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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Herbst 1989: Menschen stehen auf einer Mauer und jubeln. Geschwister und Freunde, die sich über Jahrzehnte nicht gesehen haben, liegen sich in den Armen. Sie weinen vor Glück. Ein Trabi nach dem anderen passiert die offene Grenze. Euphorie am Brandenburger Tor. Endlich frei, endlich vereint. Weiße Leuchtraketen und Wunderkerzen zeichnen Hoffnung in den Horizont.
Herbst 2015: Züge rollen am Hauptbahnhof in München ein. Aus ihnen steigen Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten dieser Erde. Sie tragen das letzte Hemd am Leib und fliehen aus totalitären Regimen in ein freies Land. In München treffen sie nicht auf Stacheldraht, sondern auf mutige Bürgerinnen und Bürger, die Schilder in die Höhe halten: „You´re welcome - Herzlich willkommen!“ Wasser und Lebensmittel werden verteilt. Ein Polizist lässt ein Kind mit seiner Uniform spielen. Freiwillige Helfer umarmen und trösten. Flüchtlinge weinen vor Glück und Dankbarkeit. Auch hier: Nach einer langen Flucht, gibt es Hoffnung am Hauptbahnhof.
Der Mauerfall – er ereignet sich auch heute! Der Mauerfall in den Köpfen der Bundesbürger, die sich öffnen für die Not der Menschen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea oder dem Irak.
Und das auch über den Ankunftstag hinaus. Denn auch darauf wird es nun ankommen: Politiker und Journalisten betonen immer wieder, dass die gegenwärtigen Flüchtlingsströme die größte Herausforderung seit der Wiedervereinigung sind. Und die Wiedervereinigung war mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland heute vor 25 Jahren ja auch nicht abgeschlossen – sie fing gerade erst an. Das Kleingedruckte folgte. Das Miteinander im Alltag. Wie die Wiedervereinigung, braucht deshalb auch die Willkommenskultur einen langen Atem: Bürgerinnen und Bürger, die Flüchtlinge unterstützen beim Deutschunterricht, auf Elternsprechtagen oder im Wartezimmer von Ärzten. Die ihre Nachbarn über die Gartenmauer hinweg begrüßen und mit ihnen in Kontakt treten. Und die so durch viele kleine Schritte helfen, auch heute Mauern in den Köpfen und Mauern zwischen Menschen abzubauen.

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„Warum soll ich Menschen töten? Warum soll ich Kinder töten?“, fragt Ali in die Runde. Seine Zuhörer sind Jugendliche, die sich auf die Firmung vorbereiten. Man kann eine Stecknadel fallen hören. Ali kommt aus Syrien. Mit gerade Mal 16 Jahren flieht er ganz allein aus seiner Heimat – da ist er genauso alt wie die Jugendlichen, die ihm an diesem Abend im Pfarrsaal gegenübersitzen. „Wir sind hier, weil uns deine ganz konkrete Geschichte interessiert“, sagen Milena, Daniel und all die anderen Firmbewerber.
Also beginnt Ali zu erzählen. Wie das für ihn war, als der Krieg begann und ihr Haus zerstört wurde. Alle seine Zukunftspläne wurden zunichte gemacht. Auch er sollte bald zur Waffe greifen. Doch Ali wollte niemanden umbringen. Und er wollte auch nicht selbst sterben. Also hatte er nur eine Chance: die gefährliche Flucht nach Europa.
Obwohl die Jugendlichen einen langen Schultag hinter sich haben, hören sie dem jungen Syrer gebannt zu. Ali schildert nun seine dramatische Flucht: Zuerst ist er wochenlang zu Fuß unterwegs. Dann wird er in einem Kofferraum versteckt, bis er keine Luft mehr bekommt und schließlich den Sitz des Autos eintritt. Mit 180 Personen überlebt er auf einem Boot, das gerade mal 15 Meter lang ist. Es gibt kaum etwas zu trinken. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens und ich wünsche niemandem, dass er das erleben muss, aber jeden Tag erleben es sehr viele Menschen“, sagt Ali nachdenklich.
Nachdenklich sind auch die Gesichter der Firmbewerber. Sie stellen Ali ihre Fragen: „Wie war das für dich, als du hier ankamst in einem fremden Land, ohne die Sprache zu kennen?“ Und: „Wie begegnen dir die Deutschen?“ In dem Dialog treffen nicht länger Flüchtling und Firmbewerber aufeinander – vielmehr entwickelt sich ein Gespräch von Mensch zu Mensch, von Ali zu Jannik und von Annika zu Ali.
Die Jugendlichen sind bewegt: Felix, Pauline und die anderen meinen: „Wir hören in den Nachrichten jeden Tag neue Zahlen. Aber heute Abend haben wir gefühlt, was Flucht bedeutet.“ Und einige beginnen zu überlegen, was sie für Asylbewerber machen können.
Heute ist der bundesweite Tag des Flüchtlings. Die katholische, evangelische und orthodoxe Kirche machen sich gemeinsam dafür stark, Flüchtlinge hier willkommen zu heißen. Sie als Menschen mit ihrer eigenen Geschichte zu sehen. Die Jugendlichen haben an diesem Abend damit schon mal angefangen.

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„Ich hol noch eben meine Sachen“, rufe ich den anderen zu, als wir auf dem Weg zu den Umkleideräumen sind. Gerade ist die Generalprobe zu Ende gegangen und wir Sänger vom Bonner Jazzchor freuen uns auf das Konzert in einer Stunde.
Mit zahlreichen Melodien im Ohr steige ich beschwingt die Treppe zum Empfangsraum hinauf, dann wird es plötzlich ganz still in mir: „Wo ist denn der Schlüsselbund?“ Ich taste meine Hosen- und Jackentaschen ab, versuche mich zu erinnern: „Wo warst du vorhin zuletzt?“ Eigentlich bin ich mir sicher, dass ich ihn auf den Tisch gelegt habe, doch hier ist er nicht.
Vielleicht wurde er ja schon am Foyer abgegeben? Doch die Mitarbeiterin legt ihre Stirn in Falten: „Tut mir leid, hier ist kein Schlüssel.“ Auch als meine Mitsänger und das komplette Personal im Konzerthaus mit mir jeden Winkel absuchen, taucht er nicht auf. Mein Puls rast und ich bekomme weiche Knie: An dem Bund hängen nicht nur meine Schlüssel für die Wohnung und die Arbeit, sondern auch für mein Auto – wie komme ich eigentlich nachher wieder nach Hause? Wo schlafe ich heute Nacht?
„Lieber Gott, hilf mir, dass ich den Schlüssel wieder finde“, bete ich mit bebendem Herzen. Dann klingt es aus der Frauenumkleide wie ein Lied in meinen Ohren: „Wir haben ihn!“. Eine Mitsängerin hatte ihn verwechselt und in der Eile aus Versehen eingesteckt. Und ich bin in diesem Moment der dankbarste Mensch der Welt! Im Konzert singen wir später „Happy“ von Pharell Williams – schon lange habe ich das nicht mehr so inbrünstig gesungen, so happy, so glücklich.
Für mich war das ein echtes Schlüssel-Erlebnis: Denn oft wird mir erst bewusst, was ich habe, wenn es mir fehlt: mobil zu sein, ein Dach über dem Kopf, eine Arbeit – und die nötigen Schlüssel dazu. Doch all diese Dinge sind nicht selbstverständlich. Ich habe mich nur daran gewöhnt, sie immer zur Verfügung zu haben.  Das wird mir an diesem Abend klar. Vieles im Leben ist ein Geschenk. Ich bin dankbar dafür – und ich will es bleiben. Und das nicht nur, wenn der Schlüssel wieder einmal weg ist.

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Meint der wirklich, was er da sagt? Meint der wirklich mich, meint er es ehrlich oder redet er nur so daher? Diese Zweifel kennt jeder, der Reden, Predigten, Grußworten und anderen oft sehr ermüdenden Dingen zuhören musste. Das war schon immer so Was passieren kann, wenn einer zu lange redet, erzählt die Apostelgeschichte in der Bibel so: Als der Apostel Paulus einmal in der Stadt Troas bis nach Mitternacht redete und kein Ende fand, schlief ein junger Mann, der auf dem Fensterbrett saß, tief und fest ein. Und fiel dann aus dem dritten Stock auf die Straße hinunter. (Apg20,7-12) Zum Glück ist wohl nichts Schlimmes passiert, man weiß aber nicht, ob Paulus danach aufgehört hat zu predigen. Die Leute, die sich in Athen um Paulus versammeln, um ihm zuzuhören, sind mutiger. Sie hören dem Paulus zwar gerne zu. Als es ihnen aber zu lang wird oder zu seltsam, was dieser Mann da über die Auferstehung der Toten erzählt, sagen sie: „Ja, ja, ist schon gut. Darüber wollen wir dich ein anderes Mal hören.“ Und sie lassen ihn einfach stehen und gehen weg (Apg17,32). Ob der große Apostel da einen schlechten Tag gehabt hat? Oder einfach viel zu oberlehrerhaft geredet hat? Wer seine Briefe kennt, kann sich das durchaus vorstellen. Ich lese solche Stellen in der Bibel gerne. Denn sie zeigen mir, dass auch da Menschen wie du und ich am Werke waren. Mit den gleichen Stärken und Schwächen. Die gute und schlechte Tage hatten und es trotzdem geschafft haben, die Gute Botschaft, das Evangelium von Gott, der Mensch geworden ist, glaubhaft unter die Leute zu bringen. Und ich glaube, das haben sie geschafft, weil sie –meistens wohl- den Menschen in die Augen geschaut, kein Blatt mit Text in der Hand hielten sondern frei aus dem Herzen heraus gesprochen haben. Die berühmteste Rede des 20. Jahrhunderts hat der Baptistenpfarrer Martin Luther King 1963 gehalten. „I have a dream“ dieser Satz ging um die Welt. Diese Rede war in den ersten 10 Minuten stinklangweilig und vom Blatt abgelesen. Erst als er das Manuskript weg legte und frei aus dem Herzen sprach, hat er 4 Minuten Weltgeschichte geschrieben. Das verlangt von uns ja niemand. Aber frei, kurz und aus dem Herzen zu reden, wenn’s drauf ankommt: das steht jedem von uns gut.

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„Loslassen – immer wieder loslassen.“  Das steht auf dem kleinen Blechschild an unserer Pinnwand zu Hause. Ich habe es in einem Geschenkladen gefunden. „Loslassen – immer wieder loslassen“. Gekauft habe ich es, weil es passt. Jedes Mal, wenn ich der Meinung bin, es ist an der Zeit, dann nehme ich es und halte es hoch. Und das kommt gar nicht so selten vor. Meistens müssen meine Frau und ich dann lachen. Und schon haben wir - ein klein wenig wenigstens – los gelassen. Das Loslassen ist ja auch nicht einfach. Sorgen macht man sich immer über irgendetwas, meistens über die Kinder. Und das, obwohl sie bereits erwachsen sind. „Dir ist ja wohl alles egal“, höre ich dann manchmal, wenn ich versuche, etwas Dampf aus der gerade anstehenden Krise abzulassen. Das Loslassen ist eben ein Balanceakt, zwischen krampfhaftem sich Sorgen machen und Aktivismus und lethargischem Zurücklehnen, Desinteresse und Kopf-in-den-Sand stecken. Ich weiß, gute Ratschläge sind einfach und schaffen den realen Wahnsinn Tag für Tag nicht ab. Da ist so ein kleines Blechschild, das es auf den Punkt bringt, nicht schlecht. Es argumentiert nicht, gibt keine Rezepte, moralisiert nicht, sagt einfach nur, was jetzt gerade Sache sein sollte: „Loslassen – immer wieder loslassen“.  Man könnte es auch intellektueller haben. Der ehemalige UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld schrieb einmal in sein Tagebuch: „Mitten im Gelärm das innere Schweigen bewahren“. Es geht auch religiös-christlich: „Dein Wille geschehe.“ Die Bitte aus dem Vater-Unser. Jesus selbst soll das so gebetet haben. Es passt auch zu ihm. Wenn es Anweisungen fürs Leben von ihm gibt, dann heißt es fast immer: „Lass es!“  Du hast Angst vor dem nächsten Tag? Lass es! Du hast Angst, dass dir etwas entgeht? Lass es! Du hältst dich für unwert? Warum? Deinen Wert bestimmt ein ganz anderer. Damit ist kein Wegducken und aus dem Weg gehen gemeint. Das ist eine Haltung, aus der heraus ich leben kann. Ein Geist, der einem glaubenden, vertrauenden und gelassenen Menschen geschenkt wird, wenn er sich darauf einlässt. Und bis es so weit ist, hilft ab und zu ein kleines Blechschild: „Los lassen - immer wieder los lassen“.

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„Aufmerksamkeit für das Alltägliche“ heißt das Buch mit Texten der Philosophin Simone Weil, das ich im Urlaub dabei hatte. Ich glaube, wenn wir eine gemeinsame Jugend gehabt hätten, uns vielleicht an der Uni kennen gelernt hätten, wir wären wohl nie Freunde geworden. Mit einer Frau wie Simone Weil wäre ich nicht klar gekommen. Zu fremd, zu düster, zu radikal wäre sie mir gewesen. So hat es ihr nicht genügt, sich in der Gewerkschaft für die Arbeiter zu engagieren, sie hat auch im Winter ihre Wohnung nicht geheizt, weil viele Arbeiter das ja auch nicht konnten. Im Frankreich der 30er Jahre hat man kein Verständnis für die studierte Philosophin und Historikerin. Sie ist einfach zu anders, um als Lehrerin tragbar zu sein und fliegt aus der Schule. Sie jobbt in der Fabrik, meldet sich als Freiwillige in den spanischen Bürgerkrieg, will 1942 mit dem Fallschirm in Frankreich abspringen um im Untergrund zu kämpfen. Die meisten ihrer geplanten Aktionen gehen schief. Weil sie meint, dass im Krieg so viele Menschen hungern müssen, isst sie kaum noch etwas. Im August 1943 stirbt sie an Tuberkulose und Unterernährung, gerade mal 34 Jahre alt. Man könnte jetzt sagen, ein völlig wirres, verkorkstes, gescheitertes Leben. Das Einzige, was geklappt hat, war, dass sie sich systematisch in einen frühen Tod getrieben hat. Aber sie hinterlässt ein absolut faszinierendes literarisches Werk. Und ihre Gedankenwelt beschäftigt Menschen bis heute. Sie ist Philosophin, beschäftigt sich mit unterschiedlichen Religionen, ist aber fasziniert vom Leiden und Sterben Jesu am Kreuz. Ob sie darin auch ihren Weg erkennt? Selbstentäußerung bis zum Letzten? Radikal sein wie ein Franz von Assisi, den man dafür heilig gesprochen hat? Ich muss ehrlich zugeben: ich könnte so nicht leben. Mein Weg ist ein anderer, nicht so düster, eher ein fröhlicher. Trotzdem bleiben Menschen wie Simone Weil wie ein Stachel im Fleisch, eine Mahnung, wie Christ sein auch aussehen kann: radikal und kompromisslos. Heinrich Böll schreibt über sie:
„Die Autorin liegt mir auf der Seele wie eine Prophetin; es ist der Literat in mir, der Scheu vor ihr hat; es ist der potentielle Christ in mir, der sie bewundert, der in mir verborgene Sozialist, der in ihr eine zweite Rosa Luxemburg ahnt….. Ich habe Angst vor ihrer Strenge, …, Angst vor den Konsequenzen, die sie mir auferlegen würde, wenn ich ihr wirklich nahe käme.“

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Ich hatte über zwei Wundergeschichten aus der Bibel gesprochen. In denen Menschen das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht. In der einen sind Jesus und seine Jünger auf dem See. Da zieht ein Sturm auf. „Kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“ (Mk4,38) schreien sie in höchster Not Jesus an. Der schläft, obwohl das Boot bereits voll läuft.
In der anderen Geschichte schreit Petrus: „Herr, rette mich“. Mutig war er aus dem Boot gestiegen, wollte auf dem Wasser gehen, etwas völlig Neues, Ungewohntes tun. Da überfallen ihn nagende Zweifel. Prompt geht er unter.
„Herr, rette mich.“ Zumindest in diesen Geschichten wird der Notruf erhört. Jesus beruhigt den See, zieht den Petrus wieder hoch.
Ein paar Tage später bekomme ich einem Brief:
„Seit 25 Jahren, seit der Geburt unserer Tochter kämpfen wir. Wir tun alles, was wir denken, es könnte ihr helfen….Ich bete auch, aber ich fühle mich verlassen. Wie können wir Gottes Hilfe erfahren? Meine Tochter glaubt, dass sie seit ihrer Geburt schon vergessen, fallen gelassen wurde. Warum geschieht bei uns kein Wunder?“
Ich habe in etwa so geantwortet: Warum Gott die Krankheit ihrer Tochter zugelassen hat, weiß ich nicht. Ich kann es auch nicht erklären. Ich möchte Sie aber bitten, nicht mit dem Beten aufzuhören. Klagen Sie Gott ruhig an, werfen Sie ihm ihre Ohnmacht und ihre Verzweiflung an den Kopf, wenn Sie nicht mehr anders können und sprechen Sie genauso ein Dankgebet in den schönen Augenblicken. Das kann Ihnen helfen, kann vielleicht etwas mehr Kraft geben für das, was getan werden muss. Was ich Ihnen verspreche ist, dass ich an Sie und ihre Familie denke, dass ich mit bete. Denn wenn schon der Himmel für Sie stumm bleibt, dann soll es hier nicht so sein.
Ob es geholfen hat?
Ich weiß es nicht.
Auf jeden Fall habe ich es getan, ich habe gebetet und vielleicht schließen sie sich ja an, mit einem Gebet für all die, denen das Wasser bis zum Hals steht.

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