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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Wenn man älter wird“, erzählt mir ein Mann, „muss man höllisch aufpassen, wenn man sich eine junge Frau anschaut – nicht, dass das falsch verstanden wird. Aber was bleibt einem denn noch an Lebensfreude - wenn man schon mal raus kommt - und darf sich nicht einmal mehr über den Anblick junger Menschen freuen?“
Ich glaube ja, es kommt ganz darauf an, wie man das tut…
Eine Freundin meiner Tochter hat mir freudestrahlend von einem ganz charmanten, alten Herrn erzählt, der ihr so ein bisschen den Hof gemacht hat:
Es war am Morgen, und sie ist durch die Straßen gelaufen, auf dem Weg zur U-Bahn. Sie hörte Musik. Und sie lächelte vor sich hin, weil ihr so gut gefiel, was sie da am Hören war.
Da spricht sie jemand an:
„Was laufen Sie denn so schnell, schöne Frau?“
Sie zieht die Hörer aus dem Ohr und sieht sich um.
Da steht ein Mann, weit in die achtzig - schon so ein bisschen vorne über gebeugt - der zieht seinen Hut und lächelt verschmitzt.
„Ich würde Sie gerne was fragen“, sagt er. „Wieviel Heiratsanträge kriegen Sie wohl jeden Tag? Bestimmt neunzig im Monat.“
„Da irren Sie sich“, antwortet sie. „Ich hatte noch keinen einzigen.“
„Oh, dann könnte ich Sie ja mal zum Kaffee ausführen…?“ sagt er.
„Ob mein Freund da nicht eifersüchtig wird?“
„Ja“, sagt er, „bei mir jungem Hüpfer würde ich das verstehen. So eine breite Brust müsste er ja erstmal haben.“
Und dann sind sie ins Gespräch gekommen. Er fragt sie nach ihrer Arbeit. Und findet es toll, wie sich junge Menschen engagieren.
„Zu meiner Zeit“, sagt er „sind wir immer nur auf den Fußballplatz gegangen. Weil es nach dem Krieg keine Lehrstellen gab. War ja alles zerbombt…  –
Na, dann will ich Sie aber nicht länger aufhalten. Ihr Freund hat übrigens ganz schön Glück. Und falls Sie mal Zweifel bekommen - Sie wissen ja jetzt, wo Sie mich finden…“
„Unglaublich! So ein alter Charmeur…“ sagt sie. „Der war ja nicht plump – mehr so old school. Und ich hatte den ganzen Tag gute Laune.“ 

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Jesus hatte viele Feinde. Aber sein größter Feind war die Selbstgerechtigkeit. Denn die Selbstgerechtigkeit ist überheblich und sie dreht sich nur um sich. Sie ist so überzeugt von sich selbst, dass sie sich gern mit anderen vergleicht. Und schaut herab auf die, die ihren Ansprüchen nicht genügen. Sympathisch ist das nicht.
Nur - das Dumme ist: ich bin oft schneller mit dabei, als mir lieb ist… 
Da ist der Nachbar, der seinen Müll nicht ordentlich trennt. So ein Umwelt-ignorant! Wie der sein Geld verdient, will man besser auch nicht wissen!
Ganz besonders anfällig für Selbstgerechtigkeit werde ich, wenn ich für eine Sache sensibel geworden bin - etwa artgerechte Tierhaltung.
Da frage ich mich schon beim Kaufen: Wo sind eigentlich die anderen? Die werden doch wohl nicht weiter dieses Billigfleisch kaufen…? Und überhaupt: Wie kann man nur ein Stück Fleisch essen, von dem man nicht sicher weiß, ob es nicht aus so einer elenden Massenzucht kommt…?
Natürlich ist es gut, auf artgerechte Tierhaltung zu achten. Aber muss ich mir dabei so überlegen vorkommen? Ich weiß doch gar nicht, wofür sich Andere engagieren. Oder wieviel Geld sie zum Leben haben.
Vermutlich ist das so eine menschliche Schwäche, sich gern mal anderen über-legen zu fühlen.
Aber im Sinne Jesu ist das nicht.
Der hat die Selbstgerechtigkeit einfach links liegen gelassen. Hat sie nicht gelobt und bewundert für ihre Taten. Und hat sich lieber zu denen gesetzt, die mit sich selber genug Probleme hatten.
„Er sitzt bei den Sündern und Säufern“, sagten seine ehrbaren Zeitgenossen. – Ja, aber was ist es eigentlich, das ihn immer so mächtig zu den Gescheiterten und Gestrauchelten hingezogen hat?
Ich glaube, Jesus zieht es zu Menschen hin, die sich nichts mehr vormachen.
Die sich sehen wie sie sind: mit ihren Fehlern und Bedürfnissen. Und weil sie das alles sehen, schauen sie nicht auf andere herab.
Solche Menschen sind offen und berührbar. Wer sich mit der Wahrheit über sich selbst anfreunden kann, dem spricht Jesus direkt ins Herz, wenn er sagt:
Die Liebe Gottes ist größer als alle unsere Fehler.

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Eine ältere Dame, schon etwas wackelig auf den Beinen, betritt die U-Bahn.
Die Türen gehen zu. Während sie noch ganz damit beschäftigt ist, das Gleichgewicht zu halten, schimpft eine Frau mittleren Alters los:
„Diese Jugend von heute, immer alle verkabelt, und nicht mehr in der Lage, für einen älteren Menschen aufzustehen!“
Neben ihr sitzt eine junge Frau, eher noch jugendlich, die ist verkabelt. Man kann nicht sehen, ob sie hört, was die Frau da meckert. Von ihrem gleichmütigen Gesichtsausdruck lässt sich nichts ablesen. Doch dann zieht sie die Kopfhörer aus dem Ohr und sagt zu der Frau:
„Wissen Sie, Sie schimpfen schon, bevor überhaupt einer die Chance hatte, für die Frau aufzustehen.“
„Ja, aber ist doch wahr!“ setzt die Frau nach.
„Nein“, sagt die Junge, „Sie wissen doch gar nicht, was in anderen Menschen vor sich geht. Ich z.B. habe die ältere Frau auch bemerkt. Aber ich wollte nicht durch den ganzen Zug brüllen; ich hätte gewartet, bis sie sich in meine Richtung dreht, und dann hätte ich ihr meinen Platz angeboten.“
Die Frau wirkt kurz verunsichert. Aber dann erzählt sie noch einmal, was sie von der ignoranten Jugend mitsamt ihrer Verkabelung hält.
„Sicher haben Sie mit einigen Ihrer Beobachtungen recht“, sagt die Junge, „aber Sie können doch nicht eine ganze Generation verurteilen. Ich gehöre auch zu dieser Generation, wie viele andere hier. Und von denen würden sicher auch welche aufstehen.“
Einige, die zuhören, nicken. Überhaupt scheinen sich immer mehr Leute für das Gespräch zu interessieren.
„Außerdem“, sagt die Junge, “Sie wissen Sie doch gar nicht, ob die Leute, die nicht aufstehen, eine Erkrankung haben, die man ihnen nicht ansieht. Oder Schmerzen? Das gibt es auch bei jungen Menschen. Und überhaupt, was weiß man schon von anderen Menschen, in einer U-Bahn?“
Mittlerweile hat sich die alte Frau in ihre Richtung gedreht. Die Junge steht auf und überlässt ihr den Sitzplatz. Die Frau, die geschimpft hatte, schaut auf und sagt leise: „Danke.“ 
Vielleicht war sie ja schlecht drauf. Aber die junge Frau hat was verändert.  - Schön, oder?

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Was es heutzutage nicht alles an Sünden gibt: Verkehrssünde, Umweltsünde, Diätsünde… 
Ursprünglich kommt das Wort Sünde aus der Bibel. Aber dort bedeutet Sünde viel mehr als nur ein falsches Verhalten. Sünde meint eine tiefgreifende Störung zwischen Mensch und Gott; die Sünde trennt den Menschen - von sich selber. Von anderen. Und von Gott.
Die Sünde entfremdet uns voneinander. Und keiner ist davon frei. - Und wenn man sich noch so anstrengt! Selbst diejenigen, die sich an das Gebot Gottes halten - und ihren Nächsten lieben wie sich selbst - machen die Erfahrung: ständig komme ich an meine Grenzen:
Meine Liebe ist begrenzt; meine Geduld hat ihre Grenzen. Und mein Mit-Fühlen…Und wie schnell scheitere ich an meinen eigenen Ansprüchen! Und fühle, denke oder sage genau das, was ich gerade nicht will…
Unser deutsches Wort Sünde kommt von dem Wort Sund. Und das macht die Sache so anschaulich:
Denn der Sund ist eine Meerenge.
Der Sund trennt eine Insel vom Festland. 
In einem Sund gibt es starke Strömungen. Wenn Sie mal versuchen, einen Sund zu überwinden - also versuchen, da hinüberzuschwimmen, dann werden Sie das  bald merken. Und es kann sehr gut sein, dass sie kein bisschen vorwärts kom-men; nur immer weiter hinausgezogen werden, ins Meer.
Und so ist das auch mit der Sünde. Was mich von Gott wegzieht, ist oft mäch-tiger als ich. Und stärker als alle guten Vorsätze. Ich muss da gar nicht weit gehen. Pommes, Schokolade, Zigaretten, ein leckerer Cocktail - wie oft will ich das sein lassen… - und kann es doch nicht.
Und da, meint die Bibel, kann nur Gott selbst uns rausholen.
Aber wie?
Beim Schwimmen im Sund hilft es, wenn man aufhört, gegen die Strömung anzukämpfen. Wenn man sich vom Wasser tragen lässt. Und darauf hofft, an anderer Stelle an Land gespült zu werden.
Mit Gott ist es ähnlich. Ich bin zwar dem Sog der Sünde ausgeliefert. Aber ich kann mich Gott anvertrauen. Und ich kann mich davon tragen lassen. Und darauf hoffen, dass er mich ans sichere Ufer bringt. Wenn nicht jetzt, dann später. Im Diesseits. Oder Jenseits. 

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Schafe haben so eine beruhigende Wirkung, finde ich.
Am Wochenende war ich bei meiner Freundin im Westerwald. Wenn man bei ihr aufs „stille Örtchen“ geht, dann schaut man auf eine Herde Schafe – nur ein paar Meter weiter, direkt hinterm Zaun. Die weiden oder ruhen, dösen vor sich hin oder blöken. Immer alle schön dicht beieinander.
Schafe sind vielleicht nicht die schlausten Tiere, aber sie wirken so friedlich.
Ich könnte ihnen stundenlang zusehen…
Sicher mag ich sie auch so, weil sie mich an Bilder in der Bibel erinnern. Dort sind sie ein Sinnbild für Menschen mit großem Gottvertrauen. Weil Jesus und Gott wie gute Hirten sind, die ihre Herde schützen; und jedem noch so kleinen Schaf nachgehen, wenn es sich verlaufen hat.
Dieses Gottvertrauen ist am schönsten beschrieben im Psalm 23. Ein Gebet, das viele auswendig kennen und in schwierigen Situationen sprechen. Allein diese Worte zu sprechen, ist tröstlich:
„Der Herr ist mein Hirte“, beginnt der Psalm. „Mir wird nichts mangeln.“
Und dann: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“
Mit dem „finsteren Tal“ ist nicht nur Unangenehmes gemeint. Genau übersetzt ist es eigentlich das „Tal des Todes“. Es geht also ums Ganze: um Leben und Tod.
Umso erstaunlicher finde ich den Psalm. Denn der Mensch betet in seinem Todestal: „Dennoch fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“
Er fürchtet kein Unglück, weil er seinem Hirten vertraut. Deshalb will er auch gar nicht so sehr vor einer Gefahr beschützt werden; er fühlt sich mitten in der Gefahr getröstet und geborgen. Weil sein Hirte da ist. Weil Gott da ist, ganz gleich, was geschieht; ganz gleich, wie es ausgeht; selbst wenn es tödlich endet.
Das ist Urvertrauen. Und davon erzählt der Psalm.
Ich muss nur den Schafen auf der Weide zusehen. Dann kommen mir die alten vertrauten Worte:
„Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal,
fürcht ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“

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Die Bibel erzählt manchmal von der Zärtlichkeit Gottes; und nimmt dafür gerne Bilder aus dem Tierreich. Da heißt es dann, dass Gott seine Geschöpfe schützend unter seine Fittiche nimmt; und dass er ihnen Zuflucht gibt unter seinen Flügeln.
Manche Menschen sind auch so: sie beschützen alles, was klein ist und zerbrechlich, und sei es noch so unscheinbar.
Eine Bekannte von mir hat mir so eine Geschichte erzählt, von ihrem Mann:  
„Es war am frühen Abend“, erzählt sie, „und wir wollten in die Oper.“
Sie waren gerade dabei, sich umzuziehen, da sieht ihr Mann durch das Fenster. Es regnete in Strömen.
„Schau doch mal, da ist doch was!“
Er deutet auf eine Stelle auf der Terrasse.
„Nö, da ist nichts. Nur ein Blatt“, meint sie.
„Doch, da ist was. Es bewegt sich.“
„Ich sehe nur ein Blatt.“
Er reckt seinen Hals. Schließlich macht er die Terrassentür auf und schaut raus.
Und dann tappt er hinaus in den Regen. Auf Strümpfen und im frisch gebügeltem Opernhemd.
Er bückt sich und hebt was auf. Und zeigt es stolz hoch: Ein klitzekleiner Vogel. Er schaut seine Frau fragend an. Die zuckt mit den Achseln.
Er sieht sich suchend um. Sie weiß genau, was er denkt: die Katze...
Er setzt den kleinen Vogel auf die Grillhaube. Sieht sie an. Sie zuckt wieder mit den Achseln. Aber es gefällt ihm nicht. Nicht sicher genug.
Er nimmt den Vogel wieder auf und sieht sie ratlos an.
Sie tippt auf die Uhr.
Er geht ein paar Schritte weiter und setzt den Vogel auf die Mülltonne.
Sieht sie wieder fragend an. Sie macht Zeichen, er solle ihm doch das Fliegen beibringen. Er hebt den Vogel wieder von der Mülltonne. Und so geht das noch ein paarmal hin und her.
Nass bis auf die Haut, lässt er schließlich die Schultern hängen und blickt verzweifelt zum Himmel. In diesem Augenblick reckt der kleine Vogel die Flügel - und fliegt davon…
So ein Verhalten (wie das dieses Mannes) ist vielleicht nicht vernünftig; und auch irgendwie aus der Zeit gefallen. Aber so ist sie, die Zärtlichkeit: Sie fragt nicht nach Gründen. Und ich wünschte, es gäbe mehr davon…

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