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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ich habe so eine Angst“. Mit diesen Worten begrüßt mich eine Patientin als ich in ihr Zimmer trete. Ich begleite sie seit einiger Zeit. Sie wird bald sterben. Und sie weiß das. „Was könnte helfen gegen die Angst“, frage ich sie. „Nicht hier zu sein“, meint sie. Ich frage weiter „Wo wären Sie denn jetzt gerne?“- „In Sri Lanka“, sagt sie und lächelt. „Da war ich mal mit meinem Freund. Und es war so wunderschön dort“. Und dann reisen wir gemeinsam dorthin. In Gedanken. Wir schließen die Augen und sie erzählt mir, wie es dort aussieht. Manchmal frage ich nach, wenn ich etwas genauer sehen will. Gemeinsam gehen wir am Strand spazieren. Wir hören das Meer rauschen, spüren den Sand zwischen unseren Fußzehen. Wir sehen Frauen in bunten Saris und Männer in gestreiften Sarongs, das ist so eine Art Wickelrock. Wir riechen das Curry, das in einem Strandrestaurant gerade zubereitet wird. Sie beschreibt, wie das Curry aussieht und schmeckt und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Irgendwann sagt sie: „Jetzt habe ich keine Angst mehr. Wenn ich gehe, wird alles gut.“ Kurz darauf schläft sie ein. Sie hat ihren Zufluchtsort noch einmal gesehen und sie hat ihn mir gezeigt. Ein paar Tage später ist sie gestorben.

Für mich war ihr besonderer Zufluchtsort nicht nur die Erinnerung an schöne unbeschwerte Urlaubstage. Es war, als hätte sich für uns beide der Himmel geöffnet. Wir wissen ja alle nicht, wie es dort aussieht, wo das Leben endet und dann, wie ich glaube, nach dem Tod neu beginnt. Aber ich bin fest davon überzeugt:  wenn wir hier auf der Erde einmal erlebt haben, wie sich der Himmel öffnet, dann brauchen wir keine Angst haben, wenn wir diese Erde einmal verlassen.

Wer einmal einen Hauch von der Ewigkeit gespürt, gesehen oder gerochen hat, der muss sich nicht mehr vor ihr fürchten. Gott will uns hier schon begegnen, damit wir dort keine Angst mehr haben.

 

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Vor drei Wochen habe ich eine ganz besondere Taufe miterlebt. Wir haben nicht in einer Kirche oder einem Gemeindehaus gefeiert, sondern in einem Krankenhaus. Genauer: auf der Kinderintensivstation. Da haben wir miteinander Taufe gefeiert. Die Eltern, eine Oma, zwei Ärzte, eine Krankenschwester, der Pfarrer, seine Frau und ich.

Dabei haben die Ärzte, die Schwester und ich kein Wort verstanden. Weil der Pfarrer koreanisch gesprochen hat. Trotzdem konnten wir mitfeiern. Weil wir gespürt und gesehen haben, was  geschehen ist. Dreimal hat er die Stirn des Kindes mit Wasser benetzt.

Seit September begleite ich jetzt die Eltern und ihr Kind. Es ist schwerkrank auf die Welt gekommen und braucht intensivmedizinische Versorgung. Die Kinderklinik ist den Eltern in diesen Monaten zu einem zweiten Zuhause geworden. Hier fühlen sie sich und ihr Kind gut aufgehoben, gut versorgt vom Pflegepersonal und den Ärztinnen und Ärzten. Wir sprechen nicht die gleiche Sprache, verständigen uns auf Englisch. Doch manchmal braucht es keine Sprache; Weinen, Lachen, Seufzen, Aufatmen und Schweigen braucht keine Übersetzung. Dann wieder kommen wir mit Englisch an Grenzen und stammeln nur herum. Manchmal fehlen uns überhaupt die Worte.

Das Kind hört seit seiner Geburt die Muttersprache seiner Eltern, koreanisch und  Englisch und Deutsch. In allen Sprachen aber strömt ihm Liebe entgegen und die große Hoffnung, dass es leben darf. Die Eltern haben ihrem Kind einen Namen gegeben, der das zum Ausdruck bringt. Auf Deutsch bedeutet er Hoffnung.

Und jetzt wollten sie ihr Kind taufen lassen. Ganz bewusst auf der Kinderintensivstation. Weil sie hier geweint, gehofft und gelacht haben. Der Pfarrer ihrer Gemeinde hat ihr Kind getauft. In ihrer Muttersprache.

Doch das Besondere der Taufe ist ja: sie verbindet Menschen verschiedenster Sprache und Herkunft. Und sie erinnert daran, dass wir durch die Taufe zu der einen großen und bunten Familie der Kinder Gottes gehören. Taufe, das ist unser gemeinsamer Zufluchtsort. Sie sagt uns: wir gehören zusammen- über Grenzen hinweg. Als Gottes geliebte Kinder.

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Manchmal habe ich das Gefühl: das wird mir alles zu viel. Zu viele Krisengebiete auf der Welt, zu viele engstirnige Menschen, Konflikte unter Kollegen. Krisen gehören zum Leben aber manchmal sind es zu viele Missklänge.

Ich weiß nicht, was Sie dann machen. Mir helfen dann harmonische Klänge. Eine schöne Melodie. Ein einfacher Text. Auch wenn es hart an der Kitschgrenze ist, mag ich dieses Lied:

„Du bist mein Zufluchtsort, ich berge mich in deiner Hand, denn du schützt mich, Gott. Wann immer mich Angst befällt, traue ich auf dich.“ Wenn ich dieses Lied vor mich hin singe, dann bekomme ich ein wenig Abstand von dem, was mich kirre macht. Und finde Gott sogar dort, wo ich ihn gar nicht vermutet hätte.

Zum Beispiel im 7. Stock des Westpfalzklinikums. Da bin ich jeden Tag mal. Weil da unsere Kapelle ist. Meine Zuflucht, wenn ich die Stille brauche.

Irgendwann habe ich direkt neben dieser Kapelle ein kleines Büro entdeckt. Neugierig hab ich einfach mal angeklopft. Ein freundliches ‚Herein‘ bittet mich, näher zu treten. Hinter einem Schreibtisch sitzt eine Frau, etwa so alt wie ich und lächelt mich an. „Ich bin hier Krankenhauspfarrerin!“ sage ich zu der Frau und sie bittet mich, Platz zu nehmen. Dann reden wir miteinander. Erzählen von unserer Arbeit. Nach einiger Zeit gehe ich wieder.

Seit diesem Tag stecke ich oft den Kopf durch ihre Tür. Manchmal sage ich nur hallo, manchmal setze ich mich kurz hin. Und wenn ich möchte, schenkt sie mir leckeren Waldfruchttee ein oder ein Glas frisches Wasser.

Inzwischen kennen wir uns schon so gut, dass ich reinkommen, auf den Stuhl plumpsen und einfach laut seufzen kann. Als ich vor ein paar Tagen angeklopft habe, war da jemand bei ihr im Büro. Sie stellt mich vor mit den Worten: „Das ist meine Pfarrerin!“ und ich sage: „Das hier ist mein Zufluchtsort!“

Weil diese Frau in dem kleinen Büro genau das für mich geworden ist. Ein Zufluchtsort inmitten einer krisengeschüttelten Welt. Reinkommen, auf einen Stuhl plumpsen und da sein dürfen. Und dann wieder gestärkt zurück in den Berufsalltag.

Wo haben Sie eigentlich Ihren Zufluchtsort?

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„Befreiung ist noch schöner als Freiheit.“ Diesen Satz hat  der scheidende Bundespräsident Gauck mal gesagt. Befreiung - das war für ihn vor allem die Zeit, als die Mauer fiel. Da haben viele schon nicht mehr so recht an Freiheit glauben können: Reisefreiheit, Pressefreiheit, keine Angst vor Bespitzelung und Verfolgung haben zu müssen: Neue Freiheitserfahrungen - wie ein Wunder! 

Heute ist das für die meisten von uns selbstverständlich, gerade im Westen. Wir haben uns daran gewöhnt. 

„Befreiung ist noch schöner als Freiheit“ – denn wer unfrei war, der kann den Moment der Befreiung wirklich wertschätzen und weiß, wie wertvoll Freiheit ist! Und doch werden heute weltweit eher wieder Mauern errichtet. Gegen Fremde, gegen andere Kulturen und Religionen.  Mauern -  auch aus Angst und Unsicherheit.

„Befreiung ist noch schöner als Freiheit.“ Dieser  Satz erinnert mich an die große Befreiungsgeschichte aus der Bibel, wo Mose das Volk Israel aus der Gefangenschaft in Ägypten in die Freiheit führt. Damals mussten die Israeliten einen harten Weg auf sich nehmen. Sie wussten: Freiheit ist nicht selbstverständlich. Und es gibt Not und Entbehrung auf dem Weg in die Freiheit. Ein Weg, auf dem Angst und Egoismus
nur aufhalten.                                                                                          

„Ihr seid zur Freiheit berufen!“, hat später auch Paulus seine Gemeinde erinnert. Und ich verstehe das als Aufruf, auch selber etwas für die Freiheit zu tun.  Ich kenne eine ältere Frau, die engagiert sich seit vielen Jahren bei Amnesty International. Schreibt Briefe und nimmt Anteil am Schicksal von politisch Gefangenen, um für sie einzutreten. Weil sie sagt: „Mir geht es gut. Ich lebe in einem freien Land  – deshalb will ich was tun für die, die verfolgt werden, denen es nicht so gut geht wie mir!“ 

„Ihr seid zur Freiheit berufen!“ meint Paulus. Wir sind dazu berufen, Momente der Befreiung zu erleben und für andere möglich zu machen. Anderen die Hand reichen, das geht auch hier vor der eigenen Haustür: Vorurteilen und Angst keinen Raum zu geben. Das ist auch eine Form von Befreiung. Jeden Tag neu!

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Einfach darauf vertrauen, dass es gut wird – das wär´s doch! Mir fällt das oft schwer. Weil ich oft hin- und hergerissen bin. Manchmal  fühle ich mich voller Energie -  und zugleich überfordert. Oder voll Hoffnung und zugleich voller Zweifel. 

So wie ein Mann, von dem die Bibel erzählt. Sein Sohn war sterbenskrank. Und der Mann wusste:  Jetzt kann nur noch ein Wunder helfen.  Der Mann hatte viel Gottvertrauen. Aber er war zugleich fast hoffnungslos. Weil er nicht wusste, wie es weitergeht. Deshalb sagt er zu Jesus: „Ich glaube ja, aber bitte hilf meinem Unglauben.“ Und Jesus hilft ihm. 

In einer Konfirmandengruppe haben wir über diesen Satz mal gesprochen und ein Konfirmand hat gesagt: „Das ist doch Unsinn, Entweder glaubt man oder man glaubt nicht. Und es heißt doch: Glaube kann Berge versetzen! Hilf meinem Unglauben – das passt nicht.“ So der Konfirmand. 

Aber für mich ist der Satz so hilfreich, gerade weil er so widersprüchlich ist, Weil ich oft widersprüchliche Erfahrungen machen. Es muss gar nicht ein großes Unglück passieren, wie bei dem Mann mit dem kranken Sohn. Manchmal genügt es schon, wenn der Tag mit Kopfschmerzen beginnt und mit Pannen weitergeht.  Und schon ist es vorbei mit dem Gottvertrauen  und Selbstvertrauen. Und ich kann nur noch sagen: Ich glaube - hilf meinem Unglauben. 

Später fand mein Konfirmand übrigens den Satz doch nicht mehr so übel. Er hat erzählt, dass ihm der Satz mal einfiel, vor einer Klassenarbeit : „Da war ich echt in Panik. Alles, was ich gelernt habe, war wie weggeblasen: ich wollte schon einpacken. Aber dann ist mir dieser Satz eingefallen. Und ich hab mir gesagt: ,Ich möchte glauben, dass ich das jetzt schaffe. Aber Gott, hilf doch auch meinem Unglauben.‘ Irgendwie war ich dann nicht mehr so panisch. Und am Ende lief es dann doch gar nicht so schlecht!“ meinte er kopfschüttelnd und lachte. 

Ich hoffe, dass mir dieser Satz dann auch wieder einfällt: Wenn bei mir wieder so ein Alles-Geht-Schief-Tag kommt - oder etwas Ernstes passiert. Dass ich dann zu Gott sagen kann: „So einfach ist das alles nicht. Ich will ja wirklich glauben, dass Du mir hilfst. Aber bitte sei auch da, wenn ich Zweifel habe!“

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Meine Tochter hat morgens neuerdings  einen ganz  festen Zeitplan. Zwischen aufstehen, waschen, anziehen, frühstücken und zur Schule gehen ist ihr eins ganz wichtig: Es müssen noch 15 Minuten Zeit bleiben für das Wichtigste am Morgen. Für sie ist das Zeit, um mit ihrem Hund zu kuscheln. Dafür beeilt sie sich mit allen anderen Dingen. 

Staunend beobachte ich, wie ihr das jeden Morgen gelingt. Wie die beiden dann diese gemeinsame Zeit genießen. Ich versuche das ja auch oft. Alles ein bisschen schneller machen, um Zeit zu haben  - für das, was mir wichtig ist. Aber leider bleibt das Wichtigste bei mir trotzdem meist auf der Strecke. Und wenn ich mich umschaue, geht das vielen so. Vom Thermomix über Emails  bis hin zum Meeting per Skype - überall wird Zeit gespart. Noch effektiver, schneller, strukturierter.                                                                   

Einer Pflegekraft werden schon lange für manchen Handgriff nur noch fünf Minuten zugestanden. Zeit wird eingespart. Aber was hat der Einzelne oder die Einzelne davon?  Oft noch mehr Arbeit, aber kaum Zeit für das, was einem wirklich wichtig ist. Auch für etwas,  was vielleicht unvorhergesehen hereinschneit. Wenn jemand mal einfach reden will. Oder einen Spaziergang machen, weil gerade die Sonne mal scheint.

Oder für eine kurze Auszeit bei einer Tasse Tee. Das gerät oft aus dem Blick.  Und man fragt sich am Ende des Tages: Warum habe ich mich eigentlich so beeilt? Wofür? 

Von meiner Tochter habe ich neu gelernt,  mich morgens mal zu fragen: Was ist mir heute Morgen besonders wichtig? Und was im Lauf des Tages? To-do-Listen schreiben und sich eine Zeitstruktur geben ist sicher gut. Aber nicht dafür, dass ich mir immer noch mehr in den Tag packe. Sondern dafür, Raum zu schaffen: Zum Beispiel für Zeit für die Familie, für andere. Für sich selber – mal aufzutanken. Und Zeit für Gott zu haben, für ein Gebet. Etwas Aufbauendes zu hören. 

Bei  meiner Tochter kann ich jeden Morgen sehen, wie gut das tut. Wenn sie nach der Kuschelzeit mit unserem Hund ihre Tasche packt und in den Tag hinausgeht. Aufgetankt und voller Tatendrang.

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