Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ein schönes Bild: vor leuchtend orangem Hintergrundzwei Felsen, die durch eine Hängeseilbrücke verbunden sind. Auf der Brücke stehen zwei Menschen. Sie halten sich an dem Geländerseil fest, einer schaut in die Tiefe, der andere geht seinen Weg.  Ich habe Höhenangst und steige nicht mal gern auf einen Stuhl, aber ich sehe: das wirkt alles sehr stabil und zuverlässig. Das Bild ist das Titelbild auf dem Flyer einer Veranstaltung, die heute stattfindet. Ärzte, Selbsthilfegruppen, Psychologen und andere Fachleute laden heute zum dritten Krebstag in Rheinland Pfalz nach Koblenz ein. Der Titel der Veranstaltung: ein Netz, das trägt.

In diesem Netz sollen Menschen aufgefangen sein, die an Krebs erkrankt sind. Wer diese Diagnose bekommt, ist erstmal total schockiert und denkt gleich an den Tod. Heutzutage sind viele Krebserkrankungen heilbar. Aber das Wort Krebs löst doch bei den meisten erstmal große Angst aus. Da kann ein Treffen mit anderen Patienten und mit vielen Fachleuten eine Hilfe sein.  Die Menschen können sich informieren, sich gegenseitig bestärken, Erfahrungen austauschen und Neues lernen.

Natürlich brauche ich, wenn ich eine schlimme Krankheit habe, erstmal meine Familie und meine Freunde. Aber ich weiß, dass sich viele Patienten auch in diesem Netz der Krebsgesellschaft gut aufgefangen fühlen. Sie sehen, dass sie nicht allein sind und sie spüren, wie viele Experten ihnen helfen, mit der Krankheit zurecht zu kommen. Als Krankenhausseelsorgerin bin ich auch Teil von diesem Netz. Ich weiß, wie sich viele Patienten fühlen: wie durch die Wäschetrommel gejagt. Wie ein spiegelglatter See, in den jemand einen dicken Stein geworfen hat und dessen Oberfläche jetzt wild in Bewegung geraten ist. Als ob ihnen jemand den Boden unter den Füßen weggezogen hat und sie im freien Fall abstürzen. Da brauchen sie das Netz, das trägt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22938

Sechs Kinder hat die Patriarchin groß gezogen. Viele Enkel und Urenkel kamen im Lauf der Jahre hinzu. Der Mann starb. Die Firma ging an den ältesten Sohn. Jetzt ist die Dame alt geworden, lebt allein in dem großen Haus. Ihr einst sicherer Schritt ist unsicher geworden: sie taumelt durch die Wohnung. Wer ihr zuschaut, möchte gleich zu Hilfe springen, aber dann schaut sie entrüstet: was habt ihr denn?

Sie selbst merkt nicht, wie sie abbaut. Sie erzählt viele Geschichten nicht doppelt, sondern viele Male; manchmal hebt einer der Enkel unterm Tisch vier Finger oder die ganze Hand. Heißt: das hab ich schon fünf Mal gehört, und die Jungen lächeln dann miteinander. Ohne Häme; sie mögen die alte Dame. Eines Abends schlägt sie Alarm: kein Brot mehr im Haus. Für sie ist das eine Katastrophe – Kriegskind, hat die Hungerjahre im Krieg und später erlebt. Die Kinder versuchen alles, damit die alte Dame noch am gleichen Abend ein Brot bekommt.

Wie wird es weitergehen? Wird sie irgendwann im Rollstuhl sitzen, ans Bett gefesselt sein? Muss sie doch ins Altenheim? Keine schönen Aussichten, und so klar ist die Patriarchin schon, dass sie ahnt, was da noch alles kommen kann. Nicht mehr viel Schönes. Und nur mit sehr viel Glück bleibt sie gesund und ist eines Morgens tot. So wünscht sie sich das, so wünschen es ja viele.

Um die Angst vor der Zukunft  nicht zu groß werden zu lassen, betet sie jeden Tag.

„ Herr, hier bin ich. Gib mir nur heute die Kraft den Tag zu überstehen. Lass mich spüren, dass du mir heute beistehst. An morgen kann ich noch gar nicht denken. Amen“.

Das Gebet gefällt mir. Es ist nicht nur geeignet für alte Damen, es passt auch für mich. Gestern ist vorbei und morgen kommt erst noch: nur der heutige Tag ist wirklich in meiner Hand. Und dass Gott mir nur heute hilft, darum bitte ich auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22937

„Wenn ich traurig bin, spreche ich mit einem Baum“ sagt ein kleines Mädchen aus China in einem Dokumentarfilm. Sie gehört zu den ungefähr 61 Millionen Kindern, die ohne ihre Eltern aufwachsen müssen. Ein Teil hat nur Vater oder Mutter, ein großer Teil lebt bei Großeltern, anderen Verwandten oder einfach bei Nachbarn. Und zwei Millionen haben wirklich niemanden. Chinesisch heißen diese Kinder liushu ertong: nestkalte Kinder. Ein kaltes Nest – ohne Papa und Mama, ohne Beschützer, die zu mir gehören. Ich kann mir das richtig vorstellen, wie sie irgendwo auf dem Land leben, in den Bergen, tausend Kilometer entfernt von ihren Eltern, kleine Socken mit zwei, fünf, acht Jahren, die von irgendwelchen älteren Verwandten mit versorgt werden und sich hauptsächlich allein durchschlagen.

Natürlich lassen die Eltern ihre Kinder nicht in böser Absicht allein. China ist ein Land mit großem Wirtschaftswachstum, aber die Arbeit gibt es nur in den Städten. Dort ist Wohnraum und Lebensunterhalt sehr teuer. Also stehen die Eltern vor der Wahl, ihre Kinder in der Armut auf dem Land groß zu ziehen oder ohne sie in die Städte zu gehen und durch mehr Geld die Perspektiven der Kinder zu verbessern. Eine schreckliche Wahl.

Vergangenen Sommer haben sich vier Geschwister das Leben genommen, weil sie ganz ohne jede Hoffnung waren, dass es irgendwann ein warmes Nest geben könnte für sie. Der Älteste war 13 Jahre alt. Der Tod der vier hat die Regierung in China wachgerüttelt; es gibt jetzt verschiedene neue Gesetze. Hoffentlich hilft das. Und ich habe über einen Lehrer gelesen, der die liushu ertong unterrichtet. Er hat sie ermutigt, Tagebuch zu schreiben. So bekommen sie ein Gefühl dafür, wie es ihnen geht und was ihnen fehlt. Ein Mädchen fasste ihre Situation in die Worte: “ich weiß gar nicht, was ich vermisse. Vielleicht brauche ich jemanden, der sich um mich kümmert.“ Glücklicherweise ist dieser Lehrer da.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22936

Das Fürbittenbuch liegt in der Kirche offen aus. Jeder kann dort seine Anliegen eintragen. Die Texte reichen von der Bitte für die krebskranke Angehörige oder den halberwachsenen Sohn mit kleinkriminellen Neigungen bis zu kindlichen Sorgen, die sich um die nächste Klassenarbeit  drehen.

Und mittendrin in markanter, offensichtlich männlicher Schrift das kurze Gebet: „Guter Gott, vielen Dank im Voraus für alles.“

Allgemeiner geht`s kaum noch. Vielen Dank im Voraus für alles -  nicht nur, dass der Schreiber sich für alles bedankt, er schließt auch noch die ganze Zukunft ein, von der er ja gar nichts wissen kann.  Wie kommt jemand dazu, so was in ein Kirchenbuch zu schreiben? Ist es Oberflächlichkeit oder steckt etwas anderes dahinter?

Wer nicht ganz unvernünftig ist, wird sich für die Zukunft, die er nicht kennt, nur bedanken können, wenn er in der Vergangenheit entsprechende Erfahrungen gemacht hat. Und anders als bei den anderen Schreibern in dem Fürbittenbuch mit ihren Einzelanliegen geht es dem Beter offenbar nicht ums Einzelne, sondern um Alles, ums Ganze. Vielleicht hat er die Erfahrung gemacht, dass sein bisheriges Leben – alles in allem – gelungen ist, von Gott gesegnet ist. Sicher wird auch bei ihm nicht alles immer glatt gelaufen sein. Aber aufs Ganze gesehen schaut er wohl auf ein gutes Leben. Und diese Erfahrung stärkt sein Vertrauen in Gott und auf sein zukünftiges Leben. Gott wird auch in Zukunft mit ihm sein, ist seine Hoffnung. Und dafür ist er dankbar. Er weiß auch nicht, was die Zukunft bringt, und sie wird sicher nicht nur rosig sein. Aber es ist eine Zukunft aus Gottes Hand, die – alles in allem und aufs Ganze – deshalb eine gute Zukunft sein wird. Deshalb kann er so beten: Guter Gott, vielen Dank im Voraus für alles. Kürzer lässt sich vermutlich nicht ausdrücken, dass der Beter zuversichtlich in die Zukunft geht, im Ganzen den Segen Gottes erkennt und dafür von Herzen dankbar ist. Nicht Gedankenlosigkeit spricht für mich aus diesen Worten, sondern Gottvertrauen aus Erfahrung. Guter Gott, vielen Dank im Voraus für alles.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23012
Wie weit reicht meine Solidarität? Ich bin solidarisch mit der Familie, mit Freunden und Kollegen. Aber auch mit Menschen in fernen Ländern, mit Flüchtlingen aus Afghanistan oder Syrien?

Am leichtesten fällt Solidarität mit Menschen, die mir ähnlich sind und zu einer überschaubaren Gruppe gehören. Wer mit allen und jedem solidarisch sein will, ist schnell überfordert. Er gefährdet seine eigene Existenz durch zu viel Solidarität, oder die Solidarität wird so dünn, dass sie nutzlos ist. Wissenschaftler nennen das „überdehnte Solidarität“ - wie ein überdehntes Gummiband, das zu reißen droht oder seine Spannung verliert.-

Die Bibel hat eine eigene Vorstellung von Solidarität:  Sie erzählt von Menschen, die über religiöse, nationale und Volksgrenzen hinweg Not Leidenden helfen. Nicht weil sie zur Familie oder zum Stamm gehören, sondern weil sie Menschen in Not sind. Die Bibel begründet das so: Gott hat sich selbst den Menschen gleich gemacht. In seinem Sohn Jesus Christus ist er Mensch und mit den Menschen solidarisch geworden, auch in schwierigen Situationen, selbst im Tod. Gott überwindet alle Unterschiede und vertraut alle Menschen einander als Gleiche an. Solidarität ist deshalb grenzenlos. Sie umfasst tatsächlich die ganze Menschheit.

Mit zwei Regeln schützt die Bibel zugleich vor Überforderung: Solidarität heißt nicht Selbstaufgabe. Johannes der Täufer wird gefragt: Was sollen wir angesichts des Himmelreiches tun? Er antwortet: Wer zwei Gewänder hat, gebe dem eins, der keins hat. Also nicht beide Gewänder hergeben, sondern Teilen. Das ist mehr als Almosen, aber es ist nicht Selbstaufgabe, sondern Teilen.
Und die zweite Regel: Angesichts des unendlich Vielen, das Solidarität herausfordert, kann das Naheliegende das Richtige sein. In der Erzählung vom barmherzigen Samariter tut ein Handelsreisender das, was notwendig ist: Er hilft einem Verletzten, der auf der Straße liegt. Solidarität - das kann konkrete Hilfe vor Ort ebenso sein wie das Unterzeichnen einer Internetpetition, kann eine großzügige Spende ebenso sein wie die Mitarbeit im Eine-Welt-Laden. Solidarität kann punktuell oder langfristig sein. Eben das, was nottut, nicht alles auf einmal. Solidarität fordert, aber sie überfordert nicht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23011
Zwei Wirtschaftsfachleute haben in einem Artikel beschrieben, was aus ihrer Sicht katholische Krankenhäuser von anderen unterscheidet: Schwestern, Pfleger und Ärzte haben mehr Zeit für Zuwendung. Das sei das Christliche. Aber, sagen die Betriebswirte, mehr Zeit bedeutet auch mehr Personal - und mehr Personal bedeutet mehr Geld. Also ist ihre Schlussfolgerung: Katholische Krankenhäuser brauchen mehr Geld.

Mit ist dieser Artikel unangenehm aufgestoßen. Nach meiner Erfahrung möchte auch das Personal an nichtkirchlichen Krankenhäuser gerne mehr Zeit für Zuwendung. Und wenn das nur eine Frage des Geldes ist, erkenne ich keinen besonderen Beitrag kirchlicher Häuser. Dann brauchen eben alle Krankenhäuser mehr Geld.

Zusätzlich bin ich skeptisch, ob das Problem alleine mit mehr Geld zu lösen ist. Mehr Geld mag mehr Personal bedeuten, aber mehr  Personal kann einfach auch mehr Leistung und mehr Umsatz bedeuten, auch ohne mehr Zuwendung.

Kirchliche Krankenhäuser und Heime hielten sich immer ein Mehrfaches zu Gute: Neben guter Pflege und Medizin soll der Patient stets als Person gesehen werden, nicht als Fall oder auf sein organisches Leiden reduziert. Und in einem kirchlichen Haus sollen immer auch einige Plätze für Menschen ohne Geld und Krankenversicherung sein, z.B. für Flüchtlinge und Obdachlose. Und schließlich sollen kirchliche Häuser regelmäßig etwas Neues wagen zu Gunsten der Menschen, auch wenn es die Kassen oder der Staat noch nicht finanzieren. So entstand beispielsweise die besondere Sorge für Menschen mit schweren Hirnschädigungen im Wachtrauma.

Diese Beispiele machen deutlich: Es geht nicht primär um mehr Geld, es geht um mehr Geist, um mehr guten Geist bei der Pflege von kranken und pflegebedürftigen Menschen. Manchmal muss es deshalb sogar etwas umsonst geben, wie die Pflege für Obdachlose. Und es muss ein Risiko gewagt werden, um etwas Neues auszuprobieren. Und ob das von anderen unterscheidet, ist zweitrangig. Im Gegenteil: Kirchliche Häuser können sich nur wünschen, dass ihre gelingenden Beispiele auch von anderen übernommen werden – auf Unterscheidung zu pochen wäre geradezu schädlich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23010

Als „Familie“ werden heutzutage sehr unterschiedliche Beziehungen bezeichnet: Ehepaare mit ihren leiblichen Kindern, unverheiratete Eltern, alleinstehende Mütter oder Väter, Patchwork-Verbindungen, gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern, ja sogar Paare ohne Kinder – alles Familien. Zugleich sind sich in einer Podiumsdiskussion die anwesenden Politiker und Theologen schnell einig: Diese Vielfalt ist nicht beliebig. Zur Familie gehört immer, dass man füreinander Verantwortung übernimmt – und zwar verbindlich, nicht nur gelegentlich. Das geht nicht ohne Werte wie Treue und Solidarität.

Dieser positive Blick auf Familien ist schon viel. Mir ist er dennoch zu wenig. Mich überrascht bei der Podiumsdiskussion, dass die Theologen nicht deutlicher die religiösen Aspekte von Familie ins Spiel brachten. Vielleicht wollen sie nicht altbacken oder als Besserwisser wirken. Das könnte ich nachvollziehen. Aber warum die Hoffnung verschweigen, die gerade Christen mit Ehe und Familie verbinden?

Trotz der vielen Scheidungen und der belasteten, ja gescheiterten Familien zeigen Studien immer wieder: Junge Menschen stellen sich ganz überwiegend ihre gelingende Zukunft vor als Vater oder Mutter in einer stabilen Beziehung mit gemeinsamen Kindern.
Dazu gehören sicher auch Verbindlichkeit und Solidarität. Aber es gibt mehr, auf das die jungen Leute bauen können:

Der christliche Glaube sieht in der Liebe des Paares und in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern ein Abbild der Liebe Gottes zu den Menschen. Gott sind diese Beziehungen nicht gleichgültig. Er will ihr Gelingen und gibt seinen stärkenden Segen. Das kann im Alltag Kraft geben und in der Krise Hoffnung machen, dass Distanz oder Entfremdung überwunden werden können und ein neuer Anfang möglich ist.

„Christliche Familie“ wird häufig beargwöhnt als konservativ, eng und fragwürdigen Regeln verpflichtet. Tatsächlich geht es um etwas anderes. Nämlich um die lebendige Hoffnung, dass mit Gottes Hilfe Familie auch bei Schwierigkeiten gelingen kann. Diese Hoffnung sollten wir keiner Familie vorenthalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23009