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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es gibt Momente, da wird auf einmal alles klar. Da fällt es einem wie Schuppen von den Augen. 
Dem Apostel Paulus ist das so ergangen, und daher kommt auch der Spruch.
Paulus war ursprünglich ein leidenschaftlicher Christenverfolger. Da hieß er noch Saulus. Er hasste die Christen, und lieferte so viele wie möglich ans Messer - bis er sein Bekehrungserlebnis hatte.
Die Bibel erzählt: Da kam plötzlich ein Licht vom Himmel. Und er hörte eine Stimme, die fragte ihn: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“
Und danach war er blind. Aber Gott schickte
  jemanden, der legte ihm die Hände auf. Und es heißt: „Da fiel es wie Schuppen von seinen Augen.“
Er sieht wieder - aber er sieht die Welt mit ganz anderen Augen. Da lässt er sich   taufen und lebt von da an nur noch für das Christentum.
Geht das - so eine Kehrtwende im Leben? Dass man plötzlich liebt, was man vorher gehasst und verfolgt hat…?
Es gibt eine Geschichte von einem ehemaligen Neonazi, bei dem muss es so ähnlich gewesen. Sein „Bekehrungserlebnis“ hatte er in einer Fußgängerzone. Da ist er hinter einer Gruppe schwarzer Frauen hergelaufen. Die Frauen haben ihn
  gar nicht bemerkt. Aber eine von den Frauen trug ein kleines Kind auf dem Arm. Das schaute ihr über die Schulter, direkt in seine Augen.
Der Neonazi ist voller Hassgefühle und starrt grimmig zurück. Er will das Kind zum Weinen bringen. Aber dieses Kind sieht ihn nur unverwandt an. Da verzieht er sein Gesicht zu einer schrecklichen Grimmnasse. Aber das Kind zuckt nicht einmal mit der Wimper. Und plötzlich fängt es an zu lachen und sagt „Papa!“
Der Mann ist so erschüttert, dass er sich abwenden muss. Denn es fällt ihm wie Schuppen von den Augen: Es muss etwas Liebenswertes an ihm sein. Und das Kind hat es gesehen. Es hatte keine Angst vor ihm; es hat sogar „Papa“ zu ihm gesagt.
Von diesem Moment an, erzählt er später, hat er nicht mehr alles und jeden hassen können. Und die Naziparolen kamen ihm plötzlich hohl vor, und dumm.
Es ist nicht immer angenehm, wenn man feststellt, dass man auf dem Holzweg war. Und doch ist es ein echtes Gottesgeschenk: Wenn es einem wie Schuppen von den Augen fällt. Und man die Welt mit ganz anderen Augen sieht.

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„Das war Perlen vor die Säue geworfen!“ – Das ist so ein gängiger Ausspruch, mit man wunderbar veranschaulichen kann: Da hat jemand etwas Wertvolles an Leute verschwendet, die das nicht zu würdigen wissen. Perlen vor die Säue, eben. Und das ist jammerschade.
Nur - wussten Sie, dass der Spruch aus der Bibel stammt? Jesus hat das seinen Freunden empfohlen: „Werft eure Perlen nicht vor die Säue.“
Klare Ansage: Sie sollen das, was wertvoll ist, nicht an die falschen Leute ver-schwenden. Nur – was genau meint er damit?
Ich verstehe das so: Gott hat uns mit einem riesigen Schatz an Begabungen ausgestattet. Und mit diesem Schatz können wir uns in die Welt einbringen, uns engagieren, das Leben gestalten… Aber: wir sollen auch gewissenhaft umgehen,
  mit diesem Schatz - mit den wertvollen Perlen. Jeden Tag aufs Neue. Damit wir einen langen Atem bewahren.
Manchmal, wenn ich im Krankenhaus bin, sehe ich: da legt eine Kranken-schwester einem Patienten die Hand auf die Schulter und hat noch ein gutes Wort für ihn. Das muss sie nicht tun. Aber sie tut es trotzdem. Weil sie weiß:  Anteilnahme ist genauso heilsam wie gute Pflege.
Oder da macht eine Patientin eine ungeschickte Bewegung und das halbe Essen kippt ihr aufs Bett. Sie ist sowieso schon völlig runter mit den Nerven, und das gibt ihr den Rest!
Da spricht der Pfleger beruhigend auf sie ein, und sagt: „Nicht doch. Das kann jedem mal passieren. Gar kein Grund, sich aufzuregen. Das haben wir gleich wieder – nur ein kleiner Augenblick, und Ihr Bett ist wie neu.“
Und die Patientin fühlt sich getröstet. Und beruhigt sich wieder.
Diese kleinen Dinge, das sind die Perlen, die einen großen Unterschied machen.
Es gibt aber auch Leute, die wissen das überhaupt nicht zu schätzen. Die sind nur fordernd und unersättlich. Und bemerken nicht einmal, dass man es gut mit ihnen meint.
Solche Menschen brauchen klare Grenzen. Und da muss man auch den Schneid aufbringen, das deutlich zu machen. Alles andere ist nur Perlen vor die Säue.
Und ich bin froh, dass Jesus da so klare Worte findet.

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Den Augenblick festhalten – es gibt wohl kaum Menschen, die das mehr wollen, als Brautpaare am Tag ihrer Hochzeit. Denn das ist ihr großer Tag!
So viele Vorbereitungen und Entscheidungen liegen hinter ihnen: angefangen beim Termin bis zum Ort der Feier, von der Einladung bis zum passenden Brautkleid, vom Blumenschmuck bis hin zur Sitzordnung,…
- So viel Aufwand, Zeit und Geld - da gilt es, jeden noch so winzigen Augenblick festzuhalten! Denn so ist wenigstens die Erinnerung gesichert.
Und man kann sich später alles in Ruhe noch einmal anschauen. Und alles nacherleben, so oft man möchte.
Und das ist ja auch alles schön und gut, so. Nur, es gibt Dinge, die kann man nicht sehen und auch nicht fotografieren:
Wenn man in der Kirche für das Brautpaar betet. Wenn Mann und Frau sich versprechen, beieinander zu bleiben. Und das für immer. Und wenn das Paar gesegnet wird, und man spüren kann, dass da noch eine höhere Macht ist, etwas Heiliges…
- Niemand kann das sehen.
- Niemand kann das festhalten.
Es ist die reine Erfahrung des Augenblicks. Ein Augenblick so groß - der geht in keine Kamera… Der geht nur zu Herzen.
Gut. Aber selbst wenn man nicht
alles festhalten kann, was macht es schon, wenn man das Brautpaar trotzdem in den feierlichsten Augenblicken fotografiert?
Ich glaube, es macht schon etwas: Es verändert die Erinnerung an diesen Moment. Wenn alles und jedes fotografiert wird,  ändert sich etwas an unserer Einstellung. Man ist in Versuchung, nicht mehr ganz so intensiv am Geschehen teilzunehmen. Sagt sich: wird ja alles festgehalten, kann ich mir später noch ansehen.
Wenn ich ein Brautpaar traue, erlebe ich das auch so:
Brautpaare, bei denen niemand während der Trauung fotografiert, sind weniger abgelenkt. Alle begreifen den Augenblick als etwas Unwiederbringliches. Und sind mit ganzer Aufmerksamkeit dabei.
Sie haben dann an dieser Stelle vielleicht keine Fotos, aber einen großen Reichtum an inneren Bildern.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20816

"Wie heißt du?“ fragt mich ein Kind. Ich drehe mich um.
Da steht ein kleiner Junge vor mir und sieht interessiert zu mir hoch.
„Cornelia“, sage ich. „Und wie heißt du?“ Das ist sein Stichwort:
„Großer“, antwortet er. „Und ich bin schon fünf.“
Und um das zu unterstreichen, streckt er mir alle fünf Finger entgegen.
„Stimmt gar nicht!“ mischt sich da ein Mädchen ein. „Der heißt gar nicht Großer, sondern Tim. Und er ist nicht einmal vier!“
„Do-och. Das stimmt!“ sagt Tim. Und trollt sich.
Kinder können so herrlich größenwahnsinnig sein. Und scheren sich kein bisschen um die Wirklichkeit.
 
Der Apostel Paulus hat das auch gesehen. Er schreibt einmal: „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, überlegte wie ein Kind. Als ich aber erwachsen war, habe ich das Wesen des Kindes abgelegt.“
Genau. Und darum trennen Erwachse und Kinder so oft Welten.
 
Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, da wollte ich meiner kleinen Tochter die Schule schmackhaft machen. - Sie wollte da nämlich partout nicht hin. Deshalb habe ich ihr erklärt, wie wichtig es sei, lesen und schreiben zu lernen. Weil sie ja später einen Beruf lernen müsse. Um ihr eigenes Geld zu  verdienen. Und dass das alles nur funktioniert, wenn man in die Schule geht und lesen und schreiben lernt.
Da sieht sie mich vollkommen verständnislos an. Und sagt:
„Nein, das brauche ich nicht. Wenn ich groß bin, werde ich Prinzessin. Und dann habe ich ganz viele Leute dafür.“
Gegen diese kindliche Logik kommt man einfach nicht an.
Und das ist auch gut so. Denn kaum sind sie in der Schule, werden all die kleinen Prinzessinnen ziemlich ruppig von ihrer rosa Wolke geschubst. Und selbst, wenn es uns Eltern manchmal das Herz bricht - das gehört zu den ganz wesentlichen Dingen, die man beim Großwerden lernen muss. Denn wer im Laufe der Schulzeit nicht begreift, dass das mit dem Prinzessinnendasein so nicht funktioniert, wird es später ganz schön schwer haben. Und die drum herum auch...
Es ist wie Paulus sagt: Wenn man erwachsen wird, legt man das Wesen des Kindes ab.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20815

„Was bedeutet das eigentlich, mit der Erbsünde?“ Hat mich jemand gefragt.
Solche Fragen bringen mich erstmal ganz schön ins Schwitzen…
In der Bibel steht: Als die ersten Menschen, Adam und Eva, etwas tun, das Gott ausdrücklich verboten hatte - das war der Anfang aller Sünde. Und seither tun Menschen immer wieder Dinge, die von Gott eigentlich verboten sind.
Aber das Ganze hat auch noch eine andere Dimension. In meinen Augen geht es auch um diese tragische Verstrickung von Umständen, Fehlentscheidungen und ganz unbewussten Dingen, aus der man kaum rauskommt.
Wie oft sieht man z.B., dass jemand genau das wiederholt, worunter er oder sie selber so gelitten hat.
  
Da erzählt mir eine Frau von ihrem guten Verhältnis zu ihrem Sohn. Und wie rührend er um sie besorgt ist. Und was er alles für sie macht…
„Aber wenn man so darüber nachdenkt“, sagt sie, „Wir haben ihn ja auch nach Strich und Faden verwöhnt. Er durfte alles. Und bekam alles. Denn ich selbst hatte keine schöne Kindheit. Für meine Eltern war ich nur Luft. Für die gab es nur ein einziges Kind, und das war der Sohn. - Ich glaube, die hätten nicht mal bemerkt, wenn ich plötzlich nicht mehr da gewesen wäre…“
 
Bei dem Gedanken kommen ihr jetzt noch die Tränen.
„Haben Sie denn noch mehr Kinder?“ frage ich.
Sie winkt ab. „Eine Tochter.“
Jetzt bin ich neugierig. „Eine Tochter…?“
„Ja. Aber wir reden schon seit Jahren nicht mehr miteinander. Sie war immer schon schwierig und fordernd, schon als ganz kleines Kind. Heute ist sie nur noch Luft für mich.“
Man muss kein Psychologe sein, um das Wiederholungsmuster zu erkennen. Und was es besonders tragisch macht: sie merkt nicht einmal, dass sie ihrer Tochter genau das gleiche antut, wie ihre Eltern.
Kann man diesen Zwang, alles Schlimme zu wiederholen, hinter sich lassen? Gibt es einen Weg aus der „Erb- Sünde“?
 
Ich glaube, dazu müssen einem erstmal die Augen aufgehen. Damit man es überhaupt sieht. Und begreift: Ich bin nicht nur Opfer. Ich mache auch Fehler. Und bin an der Misere beteiligt. Und ich glaube: in dem Moment, in dem wir die Verantwortung dafür übernehmen, da verliert die Erbsünde ihre Macht.

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„Kind, du bist uns anvertraut…“ – So heißt ein Lied, dass gerne bei Taufen in der Kirche gesungen wird.„Kind, du bist uns anvertraut, wozu werden wir dich bringen?“
Ich finde, das ist ein schöner Gedanke: Kinder sind uns anvertraut. Wir haben sie nicht selber gebastelt und sie sind nicht unser Eigentum. Sie sind ein Geschenk - oder wenn man so will: eine kostbare Leihgabe Gottes.
Und wie wir damit umgehen, ist eine große - wenn nicht die größte Aufgabe überhaupt. Das Lied regt dazu an, darüber nachzudenken:
Wie gehen wir mit dieser Leihgabe um? Wozu werden wir sie bringen…?
Unser Sohn, beispielsweise, war als Kind von geradezu beeindruckender Langsamkeit. Eine Erzieherin meinte mal:
„Wenn alle Kinder rauslaufen, braucht Ihr Sohn so lange, bis er seine Schuhe angezogen hat, da kommen alle anderen Kinder schon wieder reingelaufen. – Was soll aus dem bloß mal werden?“
Das hat mich tief getroffen. Und ich dachte: „Oh, Gott, vielleicht wird aus meinem Kind mal nichts…?“

Deshalb wollte ich ihn dazu bringen, schneller zu werden. Aber er brauchte nur umso länger. Es war wirklich zum Auswachsen! Am Ende der Schulzeit, in den letzten drei Schuljahren, ist er an keinem einzigen Tag pünktlich in der Schule gewesen. Da konnte ich ihn morgens noch so antreiben!
Das brachte ihm dann in der Schülerzeitung den Titel ein: „Mister always late – Herr-immer-zu-spät“. Und „Mister Klassenclown“, was die Sache auch nicht eben besser machte…
Ja, und heute?
Heute hat er immer noch die Ruhe weg. Aber wenn es darauf ankommt, ist er alles andere als langsam. Und sogar pünktlich.
Also, von wegen „Was soll bloß mal aus dem werden?“ Und von wegen „wozu werden wir dich bringen?“ Das hat er ganz von alleine hingekriegt. Als ihm keiner mehr Druck gemacht hat.
Kinder sind eine kostbare Leihgabe Gottes. Und ein großes Wagnis. Denn als Eltern macht man so einiges grundfalsch. Und man hat ganz schön Glück, wenn es trotzdem gut ausgeht.
Und deshalb ist es auf dem Weg dahin gar nicht so schlecht, sich ab und an zu fragen: „Kind, du bist uns anvertraut, wozu werden wir dich bringen?“

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20813

Heute ist Allerheiligen. Da gedenkt die katholische Kirche der Menschen, die heiliggesprochen worden sind.
Was sie alle gemeinsam haben: sie haben ihr Leben - bis zur Selbstaufgabe - in den Dienst des Glaubens gestellt. Wie zum Beispiel Mutter Teresa: Sie hat ihr Leben Gott gewidmet. Und das hat für sie bedeutet: den Ärmsten der Armen zu dienen. Mit all ihrer Kraft, in jeder Minute ihres Lebens. Wer dem Ruf Gottes so radikal folgt, lässt alles andere hinter sich; Familie, Hobbies, Privatleben, alles.
Ich finde das bewundernswert. Aber ich könnte das nicht. Ich würde schon beim ersten Versuch scheitern.
Mir ist das einfach nicht gegeben, auf alles zu verzichten, und nur noch für meinen Glauben zu leben… - So sehr ich das bewundere.
Und diese Spannung muss ich eben aushalten. Die Spannung zwischen meiner Bewunderung
  für solche Menschen und der Erkenntnis: ich gehöre nicht dazu.
Aber: wozu sich dann überhaupt an so großartigen Menschen messen? Wenn mir der Vergleich doch nur zeigt, wie klein ich bin..
Ganz einfach: Ich brauche Vorbilder. Die zeigen mir, was alles möglich ist –
  und zu was für übermenschlichen Leistungen Menschen fähig sind.
Das macht mir Hoffnung. Weil es zeigt:
Menschen können über sich hinauswachsen. Selbst, wenn alles ausweglos erscheint und verloren… - Und das geschieht viel häufiger, als wir ahnen.
Es gibt ja nicht nur die großen Heiligen. Es gibt Heilige - sozusagen - für einen Augenblick. Wie etwa Feuerwehrleute, die für einen Moment die Gefahr für das eigene Leben vergessen und jemanden aus dem Feuer retten.
Oder ganz normale Leute, die einen heiligen Augenblick lang nicht fragen, was es ihnen bringt und einfach mitmenschlich sind.
Aber das ist nur ein Bruchteil von dem, was menschenmöglich ist. An den Heiligen lässt sich das gut erkennen. Und auf dem Weg kann man sich auch gleich etwas von ihrer Bescheidenheit abschauen. Die wirklich Großen nämlich, sind bescheiden; die kommen sich gar nicht als etwas Besonders vor. Weil sie wissen:
Ich habe mich nicht selbst gemacht. Und ich hab mir mein Leben auch nicht selbst zu verdanken. Alle Fähigkeiten, und alle besonderen Kräfte sind mit geschenkt worden, allein von Gott.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20812