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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Der Mensch: Ein Staubkorn. Wenn überhaupt. Klar, der Mensch weiß viel. Der Blick in den Himmel verrät das. Da können Wissenschaftler die Bahnen von Planeten entdecken, die Millionen Lichtjahre entfernt sind, eine Mondfinsternis voraussagen, die Entstehung des Universums erläutern. Aber mehr als erklären können sie nicht. Das Universum, die Planeten, der Mond, irgendetwas davon beeinflussen, das kann kein Mensch.

Ganz im Gegenteil: Wenn überhaupt, beeinflusst das Universum den Menschen. So glauben viele, dass der Mond auf Menschen und Lebewesen einwirkt. Und noch viel mehr Menschen glauben, dass die Stellung der Sterne bei der Geburt über den späteren Lebensweg entscheidet. Aber umgekehrt?

Der Blick in den Himmel verrät mir, wie unbedeutend wir Menschen im Maßstab des Universums sind. Wie wenig Einfluss wir haben und wie wenig wir ausrichten können. Und trotzdem hindert das alles nicht, dass ich über mich und andere Menschen nachdenke, dass ich nach Möglichkeiten suche, mein Leben gut zu leben, dass ich nach dem Sinn meines Handelns frage. Dass ich frage, warum ich Gefühle habe, warum ich trauere und fröhlich bin, Glück empfinde und Neid, Wut und Dankbarkeit.

Der Mensch ist ein Rätsel. Ich erlebe das Tag für Tag im Umgang mit unseren Kindern, die ich so gut kenne. Und dann bin ich doch immer wieder überrascht, was sie sagen, wie sich verhalten.

Auch der christliche Glaube löst das Rätselhafte des Menschen nicht auf. Ganz im Gegenteil: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Psalm 8,5) heißt es voller Staunen in der Bibel. Und ich glaube, dass das ein wichtiger Zugang zum Menschen ist: Ich staune, dass er überhaupt einen Platz im Universum hat. Für mich wächst aus diesem Staunen auch eine Erkenntnis: Es gehört ganz schön viel dazu, dass sich der Mensch in einer Ecke der Milchstraße entwickeln konnte, dass er überhaupt ist. Das macht ihn für mich wertvoll. Ganz egal, wie viel oder wenig Einfluss er hat.

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Ich möchte heute eine Lanze für das Unsichtbare brechen. Weil das Unsichtbare einen schweren Stand hat. Das, was man nicht sehen kann, das spielt für viele keine Rolle. Kein Wunder: Die moderne Welt, die Gegenwart, ist eine Gegenwart des Sehens. Bilder, Videos, Filme, Fotos – die Wirklichkeit ist illustriert. Real scheint das, was ich sehen kann. Wirklich ist das, wovon es einen Film gibt – oder zumindest Bilder.

Was soll da die Rede vom Unsichtbaren? Ich meine: Vieles von dem, was wirklich wichtig ist und zählt, was das Leben schön macht und bereichert, das ist nicht zu sehen. Als mein Vater gestorben ist, da lag er da, da war sein Körper zu sehen. Aber meine Erinnerungen an ihn waren unsichtbar: Der letzte Spaziergang durch den Wald, die Wasserschlacht vor Jahrzehnten in den Ferien, wie er mir meine erste Kamera erklärt hat, seine Zeitungslektüre am Frühstückstisch, das alles war da nicht zu sehen. Und trotzdem zählte es für mich. Mehr als ein Tod, den ich eindrücklich sehen konnte.

Ich erlebe, dass es mit vielem im Leben so geht: Liebe – nicht sichtbar, ein Lachen – auf keinem Foto so festgehalten, wie ich es in mir nachklingt, ein glücklicher Moment – unsichtbar, Musik – mehr als nur gedruckte Noten. Alles wichtig, alles unsichtbar.

Das Fest gestern, Christi Himmelfahrt, setzt dem Unsichtbaren ein Denkmal. Es erzählt davon, dass ein Mensch, Jesus nämlich, für immer geht. In der Tradition heißt das: In den Himmel auffahren. Gemeint ist aber: Dieser Jesus ist nun unsichtbar, er ist nicht mehr zu sehen. Trotzdem kann dieser Jesus erfahren werden. Wenn Menschen in seinem Geist handeln, wenn Sie auf andere zugehen, wenn Sie ein Lächeln schenken, wenn Sie sich einsetzen für Menschen am Rand. Dann wird Unsichtbares, dann wird Jesus, der Unsichtbare, sichtbar.

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Ein offener Himmel im Frühjahr tut einfach gut. Wenn es schon morgens heller wird, wenn die Wolkendecke aufreißt. Ich spüre das in diesen Tagen deutlich. Es spielt sich wieder mehr Leben unter freiem Himmel ab. Menschen schlendern über die Straße. Kinder malen mit Kreide im Hof. Ich kann mich auf den Rasen setzen und Tee trinken. Langsam ist wieder Wetter für eine Fahrradtour. Da blüht die Seele auf.

Auch mein Glaube hat mit dem offenen Himmel zu tun. Gerade jetzt, in den Tagen um Christi Himmelfahrt, wird mir das wieder deutlich. Die blühenden Pfingstrosen im Beet, der duftende Rasen nach dem Mähen, die Vögel in den Bäumen. Sie sind Bilder für die Natur, für eine wunderbare, für eine immer noch geheimnisvolle Schöpfung.

Es gibt vieles, was ich unter freiem Himmel entdecken kann – und was unglaublich ist. Die kleinen lila Blumen im Rasen, die sich irgendwie gegen den Rasenmäher behaupten. Die Radieschen, die in unserem kleinen Bett sprießen. Die Vögel, die den Morgen besingen.

Draußen, unter freiem Himmel, ist auch ein guter Ort für den Glauben. Der offene Himmel hilft, weiter zu sehen, neue Gedanken zuzulassen, das Wunder der Schöpfung zu erleben.

Klar, Glaube kann ich auch in geschlossenen Räumen erleben, in einer stillen Kirche, beim gemeinsamen Gottesdienst, manchmal auch im Gespräch mit Freunden am Esstisch oder beim Brötchen schmieren in der Küche. Aber die blühenden Blumen und der duftende Rasen bringen mich noch einmal auf andere Gedanken und Ideen. Ich sehe, wie unwiderstehlich Leben sich Bahn bricht. Erlebe, dass mich Luft, Sonne und ein freier Himmel weit machen, öffnen, dem Himmel entgegen. Das tut meinem Glauben gut.

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Helium – ein flüchtiges Element. Ein Edelgas. Helium ist nach Wasserstoff das zweithäufigste Element im Universum. Auf der Erde kommt es in Erdgas vor, wird aus den Tiefen unseres Planeten gefördert. Aber sobald es die Erdoberfläche erreicht hat, ist es nicht mehr zu halten. Verlässt die Erde, so schnell es kann. Das lässt sich bei Hochzeiten oder runden Geburtstagen beobachten, wenn heliumgefüllte Ballons aufsteigen. Die verschwinden in Windeseile in den Himmel, sind schnell nur noch winzige Punkte – und dann nicht mehr zu sehen.

Helium – ein flüchtiges Element. Für mich ein Bild für den Menschen. Ein wiederständiges Bild. Denn ich will ja eigentlich kein flüchtiges Element sein. Ich will Spuren hinterlassen. Eindruck machen. Will in Erinnerung bleiben.

Aber zum Menschsein gehört eben auch, dass ich mich verflüchtige. Denn ich werde vergehen, meine Spuren werden vergehen. Wer weiß nach meinem Tod noch von mir? Und was bleibt wirklich? Bin ich nicht so was wie ein Luftballon, der aufsteigt, schnell nur noch ein winziger Punkt am Horizont – und dann eben nicht mehr sichtbar?

Aber das Element Helium erinnert mich auch daran, dass es diese wunderschönen Momente im Leben gibt, wo ich das Gefühl habe abzuheben, zu schweben, aufzusteigen. Wenn ich meine Frau ansehen und sie lächelt mich an. Wenn ich in den Ferien morgens an einem Ufer sitze und den Wellen zusehe. Wenn mich auf dem Fahrrad der Rückenwind den Berg hinaufbläst. Dann kann ich schweben.

Ich will in Erinnerung bleiben. Ich werde vergehen. Ich kann abheben. Das sind drei von vielen Arten, das eigene Leben anzusehen. In allen dreien sehe ich eine Botschaft: Weil ich nicht ewig bin und bleibe, ist der einzelne Moment wichtig. Das, was ich heute erlebe, tue und denke, ist einmalig – und deshalb wertvoll.

Nach einer Idee von Florian Sobetzko

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Flüchtige Begegnungen – die sind was Schönes. Das unerwartete und kurze Treffen mit unbekannten Menschen. Ein paar Worte, die wir austauschen, ein Blick nur, eine ganz kurze gemeinsame Zeit. Aber eine Zeit, die oft genug bleibt. Weil sie mein Leben überrascht und reich macht.

Was ich meine? Ich drehe am letzten Wochenende mit dem Fahrrad eine Runde. Es tröpfelt. An einer Ampel stehen zwei Fahrradfahrer. Alte Fahrräder, Gepäcktaschen aus dem vorigen Jahrhundert. Sie beugen sich über eine Karte. „Kann ich helfen?“ frage ich. „Ja, “ sagt die Frau, „wir haben uns total verfranst.“ „Wohin wollen Sie?“ „Wir suchen den Rhein“, sagt der Mann und lacht. Wir kommen ins Gespräch. Die beiden sind in Etappen unterwegs: Vom Bodensee bis an die Nordsee. Einmal Deutschland Süd-Nord, immer am Rhein entlang. Aber den haben sie, hier an einer Ampel in einem Industriegebiet in Mainz, aus den Augen verloren.

„Ich nehm‘ Sie ein Stück mit,“ sage ich. Für mich ist das kein Umweg. Die beiden sind gar nicht so falsch gefahren und der Rhein ist gleich um die Ecke. Wir brechen auf, fahren nebeneinander her, unterhalten uns. Sie erzählen von ihrer letzten Etappe. Dann wird der Regen stärker. Wir verabschieden uns kurz und ich sause nach Hause.

Aber die Begegnung im leichten Regen wirkt nach. Wir waren uns völlig unbekannt. Die beiden waren froh, dass ich den Weg kannte. Und ich selbst habe mich nett unterhalten, ein bisschen was über Sie und über ihre Radtour erfahren. Wir haben unser Leben miteinander geteilt. Für ein paar Kilometer. Etwas ganz Banales eigentlich. Aber etwas, das glücklich machen kann.

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