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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Wie machst du das? Dass du immer weißt, wo du hinwerfen musst.“ Timo ist Basketballspieler und sitzt neben mir auf der Bank der Turnhalle. Er legt die Stirn in Falten und fragt: „Echt jetzt?“

Gerade spielt die U17-Basketball-Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern. Timo hat eine Auszeit und wartet neben mir, bis er wieder dran ist. „Du guckst doch gar nicht richtig hin“, sage ich zu Timo, „du wirfst einfach. Und du weißt immer, wo der Korb ist. Sogar wenn du mit dem Rücken dazu stehst.“

„Keine Ahnung, meint er. „Ich fühl das einfach. Ich weiß, wo der Korb ist. Einfach so. Ich kann das gar nicht richtig erklären.“
Aha, denke ich, scheint so zu sein wie mit dem Glauben. Ist auch so ein Gefühl. Kann ich auch nicht richtig erklären.

Timo schnauft durch. Ich sehe dem Spiel weiter zu und denke: Ein Gefühl. Das ist es.
„Du weißt immer, wo du stehst“, sage ich zu ihm. „Du denkst nicht drüber nach.“
„Ja“, er schaut auf das Spielfeld. „Du weißt, wo du stehst und du weißt, wo die Mitspieler sind. Dann kannst du spielen.“

So ist das mit dem Glauben auch. Du fühlst, dass du nicht allein auf dem Feld bist. Das ist dir ganz klar. Du verlässt dich darauf, dass du Mitspieler hast. Du weißt, dass da jemand ist.

Timo will wieder rein. Er schaut mich an: „Du musst dich auf dein Gefühl verlassen. Dann spielst du gut. Dann funktioniert das Spiel.“

Auf Gott kann ich mich verlassen, denke ich. Auch wenn ich nicht daran denke. Ich glaube, das meint Timo. Wenn du das Gefühl hast, dass du nicht allein auf dem Feld bist, dann kannst du gut spielen. Wenn du dich darauf verlässt, dass da jemand ist, der dich auffängt, dann kannst du deine Aufgabe gut machen. Bälle fangen und Körbe machen. Dann kannst du ausrutschen und immer wieder aufstehen.

Manchmal geht der Ball auch daneben, denke ich, aber du spielst trotzdem weiter. Weil du weißt, irgendwann kriegst du wieder eine Chance und dann machst du den Ball rein. Timo ist wieder auf dem Spielfeld. Er wird angespielt, dreht sich und wirft.

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„Ich will das nicht und ich kann das nicht.“ Tante Hannah aus Dortmund ist zu Besuch. Und jetzt ist sie bei uns krank geworden. „Aber ich will doch gar nichts von dir, versuche ich sie zu beruhigen. Ich habe doch nur gefragt, ob du was brauchst. Ich gehe nämlich jetzt einkaufen.“

„Ich will nicht, dass du mir was mitbringst.“
„Aber warum denn nicht?“
„Ich will keine Hilfe annehmen. Ich will das selber können.“

Jetzt verstehe ich langsam. Hier geht es um Stolz. Nicht um den Arm. Tante Hannah hat nämlich Probleme mit ihrem Arm. Sie kann ihn nicht heben. Und sie will nicht zum Arzt gehen. Sie sitzt in der Küche und jammert und ärgert sich, weil sie nicht mehr allein einkaufen gehen kann.

„Das ist doch alles kein Spaß, wenn man alt wird“, schimpft sie. „Ständig muss man jemanden um Hilfe bitten. Ich will aber niemand zur Last fallen.“

Das habe ich schon oft gehört. Aber es fällt mir schwer, es richtig zu verstehen. Warum ist es so schwer, Hilfe anzunehmen? Weil man dann zugeben muss, dass man etwas nicht kann? Weil man sich schämt? Das verstehe ich. Aber alle Menschen brauchen doch irgendwann irgendwie von irgendwem Hilfe.

„Pass mal auf“, sage ich zur ihr, „ich gehe jetzt einkaufen. So oder so. Der Einkaufswagen hat viel Platz. Dem macht es gar nichts aus, wenn ich da auch ein paar Sachen für dich reinlege.“ Sie antwortet nicht und schüttelt nur den Kopf.

Ich glaube, Gott hat das Problem auch schon lange erkannt. Jesus hat einmal gesagt: Gott weiß, was ich will, schon bevor ich ihn darum bitte. Deshalb hilft er schon vorher. Wahrscheinlich weil er weiß, wie schwer es vielen Leuten fällt, um Hilfe zu bitten. Vielleicht weil er nicht will, dass sie sich deswegen schämen. Oder sich klein und minderwertig fühlen. Nur weil sie Hilfe brauchen.

Tante Hannah hat sich entschieden. Sie hebt den Kopf. „Milch brauche ich. Für den Kaffee.“
„Kein Problem“, sage ich, „mache ich gern.“

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„Na, du Bauer!“ Ich komme gerade in unser Hotelzimmer. Meine Frau sitzt auf dem Bett. „Bist du jetzt zufrieden?“  Ich weiß, was sie meint. Sie spielt auf eine Geschichte in der Bibel an. Deshalb nennt sie mich Bauer.

Meine Frau macht sich über mich lustig. Dass ich das Auto in der Garage des Hotels geparkt habe. Erst jetzt beginnt für mich die Erholung. Meiner Frau macht das nicht aus, wenn das Auto irgendwo auf der Straße rumsteht.Und deshalb zieht sie mich immer mit der Geschichte von dem Bauern auf.

Jesus erzählt diese Geschichte als Beispiel für Leute wie mich. Die Geschichte geht so: Ein Bauer hat eine gute Ernte. Er freut sich, weil er nun Vorräte für eine lange Zeit hat. Und bringt sie erst mal sicher in seinem Lagerhaus unter. So wie ich mein Auto. Aber in dem Moment, in dem alles gut scheint, sagt Gott zu ihm: „Wie dumm du bist! Noch in dieser Nacht werde ich dein Leben von dir zurückfordern. Wem gehört dann das, was du angesammelt hast?“

Ich finde das ziemlich hart. Manchmal fühle ich mich auch wie dieser Bauer. Ich plane und arbeite, gehe sogar todmüde nochmal auf die Straße, damit das Auto sicher geparkt ist. Und wenn ich mich dann erschöpft aufs Sofa fallen lasse, werde ich aufgezogen. „Na, du Bauer?“

„Ich konnte diese Geschichte noch nie leiden“, sage ich zu meiner Frau.
„Weil sie nicht unserer Natur entspricht“, meint sie, „wir wollen doch alle unsere Schäfchen im Trockenen haben, aber eins ist dabei wichtig!“

Ich schaue sie an und warte auf die Weisheit: „Wir leben in der Zwischenzeit. Wir planen und machen und tun und vergessen, dass das unser Leben ist. Es beginnt nicht irgendwann, wenn die Scheune und das Konto voll sind. Wenn das Auto in der Garage, meinetwegen der Koffer ausgepackt und wir geduscht sind. Es beginnt vorher. Jetzt. “

Ich ziehe die Schuhe aus: „Du hast Recht. Das Leben ist nie ganz perfekt. Also ab an den Strand! Das ist mir heute vollkommen genug!“

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„Gut, dass es so viele Baustellen gibt.“ Meine kleine Tochter sitzt auf dem Rücksitz und verkündet ihre Weisheit. Und ich beiße gleich ins Lenkrad.

Wir fahren in den Urlaub. Seit neun Stunden sitzen wir im Auto. Jetzt fahren wir gerade ganz langsam unserem Urlaubsort entgegen. Langsam, weil die Straße voller Schlaglöcher ist. Ich habe Angst um meine Stoßdämpfer. Und meine Tochter kommt mit ihren Baustellen.

„Wie bitte“, sage ich, „ gut, dass es Baustellen gibt? Hast du nicht vorhin noch gemeckert, als wir so langsam durch eine Baustelle gefahren sind?“
„Ja, aber eine Baustelle ist doch etwas Gutes!“
„Wieso denn das?“

Meine Tochter erklärt ganz langsam. Wie immer, wenn sie es mit ihrem begriffsstutzigen Papa zu tun hat.
„Eine Baustelle heißt doch, dass sich jemand kümmert. Jemand sieht, dass die Straße kaputt ist und macht sie wieder ganz.“ Sie deutet aus dem Fenster. „Um diese Straße kümmert sich niemand. Deshalb ist sie so kaputt.“

Darauf bin ich noch nicht gekommen. Aber irgendwie stimmt es schon. Meine Frau mischt sich ein: „Darum sagt man ja auch: In meinem Leben habe ich viele Baustellen.“
„Genau, Mama!“ Mutter und Tochter verstehen sich wieder.´„Wenn man viele Baustellen im Leben hat, dann heißt das: Man muss sich um viele Dinge kümmern.“

„Da muss Gott ja ganz viele Baustellen haben“, sagt meine Tochter. „Bei den vielen Menschen. Da muss er ja den ganzen Tag am Arbeiten sein.“
„Ja stimmt“, meint meine Frau, „und vielleicht dauern deshalb diese Baustellen genauso lange wie die auf den Straßen. Das geht nicht immer ganz schnell. Weil man einen Schritt nach dem anderen machen muss.“
Meine Frau ist jetzt ganz in ihrem Element.“„Aber wenn Gott daran arbeitet, dann weiß man doch wenigstens, dass die irgendwann fertig werden. Und das ist doch auch gut.“

„Genau. Und deshalb ist es gut, dass es viele Baustellen gibt“, meint meine Tochter und guckt wieder aus dem Fenster. Und ich konzentriere mich aufs Fahren. Einfach zu viele Schlaglöcher hier.

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„Im Stau ist man wenigstens nicht allein!“ Mein 11 Jahre alter Sohn schaut entspannt aus dem Fenster und sieht sich die anderen Autos an, die um uns herum stehen.

Die Weisheit meiner Kinder beim Autofahren ist oft schwer erträglich. Ich rede schon seit zehn Minuten mit mir selbst und beruhige mich: „Stau ist gar nicht so schlimm. Stau geht auch wieder vorbei. Nur ruhig bleiben.“

Und jetzt so ein Spruch. „Wie meinst du denn das?“ frage ich.
„Nur so. Man ist nicht allein. Es sind noch viele andere mit uns im Stau.“
„Ja, darum gibt es doch den Stau überhaupt. Wenn keiner da wäre, dann gäbe es auch keinen Stau. Und mir wäre das bedeutend lieber.“ Eine Weile ist es still. Dann tönt es wieder von hinten:
„Aber Papa, stell dir doch mal vor, wir wären ganz allein. Nachts vielleicht. Und dann passiert was. Dann wären wir doch froh, wenn wir nicht allein wären.“
„Das ist was ganz anderes.“
„Warum denn? Ich bin froh, wenn ich nicht allein bin.“

Mein Sohn ist nicht gern allein, das stimmt. Er hat immer gern Menschen um sich herum. Er kann nicht mal gut einschlafen, wenn er allein ist.
„Ich bin froh, dass ich nie allein bin.“ Wieder ist es still. Dann, nach einer Weile:
„Gott ist doch immer bei mir, oder? Also bin ich doch nie allein. Und das finde ich schön.“

Langsam fang ich an zu verstehen. Dieses Gefühl, nie ganz allein zu sein. Mutterseelenallein oder gottverlassen. Für mich ist das sogar der Kernpunkt meines Glaubens. Dass Gott da ist, was immer auch passiert. Dass er mit mir meine Wege geht. Sie vielleicht sogar irgendwie lenkt.

Ich weiß nicht so recht, was ich meinem Sohn sagen soll, versuche es mit einem: „Wahrscheinlich hast du recht.“ Mein Sohn beugt sich vom Rücksitz nach vorne, ganz nah an mein Ohr und meint:

„Dann ist es doch auch klar, dass es manchmal einen Stau geben muss. Bei all den Menschen. Wenn die alle nicht allein sind.“
Ich gebe mich geschlagen: „Du hast Recht. Im Stau ist man wenigstens nicht allein. Das ist auch schon ein Trost.“

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„Der war noch jung. Der hatte noch Fucke. Richtig Fucke!“ Tante Hannah aus Dortmund erzählt von ihrer Zugfahrt zu uns. Ein junger Mann hat ihr mit dem Gepäck geholfen. Aber ich versteh sie nicht ganz. Fucke? Was meint sie mit Fucke?

„Fucke! Kennst du das nicht?“ Sie schaut mich erstaunt an.
„Nein“, sage ich, „das Wort kenne ich nicht. Was meinst du denn?“
„Na, Fucke halt! Kraft. Elan. Schwung. Aber so ganz trifft’s das nicht. Ach, ich weiß auch nicht so recht, wie ich’s sagen soll.“

Der Apostel Paulus kennt das Problem auch. Der weiß auch nicht, was „Fucke“ ist. Aber er weiß, wie das ist, wenn man die richtigen Worte sucht und nicht findet. Besonders dann, wenn er mit Gott reden will. Dann kann er es nicht so recht sagen. Darüber hat er lange nachgedacht und hat in einem Brief an eine Gemeinde geschrieben. „Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen. Und auch nicht, wie wir unser Gebet in angemessener Weise vor Gott bringen.“ (Röm 8,26)

Tante Hannah seufzt. Sie denkt immer noch den jungen Mann, der ihr im Zug geholfen hat. Und sucht nach dem richtigen Wort. Und ich bin immer noch begriffsstutzig.

Paulus hat dafür eine Lösung gefunden. Und um die Leute seiner Gemeinde zu beruhigen, schreibt er weiter, dass Gott selbst uns die passenden Worte schenkt. Denn – Zitat – „Gott weiß ja, was in unseren Herzen vorgeht.“ (Röm 8,27)

„Ach so“, sage ich zu Tante Hannah, „der hat halt richtig Power gehabt.“
Jetzt schaut sie mich fragend an. „Ist das Englisch? Ich kann kein Englisch!“
„Brauchst du auch nicht“, sage ich. „Power ist so ziemlich dasselbe wie Fucke.“ Aber Tante Hannah überzeugt das nicht.

Paulus meint: Wenn wir versuchen, mit Gott zu reden, versteht er uns auch ohne Worte. Ja, Gott versteht uns „in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist.“ (Röm 8,26).

Ich kann Paulus da gut verstehen. Manchmal braucht man keine Worte, um sich zu verstehen. Ein Blick, ein Zucken, ein Seufzer. Man kennt sich, man versteht sich. Tante Hannah und ich, wir müssen uns erst mal besser kennenlernen. Deshalb ist es Zeit, die Sache ruhen zu lassen.

Ich gehe aus der Küche und atme tief aus. Das hat Gott bestimmt auch verstanden.

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„Papa?“ Meine Tochter, 8 Jahre alt, baut sich vor mir auf. Sie hat einen Zettel in der Hand und ich weiß: Jetzt ist es wieder so weit. Sie will mir etwas vorführen. Das macht ihr großen Spaß.

Sie sagt: „Jetzt kommt die Predigt.“ Und ich denke: „Nein, bitte keine Predigt.“ Normalerweise singt sie mir etwas vor. Meistens das, was sie gerade in der Schule in Musik übt. Oder sie führt mir ihr neues T-Shirt vor oder tanzt etwas nach, das sie im Fernsehen gesehen hat. Und jetzt die Predigt. Sie lässt sich nicht stoppen.

„Liebe Gemeinde, wir sind hier zusammengekommen, um Herrn Karl-Heinz Kennichnich zu beerdigen.“

„Du hast eine Beerdigungspredigt geschrieben?“ frage ich. „Wieso das denn?“ „Das ist doch wichtig! Da braucht man doch ganz viel Trost.“ Sie fährt fort: „Der Schmerz hängt wie eine Gewitterwolke über uns. Aber bei Gott gibt es keine Schmerzen mehr.“

Ich unterbreche sie nochmal: „Wie denkst du dir denn das mit dem Tod?“ Ich bin jetzt neugierig geworden: „Warum gibt es denn den Tod überhaupt? Was meinst du?“ Sie guckt mich ganz erstaunt an. Manchmal stelle ich schon dumme Fragen.

„Also, Papa, das ist so: Wenn die Leute Schmerzen haben, dann sterben sie. Und dann sind sie bei Gott. Und dann - dann tut ihnen nichts mehr weh. Deshalb müssen wir alle sterben.“

„Weil wir alle irgendwie irgendwann Schmerzen haben?“
„Genau!“, sagt sie, „bei Gott tut nichts mehr weh. Und das ist doch gut.“
„Und deshalb machst du eine Beerdigungspredigt?“
„Ja, weil das doch das Wichtigste ist.“
„Das versteh ich nicht- was ist für dich das Wichtigste?“
„Dass man Trost kriegt. Weil man doch am meisten Trost braucht, wenn jemand gestorben ist. Dann seid ihr Pfarrer doch am Wichtigsten.“ - „Wir Pfarrer?“

„Ja. Weil ihr doch wisst, dass es bei Gott schön ist. Und dass man nach dem Tod zu Gott kommt.“
„Komm mal her“, sage ich und nehme sie in die Arme. „Ich finde, du hast eine sehr schöne Predigt geschrieben.“

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