Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Jesus steht in hellen Jeans und weißem T-Shirt auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein. Um ihn herum seine Jünger, ebenfalls ins Jeans und Shirt, manche mit Dreitagebart. Maria Magdalena trägt ein hellblaues Sommerkleid. Frisch kommt die Inszenierung des Musicals „Jesus Christ Superstar“ daher, die ich in diesem Sommer erleben durfte. Ich bin fasziniert von der Leistung der Sänger und Tänzer vom Theater Koblenz. In der berühmten Rockoper von Andrew Lloyd Webber treffen starke klassisch ausgebildete Stimmen auf den satten Sound der E-Gitarre.  

Am Ende der Aufführung wird es jedoch mucksmäuschenstill auf der Bühne. Jesus steht mit ausgebreiteten Armen vor einem leuchtenden Kreuz. Und auf der großen Videoleinwand über der Bühne kann das Publikum einen Satz lesen: „In the end, we will be judged in the terms of love“.  Auf deutsch: „ Am Ende werden wir danach gerichtet, wie viel wir geliebt haben.“

Für mich ist das ein ganz starker Satz. Er verbindet das Gericht Gottes mit der Kraft der Liebe. Ich glaube an beides und daran, dass beides zusammengehört. Es wird am Ende meines Lebens ein Gericht geben, ich werde Gott begegnen.

Was bei diesem Gericht zählen wird, ist die Frage, ob ich in meinem Leben geliebt habe.

Wenn Gott richtet, dann sicher nicht um mich niederzumachen, um mir meine Fehler vorzuhalten, weil ihm das Spaß macht oder er das nötig hat. Ich glaube Gott will richten, weil ihm etwas an mir liegt, weil er mich aufrichten will. Das macht mir Mut es trotz all meiner Fehler immer wieder neu zu versuchen mit der Liebe  - zu Gott, meinen Mitmenschen und mir. 

Damit ist keine romantische Liebe gemeint. Lieben ist auch anstrengend.

Das erlebt auch heute Morgen wieder die Ehefrau, die ihren schwerkranken Mann versorgt und ihm hilft, in den Tag zu starten. Oder der Flüchtlingspate, der seinem neuen Nachbarn helfen will hier eine Heimat zu finden. Wie die Jünger Jesu im Musical ziehen diese Menschen los, oft ganz unspektakulär - in Jeans und T-Shirts.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22935

Unterwegs mit einer Jugendgruppe in Rom. Heute haben wir viel gesehen und natürlich Stracciatellaeis geschlemmt wie die Weltmeister. Jetzt genießen alle die Abendstimmung in der ewigen Stadt. Nur nicht Luca, dem ist schlecht. Vielleicht waren es ein paar Kugeln Eis zu viel? Nein, er hat Heimweh. Manche verdrehen die Augen. Der soll sich mal nicht so anstellen. Doch Angelika hat da eine Idee: Sie spürt, dass dem Jüngsten in der Runde jetzt was ganz anderes fehlt. Sie geht zu Luca hin und umarmt ihn. „Alles gut“, lässt sie ihn wissen. Und als Angelika ihn über beide Backen anstrahlt und mit ihren blauen, mandelförmigen Augen ansieht, da geht es auch bei Luca wieder aufwärts. Angelika, das Mädchen mit dem Down-Syndrom.Bei ihr ist das 21. Chromosom dreifach vorhanden.

Viele Menschen in unserer Gesellschaft meinen, dass „so etwas“ wie Trisomie 21 heute nicht mehr sein müsse. „So etwas?“, frage ich dann zurück. Und erzähle von Angelika. Oder den vielen anderen Menschen mit Behinderung, mit denen ich in Schulen oder auf Freizeiten gelacht, gespielt, gefeiert habe. Ich bin dankbar und froh sie zu kennen. Sie machen mein Leben reicher in ihrer spontanen und sensiblen Art. 

Auch deshalb bin ich dagegen, dass die Krankenkassen für alle Schwangeren ab 35 Jahren einen Test bezahlen, der Klarheit darüber geben soll, ob das heranwachsende Kind mit einem Down-Syndrom zur Welt kommen wird. Derzeit wird darüber politisch beraten. Die Folgen wären fatal: Viele Kinder mit Trisomie 21 würden vielleicht gar nicht zur Welt kommen. Und für Eltern, die ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt bringen wollen, würde das Verständnis immer geringer. 

Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Kinder wie Angelika die Chance haben, geboren zu werden. Sie macht diese Welt mit ihrem ehrlichen Lachen und ihrer Lebensfreude bunter. Vielfalt  tut gut – und ehrliche, direkte, sensible Menschen wie Angelika sind dabei ein Gewinn für unsere Gesellschaft. Wie jedes Leben ist auch das von Menschen mit Down-Syndrom unendlich wertvoll.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22934

„Das Mittagessen ist fertig“, ruft Helga aus der Küche. Aus dem großen Kochtopf dampft es. Die Kinder kommen aus allen Ecken des Freizeithauses gerannt und freuen sich auf Spaghetti Bolognese. Wie bei jeder Ferienaktion wird vor dem Essen gebetet. Der kleine Mario ist zum ersten Mal dabei. Als wir die Hände falten,  macht er ein ernstes Gesicht, hebt vorsichtig seinen Finger und fragt: „Ist mit den Spaghetti was nicht in Ordnung?“

Die anderen Kinder lachen. „Nein Mario, wir wollen nur danke sagen.“  Mario guckt ganz verdutzt. Die Antwort der Kinder dreht wohl noch einige Runden in seinem Kopf, genau wie die Spaghetti auf seiner Gabel. 

Beten bedeutet für viele Menschen, zu bitten. Aber Gebet kann auch bedeuten, Danke zu sagen. Das hat der kleine Mario beim Spaghettiessen gelernt. Und das hat auch ein „großer“ Mario gelernt – nämlich Mario Götze.

Der schreibt auf seiner Fanseite: „Lieber Gott, ich möchte mir eine Minute Zeit nehmen. Nicht, um dich um irgendetwas zu bitten. Sondern einfach, um Danke zu sagen für alles, was ich habe.“ 

Mich  beeindruckt dieses Statement. Denn Götze hat das nicht geschrieben, als er gerade als Held der Weltmeisterschaft 2014 gefeiert wurde. Wegen seinem entscheidenden Tor im Finale. Da würde es wohl jedem von uns leicht fallen „Danke“ zu sagen. Nein, er formulierte es in einer Verletzungspause. Manchmal merken Menschen in solchen Momenten besonders, dass nicht alles selbstverständlich ist. Es gibt dann Grund zum Bitten, aber auch Grund zum Danken. 

Mir hat diese Idee von Götze sehr gut gefallen – und deshalb mache ich das nun auch manchmal – eine Dankesminute einlegen. Einen Moment zur Ruhe kommen und Danke sagen für alles, was ich im Alltag viel zu oft für selbstverständlich halte.

Ich bin dann immer wieder erstaunt, was mir alles einfällt und wie schnell die Minute rumgeht– die 60 Sekunden reichen nie aus: Danke für meine Familie und meine Freunde, mein Lieblingslied im Radio, den leckeren Cappuccino heute morgen, und natürlich die Spaghetti heute Mittag – mit Mario und all den andern Kindern auf der Ferienfreizeit und und und....

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22933

Es gibt für mich viele gute Gründe, an Gott zu glauben. Einer davon klingt vielleicht ein bisschen naiv. Aber ich gestehe: Es ist nicht der unwichtigste. Es sind die kurzen Gespräche, die ich mit dem lieben Gott führe. Nach denen ich mich irgendwie besser fühle. Es sind Gespräche mitten am Tag. Und ich werde in ihnen kleine Frustrationen los, manchmal aber auch einen kurzen Dank.

Am frühen Morgen sind es eher die Frustrationen. Ich bin eh schon ein Morgenmuffel. Neulich war dann auch noch die Kaffeedose leer – und vor dem Haus hatte mein Fahrrad einen Platten. „Och nee, lieber Gott“, hab ich da gerufen, „das ist jetzt nicht fair.“ Als ich dann missmutig zur Bushaltestelle gelaufen bin, kam der Bus immerhin gerade an. Und im Büro war die Kollegin früher gekommen und hatte schon Kaffee gekocht. Ich musste ein bisschen grinsen. „Na gut, lieber Gott, vielen Dank.“ Hab ich dann gesagt.

Es  ist natürlich ein bisschen naiv, das platte Fahrrad oder den gekochten Kaffee auf Gott zu schieben. Warum soll sich der allmächtige Gott um meine Alltagsprobleme kümmern, er hat ja wahrlich anderes und besseres zu tun. Aber andererseits: Ich glaube ja fest daran: Gott ist einer, der den Menschen nahe ist, er kümmert sich um jeden Einzelnen von uns, in all dem Unwichtigen und Wichtigen, was uns beschäftigt. Und dann fühlt er sich eben auch zuständig für die kleinen Dinge.

Mir jedenfalls tut es gut, meinen Frust und meinen Dank sofort an jemanden loswerden zu können. Der Ärger ist draußen – an jemanden, der natürlich erst mal nicht gegenmeckert. Und der die Dinge, so hoffe, ich, positiv beeinflussen kann. Oft genug muss ich dann auch schon über mich selbst grinsen, wie ich da an meinem Fahrrad stehe und den lieben Gott anfauche.

Die Gespräche mit dem lieben Gott helfen mir aber auch dann, wenn der Frust mal größer wird. Wenn ein Freund schwer krank wird oder in den Nachrichten die Katastrophen überhand nehmen. Dann sage ich eben auch: „Gott, das geht doch nicht, tu was“. Es tut gut, mit Gott im Gespräch zu sein über die kleinen und großen Dinge. Und zu hoffen: Er kann womöglich ein wenig auf sie Einfluss nehmen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22931

Der Spruch steht auf einer Postkarte auf meinem Schreibtisch: Giovanni, nimm dich nicht so wichtig! Im größten Stress erinnert der mich daran: Es hängt nicht alles nur an dir! Entspann dich! Der Spruch stammt von einem früheren Papst, von Johannes XXIII. Johannes, das heißt auf Italienisch: Giovanni. Er hat am 11. Oktober 1962 das Zweite Vatikanische Konzil einberufen und so manchen neuen Wind in die katholische Kirche gebracht. 2014 ist er heiliggesprochen worden, heute, am 11. Oktober, feiert die Kirche seinen Gedenktag.

Verehrt wird dieser Johannes XXIII. bis heute auch wegen seiner Bescheidenheit und seines Humors. Auf den Bildern aus den 60er sieht man ihn oft lächeln und lachen. Er strahlte die Haltung aus und hat das auch immer wieder gesagt: Selbst ein Papst ist nicht der wichtigste Mensch auf der Welt. „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!“ Diese Botschaft, so heißt es, hat ihm einmal sein Schutzengel ins Ohr geflüstert. Nachts hatte er sich schlaflos im päpstlichen Bett gewälzt, all seine Verantwortung und seine Pflichten haben ihn wach gehalten. Und da hat ihm sein Schutzengel diesen Satz zugeflüstert:  „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!“ Seitdem soll Papst Johannes XXIII. wieder bestens geschlafen haben.

Auch heute raubt die Verantwortung vielen Menschen den Schlaf. Oder sie lässt ihnen tagsüber den Magen rumoren. Ich hab auch manchmal solche Momente an meinem Schreibtisch. Ich denke dann: Ich muss mich um alles kümmern. Alles perfekt machen. Wenn ich das heute nicht hinkriege, bricht die Welt zusammen. Aber das ist natürlich Unsinn. Und es ist auch gar nicht so christlich. Denn die Welt hängt ja nicht an mir. Das wäre ganz schön vermessen. Es gibt viele Menschen, die wichtig sind und sich kümmern, Menschen in meinem Büro und in meiner Familie. Und für mich als Christin gilt ja auch noch: Es gibt Gott, der die Welt geschaffen hat und der sie alleine zusammenhält. Wenn ich denke: Ohne mich geht es nicht, dann mache ich mich selbst zu Gott. Kein Mensch, auch kein Bischof oder Papst sollte so denken.

„Giovanni, nimm dich nicht so wichtig.“ Das ist eine mahnende Botschaft. Aber vor allem natürlich auch: eine wunderbar entlastende. Sie tut meiner Seele gut. Und meinem Leib und meinem Magen auch. Sie lässt mich nachts besser schlafen und morgens gelassener aufstehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22930

Heute starten in Rheinland-Pfalz die Herbstferien, ich hab auch ein paar Tage frei. Und dieses Jahr schaffe ich, was ich seit Jahren mal wieder vorhabe: Im Herbst ein paar Tage in die Berge zu fahren. Es geht ins Allgäu, und ich hoffe natürlich sehr auf ein bisschen schönes Wetter. Damit ich hinauf kann auf die Berge. Und hinunter gucken kann, möglichst weit und klar in die Ferne.

Ich war früher schon ab und zu im Herbst auf Gipfeln, mal im Elsass, mal im Schwarzwald. Und mich hat vor allem diese wunderbare Fernsicht fasziniert. Im Elsass konnten wir einmal den ganzen Alpenhauptkamm sehen, einschließlich des Montblanc. Ich hab den Eindruck, im Herbst ist diese Fernsicht besonders gut. Oder vielleicht beeindruckt sie mich auch im Oktober nur ganz besonders. Wenn das Jahr sich schon wieder dem Ende zuneigt. Und irgendwie ein bisschen Erntezeit und Rückblick in der Luft liegen. Dann genieße ich es besonders: Dass die Welt so klar und weit vor mir liegt. Dass ich den Überblick und den Weitblick habe. Und wie ein Vogel über alle Täler und Niedrigkeiten und Widrigkeiten herabblicken kann.

Es ist ein befreiendes Gefühl, oben auf den Berggipfeln. Und für mich immer auch: ein religiöses. Ich fühl mich dort oben auch dem Himmel näher. Seit Jahrtausenden verbinden die Menschen ja mit den Bergen schon Himmlisches und Göttliches. Und auch der Gott der Bibel, der Gott der Juden und Christen, lässt sich dort oben anscheinend besonders gut finden. „Mit meiner Stimme rufe ich zu Gott, und er antwortet mir von seinem heiligen Berge“, heißt es zum Beispiel in den Psalmen (Psalm 3,4). Moses stieg einst auf den Berg Sinai hinauf und bekam von Gott dort oben die Zehn Gebote überreicht (Exodus/2 Mose 19). Und auch Jesus wandert auf einen Berg, um dort zu beten (Markus 6,46; Matthäus 14,23). Die berühmte Bergpredigt hat er, wie der Name schon sagt, auch dort oben gehalten.

Wer weiß, vielleicht haben eben auch Moses und Jesus schon die Weitsicht von den Gipfeln genossen. Und auch schon erlebt, worauf ich mich jetzt im Allgäu so freue: Wie gut es tut, von dort oben herunterzuschauen und dem Himmel und Gott ein bisschen näher zu sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22929

„Je länger ich dort arbeite, desto dankbarer werd ich.“ Mein ältestes Patenkind hat das gesagt, und es hat mich beeindruckt. Lea ist 19, und sie macht gerade ein Freiwilligenjahr in einer Schule für Jugendliche mit geistiger oder körperlicher Behinderung. Und was sie dort erlebt, das macht ihr klar: Nichts ist selbstverständlich. Dass ich mich morgens alleine anziehen kann. Dass ich selbstständig essen oder aus dem Haus gehen kann: Alles keine Selbstverständlichkeit. „Ich werde immer dankbarer.“ Sagt sie.

Und das klingt nicht niedergedrückt oder nur pflichtbewusst, überhaupt nicht. Lea ist einfach froh über ihre Gesundheit, über das, was sie tun kann mit ihrem Körper und ihrem Geist. Sie ist sich all ihrer Möglichkeiten viel bewusster als vorher. Und eben: Sie ist glücklicher und dankbarer, als sie es vorher war. Für sie bedeutet diese Dankbarkeit aber auch ganz klar: Sie will den Menschen etwas geben, die all ihre Möglichkeiten nicht so haben. Ein Jahr lang hilft sie jetzt anderen, sich morgens anzuziehen. In die Schule zu kommen. Auch, wenn das für sie heißt, dass sie früh aufstehen muss und abends manchmal Rückenschmerzen hat. Ich find das klasse.

Mich hat Leas Dankbarkeit auch an eine Stelle in der Bibel erinnert, heute wird sie in den katholischen Gottesdiensten gelesen. Da wird erzählt: Jesus heilt zehn Aussätzige. Aber nur einer kommt zurück, um ihm zu danken. Und Jesus wundert sich: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Einen? (vgl. Lk 17,11-19). Schon damals zuzeiten Jesu war Dankbarkeit offenbar nichts, was man automatisch fühlte und zeigte. Nur einer von zehn hat sich bedankt.

Ich glaube: Dankbare Menschen sind aber nicht einfach nur die besseren Menschen. Es sind vor allem auch die glücklicheren. Weil sie sehen können, was ihnen Gutes geschenkt wird. Weil sie über das, was sie haben, froh sind. Was nicht heißt, dass dankbare Menschen einfach nur alles rosarot sehen. Aber sie können eben: das Gute sehen. Das Gute, das es in jedem Leben gibt. Mich hat Lea mit ihren Erfahrungen aus dem Freiwilligenjahr jedenfalls wieder daran erinnert: Es gibt unglaublich vieles in meinem Leben, für das ich sehr dankbar bin.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22928