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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Wie wird in Deutschland mit anderen Meinungen, anderen Überzeugungen, anderen Religionen umgegangen? Für mich ist klar: Es kann nicht so laufen, wie etwa in Afghanistan oder Syrien. Hier herrscht oft die nackte Gewalt gegen andere Kulturen und Religionen. Da sprengen Taliban den Buddha im afghanischen Bamiyan. Da zerstören IS-Kämpfer Teile der syrischen Tempelstadt Palmyra. Immer lautet die Begründung, dass anstößige Darstellungen oder fremde Gotteshäuser die eigenen religiösen Gefühle verletzen.

Oft wird vergessen: Auch in Deutschland ist der Umgang mit der Religion und ihren Zeugnissen umstritten. Ein Beispiel: Die Diskussion um die sogenannte ‘Judensau‘ an der Wittenberger Stadtkirche St. Marien. Da zeigt seit Jahrhunderten ein steinernes Relief eine Sau. An ihren Zitzen saugen Juden und ein jüdischer Rabbiner untersucht den Hintern des Schweins. Das Problem: Das Schwein gilt im Judentum als unrein. Das Bild macht sich darüber lustig, ist reinster mittelalterlicher Antisemitismus. Kein Wunder, dass über das Relief diskutiert wird. Es gibt viele, die es entfernen wollen. Die Kirchengemeinde hat einen anderen Weg gewählt. Sie hat schon vor fast zwanzig Jahren eine Tafel angebracht. Sie erinnert an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Überdeutlich distanziert sich die Gemeinde damit von der Botschaft der ‚Judensau‘.

Für Juden wie Christen ist die Darstellung der ‚Judensau‘ untragbar. Aber heißt das, dass wir einfach die Geschichte ausradieren sollen? Das wir all das entfernen, was für uns heute rassistisch, antisemitisch oder auch frauenfeindlich ist? Für mich ist das der falsche Ansatz. Mir scheint es viel wichtiger, wenn wir uns mit unserer Kultur, unserer Geschichte beschäftigen. Wenn wir kritisch über den unmenschlichen Antisemitismus vieler mittelalterlicher Christen nachdenken. Wenn wir Denkmäler historisch einordnen, kritisch reflektieren – und dann daraus lernen. Denn das unterscheidet unsere Gesellschaft von Taliban und IS. Dass wir auch mit dem umgehen können, was nicht in unser Weltbild passt.

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Treue. Klingt altmodisch. Ist es aber nicht. Denn Treue braucht jeder Mensch. In ganz verschiedener Hinsicht.

Treue zeigt sich erstens, wenn ich zu einem anderen Menschen halte. Wenn mein Kind Mist baut, schlechte Noten nach Hause bringt, sich geprügelt hat. Da kriegt es zu Recht Ärger. Aber ich mache meinem Kind auch deutlich: Ganz egal, was ist, du bist unser Kind. Wir unterstützen dich und stehen gemeinsam auch schwere Situationen durch. Sicher, du musst für das gradestehen, was du verbockt hast. Aber wir halten zu dir.

Treue kann zweitens auch heißen, dass ich eine Aufgabe übernehme – und die dann auch verantwortungsvoll durchführe. Dass ich mich nicht verdrücke, sondern meinen Job, meine Aufgabe gewissenhaft erledige. Treue heißt hier: Jemand kann sich auf mich verlassen.

Drittens gibt es auch die Treue sich selbst gegenüber. Ich bleibe mir selbst treu – meinen Überzeugungen, meinen Versprechen, meinen Beziehungen. Wenn ich zu mir selbst stehe, auch in schwierigen Situationen, dann heißt das Treue.

Treue ist wichtig für das Leben und das Zusammenleben. Kein Wunder also, dass auch Gott in vielen biblischen Texten so beschrieben wird. Als jemand, der zum Menschen hält, zu seinen Versprechen. Die Rede von einem treuen Gott hat es in sich. In vielen Kulturen und Religionen – auch im Christentum – wird Gott immer wieder als zorniger Gott verstanden. Als ein Gott, der genau aufpasst, ob Menschen fromm leben, ob sie sich an religiöse Regeln halten. Und wehe, wenn das nicht passierte. Wenn aber Gott treu ist, dann kann er kein zorniger, rachsüchtiger Gott sein. Dann kann er nicht sagen: „Mensch, ich halte zu dir.“ Und im nächsten Augenblick: „Ich mache dich fertig, ich bin wütend auf dich.“

Wenn Gott treu ist, dann muss er zum Menschen halten, dann kann er nur ein liebevoller, ein barmherziger und sich erbarmender Gott sein. So wie treue Menschen auch nicht willkürlich mit anderen Menschen umgehen können.

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Rio de Janeiro, vor zwei Wochen. Es ist der 16. August 2016. Olympische Spiele, 11. Tag. Zweites Halbfinale der Frauen über 5000 Meter. Nach wenigen Runden stürzt die neuseeländische Leichtathletin Nikki Hamblin. Ihre Konkurrentin Abbey D‘Agostino kann nicht mehr ausweichen und fällt ebenfalls. Das Feld zieht davon, die beiden rappeln sich auf. D‘Agostino aber kann kaum noch laufen. Sie fasst sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ans Knie. Nikki Hamblin bleibt stehen, muntert die Amerikanerin auf, reicht ihr die Hand. Und so kommen beide schließlich doch noch ins Ziel – weit abgeschlagen hinter allen anderen Läuferinnen.

Knapp zwei Wochen nach den Spielen habe ich viele Medaillengewinner bereits vergessen. Aber das Bild der beiden Sportlerinnen, die sich gegenseitig ins Ziel helfen, das ist geblieben. Ein Moment, der mich bewegt. Die fairste Geste der Spiele von Rio. Sie macht deutlich: Es kommt nicht in erster Linie auf das Gewinnen an. Sondern darauf, wie Menschen ihren Sport betreiben.

Für mich hat diese Szene Symbolkraft. Weit über den Sport hinaus. Denn in vielen Situationen des Lebens kommt es auch nicht allein aufs Gewinnen an. Im Leben, finde ich, zählt mehr: Es zählt vor allem der menschliche Umgang mit anderen – auch mit Konkurrenten. In einer Welt, in der schon der Zweite der erste Verlierer ist, machen mir die Sportlerinnen klar: Ich kann auch gewinnen, selbst wenn ich abgeschlagen ins Ziel komme. Kann Erfahrung gewinnen, Freunde – und vor allem Selbstachtung. Ich kann mit anderen kämpfen – und es gibt trotzdem einen Weg, aufrecht durchs Leben zu gehen.

Nikki Hamblin ist übrigens für ihren besonderen Sportsgeist mit der selten vergebenen Pierre-de-Coubertin-Medaille ausgezeichnet worden. Zu Recht. Weil sie in ihrem Wettkampf mehr als nur den möglichen Sieg gesehen hat. Weil sie immer noch ein offenes Auge für andere Menschen hatte.

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Es ist eines der bekanntesten Märchen: Hans hatte gute Arbeit geleistet. Sein Chef dankt es ihm und er belohnt ihn mit einem großen Goldbarren. Hans ist ‚wie im siebten Himmel‘ und freut sich sehr über diesen Reichtum. Bald jedoch, als er unterwegs ist, spürt er, dass mit diesem großen Goldstück auch Last und Gewicht verbunden sind. Er tauscht dies ein gegen ein Pferd. Immer und immer wieder tauscht er weiter. Naiv und gutgläubig, wie Hans nun mal ist, wechseln Gegenstände und Tiere ihren Besitzer. Ständig sieht Hans in etwas anderem das Bessere. Schließlich besitzt er zwei Schleifsteine. Müde von seinem langen Unterwegssein kommt er zu einem Brunnen. Da passiert, was ‚passieren musste‘: Während er aus dem Brunnen trinkt, stößt er aus Versehen die Steine in die Tiefe des Brunnens. Kurzum: Von dem ursprünglich gewichtigen Goldbarren ist nichts übrig geblieben – äußerlich! Doch was geschieht in Wirklichkeit? Statt traurig zu sein über den Verlust ist Hans froh und befreit.  Er kniet nieder und dankt Gott.

Dieses Märchen von ‚Hans im Glück‘ ist durch viele Generationen weiter erzählt worden. Meistens ist eine Warnung damit verbunden:

„Du, lieber Zuhörer, liebe Zuhörerin, pass gut auf; tausche nichts unter seinem Wert, sei nicht so blöd und lass Dich nicht ‚übers Ohr hauen‘!“

Aber ich bin sicher, dass wir den ‚Hans im Glück‘ nur so heftig missverstehen. Glücklich wird Hans in dem Augenblick, als er nichts mehr hat und gleichzeitig spürt, dass er aus der Tiefe des Brunnens schöpfen kann.

Bei mir kann es ein Buch sein, in das ich mich vertiefe oder Musik, die mich trägt und in neue Dimensionen führt. Manchmal braucht es nur ein paar wenige Schritte in die Natur und ich kann deren Stimmen und Farben aufsaugen. Heute ist es vielleicht ein kurzes Verweilen in der Stille einer Kirche, morgen ein gutes Essen im Kreis der Familie oder ein persönliches Gespräch mit guten Freunden.

Das sind für mich Kraftquellen.

Diese lassen mich spüren, woraus ich schöpfen kann und was wirklich wichtig ist.

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Vielleicht erinnern Sie sich an das Kinderbuch „Frederick“. Es mag zwar eigentlich für Kinder geschrieben sein, meiner Meinung nach kann es jedoch mindestens so wichtig für erwachsene Menschen sein. Die Feldmaus Frederick ist ein Außenseiter. Sie lebt mit ihrer Familie auf einem alten Bauernhof. Alle anderen Mäuse sammeln fleißig Vorräte für den kommenden Winter, nur Frederick sitzt scheinbar untätig und faul in der Sonne. Auf die Frage der anderen, warum er nicht mithelfe, antwortet er, dass er für kalte und graue Wintertage Sonnenstrahlen, Farben und Wörter sammele.

Als der Winter kommt, leben die Feldmäuse von den gesammelten Vorräten. Doch der Winter ist lang – die Vorräte sind irgendwann aufgebraucht. Jetzt wird Frederick von den anderen nach seinen gesammelten Vorräten gefragt. Und er packt tatsächlich von seinen „Vorräten“ aus. Da kommen Sonnenstrahlen, bunte Farben und Worte zum Vorschein. Mit seinen eigenen Worten kann Frederick den anderen Mäusen jetzt, mitten im kalten und dunklen Winter, Wärme, Freude und Lebensmut vermitteln. Den Höhepunkt seiner Vorräte bildet ein von ihm selbst verfasstes Gedicht über die Schöpfung und den Wechsel der Jahreszeiten. Nun rufen die Mäuse erstaunt aus: „Aber Frederick, Du bist ja ein Dichter.“ Er antwortet: „Ich weiß, Ihr lieben Mäusegesichter!“ Auf diese Weise wird Frederick zum Star unter seinen Mitbewohnern und seine Außenseiterrolle findet ein Ende.

Warum ich dies heute Morgen sage? Ich möchte dazu ermuntern, auf ähnliche Weise jetzt, im Spätsommer, Vorräte zu sammeln, wenn wir unterwegs sind in unserem Alltag: Nehmen wir Bilder in Gedanken auf, um sie für unser Inneres aufzubewahren! Farben vom Morgen zum Beispiel, Eindrücke aus der Natur - die Strahlen der Sonne oder auch Regentropfen - oder Gesichter von Menschen, die uns begegnet sind.

Diese Bilder können wir lebendig halten in Gedanken – dann haben auch wir ‚Vorräte‘ für die kalten Tage!

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Für viele beginnt heute wieder die Schule, für andere der Dienst, die Arbeit – vielleicht nach Wochen der Erholung und des Urlaubs. Ein neues Schuljahr für die einen, Start in den Alltag für die anderen. Und immer wieder ist damit verbunden der Druck, etwas ‚leisten zu müssen‘ und die Angst, vielleicht nicht alles gut zu schaffen. „Das schaffe ich nicht!“ – „Mir wird alles zu viel!“ muss mancher von sich sagen…

Wenn zu viel Druck da ist, so sind die Schuldigen mitunter schnell gefunden – mal ist es G8, mal sind es die Lehrer und Lehrerinnen, andere Mitschüler, die dauernd nerven, Kolleginnen und Kollegen, unbarmherzige Vorgesetzte und so weiter… 

Ja,  Menschen, die dauernd Druck ausüben, können tatsächlich für andere ein Grund sein für Unzufriedenheit, für Krankheit, für Überforderung. Wichtig ist es, dass ungerechte Situationen und Probleme erkannt und gelöst werden; das gelingt sicher nicht immer. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite liegt bei mir selbst: Manchmal überfordre  ich mich mit dem, was ich mir zumute. Ich kann mich selbst fragen: Muss ich das alles wirklich ‚mitnehmen‘? Muss ich echt überall dabei sein? Ist es lebenswichtig, dass ich nebenher ständig auf mein smart-phone schaue, ob sich vielleicht ‚was getan hat‘? Muss ich wirklich immer umgehend antworten auf Nachrichten und Anfragen auf ‚what’s app‘ oder sonst wo?

Mir ist es hin und wieder wichtig, erstmal bewusst durchzuatmen, bevor ich reagiere. Ein andermal gelingt es mir, zunächst bei der Aufgabe zu bleiben, die mir gerade gestellt ist und diese zu Ende zu führen. Danach kann ich immer noch meine Antwort formulieren – das nimmt einiges an Druck weg und kann mir eine gute Hilfe sein! 

Ich finde, es fehlt uns manchmal der Mut, manche Gelegenheit bewusst ‚auszulassen‘.

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Die Sommer- und Urlaubszeit ist für viele in diesen Tagen zu Ende. Was bleibt, das sind Erinnerungen an vieles, das in dieser freien Zeit erlebt werden konnte. Vieles davon möchten Urlauber aus dieser Zeit gerne ‚fest-halten‘, z.B. in Bildern.

Früher, als es noch keine Digitalkameras gab und erst recht keine ‚smart-phones‘, mit denen wir auch noch fotografieren konnten, da begann so kurz nach dem Urlaub eine spannende Zeit.

Es galt, abzuwarten, bis die Bilder entwickelt waren. Dann wurde geschaut, begutachtet; dann konnten wir uns bildlich erinnern an dies und an jenes… Jetzt fällt diese Wartezeit weg und wir haben viel mehr Urlaubsfotos als früher!

Ich frage mich, „warum ist es uns eigentlich so wichtig, zu fotografieren?“ Und die Antwort gebe ich mir gleich selbst: „Wir möchten gern festhalten. Es fällt uns schwer,  schöne Dinge, angenehme Erlebnisse loszulassen! Beim Anschauen der Bilder wird einiges von dem, was vergangen ist, wieder ein Stück weit lebendig!“

Für mich sind solche Erinnerungen in Bildern wertvolle Schätze – längst Vergangenes oder auch unmittelbar Zurückliegendes wird neu mit Leben gefüllt. Menschen tauchen auf, Erlebnisse und Begegnungen werden wach. Ich spüre, dass Vergangenheit und Gegenwart fast miteinander verschmelzen können. Das ist gut so.

Nicht gut wäre es, wenn ich nur noch in Erinnerungen ‚schwelgen‘ und dabei außer Acht lassen würde, dass zurückliegendes doch vergangen ist und ich ‚jetzt im Augenblick‘ lebe.

Solche ‚Schätze der Erinnerung‘ erfahre ich dann als besonders wertvoll, wenn ich dankbar zurückschauen kann. Dann spüre ich auch, wie ich für die aktuelle Zeit neue Kraft auftanke. Dies gilt für einen Sonntagmorgen genauso wie für eine neue Arbeitswoche!

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