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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Urlaub im fünf Sterne Hotel. Morgens ein großes Frühstücksbuffet und für den Ausflug am Mittag einen eigenen Chauffeur.
Wie finden Sie das? Ein Hochglanzmagazin findet: Genau das macht Reisen aus!
Rundumversorgtwerden. Luxus – das wär das Wichtigste.
Aber ich glaub das nicht. Meine schönsten Reisen waren ganz anders.
Ein Abend ist mir zum Beispiel besonders in Erinnerung. Es war in Südchina. Mein Mann und ich haben in einem kleinen Dorf übernachtet. Und zwar bei einer Familie. Die konnte eigentlich kein Englisch, wir eigentlich kein Chinesisch. Trotzdem haben wir zusammen gegessen und uns wunderbar unterhalten- mit Händen und Füßen. Es war so nett, dass wir den ganzen Abend zusammen verbracht und Schach gespielt haben.
Nicht an dem Fremden vorbeifahren sondern reingehen. Es kennenlernen.
Das macht Reisen aus, finde ich.
Klar ist das nicht immer einfach. Das Gewohnte verlassen, die Komfortzone, in der man sich auskennt. Das braucht auch ein bisschen Mut.
Da draußen weiß man nicht, wo die Fettnäpfchen stehen. Man weiß nicht, wie die anderen reagieren, In China zum Beispiel verletzt man die Leute in ihrer Ehre, wenn man ihnen ein Geschenk nur mit einer Hand und nicht mit beiden Händen überreicht.
Mir sind außerhalb meiner Komfortzone viele interessante und nette Menschen begegnet. Und ich habe von ihnen einiges gelernt über ihr Land und das, was sie bewegt.
Es hat meinen Blick geweitet und mich dadurch auch ein wenig verändert.
Wenn Sie das ausprobieren wollen, müssen Sie übrigens gar nicht in ferne Länder reisen.
Das geht auch bei uns in Deutschland. Neulich bin ich einem Jesiden aus Syrien begegnet. Wir saßen auf einer Bank im Park. Sein kleiner Sohn hat Kastanien gesammelt und mir eine nach der anderen in die Hand gelegt. So sind wir ins Gespräch gekommen. Der Mann hat mir vom Krieg in Syrien erzählt, wie sehr ihn das mitnimmt. Dass er Angst hat um seine Freunde, die noch dort wohnen. Und dass es ihm weh tut, wie sehr sich sein Land in eine Trümmerwüste verwandelt hat.
Der Mann und sein kleiner Sohn – sie haben mich aus meiner Komfortzone rausgeholt. Sie haben mich berührt und mein Leben reicher gemacht. Luxus der besonderen Art.

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Auf dem Bahnhof in Münster. Der Bahnsteig ist voll, als der Zug einfährt.
Da muss ich auch noch rein samt Kinderwagen und Rucksack.
Ich brauche Hilfe. Das ist klar.
Noch bevor ich jemanden anspreche, bietet mir eine Frau ihre Hilfe an. Wuchtet mit mir den Kinderwagen hoch. Schon sind wir drin und der Zug fährt los.
Am Türbereich stehen wir dicht an dicht.
Wie komme ich zu meinem Platz? Am besten ich erkunde das erst mal ohne Kinderwagen. „Entschuldigen Sie, könnten Sie bitte kurz mal auf mein Kind achten?“, frage ich die Frau neben mir. Sie lächelt und nickt, und ich schlängele mich durch die Menge ins Großraumabteil. Da kommt mir der Mann mit dem Servicewagen entgegen. Da ist kein Durchkommen. Am besten schon mal den Rucksack loswerden. Ich frage einen Mann „Wären Sie so freundlich, meinen Rucksack auf die Plätze hinter Ihnen zu stellen? Die hatte ich reserviert.“- „Aber klar!“, sagt er und wuchtet den Rucksack über den Servicewagen.
Zurück im Türbereich. Die Frau, die auf mein Kind aufgepasst hat, nickt mir zu. Dann fahre ich meinen Kinderwagen ins Abteil. Komme aber nicht durch. Zwei Koffer ragen in den Gang hinein.
Der Mann neben mir sieht es und hebt den Kinderwagen drüber. An meinem Platz angekommen versuche ich, den Kinderwagen zu verstauen. Ich bitte die Frau auf dem Platz neben mir, kurz meine Tochter zu halten, während ich das Oberteil vom Kinderwagen in die Gepäckablage wuchte. Das Unterteil kann ich zwar zusammenklappen, aber für die Gepäckablage ist es zu groß. Also steht es im Gang. Eine Frau bietet mir an, es in den Fußraum bei ihren Kindern zu stellen. „Die haben so kurze Beine, die stört das nicht“, sagt sie.
Nach einer viertel Stunde sitze ich auf meinem Platz. Geschwitzt, aber glücklich.
Weil es so viele aufmerksame Menschen gibt, die einfach zupacken und helfen. Danke Ihnen allen!

 

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All eure Sorge werft auf Gott. Er sorgt für euch.
So ähnlich hat das Jesus einmal gesagt.
Damals haben die Leute auch guten Grund gehabt, sich Sorgen um ihre Zukunft zu machen. Es gab zwar keine Terroranschläge, aber auch damals war das Leben unvorhersehbar.
Jesus hat gemeint: Es gibt einen Punkt, da hilft alles Vorausschauen und sich Gedanken machen nicht. Im Gegenteil: Es lähmt. Und schafft neue Probleme.
Natürlich sollte man vor-sorgen, und sorgfältig überlegen, was man tut.
Als Mutter sorge ich mich um meine Tochter: Geht es ihr gut? Hat sie alles, was sie braucht?
Meine Mutter kümmert sich um ihre Rente. Sie sorgt dafür, dass sie genug zum Leben hat, wenn sie nicht mehr arbeiten kann. Und viele Ehrenamtliche kümmern sich um die Flüchtlinge, die jetzt bei uns wohnen. Sie machen sich Gedanken, wie sie die Menschen mit Essen, Kleidung und Medikamenten versorgen. Wie sie es schaffen, die Menschen gut durch den Winter zu bringen. Sie machen sich Gedanken, wie sie sich jetzt nach den Terroranschlägen in Paris verhalten sollen.
Jesus sagt: All eure Sorge werft auf Gott. Er sorgt für euch.
Mich entlastet das. Denn auch wenn ich mich noch so sehr um meine Tochter sorge, ich habe es nicht in der Hand, dass ihr nichts passiert. Meine Mutter hat es nicht in der Hand, ob ihre Rente sicher ist.
Und was die Bedrohung durch Terroristen angeht: Eine letzte Sicherheit gibt es nicht für uns. Mit der Unsicherheit, mit der Angst und den Gefahren müssen wir leben.
Wir könnten uns zurückziehen, nicht mehr auf den Weihnachtsmarkt, nicht mehr unter Leute.
Aber so möchte ich nicht leben.
Jesus sagt: Vertraut auf Gott! Vertraut ihm eure Angst an. Und all das, was ihr nicht in der Hand habt.
Mir hilft das, wenn ich morgens meine Ängste bei Gott abladen kann. Und ich bitte ihn, dass er auch heute da ist und uns begleitet. Wo immer wir hingehen.

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Heute ist Buß- und Bettag. Was mit so einem Tag gemeint ist, steht in einer denkwürdigen Geschichte der Bibel.
Gott ist zornig. Weil die Menschen in der Stadt Ninive üble Dinge getan haben. In seinem Zorn schickt er den Propheten Jona in die Stadt. Der soll den Leuten ins Gewissen reden. Er tut es und - die Einwohner tun Buße. Um zu zeigen, dass es ihnen ernst damit ist, ziehen sie ihre normale Kleidung aus und gehen im wahrsten Sinne des Wortes in Sack und Asche. Darüber verraucht Gottes Zorn. Nur einer ist immer noch zornig, der Prophet Jona. Keine Strafe? kein Schicksalsschlag, der den Leuten richtig weh tut? So billig sollen die Leute davonkommen? Meint Jona. Das hab ich mir schon gedacht, dass Gott wieder mal gnädig und barmherzig, geduldig und von großer Güte ist!
Auch wenn Jona ihm nicht passt: er hat verstanden, worauf es Gott ankommt: dass die Menschen umkehren, nicht, dass sie an ihren Fehlern zugrunde gehen. Sie sollen immer wieder neu anfangen, das Richtige zu tun, immer neu nachdenken, was für alle am besten ist.
Worin die Bosheiten der Menschen in der Stadt Ninive genau bestehen, erfahren wir nicht. Spielt keine Rolle. Es geht darum, zu erkennen, was nicht in Ordnung ist. Damals wie heute. Auch heute kennen wir unsere Schwachstellen ganz gut. Da genügt in der Regel schon ein kurzer Hinweis, eine kleine Erinnerung.
Die Menschen in Ninive haben verstanden, dass es Sinn macht, umzukehren. Einen ehrlichen und gerechten Weg miteinander zu gehen. Es ist gut für jeden einzelnen und für die Gemeinschaft. Jeder weiß, dass es dumm ist und doch irgendwann herauskommt, wenn man gegen grundlegende Prinzipien verstößt. Wenn man etwa ein Fußballturnier kauft oder Abgaswerte manipuliert oder Flüchtlinge unmenschlich behandelt.
Entscheidend ist, das alles nicht länger unter den Teppich zu kehren, sondern endlich Konsequenzen zu ziehen. Das nennt man dann Buße oder ganz wörtlich übersetzt: Umkehr. Kehrt um, wenn ihr in einer Sackgasse steckt. Wendet euch davon ab, andere ungerecht zu behandeln. Wer sich dazu überwinden und umkehren kann, darf sich der Nähe Gottes sicher sein: gnädig und barmherzig, geduldig und von großer Güte.

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Wenn sich jemand den Tod wünscht -  darf man ihm dabei helfen? Im Bundestag ging es vor vierzehn Tagen ausnahmsweise einmal nicht um Außen- oder Binnengrenzen Europas, sondern um die Grenze des Lebens. Es ging um den sogenannten assistierten Suizid. Und das Parlament hat entschieden: Wer aus der Hilfe zur Selbsttötung ein Geschäft macht, der wird bestraft. Die Hilfe eines Einzelnen bleibt straffrei.
Viele sagen: wenn ich verantwortlich bin für mein Leben, dann gehört auch mein Sterben nur mir selber. Als Christ denke ich hier anders. Mein Sterben und mein Tod gehören mir nicht. Sie gehören Gott und sind bei ihm gut aufgehoben. So hat das auch Nikolaus Schneider gesagt. Er war Vorsitzender des Rates der evangelischen Kirche. Gott hat und behält das letzte Wort über mein Leben und Sterben, hat er gesagt. Mich berührt, dass Nikolaus Schneider von seinem Leben und Sterben gesprochen hat. Es steht uns nicht zu, in dieser Sache über andere zu urteilen. Wichtig ist, eine eigene Haltung zu finden zu der Situation, die man zu bewältigen hat.
So hat Nikolaus Schneider sein Amt als oberster Protestant aufgegeben, als seine Frau an Krebs erkrankt ist. Und er hat gesagt: wenn seine Frau „es“ nicht mehr aushält, die Schmerzen, die Abhängigkeit, das langesame Sterben, wenn sie selbst entscheiden und sterben will, dann würde er ihr die Sterbehilfe nicht verweigern.
Was ist richtig, was ist falsch? In Grenzfällen lässt sich das eben nicht grundsätzlich festlegen. Es geht um das Sterben jedes einzelnen Menschen. Um die Grenze seines Lebens. Und es geht darum, diese Situation mit Würde und in Liebe zu bewältigen. Deshalb darf es hier niemals eine Geschäftemacherei geben. Und weil es keine allgemeingültigen Regeln gibt, müssen wir über die individuellen Grenzen reden: Wie willst du über die Grenze gehen? Was wünschst du dir, wenn es mit deinem Leben zu Ende geht? Ich finde es wichtig, das voneinander zu wissen. Miteinander zu reden.
Der Bundestag hat entschieden und ein Gesetz gemacht. Ich finde, jetzt sind wir dran. Jetzt ist die Zeit für Gespräche. Gespräche darüber, wie  wir einander beistehen können. Wenn es mit uns einmal über die Grenze geht.

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Es war ein stiller Sonntag gestern. Volkstrauertag, nein eigentlich Welttrauertag. Rund um die Erde haben Menschen um die Opfer der Terroranschläge von Paris getrauert.

Wenn sich die Stadt der Lichter verdunkelt, dann leuchtet der Rest der Welt für sie! Ging es durch die sozialen Netze. Und Bilder dazu: vom Eifelturm, dem Wahrzeichen der Stadt, ganz dunkel. Dafür das Brandenburger Tor, der segnende Christus in Rio, die Oper von Sidney und viele andere Nationaldenkmäler- hell leuchtend in blau -weiß- rot, den französischen Nationalfarben. 

Wenn sich dein Leben verdunkelt, dann will ich mein Licht für dich leuchten lassen. So geht das von Mensch zu Mensch. Und das macht für mich unser Menschsein aus. 

Dass wir bereit sind, uns in die hineinzuversetzen, deren Leben sich verdunkelt hat. Dass wir bereit sind, ihren Schmerz zu fühlen. Dass wir sie  fragen, wie wir mittragen können, was allein nicht zu tragen ist, wie wir heraushelfen können. Menschsein hängt davon ab, ob wir das wollen. Und unser Mitgefühl nicht davon abhängig machen, ob ein Mensch aus Paris kommt oder aus Syrien, ob er Christ ist, oder Moslem oder Atheist. Menschlichkeit stellt keine Bedingungen an Herkunft, Religion, Kultur oder Geschlecht. Sonst ist es keine. 

Menschlichkeit braucht Zeit. Deshalb möchte ich Sie heute Morgen bitten, nicht zu schnell zur Tagesordnung überzugehen. Sondern das Leben zu verlangsamen. Schweigeminuten einzulegen. Nicht nur, um den Opfern von Paris und unseren französischen Freunden die Ehre zu erweisen. Auch um die eigenen Gefühle und die Angst besser zu verstehen. 

Angst will recht verstanden sein. Sie braucht das Gespräch mit Anderen und das Gespräch mit Gott. Damit jenseits der Gefühle die innere Gewissheit reifen kann, was zu tun ist. Mit Vernunft und klarem Kopf. Mitgefühl ist der Anfang von Allem. Für mich als Christin liegt darin eine große Hoffnung. 

„Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“ sagt Jesus. Und er meint, dass wir in den Augen derer, dessen Leben sich verdunkelt hat, Gott selbst begegnen können. Die Stadt der Lichter hat sich verdunkelt. Aber der Rest der Welt kann umso heller leuchten.

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Pray for Paris. Betet für Paris.

Millionen Menschen rund um den Erdball teilen diesen Satz seit gestern über soziale Netzwerke. Sie trauern um die die vielen Menschen, die in der Nacht zum Samstag in Paris von Terroristen ermordet wurden. Wahllos schossen die Mörder um sich, sprengten sich und andere mit Bomben in die Luft. Gezielt mordeten sie dort, wo Menschen zusammenkommen, um zu feiern, sich zu freuen und zu begegnen: in Konzerthalle, Fußballstadion, Restaurants. Pray for Paris. Betet für Paris. Für die Toten, für die Verletzten, die Hinterbliebenen, für die Stadt. Menschen mussten sterben, um ein ganzes Land zu treffen, um Angst und Schrecken zu verbreiten und unsere offene Gesellschaft zu zerstören.

Das wird ihnen nicht gelingen! Noch in der Nacht der Anschläge sagte die Bürgermeisterin von Paris: Nous sommes debout. Nous sommes unis. Wir sind aufrecht, wir sind einig. So soll es sein und das wünsche ich mir: wir stehen zusammen, weit über die Grenzen von Paris hinaus. Als Europäer, als Menschen guten Willens überall auf der Welt, als Menschen aller Religionen – ja, ganz besonders als Menschen aller Religionen: denn auch wenn die Attentäter „Allah ist groß“ gerufen haben und die Terrormiliz Islamischer Staat sich zu den Morden bekannt hat – für mich ist eines gewiss: Gott steht nicht auf ihrer Seite. Sein Name soll nicht mit Blut besudelt werden. Ich hoffe und bete für Paris und für uns alle, dass wir den Mördern keine Macht über uns geben. Dass wir Ihrem Hass unseren Mut und unsere Zivilcourage entgegensetzen. Und dass wir ihrer Gewalt mit Gerechtigkeit und Gesetz begegnen.

Der Apostel Paulus erinnert uns daran: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Auch wenn ihr weint und traurig seid: haltet fest an der Liebe zum Leben und an der Ehrfurcht vor dem Leben und lasst euch das von niemandem nehmen! Gott ist bei euch und wird euch das geben, was ihr bei aller Angst und Trauer braucht: Tatkraft, Liebe zu den Menschen und einen klaren Kopf.

In Deutschland ist heute Volkstrauertag. Er erinnert an Leid und Verbrechen in der deutschen Geschichte. Doch eines kommt heute noch dazu:

Pray for Paris. Betet für Paris.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20902