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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag, eine schöne Woche und viel Gesundheit. Genießen Sie die Sonne und das schöne Wetter.“
Da hat sich der Busfahrer eine ungewöhnliche Ansage einfallen lassen. Kein Wunder: Es ist ein herrlicher Tag. Die Sonne scheint. Der Frühling ist im Anmarsch.
Normalerweise wird ja im Bus immer nur die nächste Haltestelle angesagt. Hauptbahnhof. Oder Universität. Da irritiert die außergewöhnliche Ansage. Im Bus schauen sich die Fahrgäste an. So viel Freundlichkeit haben sie nicht erwartet. Aber die fröhlichen Wünsche  aus dem Lautsprecher stecken an. Ein Lächeln huscht über einige Gesichter. Und das ein oder andere Gespräch kommt in Gang. Und ich spüre: Ja, die warmen Sonnenstrahlen will ich gerne aufnehmen.  

Was mir daran gefällt? Der Busfahrer hätte das nicht sagen brauchen. Das war sozusagen „außerplanmäßig“. Er hatte vermutlich super gute Laune und wollte davon etwas weitergeben. Einfach so!

Die Wirkung ist erstaunlich. Viele der Fahrgäste nehmen die gute Laune sogar mit, wenn sie aussteigen. Das kann man sehen. Vielleicht erzählen sie vom gut gelaunten Busfahrer, wenn sie nach Hause kommen. Oder verbreiten selbst mit ganz einfachen Mitteln gute Laune. 

Außerplanmäßig freundlich sein. Das geht nicht nur im Bus:  Blumen, obwohl kein Geburtstag ist. Kuchen mitten in der Woche. Der Gruß auf der Straße. Die aufgehaltene Tür. Einfach so.

Das muss nicht sein. Mit Müssen funktioniert das „außerplanmäßige freundlich sein“ auch gar nicht. Das kann nur aus freien Stücken passieren.

Nicht weil es verlangt wird. Oder sich so gehört. Sondern weil es schön ist, anderen von der guten Laune, etwas abzugeben. Das ist ansteckend und wirkt weiter. So weit, dass ich sogar nach einigen Tagen immer noch im Radio davon erzähle. So einfach ist das. 

Und so kann ich heute nur sagen: „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag, ein schönes Wochenende und viel Gesundheit. Genießen Sie das hoffentlich schöne Wetter!“

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„Das geht mir unter die Haut“. Das sage ich, wenn mich etwas trifft. Wenn mich etwas tief berührt und wirklich mein Innerstes erreicht. 

Mir geht unter die Haut, wenn ich mitbekomme, dass jemand total ungerecht behandelt wird. Wenn ich höre, dass ein Bekannter schwer krank ist. Oder wenn ich die Bilder von zerstörten Städten oder von ängstlichen, verzweifelten Gesichtern an den Grenzen Europas sehe. Leid geht mir unter die Haut. Leid lässt mich nicht kalt, prallt nicht an mir ab. 

Da dringt in mich ein, was um mich herum passiert.

Und ich fühle mich einer Situation oder Menschen hautnah verbunden. Oft macht mich das hilflos. Ohnmächtig. Was kann ich schon tun? 

Mitfühlen. Das ist manchmal das Einzige. Aber immerhin. Vielleicht das Wichtigste. Mit anderen fühlen. Auf andere zugehen, ihnen zeigen, sie sind nicht allein. Ich stecke nicht in ihrer Haut, aber ich fühle mich mit ihnen verbunden. Denn es berührt mich, was mit anderen Menschen los ist. 

Unter die Haut gehen mir aber auch die schönen Momente des Lebens.

Wenn ich erlebe, wie Menschen füreinander da sind, sich beistehen, sich in den Arm nehmen, sich lieben und zärtlich miteinander umgehen.  „Das geht mir unter die Haut“ heißt hier für mich: Ich nehme gerne das Glück und die Liebe, die mir begegnen, in mich auf. Ich fühle mit, was schön ist und froh macht. 

Zurzeit bereiten sich in meiner Gemeinde Jugendliche auf die Firmung vor. Sie werden erwachsene Mitglieder der Gemeinde. Sie sagen Ja zu ihrem Glauben. An der Firmung werden die Jugendlichen  mit Öl gesalbt. Und das Öl wird in die Haut eindringen. Ein schönes Zeichen! Denn damit kann deutlich werden, was Firmung meint: Gott lebt in den jungen Menschen. Es darf tief in sie eindringen, dass Gottes guter Geist, dass der Heilige Geist, in ihnen steckt und sie begleitet. Das kann die jungen Menschen für ihr Leben stärken. 

Sie erfahren: Was mir unter die Haut geht, macht mich stark. Ein tröstliches Zeichen. Das Leidvolle und das Schöne. Das, was mich zutiefst berührt, macht mich stark.Stark, um mit den Schwachen zu fühlen. Stark, um zu lieben.

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Kann man mit vollen Händen beten? Ich sehe den Buchtitel und bleibe daran hängen. Was soll die Frage? Ich brauche doch gar nicht meine Hände zum Beten. 

Aber umgekehrt verbinden viele mit dem Gebet gefaltete Hände. Hände, die zur Ruhe kommen. Die deutlich machen: Jetzt wird mal nichts geschafft.

Hände, die bewusst auf dem Schoß ruhen, ineinander gelegt, vielleicht auch offen wie eine Schale. Das kann beruhigen. Das kann auch die Gedanken sammeln. Ich kann still werden, an Gott denken, ihn bitten, ihm danken.

Ja, die Hände können dabei durchaus helfen, mich von Gott erfüllen, mich beschenken zu lassen. Ich probiere das immer mal wieder aus. Bete mit geöffneten leeren Händen. 

Aber ich bleibe dabei: Ich kann genauso gut auch mit vollen Händen beten. 

Schon oft habe ich voll bepackt zu Gott gebetet. Mitten im Umzug, wenn ich Kisten geschleppt habe und nicht wusste, ob ich überhaupt umziehen will. Mitten in der Nacht, mit einem weinenden Kind auf dem Arm. Oder mit dem Lenkrad in der Hand, einfach nur dankbar darüber, dass ich etwas Schönes unternehmen kann.

Ja, ich kann auch gut mit vollen Händen beten. Ich fluche oder erzähle, was mich bewegt. Was mich froh, traurig oder verzweifelt macht.

Ich sage einfach frei heraus, was mein Herz, aber auch was meine Hände gerade beschäftigt. 

Von solchen Gebeten ist auch die Bibel voll. In den Psalmen klagen, staunen, loben die Menschen. Sie vertrauen sich Gott an. Erzählen einfach, was los ist. Was Angst macht. Was ungerecht ist. Was schön ist.Ob sie dabei die Hände voll oder leer haben, spielt keine Rolle. Viel wichtiger ist, dass sie das Leben, so wie es nun mal ist, vor Gott bringen.

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Fröhlich kommt das Nachbarkind an meiner Tür vorbei – und bedankt sich für ein kleines Geschenk zur Erstkommunion. „Wie war denn dein Festtag“? frage ich, und sie strahlt und erzählt, dass es sehr schön war. Ein richtig wunderschöner Tag. Sie ist immer noch sehr glücklich. Und ihre Eltern bestätigen das. Mit der Familie und mit Freunden haben sie alle fröhlich gefeiert. Die Erstkommunion ist doch so ein wichtiger Tag für ihr Kind, sagen sie, und den haben sie alle genossen. Aber – so sagt mir die Mutter dann – sie hat mitbekommen, dass in manchen Familien das Fest schon nach dem Mittagessen zu Ende war. Wie – frage ich? Warum denn das?  Das kann doch gar nicht sein. Doch, eine ganze Reihe der Kinder haben erzählt, dass die Gäste nach dem Essen schon wieder fortgegangen sind, um Fussball zu gucken, oder weil sie andere Pläne hatten. Und andere Eltern haben gesagt, so wichtig sei der Tag der Erstkommunion schließlich auch nicht. Da müsse man doch nicht so viel Theater drum machen.

Nun ist das mit dem Theater durchaus richtig erkannt. Theater braucht der Erstkommunion-Tag wirklich nicht. Es ist schon sehr hilfreich, bei aller Feierlichkeit auf dem Boden zu bleiben. Aber die erste Kommunion ist doch keine Nebensache! Wie ist das für ein Kind, das so lange auf diesen Tag vorbereitet wurde? Wie soll es verstehen, dass sein großes Fest für andere nebensächlich ist? Behutsam hat es gelernt, wie wichtig die Freundschaft mit Jesus ist. Und dass die Kommunion ein besonderes Zeichen ist, wie Gott da ganz nah ist. Dass dieser Tag deshalb groß gefeiert wird, mit einem festlichen Gottesdienst , mit schöner Kleidung, mit einer Kerze, mit Geschenken. So lernen sie es, und so sollen sie es feiern dürfen. Doch dann erleben manche das krasse Gegenteil: Für die Familie ist es kein besonderer Tag, kein besonderes Zeichen, und manche Gäste zeigen deutlich, dass ihnen die Erstkommunion egal ist? Ach, wie schade und wie traurig. Ich stelle mir vor, was das für ein Kind bedeutet. Versteht es die Welt noch? Und selbst wenn manche Menschen mit der Kommunion nichts anfangen können – ich wünschte den Kindern, dass solche Familienmitglieder mehr Respekt davor haben, was anderen heilig ist. Es sollte doch Ehrensache sein, dem Kommunionkind seinen Ehrentag zu schenken!

 

 

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“Umsonst gibts nix” – das habe ich oft gehört, aber schon als Kind konnte ich diesen Satz nicht leiden. Der war so aggressiv. Damit wurde die ganze Generation überall geplagt, in den Familien, beim Sport, in der Schule.  Überall gab es diesen Druck: Streng dich an! Tu was!  Das Leben ist hart. Irgendwie war alles mit Anstrengung verbunden, Schule, Zuwendung, das Leben, bei vielen sogar die Liebe der Eltern, denn “umsonst gibts nix” . Das hatte seine Vorgeschichte. Die Generation, die den Krieg überstanden hatte, die kannte nur das mühsame Leben, für das die meisten viel bezahlen mussten. Das wollten sie uns beibringen. Und manches stimmt ja durchaus immer noch: Gute Noten kriegen die meisten nur, wenn sie fleißig lernen. Einen interessanten Beruf  findet man nicht einfach so nebenbei. Und um ein Instrument spielen zu können,  muss man viel üben.  Anstrengung ist also ganz normal, tut manchmal auch richtig gut und gehört einfach zum Leben. Aber eben nicht immer und nicht ständig – wir Menschen brauchen auch Zeiten, wo es nicht anstrengend ist,  Zeiten ohne Mühe, in denen wir einfach nur so da sein dürfen, wie es halt gerade ist. Und Liebe – Liebe sollte wirklich immer umsonst sein!

Viele Menschen, die an Gott glauben, übertragen diesen Leistungsdruck auf ihren Glauben. Sie meinen, ganz viel tun zu müssen, damit Gott zufrieden ist – und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht viel beten oder zum Gottesdienst gehen. Sie trauen sich kaum zu denken, dass ihr Leben Gott gefallen könnte.  Aber will Gott das wirklich? Wartet er auf unsere Anstrengung? Verlangt er sie gar? Die Bibel erzählt etwas anderes. “Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser…Kommt und kauft ohne Geld” ruft der Prophet Jesaja im Namen Gottes (Jes 55,1). Er spricht es zu Menschen in der Verbannung. Sie fragen sich, was sie tun müssen, damit Gott sich um sie kümmert.”Nichts”, sagt er ihnen. Nichts müsst ihr tun. Ihr kriegt alles umsonst von Gott.

Gottes Liebe ist ganz frei. Nur eins ist allerdings nötig: Ich sollte sie annehmen.

 

 

 

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Die einen zeigen stramme Muskelpakete - die anderen Speckröllchen. Im Sportstudio treffen ganze Welten aufeinander: Da üben Durchtrainierte und Übergewichtige, Bewegungsmuffel und Bewegungssüchtige, Menschen mit handicaps und hagere Marathon-Läufer. Vor allem viele junge Männer trainieren oft gemeinsam bis zum Umfallen. Da geht es schon mal sehr laut zu, wenn sie sich gegenseitig anfeuern. Und die hübschen Sportstudentinnen mit ihren Klasse-Figuren absolvieren extreme Fitness-Übungen, dehnen sich scheinbar mühelos in alle Richtungen. Gerührt sehe ich ihnen manchmal zu, sie sind so voller Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer. Sie genießen, was sie tun. Und sie wissen noch nicht, wie es ist, wenn einem die Knochen wehtun oder Bewegungsabläufe nicht mehr so ganz funktionieren. Ich freue mich, wenn sie sich darüber noch keine Gedanken machen. In ihrem Alter habe ich mir darüber auch keine Gedanken gemacht. Das ist schon okay so.

Die Älteren - und dazu gehöre ich schon lange- machen ihr Bewegungsprogramm aber doch langsamer und bedächtiger. Mit mehr Pausen und weniger Druck. Vielleicht auch nicht immer so ernst? Natürlich ist Sport auch anstrengend. Aber ich habe dabei auch das gute Gewissen, etwas für meine Gesundheit zu tun. Und ich weiß schon lange, dass das Training mir gut tut. Manche Schmerzen sind sogar weggegangen, andere sind weniger geworden durch regelmäßigen Sport. Aber verbissen sehe ich das nicht mehr. Jedenfalls bin ich immer sehr fröhlich, wenn ich meine Bewegungsübungen gemacht habe. Nach dem Training bin ich jung. Fühle mich beweglicher und kräftiger und zufrieden. Und das ist schließlich das Allerbeste. 

Solange ich jung war, habe ich darüber kaum nachgedacht. Aber jetzt ist das anders. Jetzt bin ich dankbar, dass ich mich bewegen kann. Jeden Tag freue ich mich, aufstehen zu können. Jetzt bin ich dankbar für dieses komplizierte Gebilde, das Körper heißt. Bin dankbar für jeden Schritt, den ich zu Fuß gehen kann. Und dankbar überhaupt, zu leben in diesem Körper. Denn er macht es mir möglich, mich hier in dieser Welt zu bewegen.

Und das ist jeden Tag ein Grund, dankbar zu sein.

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