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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ich möchte einmal wissen, ob unsere Obdachlosen auch so gut versorgt werden wie die Flüchtlinge.“ So kritisierte eine Zuhörerin im Radiointerview die Hilfen für Flüchtlinge in Deutschland. Ich fand ihre Formulierung sehr interessant. Sie sprach von „unseren Obdachlosen“. Ich hätte die Zuhörerin gerne gefragt, wie ernst sie das meint. Ob sie die hiesigen Notleidenden nur einfach als Vorwand nahm, um Hilfe für vorerst fremde Menschen in Frage zu stellen. Oder ob sie das ernst meinte, dass das unsere Obdachlosen sind. Also Menschen, die zu uns gehören, für die wir auch Mitverantwortung tragen, die uns nicht gleichgültig sein können. Denn das wäre natürlich ein großer Fortschritt, wenn wir nicht mehr kritisch bis abschätzig von „den“ Obdachlosen sprächen. Sondern sie als das sähen und behandelten, was sie wirklich sind: Unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger. „Unsere Obdachlosen“ - da könnten Respekt und Solidarität mitschwingen.

Ich will die Zuhörerin beim Wort nehmen. Wer von „unseren Obdachlosen“ spricht macht deutlich, dass diese Menschen in Not nicht alleine sind und nicht alleine gelassen werden dürfen. Denn sie gehören zu uns. Entscheidend ist, dass sie in Not sind und dass wir zur Hilfe bereit sind. Denn unter uns soll niemand an seinem Elend zugrunde gehen.

Das gilt für alle, für uns selbst, für Obdachlose und andere Notleidende. Da verbietet es sich natürlich auch, die einen Notleidenden in unseren Reihen gegen die anderen auszuspielen. Es sind dann nicht nur unsere Obdachlosen, sondern auch unsere Suchtkranken, unsere Armen, unsere psychisch Kranken. Und eben auch: Unsere Flüchtlinge. Sie können und dürfen vielleicht nicht alle bleiben, aber so lange sie unter uns sind, sind sie unsere Flüchtlinge.

Deshalb finde ich es gut, dass die Zuhörerin von unseren Obdachlosen sprach. So zu sprechen kann ein Anfang sein, ein neuer Blick auf Notleidende in unserer Mitte. Und ein solcher Blick weitet sich schnell, er sieht am Schluss die vielen Menschen in Not. Nicht nur unsere Obdachlosen.

 

 

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Vor 70 Jahren kamen die ersten Care-Pakete nach Deutschland. Amerikanische Bürgerinnen und Bürger hatten die Pakete finanziert und die Care-Organisation hatte sie gepackt und verschickt. Sie gelangten zu den Menschen in Europa, die nach dem 2. Weltkrieg in den zerstörten Städte lebten - oftmals ohne Obdach, Nahrung und Kleidung. 100 Millionen dieser Lebensmittelpakete wurden bis 1960 verteilt. Noch heute erinnern sich Menschen an diese Hilfe, die im ersten Nachkriegsjahr oft lebensrettend war. Und noch immer hilft Care International weltweit gegen Hunger und Elend.

Die ersten Pakete, die nach Deutschland kamern, enthielten zehn Tagesrationen eines amerikanischen Soldaten: Fleisch und Gemüse, Butter und Käse, Obst und Kekse und anderes. Und sie enthielten auch eine Packung Zigaretten und Kaugummi.

Zigaretten und Kaugummi – das finde ich bemerkenswert. Auf den ersten Blick scheint das nicht gerade überlebensnotwendig zu sein. Das sieht eher nach Genussmittel und Süßigkeiten aus. Hätte man nicht besser etwas mehr Fett oder Fleisch eingepackt?

Doch ich finde diese Zutaten sympathisch. Abgesehen davon, dass Zigaretten in der Nachkriegszeit eine größere Bedeutung hatten als heute, sagt die Zusammensetzung des Pakets etwas über die Gesinnung der damaligen Spender und der Organisation. Natürlich wollten sie zuerst das Überleben der Menschen sichern. Und das war schon viel nach einem Krieg, in dem auch weit über 200.000 amerikanische Soldaten getötet wurden. Da war es keine Selbstverständlichkeit, sofort nach dem Krieg eine so beeindruckende Hilfsaktion zu starten. Aber die Spender wollten nicht nur das nackte Überleben sichern. Sie gönnten den ehemaligen Feinden auch eine kleine Freude, in Form von Zigaretten und Kaugummi. Wie viel ärmer wären die Pakete gewesen ohne diese Zutaten.

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„Wir beschäftigen uns als Kirche zu viel mit Dingen, die die Menschen nicht mehr interessieren.“ So antwortete Generalvikar Giebelmann, der Stellvertreter des Mainzer Bischofs auf die Reporterfrage: Welche Verantwortung trägt die Kirche für die schwindende Bindungskraft des Glaubens? Wir beschäftigen uns zu viel mit Dingen, die die Menschen nicht interessieren. Eine ehrliche Antwort, die die Verantwortung nicht auf andere schiebt. Zugleich eine Antwort, die die nächste Frage provoziert: Was sind denn die Themen, die die Menschen interessieren? Der Generalvikar vermutet sie im existentiellen Bereich, bei Fragen rund um Leben und Tod und bei der Frage nach dem Sinn des Lebens. Vielleicht  interessieren sich die Menschen auch mehr für konkrete Fragen – wird mein Arbeitsvertrag verlängert, wird mein Vater gesund werden, wird die Ehe meines Freundes halten – und so weiter. Schon vor 50 Jahren empfahl das Konzil,  sich die Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, zu eigen zu machen. Mit glasklarem Sachverstand und hellwachem Mitgefühl solle die Kirche hinhören, fordert deshalb ein Priester aus Speyer. Glasklarer Sachverstand heißt: Die Kirche muss sich auskennen in den Lebensverhältnissen der Menschen. Sie muss sich mit Wissen und Kenntnis einlassen auf das Konkrete, besonders auf die konkrete Lage von Menschen in Schwierigkeiten. Und hellwaches Mitgefühl geht über vordergründiges Bedauern weit hinaus. Solches Mitgefühl macht sich die Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen selbst zu eigen, wie es das Konzil fordert. Wenn Kirche wissen will, was die Menschen  interessiert, müssen sich ihre Vertreter selbst in die Lebensverhältnisse der Menschen begeben. Wenn sie dann noch mit glasklarem Sachverstand und hellwachem Mitgefühl hinhören, werden sie erfahren, was die Menschen wirklich interessiert.

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Willi wills wissen. So hieß eine bekannte Fernsehsendung. Willi Weitzel, der lustige Moderator hat durch sie eine ganze Kindergeneration mit seiner Neugier angesteckt. Und wissbegierig ist er geblieben –ganz besonders, was die Projekte der Sternsinger angeht. Jedes Jahr dreht er einen Film, um zu erfahren, wofür sich in den kommenden Tagen tausende kleiner Könige auf den Weg machen und Spenden sammeln.

Für seine Reportage ist er auch diesmal weit gereist.* Nicht ins Morgenland, sondern nach Bolivien. Dort trifft Willi in einem Jugendprojekt des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“ Ruddy. Ruddy gehört zum bolivianischen Volk der Aymara. Vor kurzem ist er mit seiner Familie vom Land in die die Großstadt gezogen. Hier leben sie auf engstem Raum. „Warum seid ihr von zu Hause weg?“, will Willi wissen. Keine Schule, Keine Arbeit, keine Zukunft, erklärt ihm die Familie. In der engen Großstadtwohnung, da sind sie aber auch noch nicht so richtig angekommen. Am Wochenende fahren sie deshalb mit einem Bus zur Großmutter nach Hause ins Hochland– und laden Willi spontan ein mitzukommen. Der lässt sich nicht zweimal bitten und wird Zeuge, wie Ruddys Familie nach der Ankunft ihre Jogginganzüge in leuchtende Gewänder eintauscht. Farbenprächtig stehen sie vor Willi. Der will wissen: "Warum habt ihr euch denn umgezogen?". Und er erfährt, dass die traditionellen Umhänge aus Schafswolle für die Identität der Aymara ganz wichtig sind. Nur in der Stadt will Ruddy sie nicht tragen. Sonst werden ihn seine Mitschüler hänseln und ausgrenzen, weil er anders aussieht. Da macht der sonst so witzige Willi ein ernstes Gesicht: „Ausgrenzung gibt es nicht nur in Bolivien, sondern leider auch bei uns in Deutschland.“

Da hat er recht. Auch hierzulande werden Menschen ausgelacht, weil sie anders aussehen oder auch weil sie sich nicht so viel leisten können. Das finden die Sternsinger überhaupt nicht lustig und deshalb lautet ihr Motto in diesem Jahr: „Respekt für dich, für mich, für andere. “ Sie helfen damit Kindern, die in Bolivien und weltweit ausgegrenzt werden. Und sie werden in ihren farbenprächtigen Kostümen zu bunten Botschaftern für mehr Respekt untereinander – auch hier bei uns. „Kein Mensch sollte sich für seine Herkunft schämen müssen oder dafür, dass er anders ist“, meint Willi. Und der muss es wissen!

 

*siehe: www.sternsinger.de, Reportage: „Unterwegs für die Sternsinger. Willi in Bolivien.“ Aktion Dreikönigssingen 2016. Kindermissionswerk „Die Sternsinger“, Aachen.

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“Humans of New York – Menschen aus New York”, so lautet das Fotoprojekt des Amerikaners Brandon Stanton.* Über 16 Millionen Menschen folgen seinem Blog im Internet und sein Buch stand viele Monate auf Platz eins der New-York-Times-Bestsellerliste. Sein Erfolgsrezept ist verblüffend unspektakulär und deshalb vielleicht so besonders: Der ehemalige Devisenhändler nimmt nicht die Wolkenkratzer und Geldinstitute vor seine Kamera. Seine Sehenswürdigkeiten sind Menschen. Er trifft sie auf den Straßen von New York trifft und er erzählt ihre Geschichte mit Worten und Bildern.

Dazu nimmt er sich viel Zeit. Bevor Brandon jemanden ablichtet, versucht er zu erfahren, wer ihm da wirklich gegenübersitzt. Stundenlang unterhält er sich mit Menschen, die er am Morgen noch nicht kannte. Sie erzählen ihm ihr Leben. Und er lässt sie ausreden. Noch bevor er auf den Auslöser seiner Kamera drückt, löst er deshalb bei seinem Gegenüber ganz viel aus. 

So auch bei einer Rentnerin, ich schätze sie auf Ende 60. Sie trägt einen Hut. Die blaue Krempe strahlt auf dem Foto mit ihren blauen Augen um die Wette. Dann lese ich in ihrem Zitat: „Ich gehe nun seit sechs Monaten durch diese Chemotherapie. Wenn ich manchmal aus dem Krankenhaus komme, dann will ich gar nicht mehr in den Spiegel schauen. Ich fühle mich entstellt. Aber mein Mann, der mich seit vielen Jahren begleitet, richtet mich auf. In Zeiten wie diesen spürt man, warum man zusammengehört.“ Ich sehe mir das Foto noch mal an – vor mir steht nun eine andere Frau.

Brandon zeigt vor seinem Objektiv Menschen als Subjekt. Unverwechselbar und ungeschminkt. Und indem er sie zu Wort kommen lässt, sprengt er Bilder in meinem Kopf, die ich vorschnell zu dem Foto entwickelt habe.

Eine Perspektive, die ich auch ohne Kamera faszinierend finde. Kein Mensch lässt sich auf ein Bild reduzieren. Er bleibt er immer auch Geheimnis und ist viel mehr als das, was ich mit bloßem Auge sehen kann. Brandons Momentaufnahmen zeigen mir: Es lohnt immer, die Geschichte hinter der Fassade kennenzulernen! Ich bin deshalb gespannt, wer mir heute Morgen auf der Straße begegnen wird.

 

* siehe: www.humansofnewyork.com

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„Und eines Tages fällt dir auf, dass du 99% nicht brauchst. Du nimmst all den Ballast und schmeisst ihn weg. Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck.“* So Stefanie Klos, die Sängerin der Band Silbermond, in ihrer neuen Single „Leichtes Gepäck.“

Für mich ist das ein Lied, das zum Jahresanfang passt. Es trifft den Nerv der Tage nach Silvester – 2016 kann kommen! Im Gepäck habe ich viele Vorsätze und Wünsche, viel Elan und Reiselust. Da sind aber auch Altlasten, die drücken. Dinge, die mich hindern diesen Zielen zu folgen.

Silbermond geht es in dem Lied um Konsum, der uns belasten kann. Vor ihrem Kleiderschrank steht Stefanie Klos, die Sängerin  mit der feschen Lederjacke, und singt: „Siehst die Klamotten, die du nie getragen hast und die du nie tragen wirst“. Und ich stimme ihr zu: Weniger ist oft mehr. Besitz kann einen auch in Besitz nehmen.

Der Liedtext der Band Silbermond spricht darüber hinaus aber auch den inneren Ballast an. Auch den gilt es über Bord zu werfen. Denn er staut sich im Menschen auf und lähmt sie auf neue Reisen zu gehen. Da heißt es: „All der Dreck von gestern, all die Narben, all die Rechnungen, die viel zu lange offen rumlagen, lass sie los, schmeiß sie einfach weg.“

Wenn das nur immer so einfach wäre. Die Verletzungen, die mir andere zugefügt haben. Der Streit und Stress, der mich belastet – sie verschwinden nicht, wenn ich sie ignoriere. Ich muss mich ihnen stellen. Mir hilft dabei das Gebet.

Wenn ich bete, schmeiße ich die Last nicht ins Leere. Der Dreck landet vor Gott – ihm darf ich meine Narben hinhalten. Und wenn ich über sie spreche, dann drücken sie nicht mehr so schwer. Weil ich die Hoffnung habe, dass Gott mir zuhört.

Und manchmal ändert sich beim Beten auch mein Blick auf die offenen Rechnungen. Ich muss Dinge nicht mehr aufrechnen. Das befreit mich. Und ich fange an loszulaufen – hinein in dieses neue Jahr. So wie Silbermond es beschreibt: „Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck.“

 

*siehe die Homepage der Band Silbermond:  www.silbermond.de.

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