In so vielen Fällen wird Unrecht heruntergespielt oder totgeschwiegen. Und die es benennen oder aufdecken, lässt man es spüren. Sie werden ausgegrenzt oder mundtot gemacht. In Diktaturen werden sie sogar eingesperrt.

Clara hat sich mit der Unterstützung ihrer Mutter ein Herz gefasst. Sie wollte es sich nicht gefallen lassen, dass sie respektlos behandelt wird. Sie hat guten Umgang miteinander eingefordert.

Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch. Hat Jesus mal gesagt. Das stärkt mir den Rücken, im Zweifelsfall nicht klein beizugeben.

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Es gibt Dinge, die muss man erst mal hinnehmen. Da kann man nichts dran machen. Eine Krankheit, einen Verlust. Und doch muss es nicht so bleiben, wie es ist.

Eine ältere Freundin von uns trägt schon ein paar Jahre eine Brille. Sie hat sich längst dran gewöhnt. Trotz Brille aber kann sie immer schlechter sehen. Sie geht zum Augenarzt und bekommt die Diagnose: Grauer Star. Das ist für sie erst mal ein Schock.

Und so sitzt sie dann vor mir und erzählt, dass der Arzt ihr zwar eine Operation vorgeschlagen hat. Eigentlich ein Routine-Eingriff. Aber sie glaubt nicht, dass das helfen wird. Außerdem kann es auch schiefgehen. Dann wäre sie völlig blind. Man hört ja so viel.

Die Einschränkungen beim Sehen werden immer größer. Und schließlich willigt sie doch in die OP ein. Ein paar Tage danach gehe ich sie besuchen. „Du glaubst gar nicht, wie scharf ich wieder gucken kann, damit hätte ich nicht gerechnet!“ sagt sie. Ich freue mich mit ihr.

Mir kommen die vielen Geschichten in den Sinn, in denen Jesus Kranke und Blinde geheilt hat. Allen Geschichten ist gemeinsam: Die Menschen finden sich nicht mit ihrem Schicksal ab. Sie wollen, dass Jesus etwas für sie tut. Und sie geben die Hoffnung nicht auf.

Die Heilungsgeschichte der älteren Freundin ist weitergegangen. Denn heute stellt sie ihr Augenlicht ihrem Mann zur Verfügung. Der hat ein Augenleiden, das nicht geheilt werden kann. Aber die beiden haben sich nicht damit abgefunden. Jetzt liest sie für ihn das Kleingedruckte. Fährt ihn überall hin. Und erzählt ihm auf dem Golfplatz, wo seine Bälle hingeflogen sind. So haben sie viel Spaß miteinander und merken: wir sind gar nicht so ohnmächtig, wie wir dachten.

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