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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Meine Freundin will sich ein neues Auto kaufen. Einen Kombi. In grün. „Spinnst du?“ sagen alle.Du kannst dir doch keinen grünen Kombi kaufen! Wie sieht denn das aus?!
Kauf dir lieber ein schwarzes Auto oder ein weißes oder graues – das sieht schicker aus.
Schwarz, weiß und grau. Scheinbar sind das die passenden Farben, wenn man erwachsen ist.

Seit wir im Freundeskreis darüber geredet haben, achte ich auf Autofarben. Und es stimmt. Farbklekse auf der Straße sind selten. Der blaue Van oder das rote Familienauto sind eher die Ausnahme als die Regel. Wo sind eigentlich all die Farben hin?

Das Himmelblau, das Sonnengelb, das Rosenrot und das Orange? Selbst bei Kindern muss man teilweise lange suchen, bis man diese Farben findet. Denn in den Kleidergeschäften gibt es eigentlich nur noch zwei Farben: Für Jungen in der Regel blau und für Mädchen rosa. Und bei Trinkbechern und Schulranzen geht das weiter.

Eine rote Matschhose oder einen bunten Ringelpulli zu finden, ist manchmal eine sportliche Aufgabe.Ich finde das schade, denn ich mag es bunt.Ich liebe den Regenbogen und die Blumenwiese im Frühling. Ich mag die Bäume, den Fluss und einen vollen Obstkorb.

Um uns herum ist so viel Farbe. Gerade jetzt im Herbst. Die Bäume malen ihre Blätter an. Jedes Blatt sieht anders aus. Gelb, grün, braun und rot.

Und wir Menschen sind es erst recht eine bunte Mischung unterschiedlicher Typen.Der eine ist laut, der andere ist leise.Der eine mag Karos, der andere Streifen. Das darf man doch sehen, oder?
Ob jetzt am Auto, an der Hose oder an den Socken.Gott hat uns ganz unterschiedlich geschaffen. Warum also krampfhaft am Schwarz, Weiß oder Grau festhalten?

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Wo war Gott, als der Unfall passiert ist? Das fragen sich viele in unserem Dorf. Und ich auch.
Bei uns im Ort ist ein junger Mann totgefahren worden ist. Nachts an einer Ampel. Ein Auto hat nicht angehalten. Seine Freundin hat es gerade noch geschafft, zur Seite zu springen. Er nicht. Jetzt ist er tot. Der Fahrer ist betrunken gewesen und schwer verletzt.

Wo war Gott, als dieser Unfall passiert ist? Meine Grundschulkinder haben sich das gefragt. Und haben mit mir versucht eine Antwort zu finden.
„Vielleicht hat Gott geschlafen – schließlich ist es nachts passiert. Oder er hatte gerade etwas anderes zu tun.“ Meint ein Mädchen – Nein, diese erste Antwort überzeugt eigentlich niemanden.

Wo war Gott?
„Vielleicht hilft Gott erst hinterher.“ überlegt ein Junge. „So wie bei Jesus. Der ist auch erst verhaftet und getötet worden. Und hinterher hat Gott ihn auferweckt. Vielleicht hilft er jetzt auch hinterher.“
„Und wie macht er das?“ will ich wissen.

„Gott ist bei der Freundin und der Familie von dem Toten. Er tröstet sie und macht ihnen Mut. Ich glaube, er hilft ihnen, irgendwann wieder Lachen zu können.“

Die anderen Kinder schauen nachdenklich. Aber sie sind noch nicht zufrieden mit der Antwort. Wo war Gott? Fragen sie weiter. „Ich glaube, Gott ist bei dem Autofahrer gewesen.“ sagt eine Schülerin. „Er hat versucht, ihn davon abzuhalten, betrunken Auto zu fahren.“

„Aber er hat es nicht geschafft“ sage ich. „Hast du eine Idee, warum?“ Schweigen. Dann sagt ein Mädchen: „Gott hat versucht mit dem Autofahrer zu reden. Aber der hat einfach nicht zugehört. Er ist schon viel zu betrunken gewesen.“

„Es ist doch so“, meldet sich eine andere, „Gott hat uns doch geschaffen. Und er hat uns doch auch ein Gehirn gegeben. Ich glaube, so schlimme Dinge passieren immer dann, wenn Menschen nicht nachdenken. Wenn sie ihr Gehirn nicht benutzen.“

Wo war Gott, als der Unfall passiert ist? Ich glaube, die eigentliche Frage lautet: Wo bist du, Mensch, wenn Gott mit dir reden will?

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Auch Narben machen schön! Meint eine Freundin. Sie selbst hat eigentliche keine Narben. Jedenfalls keine, die man sehen könnte. Man sieht es ihr nicht an, dass sie schon oft verletzt worden ist. Seelisch verletzt. Auch das hinterlässt Wunden und wenn die verheilt sind, bleiben Narben. Aber Narben machen schön, sagt sie und lacht.

Und sie lacht viel. Obwohl sie in einer Familie großgeworden ist, in der es nicht viel zu lachen gab. Ihren Vater hat sie früh verloren. Und ihre Stiefväter haben sie eher stiefmütterlich behandelt.
Ich bewundere sie dafür, dass sie nicht gleich bei der ersten Bodenwelle in ihrem Leben ins Schleudern geraten ist. Wenn sie nicht gleich hilflos ist. Denn sie weiß: Sie hat schon ganz andere Schlaglöcher überstanden.

Die Narben, die wir haben, sind ein Teil von uns.Die Platzwunde als Kind auf dem Spielplatz genauso wie die Wunde nach der Trennung vom Liebsten. Wunden heilen zusammen. Aber die Narben bleiben. Sie erzählen davon, wie weh es getan hat. Aber sie erzählen auch davon, dass Wunden heilen können. Klar braucht das Zeit und natürlich auch die nötige Pflege.

Aber irgendwann tut eine Wunde nicht mehr so weh, und es bleibt nur die Narbe, die uns daran erinnert. Narben machen uns zu den Menschen, die wir sind. Und manchmal erzählt eine Narbe auch davon, wie stark wir sind. Wenn meine Freundin zum Beispiel lacht, dann muss ich einfach mitlachen, auch wenn ich mich eigentlich nur ärgern möchte. Für mich ist ihr Lachen einfach wunderschön!

Deshalb glaube ich: Wir müssen sie nicht verstecken – all unsere Schrammen und Wunden, die uns das Leben geschlagen hat. Sie sind ein Teil von uns. Und sie machen uns schön.

Vielleicht so wie Sarah Conner in einem Lied singt:
„Ich seh dich mit all deine Farben, und all deine Narben.
Weißt du denn gar nicht, wie schön du bist.“

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„Ich dachte immer, dass ich ein emanzipierter Mann bin.“ 
Klaus sitzt mir gegenüber. Ein Bier in der Hand. Er wirkt bedrückt. Seit einiger Zeit hat seine Frau einen anderen Job.

„Macht es dir was aus, dass Anja befördert wurde?“ frage ich.
„Wenn ich ehrlich bin: Nicht die Beförderung, aber das Gehalt. Sie verdient jetzt mehr als ich!“
„Aber das fließt doch alles in eine Kasse. Du machst doch die ganzen Geldangelegenheiten.“ Das hilft ihm nicht.

„Weißt du, was das Schlimmste ist: Anja interessiert das mit dem Gehalt gar nicht so richtig. Sie macht einfach ihren Job gerne. Ich glaube, sie hat noch gar nicht richtig mitbekommen, dass sie jetzt mehr verdient als ich.“
Ich verstehe das Problem noch nicht richtig.

Klaus druckst herum: „Ich fühle mich jetzt irgendwie unterlegen. Unser ganzes Leben haben wir fast die gleiche Arbeit gemacht. Und das Gleiche verdient. Und jetzt ist sie mir überlegen. Jetzt ist sie der Hauptverdiener, der Mann im Haus!“

Klaus grinst etwas schief. Es scheint ihm peinlich zu sein. „Steht nicht schon in der Bibel, dass die Frau zuhause bleiben soll und der Mann soll arbeiten gehen?“

„Naja“, antworte ich, „da gibt es schon so ähnliche Stellen, aber erstens ist die Bibel kein Rezeptbuch, zum Nachkochen und zweitens steht in der Bibel, dass jede Arbeit wertvoll ist. Von Frauen oder von Männern, daheim oder im Büro. Jeder arbeitet für die Familie mit.“
„Wenn mir nicht mal die Bibel hilft...“

„Klaus“, sage ich, „dein Gehalt sagt doch nichts darüber, was du wert ist. Und Anjas Gehalt sagt nicht, dass sie besser oder wichtiger oder wertvoller ist. Und wenn du schon von der Bibel anfängst: Da steht ja gerade, dass du wertvoll bist – egal was du verdienst.“

„Ja, ja, ich komme ja auch zu Recht mit der Situation. Ich sage ja nur, dass ich mich über mich selbst wundere. So emanzipiert bin ich wohl doch noch nicht.“
„Da bist du bestimmt nicht der Einzige!“, sage ich. „Noch ein Bier auf die Erkenntnis?“

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Die ältere Dame schaut mich entschuldigend an. Sie beugt sich über ihren kleinen Hund und hält dabei krampfhaft die Leine fest. „Wirst du wohl ruhig sein.“

Aber der Yorkshire-Terrier denkt nicht dran. Er zerrt und kläfft an einer Tour. Er will sich einfach nicht beruhigen.

Der Dame ist es sichtlich peinlich. „Er weiß einfach nicht, dass er so klein ist.“

„Das macht doch nichts“, sage ich. „Uns macht das nichts aus.“

Uns – das ist der Hund von Freunden und ich. Wenn die Freunde nicht da sind, gehen wir zwei miteinander spazieren. Es ist ein Irischer Wolfshund. Ein ziemlich hässliches Vieh, wie ich finde, aber unheimlich lieb. Ganz zutraulich, ganz verschmust, aber eben fast so groß wie ein Pony.

Deshalb richte ich mich auf so einen Zwischenfall ein, wenn ich andere Hunde sehe. Besonders mit kleinen Hunden erlebe ich das oft. Die machen ein Theater und kläffen meinen Hund an. Aber der steht immer ganz ruhig da und schaut sich die kleinen Kläffer an. Er erträgt sie ganz gelassen.

„Was kümmert es den Mond, wenn die Hunde ihn anbellen.“

Die Dame zehrt ihren kleinen Terrier weiter. Sie ruft mir zu: „Entschuldigung nochmal. Er weiß halt nicht, wie klein er ist.“

Die am lautesten kläffen, denke ich, sind meist die mit der größten Angst. Vielleicht ist es besser gelassen zu bleiben. Vielleicht liegt in der Ruhe tatsächlich die Kraft. Nicht im Bellen.

Ich denke: Wie war das mit Jesus und die andere Backe hinhalten? Vielleicht macht mein Hund genau das. Wenn dem ein kleiner Hund das Ohr vollkläfft, hält er auch noch das andere hin.

Das macht Gott mit uns genauso, denke ich. Sicher denkt er oft auch: Sie wissen einfach nicht, wie klein sie sind. Aber dann hört er zu. Hält uns auch das andere Ohr hin, damit wir unsere ganzen Sorgen abladen, unsere ganze Wut hinausschreien können. Weil wir so klein und oft so machtlos sind.

Ich glaube, Gott hört dann zu. Er nimmt unsere Sorgen ernst. Er erdrückt uns nicht und er beißt nicht zu. Er geht den Weg mit uns weiter.

Wie mein Hund mit mir.

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„Das hat mich selber überrascht!“ Anja macht große Augen.
„Weißt du“, sagt sie, „das kenne ich von mir gar nicht. Ich bin sonst nicht so spendabel.“
Ich muss aufpassen, dass ich nicht lache. Anja ist nämlich richtig geizig. Bevor sie einen Euro ausgibt, denkt sie lange nach. Obwohl sie das gar nicht nötig hätte. Sie hat einen richtig guten Job.

„Und trotzdem“, sie erzählt weiter, „trotzdem habe ich einfach gesagt: Ich bezahle.“
„Ehrlich? Einfach so?“
„Ja, wie gesagt: es hat mich selbst überrascht. Aber er hatte doch nicht genug. Nur noch 1,50€!“
„Und du hast ihm dann einen Euro gegeben?“
„Nein, ich habe alles bezahlt. Ich habe zu der Frau in der Pommesbude einfach gesagt: ,Ich zahle!‘ und das habe ich gemacht.“

„Und dann hast du gewusst: Das ist der Mann fürs Leben!“
„Genau so war’s. Er hatte so Hunger. Und er wollte die Portion Pommes gerne haben. Da habe ich gemerkt: Ich will, dass er sich freut.“
„Und dann hast du gefühlt: Das muss Liebe sein. Wenn du freiwillig bezahlst.“

Anja guckt mich jetzt ein bisschen zweifelnd an. „Ist das nicht der Kern der Liebe? Du tust etwas, was du sonst nicht tust. Nur damit der Andere glücklich ist.“
„Und du fühlst dich dadurch sogar glücklich“, ergänze ich.
„Ja, und das hat mich direkt überrascht. Ich habe mein Geld geopfert und bin trotzdem, nein: ich bin deswegen glücklich gewesen.“

So ähnlich ist das mit Gott auch, denke ich. Der hat uns auch so sehr geliebt, dass er Opfer gebracht hat. In der Bibel wird das ganz knapp auf den Punkt: „Gott hat diese Welt so sehr. geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hergegeben hat, damit keiner verloren geht, der an ihn glaubt.“ (Joh 3,16)

„Und dann habt ihr beide die Pommes gegessen? Oder hast du dir was anderes gekauft?“
„Nein, nein, wir haben uns die Pommes dann geteilt. Soviel Geld wollte ich dann auch nicht spendieren!“
„Ja, klar“, sage ich und muss mir das Lachen jetzt verkneifen, „das wäre auch Verschwendung gewesen.“

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„Papa!“ Klara kommt in die Küche. Mein Freund Daniel und ich sitzen beim Kaffee zusammen. Er hat mir gerade erzählt, dass seine Tochter in der ersten Klasse ganz gut zu Recht kommt.

Die Kleine knetet die Hände und verdreht die Beine. Irgendwas ist passiert. „Was ist los?“ fragt Daniel.
„Dein Auto.“
„Was ist mit meinem Auto?“
„Da ist ein Kratzer drin.“

Daniel sieht mich an. Jetzt heißt es Haltung bewahren. Ganz langsam sagt er: „Wieso ist da ein Kratzer drin?“
„Ja, wegen dem Roller.“ Klara betrachtet den Boden.
„Was für ein Roller?“
„Ja, mein Roller. Ich bin ganz leicht gegen dein Auto gekommen.“

Daniel holt tief Luft: „Du bist Roller gefahren? Auf dem Hof? Hatte ich dir das nicht verboten? Weil da so viele Autos stehen! Weil da so wenig Platz ist!“

Klara sagt ganz leise: „Ich habe nur gedacht, weil du doch Besuch hast, da wollte ich nicht fragen...“
Sie ist ganz zerknirscht. Oder anders gesagt: Sie bereut - und ich frage mich: Was wird Daniel mit ihr machen?

Das hat sich auch der Prophet Jona in der Bibel gefragt. Gott hat ihn nach Ninive geschickt, um den Bewohnern zu sagen: So geht es nicht weiter! Entweder ihr ändert euch oder ich werde die Stadt zerstören. Jonah sagt das und tatsächlich: Die Leute von Ninive bereuen. Aber Jona akzeptiert das nicht. Er ärgert sich darüber und meint: Ein bisschen Strafe muss sein!

Daniel schaut sein Kind an. Er ist sauer, aber so wie die Kleine dasteht. Was willst du da machen als Papa. Deine Liebe macht dich hilflos.

Genauso liebt uns Gott, denke ich. Vielleicht ist Gott genauso hilflos wie Daniel jetzt gerade. Vielleicht ist das das ganze Geheimnis. Gottes Liebe zu uns ist so groß, dass er uns verzeiht. Wenn es uns wirklich leid tut, was wir falsch gemacht haben.

Klara weint jetzt. Und Daniel nimmt sie in die Arme und tröstet sie. Was soll er auch anders machen? Der Kratzer ist im Lack und er muss ihn bezahlen. Aber seine Tochter bleibt seine Tochter und kein Kratzer wird daran etwas ändern.

Ich sage: „Kommt, wir gehen mal raus und gucken uns den Kratzer an. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm.“ Und für mich denke ich: „Gut, dass es nicht mein Auto war.“

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