Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Im Knast ist alles streng geregelt. Auch für die, die freiwillig rein wollen, um Freunde oder Familienangehörige zu besuchen. Erst muss ich drei Arbeitstage vor dem gewünschten Besuch telefonisch nach einem Termin fragen – lande da dauernd in der Warteschleife und brauche viel Geduld. Dann Urlaub nehmen – Besuche im Knast gehen nur an Werktagen während der Arbeitszeit der Beamten. Dann frühzeitig hinfahren: mich anmelden, alles in ein Schließfach legen bis auf 6 €. Dann werde ich wie am Flughafen untersucht, ob ich nicht doch etwas Verbotenes ins Gefängnis schmuggeln will. Türen werden auf- und zugeschlossen, fühlt sich alles nicht angenehm an. Dann kann ich einen Becher Kaffee kaufen von den 6 € und etwas Süßes und dann kommt mein Bekannter in den Raum. Er trägt Anstaltsklamotten, Jogginghose und Sweatshirt und freut sich sehr über den Besuch. 2 Stunden im Monat Kontakt mit Verwandten und Freunden stehen ihm zu. Er will nicht viel von sich erzählen, lieber hören, was draußen los ist. Wie geht es deiner Mutter, was machen die Renovierungsarbeiten, was blüht grade im Garten? Er stellt sich offenbar mein Leben vor und will Anteil daran nehmen. Mir geht es umgekehrt: ich will eigentlich nicht so viel von mir erzählen, sondern lieber hören, was er so macht. Naja, nichts eben. Fernsehen, essen, schlafen, gelegentlich Sport. Kannst du mir ein paar Kreuzworträtsel schicken, ich verblöde hier ja, bittet er.

Essen, schlafen, fernsehen, das erscheint vielleicht als bequeme Strafe.  Ist es aber nicht: die Unfreiheit und die Tatenlosigkeit sind schwer zu ertragen. Die Besuche von Freunden und Familie sind ein Lichtblick in der dunklen Zeit. Leider darf man nicht mal Blumen mitbringen, um das Grau in Grau etwas bunt zu machen. Also erzähle ich, was mir so einfällt, aus meinem bunten Leben – und wecke die Hoffnung, dass mein Bekannter auch irgendwann wieder Blühendes im Garten sehen kann. Wenn die Strafe verbüßt ist, und dass das Grau in Grau in die Farben des Lebens übergeht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24357

Von weitem sieht es aus wie ein Mensch, nicht gleich zu erkennen, ob Mann oder Frau. Steht mitten auf dem Feld, komisch. Im Näherkommen erkenne ich: es handelt sich um eine Vogelscheuche. Ein Holzkreuz, dem man eine Jacke angezogen hat und einen Hut aufgesetzt. Vogelscheuchen dienen dazu, wie es der Name schon sagt, Vögel von Gärten und Feldern zu verscheuchen. Der Bodenbesitzer will damit die angebauten Samen, Pflanzen und Früchte schützen vor dem Hunger der Krähen und Stare  und anderer Tiere. Ich komme ins Grübeln.

Wem gehört der Boden? Dem, der einen Zaun drum gemacht hat und Pflanzen anbaut? Oder allen? Dürfen sich die Vögel nehmen, was sie wollen? In meinem Garten steht zum Beispiel ein Kirschbaum. Ehe ich gesehen habe, wo die ersten Kirschen richtig dunkelrot geworden sind und Zeit fand, eine Leiter anzusetzen, sind die Vögel schon da. Meine Nachbarn freut das, weil deren Erdbeeren dann nicht gefressen werden: auf dem Kirsch-Baum fühlen sich die Vögel sicherer als bei den Erdbeeren am Boden. Wenn ich vom Kirschenanbau leben würde, müsste ich wohl den Kampf gegen die Mit-Ernter aufnehmen. So kann ich Gönnerin sein und mich freuen, dass die Vögel bei mir superleckere Kirschen bekommen. Ich kann das beurteilen, denn manchmal lassen sie mir ein paar übrig. Trotzdem bleibt die Frage: wem gehören die Kirschen? Wären die Bienen nicht vorher schon dagewesen, gäbe es überhaupt keine Kirschen. Hätte nicht ein Mensch vor Jahren diesen Baum gepflanzt, gäbe es auch keine. Jetzt wohne ich in dem Haus und laut Katasteramt gehört mir der Garten. Naja. Jedenfalls steht bei mir keine Vogelscheuche. Und ich will auch keine sein. Ich versuche, mir den Garten zu teilen mit den Ameisen und den Vögeln und den Nachbarskindern, wenn das Obst reif ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24356

An meinem Büro habe ich eine Karte hängen, da steht drauf: „nett kann ich auch, bringt aber nix“. Ein witziger Spruch. Ist nicht ganz ernst gemeint, meistens bin ich nett und damit komme ich auch eher weiter als wenn ich unfreundlich reagiere. Aber nicht immer.

Seit Monaten suchen wir für die syrischen Nachbarn im Dorf eine Wohnung in der Stadt. Ich erlebe da bei den Telefonaten mit Vermietern richtig fiese Menschen. Manche legen auf, wenn ich sage, dass ich für jemand aus Syrien suche. Andere belehren mich, die sollten selbst anrufen. Andere sagen “ach, für Ausländer, nein, die Wohnung ist schon vergeben“. Gelogen. Wieder andere “an Ausländer vermiete ich nicht“. Wenn ich dann frage, warum, „das geht Sie nichts an und ich muss das auch nicht erklären“. Furchtbar. Offenbar fühlen sie ja, dass ihre Einstellung nicht ok ist, deshalb wollen sie nicht darüber sprechen. Einmal war ich so wütend, dass ich einem Vermieter eine sms schrieb:

 „Sehr geehrter Herr Sowieso, wir hatten heute wegen Ihrer Mietwohnung telefoniert und Sie sagten, an Ausländer vermieten Sie nicht. Ich wünsche Ihnen, dass Sie nie auf die Hilfe eines ausländischen Arztes angewiesen sind und Ihre Eltern nie auf die Pflege durch osteuropäische Pflegekräfte. Ihre Meinung verachte ich und halte sie für sehr naiv. Und ich hoffe, irgendein deutsches A… mietet Ihre Wohnung und Sie haben noch viel Ärger damit. Unfreundliche Grüße M. Peters.“  Eigentlich hätte er bloß zurück schreiben müssen: „blöde Kuh“. Aber: „Sehr geehrte Frau Peters,  Sie haben recht. Die Hälfte meines Freundeskreises besteht aus Ausländern. Bitte melden Sie sich noch mal wegen der Wohnung.“  Das mit der Wohnung hat dann diesmal nicht geklappt. Aber es war richtig, klar Flagge zu zeigen. Denn für mich gibt es gar keine Ausländer auf der Welt. ALLE sind Bewohner der Erde.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24355

Ich muss unbedingt mal wieder zu Dr. Wald. Das ist ein ganz besonderer Arzt. Er hat kein Wartezimmer und kein Sprechzimmer. Kein Röntgengerät, kein Rezeptblöckchen. Man trifft dort junge und alte Menschen, Familien mit Kindern, sogar Tiere. Und er fragt nicht: wo tut’s denn weh, sondern sobald man bei ihm ist, fängt er an, alle gesund zu machen. Wenn ich dem Dr. Wald seinen Dr. Titel wegnehme, ist es einfach der Wald. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen darüber, dass Menschen in Gebieten mit Bäumen gesünder sind als die, in deren Umgebung keine Bäume wachsen. Und es reicht schon, wenn Bäume am Straßenrand sind oder in einem Park oder im Garten. Intensiver ist es natürlich im richtigen Wald. Blutanalysen zeigen, dass nach einem Tag im Wald die natürlichen Abwehrzellen im Organismus um 40 % gestärkt werden – das unterstützt das Immunsystem und schützt vor Krankheiten. Was im Wald so duftet, ist die Kommunikation der Bäume und Pflanzen miteinander: sie informieren einander über Schädlinge, indem sie Gase ausstoßen. Das ist ihre Sprache, so tauschen sie ihre Botschaften aus. Diese Terpene sind auch für Menschen gut und wir nehmen sie auf über die Atemluft und über die Haut. Es reicht also, sich an einen Baum zu setzen, ich muss nicht mal Sport treiben. Immerhin hat die Spezies Mensch jahrtausendelang in der Nachbarschaft zu Bäumen gelebt, nicht in Häusern, nicht in Städten. Zurück zur Natur, das klingt so kitschig. Aber so ist die Welt nun mal eingerichtet. Wir sind Teil der Natur und wir brauchen die Natur. Ich gehe total gern zu Dr. Wald in sein grünes Sprechzimmer. Tief einatmen: hm… Bald ist es wieder soweit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24354

Eine kurze Arbeitswoche beginnt, nur vier Tage. Weil gestern die meisten frei hatten. Weshalb eigentlich? Wegen Pfingsten. Wir Christen glauben, dass Gott nach der Auferweckung seines Sohnes Jesus vom Tod den Geist geschickt hat, damit wir Menschen nicht allein zurück bleiben. Dieser Geist hat es in sich; er schenkt denen, die darauf vertrauen, seine sieben Gaben: es sind die Gaben der Weisheit, der Einsicht, des Rates, der Erkenntnis, der Stärke, der Frömmigkeit und der Gottesfurcht. Ein ganzes Paket!

Bei den ersten fünf Gaben denke ich sofort, das kann ich brauchen. Aber Frömmigkeit und Gottesfurcht? Furcht ist sowieso erstmal kein gutes Gefühl. Ich fürchte mich vor schweren Krankheiten und vor großen Hunden – soll ich mich auch vor Gott fürchten?

Nein.  Gottesfurcht ist mehr mit Ehrfurcht zu vergleichen:  die Hochachtung vor der Größe Gottes. Ich spüre das, wenn ich im Dunklen in den klaren Sternenhimmel schaue und mir vorstelle, dass Gott das alles ins Rollen gebracht hat: das Universum, den Himmel, die Erde, alles, was ist. Das ist doch Staunens-wert.

Und ich fühle mich dann ergriffen und klein und trotzdem dem Großen nah.

Ehrfürchtig.

Aus der Ehrfurcht kann die Hinwendung zum Schöpfer wachsen, die Frömmigkeit. Fromm sind zum Beispiel die, in deren Gedanken und Sprache Gott auftaucht.

„Gott sei Dank, die Kinder sind wohlbehalten zuhause“.

 „um Himmels willen…nimmt denn der Krieg kein Ende?“

„Grüß Gott“ ist auch ein schöner Gruß in aller Herrgottsfrühe oder „a dieu“, wie in Frankreich. Fromm heißt, glaube ich, dass ich in meinem Leben Platz lasse für Gott.

Wer Gottes Geist geschenkt bekommt mit seinen sieben Gaben, der braucht erstmal zwei freie Tage, um die Geschenke auch auszupacken und zu würdigen. Pfingstsonntag und Pfingstmontag. Und  wer es nicht so hat mit dem Geist Gottes, der hatte  halt noch den Montag einfach so frei – das ist auch schön.


https://www.kirche-im-swr.de/?m=24353