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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Reingefallen – bin ich vor einigen Jahren. Ich bekam eine Mail mit dem Hinweis: Ich könne an einer Lotterie für einen Punkteerlass beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg teilnehmen. Angeblich würde das Amt 60.000 Punkte verlosen. Damit wolle das Amt sein Image aufpolieren. Ich habe mich natürlich gleich angemeldet. Und ich habe es auch direkt weitererzählt. Kollegen und Freunde sollten ja auch davon profitieren können.

Leider hieß es in einer Mail am nächsten Tag: April, April.

Wie unangenehm! Es war mir total peinlich! Und der Spott von Kollegen und Freunden ließ auch nicht lange auf sich warten. Wie konnte ich darauf reinfallen? Mein einziger Trost war: Ich war nicht die einzige – unzählige Menschen haben sich für die Lotterie angemeldet.

Heute finde ich diese Geschichte sehr amüsant. Und inzwischen lache ich gerne über mich selber. Denn offensichtlich fand ich einen möglichen Punkteerlass sehr verlockend. Ich habe daher nicht richtig nachgedacht. Ich wollte es nur zu gern glauben.

Inzwischen hat das Thema der Falschmeldung aber leider einen faden Beigeschmack: Es ist nicht mehr auf den 1. April beschränkt. Es begegnet beliebig oft an 365 Tagen im Jahr. Und es kommt daher unter dem Titel „fake news“ oder „alternative Fakten“. Leider werden diese Nachrichten nicht einfach vom Absender aufgelöst mit: April, April. Noch schlimmer sind die Konsequenzen dieser gefälschten Nachrichten: sie stiften allgemeine Verwirrung, sie verunsichern, machen Angst, beeinflussen Wahlen. 

Hier hört der Spaß auf. Ich bin persönlich gefragt. Es geht darum, Verantwortung wahrzunehmen. Inhalte zu prüfen und sie nicht einfach über soziale Netzwerke weiterzuverbreiten und zu teilen. Ich finde das oft anstrengend und mühsam. Aber es muss sein. Denn hier reinzufallen, gefährdet unsere Freiheit und unsere Demokratie.

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„Du hast Wurstfinger!“ Diesen Satz sagte ein Mitschüler in der siebten Klasse zu mir. Ich weiß noch genau wie peinlich mir diese Bemerkung war. Während sich der Mitschüler lachend wieder nach vorne drehte, starrte ich meine Finger an. Am liebsten hätte ich sie versteckt, mich drauf gesetzt. Vergessen habe ich diese Aussage bis heute nicht.

Beim Aussuchen der Eheringe – also 25 Jahre später – war sie wieder da: „Du hast Wurstfinger.“ Ich bin froh, dass mein Ring immerhin eine Nummer kleiner ist als der von meinem Mann.

Ich bin mir sicher, dass der Mitschüler sich nicht mehr an den Satz erinnern kann. Er wird sich nicht viel dabei gedacht haben. Solche Sätze sind schnell dahin gesagt. Vermutlich habe ich selbst auch schon Bemerkungen gemacht, die bei anderen eine ähnliche Wirkung haben. Das Problem ist dann nur immer: Der Satz ist in der Welt. Und man muss lernen, damit umzugehen.

Dabei geht es nicht darum, sich eine verletzende Bemerkung schön zu reden. Denn im Fall meiner Finger gehört die Erkenntnis dazu: Die Bemerkung ist nicht gelogen.  Eher plump formuliert. Wirklich grazil sind meine Finger nicht.

Es geht wohl um etwas anderes. Es geht darum: Eine positive Idee von sich selbst zu entwickeln. Es geht darum: Sich selbst annehmen zu können. –  Sich selbst zu lieben.  In meinem Beispiel: So wie meine Finger sind, gehören sie zu mir. Ich kann ihnen auch etwas Gutes abgewinnen: Es sind Hände zum Zupacken. Sie sind robust und halten einiges aus. Nur wirklich schön sind sie halt nicht.

Ein Gedanke kommt allerdings noch hinzu. Ein Gedanke, der mich ein wenig mit meinen Fingern versöhnt:

Meine Hände erinnern mich an meinen Großvater, er hatte die gleichen zupackenden Wurstfinger. Und meinen Großvater, den habe ich sehr gemocht.

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„Der Mensch kann sich an alles gewöhnen.“ Diesen Satz las ich in einem Zeitungsartikel. Der Artikel beschäftigt sich mit Terroranschlägen.

Ich fühle mich ertappt. Ich muss an den Anschlag in London vor wenigen Tagen denken. Und den Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt im letzten Dezember habe ich auch noch direkt vor Augen. Aber die Anschläge in Brüssel am 22. März 2016 – also fast genau vor einem Jahr – habe ich vergessen. Erst durch die Nachrichten bin ich wieder daran erinnert worden. In Brüssel starben 35 Menschen, 340 wurden verletzt. Offensichtlich habe ich mich also bereits an die ständigen Anschläge gewöhnt. 

„Der Mensch kann sich an alles gewöhnen.“ In dem Zeitungsartikel werden die Schicksale einzelner Frauen und Männer in Brüssel beschrieben. Sie starben durch die Anschläge oder sie wurden schwer verletzt.

Diese Schicksale der einzelnen Menschen berühren mich. Wie konnte ich es vergessen? Paris, Brüssel, Nizza, Istanbul, Berlin, London… Die Nachrichten und Bilder ähneln sich. Sie vermischen sich in meinem Kopf miteinander. Wann war was?

In der Zeitung lese ich: „Je mehr eine Gesellschaft vom Terror erschüttert wird, desto mehr gewöhnt sie sich daran.“ Sich zu gewöhnen ist also normal. Das tut ein Mensch immer.

Aber „sich zu gewöhnen“ bedeutet nicht „abzustumpfen“. Das merke ich beim Lesen des Artikels. Es ist mir nicht egal. Die einzelnen Schicksale der Menschen machen mich traurig und fassungslos. Das war so bei den ersten Berichten von Anschlägen. Das ist heute so. Ich empfinde Mitleid mit den Toten, den Überlebenden, ihren Familien. Ja, vermutlich auch mit den Tätern. Bei ihnen muss etwas völlig aus dem Ruder gelaufen sein. Sie haben es wohl verloren: Die Fähigkeit mit zu leiden – Anteil zu nehmen am Schicksal anderer.

Das will ich mir bewahren! Das Leid soll nicht an mir abperlen. Ich will mich davon berühren lassen - trotz aller Gewöhnung.

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„Ein Glaube, der nicht in die Krise gerät, um an ihr zu wachsen, bleibt infantil.“ Das hat einer gesagt, der sich mit dem Glauben auskennt: Papst Franziskus. Vor zwei Wochen habe ich es so in der Zeitung gelesen, in einem langen Interview, das Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der Zeit, mit dem Papst führte. Di Lorenzo fragte den Papst über den Umgang mit Glaubenskrisen und dass dies wohl ein Tabuthema in der katholischen Kirche sei. Und darauf meinte der Papst. „Ich will nicht sagen, dass die Krise das tägliche Brot des Glaubens ist, doch ein Glaube, der nicht in die Krise gerät, um an ihr zu wachsen, bleibt infantil.“ Also ein Glaube, der keine Krise kennt, bleibt in den Kinderschuhen stecken. Ich versuche es jetzt schon mehrere Jahrzehnte: das mit dem Glauben. Und im Großen und Ganzen bin ich damit bis jetzt auch gut gefahren. Ich lebe gerne, bin eher ein fröhlicher Mensch, fühle mich wohl dort, wo ich lebe und hoffe, dass es gut ausgeht mit meinem Leben. Und trotz dieser eher optimistischen Grundhaltung kenne ich auch die Glaubenszweifel. Des Öfteren frage ich mich: Ist das wirklich wahr, die Geschichte mit Jesus und mit Gott, dem gütigen Vater im Himmel. Die Sache mit der Auferstehung und dem Leben nach dem Tod. Bei vielen Beerdigungen stelle ich mir die Frage, werde ich diese Verwandte, diesen Freund wirklich wiedersehen - da irgendwo im Jenseits? Oder ist das Ganze nur ein Märchen, eigentlich viel zu schön um wahr zu sein. Wissen, tue ich es nicht. Glauben – gerne, aber es klappt nicht immer.

Deshalb haben mir die Worte des Papstes gut getan. Krisen gehören zum Glauben dazu. Mehr noch: Ohne sie kann der Glaube nicht wachsen, er bleibt in den Kinderschuhen stecken. Wenn schon der Papst so klare Worte dazu findet, gibt es eigentlich keinen Grund, Glaubenskrisen zu einem Tabuthema zu machen.

* Die Zeit – Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Wissen und Kultur. 9. März 2017 Nr.11, S. 15

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Wegwerfen oder behalten? Das ist im Moment eine Dauerfrage für mich. Ich muss aufräumen oder besser gesagt ausmisten. Mein Arbeitszimmer bekommt einen neuen Boden und dafür muss alles raus. Schränke, Regale, Schreibtisch und vor allem die vielen Sachen, die sich darin befinden. Nicht nur Bücher, Zeitschriftenartikel, CDs und Akten aller Art, sondern auch die vielen kleinen Sachen. Vom Glücksschwein, das mir mal einer geschenkt hat, über die Muschel vom Strandurlaub bis hin zu den ersten Gemälden der Enkelkinder. Ich gebe zu, ich tue mich schwer mit dem Wegwerfen, denn mit allem sind Erinnerungen verbunden und meist positive. Ich hoffe mal, auch wenn ich die Muschel wegwerfe, dass die Erinnerungen an den Strandurlaub bleiben werden. Denn ich kann nicht alles aufbewahren, dafür reicht der Platz einfach nicht. 

Im Moment ist Fastenzeit und da passt das ganz gut mit dem Aufräumen und Ausmisten. Denn darum geht es auch beim Fasten. Es geht um ein innerliches Aufräumen und Ausmisten. Umkehr nennt die Bibel das. Sprich man soll alles, was man so tut und denkt, auf den Prüfstand stellen. Ist das noch das, was ich eigentlich will? Entspricht das noch meinen Zielen, meinen Vorstellungen vom Leben: Die Mitgliedschaft in diesem Verein, die Spende für jenen Club, das Engagement in der Sache oder bin ich einfach nur zu faul, mich zu verändern, was anders zu tun, Neues zu beginnen.

Genau wie bei den vielen kleinen Sachen in meinem Arbeitszimmer, tue ich mich auch beim innerlichen auskehren schwer. Aber wenn ich was Neues machen will, muss ich dafür Platz machen und das heißt: Ich muss mich von Altem verabschieden. Manchmal auch von etwas, was mir sehr lieb und teuer ist. Was ich auch hier erhoffe: Dass die Erinnerungen daran bleiben werden.

So wie ich das Rauschen des Meeres hören kann auch ohne die Muschel auf meinem Schreibtisch.

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„I’am singing in the rain.” Wie ich finde ein wunderschönes Lied. Und das liegt nicht nur an seiner eingehenden Melodie und dem swingenden Rhythmus. Es liegt auch an dem einfachen Text und der Botschaft, die darin steckt. „I am singing in the rain“ – ich singe im Regen. Ich bin so gut drauf, dass ich mir durch das Wetter nicht meine Stimmung verderben lasse. Berühmt wurde das Lied durch das gleichnamige Filmmusical, das heute vor 65 Jahren Premiere hatte. Gene Kelly spielt darin einen Mann, der so verliebt ist, dass auch der dickste Regen ihn nicht davon abhält, zu singen und zu tanzen. Wie es im Text heißt: Ich lache die dunklen Regenwolken aus, weil ich die Sonne im Herzen habe.  

Ich erinnere mich an meine Zeit als Pfadfinder. Jedes Jahr waren wir im Zeltlager und oft hatten wir kein gutes Wetter. Manchmal tagelang nichts als Regen. Da hatte man nur zwei Möglichkeiten: Entweder den Lagerkoller bekommen und sich gegenseitig anmotzen oder „I’am singing in the rain“ singen und trotz Dauerregens Spaß miteinander haben. Singen, tanzen, lachen, Karten spielen, Geschichten erzählen und sich einfach nicht daran stören, dass die Klamotten langsam nass und der Schlafsack klamm wurde. Mit „I’am singing in the rain“ haben wir dem Regen getrotzt und die Stimmung hoch gehalten.

Sicherlich viele meiner Probleme, die ich heute habe, sind größer als der Dauerregen damals im Pfadfinderzeltlager. Aber was meine Stimmung betrifft, so hilft es mir manchmal auch heute noch einfach mal „I’am singing in the rain“ zu singen. Und dabei mit den Fingern zu schnipsen und mit den Füßen zu tanzen. Das löst natürlich meine Probleme nicht, aber es hilft mir mich für einige Minuten mal von meinen Problemen zu lösen. Und das tut einfach nur gut. 

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