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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Wo wohnst Du?“ – so wird Jesus einmal gefragt. Er hätte auf diese Frage auch einfach sagen können, an welcher Stelle das Haus steht, in dem er lebt. Aber so war es nicht; Jesus antwortet auf die Frage, „wo wohnst Du?“ mit einem „Kommt und seht.“ Er möchte mit seiner Einladung etwas von sich preisgeben, er möchte mitteilen: ‚Schaut her, da bin ich daheim‘. 

Heimat  ist ein Grundbedürfnis von Menschen. Wer möchte nicht einen Ort haben, der Geborgenheit schenkt, der Heimat ist…
„Heimat ist für mich auch der Ort, wo ich verstanden werde“, so hat es vor kurzem jemand zu mir gesagt.

Wenn Menschen ihre Heimat verlassen, dann trennen sie sich von gewohnter Umgebung, von Freunden, von wichtigen Teilen ihres bisherigen Lebens – dazu bedarf es mit Sicherheit triftiger Gründe: Verfolgung, Angst, Hoffnung auf ein besseres Leben in neuer Umgebung. 

Wir alle bekommen dies mit in unserer direkten Umgebung – Menschen aus anderen Ländern kommen nach Deutschland. Ihre Heimat haben sie verlassen. Als Flüchtlinge sind sie unterwegs, monatelang, oft weit über ein Jahr! Unter harten Bedingungen hatten sie sich auf den Weg gemacht, schlimme Erfahrungen von Leiden und Schmerzen haben sich bei vielen eingeprägt. 

Jetzt kommen sie zu uns, in unser Land und in Nachbarländer. Zugegeben: Wir können nicht alle Probleme lösen, wir können kaum jedem eine neue Heimat bieten. Aber wir können Interesse zeigen. Wir können versuchen, Kontakte zu knüpfen. Wir können helfen, Sprachbarrieren zu überwinden.

‚Wir‘ – wer ist das? Jeder Einzelne, Gruppen und Gemeinden, weit über kulturelle und religiöse Grenzen hinaus – wir alle können Phantasie entwickeln und einzelne Türen öffnen. Konkrete Möglichkeiten dazu gibt es bestimmt auch in Ihrer Stadt, in ihrer Gemeinde vor Ort.

Ich bin sicher: Wenn wir uns einzelne Lebensgeschichten anhören, wenn wir Menschen zu verstehen suchen, dann können neue Antworten gegeben werden auf die Frage: „Wo wohnst Du?“ 

Dann können Menschen wohnen und leben und Heimat bei uns  finden!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20875

Die folgenden Sätze machen mich nachdenklich:

„Hüte dich, alles zu begehren, was du siehst, alles zu glauben, was du hörst, alles zu sagen, was du weißt, alles zu tun, was du kannst!“

Sie stammen aus einem Kloster im französischen Lyon.

Ich denke, damit ist so etwas wie eine alternative Lebensform gemeint im Umgang mit sich selbst und mit anderen.

„Hüte dich, alles zu begehren, was du siehst…“    Muss ich wirklich alles haben, muss ich hinter allem her sein, was mir gerade gefällt – beim Blick auf andere und beim Blick auf die Werbung?

„Hüte dich, alles zu glauben, was du hörst, alles zu sagen, was du weißt…“ Die Neuigkeit, von der ich gerade erfahren habe – muss ich sie gleich weiterschicken? Muss ich das, was ich von anderen höre, sofort weiter in Umlauf bringen? Oder kann ich dies einfach für mich behalten?
„Hüte dich, alles zu tun, was du kannst!“ Natürlich möchten wir gern glänzen, andere beeindrucken durch unser       Tun. Aber was steckt hinter dem, was ich plane und mache? Hilft es    tatsächlich weiter? Gehört es zu dem, was wirklich wichtig ist? Natürlich       sollte ich konkret handeln, wenn etwas notwendig und gut ist! Ein blinder Aktionismus jedoch, ein Tun, damit ‚halt was gemacht ist‘, hilft nicht   wirklich weiter. 

Ich bin sicher: Solche Worte können mir helfen, kritisch und ehrlich nachzuspüren, wie ich im Alltag lebe, was ich denke und wie ich handle.

Und: Sie können mir Mut geben, nicht einfach gelebt zu werden, sondern selbst das Heft meines Lebens in der Hand zu halten.

Diese Worte lassen mich nicht los: „Hüte dich, alles zu begehren, was du siehst, alles zu glauben, was du hörst, alles zu sagen, was du weißt, alles zu tun, was du kannst!“ 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20874

„Ich möchte gern frei sein und das tun können, was ich gerade will…“ Diesen Satz habe ich schon oft gehört –hin und wieder ertappe auch ich mich mit diesem Wunsch. 

Ein Gegensatz dazu bildet eine Aussage, die etwas verändert auf Leo Tolstoi zurückgeht: „Freiheit ist nicht, das zu tun, was Du liebst, sondern, das zu lieben, was Du tust.“

Eine heftige Aussage, wie ich finde! Unsere Zeit ist doch sehr geprägt davon, das zu tun, was einem Spaß macht. So gesehen gibt es sie wirklich – die ‚Spaßgesellschaft‘! So verstehen wir dann unsere Freiheit und wir möchten einfach unsere Wünsche erfüllen.

Und dann sind wir schnell enttäuscht, weil unser Alltag mit Zwängen und Abhängigkeiten verbunden ist. Wenn wir dann beginnen, uns gegen diese Art von Unfreiheit zu wehren, werden wir schnell unzufrieden. Lustlosigkeit und fehlende Lebensfreude können die Folge sein. Wir selbst leiden dann darunter, ebenso unsere Beziehungen und unsere Arbeit.

Für mich ist es ein Ansporn, dem Leben und der Sehnsucht nach Freiheit andersherum zu begegnen. Ich muss nicht flüchten in ständige Urlaubsträume. Ich muss nicht darauf warten, bis ich endlich ‚tun kann, was ich will‘. Ich stelle mich anders auf das ein, was ich sowieso tun muss. Ich versuche, das zu lieben, was jetzt dran ist. Das wird sicher nicht immer gelingen. Aber es kann immer mal wieder der Fall sein.

Ich finde, es lohnt sich, mit diesem Begriff von Freiheit zu leben.

Ich kann frei sein, wenn ich versuche, das zu lieben, was ich tue!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20873

Einer teilt, der andere wählt, so hieß es, als ich ein Kind war.

Wenn wir 4 Schwestern etwas geschenkt bekamen, musste immer geteilt werden. Und als Älteste kann ich fast alles, besonders gut Schokolade so aufteilen, dass jedem egal ist, was er bekommt, weil die Teile komplett gleich sind.

Teilen ist das Markenzeichen des Tagesheiligen von heute, des Heiligen Martin, und bei dieser Gelegenheit allen, die Martin oder Martina heißen, herzlichen Glückwunsch zum Namenstag.

Teilen ist ja zur Zeit wieder sehr gefragt. Durch die großen Fluchtbewegungen in der Welt bekommt auch unser kleines Land Zuwachs: auf 80 Alteingesessene kommt ein Neuer, und die Neuen kommen fast ohne Habe.

Da erlebe ich drei Stufen des Teilens. Die einen finden Dinge im Keller oder auf dem Speicher, die man noch gebrauchen kann – die diese Menschen aber schon lange nicht mehr brauchen. Die Neuen können fast alles gebrauchen, so hilft es ihnen, und die Spender haben ein gutes Gefühl. Das ist schön.

Dann gibt es Stufe zwei: ein Friseursalon spendiert ein paar Haarschnitte gratis. Eine Tankstelle spendiert Tankfüllungen für Helfer. Eine große Bäckerei spendet Geld. Das tut alles noch nicht weh, aber es ist einfach gut. Und ganz viele Menschen spenden Zeit, in der sie sich um die Neuen kümmern.

Die Stufe drei ist dem Beispiel des Heiligen Martin am nächsten: eine Frau hat eine kleine Familie aus Eritrea in ihr Haus aufgenommen, wo die Kinderzimmer jetzt leer stehen. Einfach so, weil sie Platz hatte und die Menschen ein Dach über dem Kopf brauchen. Und klar, sie hat selbst festgelegt, welche Zimmer sie abgibt und welche sie behält. Aber wie Martin die Wärme und Geborgenheit seines Mantels mit dem Bettler teilt, so teilt sie  die Wärme und Geborgenheit ihres Hauses mit den Neuen. Bewundernswert.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20840

Montagabend, 20.16. Uhr. Ein Kleinlastwagen knallt mit einer Fahrradfahrerin zusammen. Sie liegt schwerst verletzt am Boden. Unter den ersten, die zur Unfallstelle kommen, ist ein Krankenpfleger. Er leistet fachgerecht erste Hilfe, bis der Notarzt kommt. Aber trotzdem stirbt die junge Frau 28 Stunden später auf der Intensivstation.

In einer anderen Ecke Deutschlands wartet ein junger Mann auf das Taxi, das ihn zur Dialyse bringen wird. Drei Mal die Woche muss er für ein paar Stunden an eine künstliche Niere angeschlossen werden, die sein Blut wäscht. Die eigenen Nieren schaffen das nicht mehr.  Die sechs Stunden an den Geräten erscheinen ihm als verschwendete Zeit, er hätte so viel anderes zu tun. Und auch nach der Dialyse ist er erstmal müde und muss sich ausruhen. Von den sieben Tagen jeder Woche bleiben ihm immer nur vier, an denen er ein einigermaßen normales Leben führen kann. Und auch das nur im Schongang.

Wenn er eine neue Niere bekäme, würde er viel Zeit und Lebensqualität gewinnen.

Aber Nieren gibt es nicht im Supermarkt.

Wenn die Fahrradfahrerin einen Organspende-Ausweis hätte, könnte sie im Sterben noch ein großes Geschenk machen: ihr Ableben würde den jungen Mann aufleben lassen. Aber ob ein junger Mensch daran denkt, einen Organspende-Ausweis bei sich zu tragen? Wahrscheinlich nicht. Sie konnte ja auch wirklich am Morgen dieses Tages nicht ahnen, dass es der vorletzte Tag ihres Lebens sein würde.

Ich jedenfalls werde wieder daran erinnert, dass jeder Tag mein letzter Tag sein könnte. Und mein Organspende-Ausweis liegt beim Perso im Portemonnaie.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20839

Es ist der 9. November 1938. Morgen werden die Zwillinge Klaus und Beatrix 10. Endlich mal ein besonderer Tag für sie, wo nicht die schöne große Schwester oder der tolle große Bruder im Mittelpunkt stehen. Als es dämmert, hören die Kinder in der Leyentalstrasse in Krefeld  Lärm und Geschrei und Fensterklirren. Später, als es ruhiger wird, schaut die Mutter mal vorsichtig um die Ecke: bei den  Nachbarn sind die Scheiben eingeworfen, Möbelstücke und Bettzeug und Porzellan, sogar Spielzeug und Kuscheltiere sind auf die Straße geschmissen worden. Genauer gesagt: nur bei den jüdischen Nachbarn.  Sie ermahnt die Zwillinge, sich ruhig zu verhalten. An Geburtstagsfreude ist nicht zu denken – bis heute überschattet diese Nacht den Vorabend ihres Geburtstages.

Nie wieder – und – wehret den Anfängen -  das ist  seitdem der Gedanke, der Klaus und Beatrix umtreibt, wenn sie Geburtstag haben.

Und manchmal denken sie: Es geht doch  wieder los. Aufmärsche von Neonazis.  Die Mörderbande des National Sozialistischen Untergrundes NSU.  Es gibt Juden, die sich  in bestimmten Gegenden in Deutschland nicht als Juden zu erkennen geben, weil sie Angst vor ihren Mitmenschen haben. Und die Rechten haben neue Opfer gefunden: Jetzt schreien sie gegen die Islamisierung des Abendlandes. Sie schüren Ängste vor der
so genannten Asylantenflut. Und es bleibt nicht beim Reden: insgesamt sind etwa 520 Straftaten gegen Asylbewerbereinrichtungen registriert worden – und zwar von Jahresbeginn 2015 bis Oktober.

Auch die Zwillinge machen sich Gedanken. So viele Flüchtlinge in so kurzer Zeit, das ist schwierig. Andererseits gab es in der schlechten Zeit direkt nach dem Krieg viel mehr Menschen, die irgendwie untergebracht werden mussten – das hat schließlich auch geklappt. Morgen werden sie 87 Jahre alt - nicht mehr viel Zeit, um den Anfängen zu wehren…Sie brauchen die Jüngeren.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20838

Gutmensch – das ist heutzutage fast ein Schimpfwort, jedenfalls steht es für Menschen, die vor lauter Gutmütigkeit in den Augen der anderen naiv oder gar etwas blöd scheinen. Vielleicht ist das, was der Gutmensch tut, angemessen und richtig, aber weil er keine Gegenleistung dafür bekommt oder weil es sich nicht lohnt oder weil die Hilfebedürftigen eben auch keine Engel sind, wird der Helfer als Gutmensch disqualifiziert.

Ich persönlich finde Gutmenschen prima, gute Menschen, die hilfsbereit sind und freundlich, weil sie es sein wollen. Nicht, weil die Welt ihnen immer freundlich entgegen kommt.

Bestes Beispiel ist mein Freund Karl. Er kümmert sich um Cem, einen traumatisierten jungen Mann mit ausländischen Wurzeln, der alles andere als einfach ist. Dafür gibt es auch Gründe: Er schläft nachts nicht, wird von Erinnerungen und Albträumen gequält und steckt mit einem Bein immer in seiner schlimmen Vergangenheit. Aber tagsüber ist er laut, aufbrausend und ohne erkennbaren Grund aggressiv - zum Fürchten eigentlich. Niemand würde die Hand dafür ins Feuer legen,  dass er im Zorn nicht auch gewalttätig werden könnte.

Karl lädt Cem ein, aufs Land zu kommen und eine Weile dort zu wohnen – weg aus der Großstadt, weg von den Aufregungen, ein beschauliches Leben in Ostfriesland mit Tee statt Bier.  Aber zu der äußeren Ruhe gesellt sich nicht die innere. Cem bleibt aufgebracht und chaotisch. Er gibt geliehene Sachen nicht zurück, er hält nicht sein Wort, wenn er etwas versprochen hat. Es ist oft unangenehm mit ihm.  Da liegt es nahe, sich nicht mehr zu kümmern, selbst unfreundlich zu werden, zurück zu brüllen, den Kontakt abzubrechen. Das alles passiert aber nicht. Karl bleibt  seiner Linie treu, bleibt höflich, freundlich, hilfsbereit. Nicht wegen Cem, sondern weil er so sein will: ein guter Mensch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20837