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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Champing – so heißt eine neue Freizeitbeschäftigung.
Erfunden haben’s die Briten. Die sind immer für schräge Sachen zu haben. Und so funktioniert es: Du hast eine alte Kirche, die nicht mehr gebraucht wird? Dann mach einen Indoor-Camping-Platz draus! Denn Champing, das kommt von church camping und es geht auf gut deutsch um das Schlafen in der Kirche.
Nun hat es schon immer den Kirchenschlaf am Sonntagmorgen gegeben. Eine langweilige, lange Predigt, da nickt der ein oder andere schon einmal ein.
In alten Zeiten musste man dann einen Kreuzer Strafe bezahlen, weil man eingeschlafen war. Heute dagegen zahlen viele Touristen freiwillig, um endlich in der Kirche schlafen zu können.
Aber wie ist das eigentlich so, in der Kirche zu übernachten? Was zu tun ist, ist schnell beschrieben:
Ein lauschiges Plätzchen gesucht, gerne auch in der Nähe des Altars, die Isomatte ausgerollt, dann in den Schlafsack gekrochen, die Augen zugemacht und eingeschlafen.
Wenn die modernen Kirchenschläfer hinterher, nach dem Aufwachen, erzählen, wie es denn so war, nachts allein in der Kirche, dann erzählen sie alle Ähnliches:
zuerst sei es ja etwas ungewohnt gewesen, aber dann umso schöner: tief und fest hätten sie geschlafen. Wie ein Murmeltier. Ganz so überraschend ist das nicht.
Wo soll man denn überhaupt noch gut und sicher schlafen, wenn nicht in Gottes Haus?
Den Seinen gibt’s der Herr schließlich im Schlaf. So steht es schon in der Bibel.
Gemeint ist damit: es ist schon Recht, dass ein Mensch sich müht und sorgt und arbeitet und plant. Aber am Ende des Tages darf er das aus der Hand legen. Denn auch wenn ein Mensch ganz einsam wäre und mutterseelenallein:
Gott ist da und wacht und sorgt sich um ihn. Denn auch das weiß die Bibel: während wir schlafen und träumen und vielleicht schnarchen und uns unruhig wälzen –  Gott schläft und schlummert nicht. Er passt auf die Champer auf und auf alle anderen auch.

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Felix Klieser ist 24 Jahre alt und das, was man einen begnadeten Musiker nennt.
Der junge Mann spielt ganz wunderbar Horn und ist ein sogenannter Ausnahmemusiker.
Aber nicht nur was man hört, auch seine Spieltechnik ist eine Ausnahme.
Da er keine Hände hat, bedient er die Ventilklappen seines Horns mit den Füßen.
Dazu legt er sein Horn mit den Füßen auf eine Art Pult und den linken Fuß daneben.
Einfach genial, die Spieltechnik. Aber wenn man das begriffen hat, sollte es dann auch kein Thema mehr sein. Ist es dann aber doch. Soll man darüber reden oder besser nicht?
Mit den Füßen Horn spielen, das kann schließlich nicht jeder, das muss doch unglaublich schwer sein, geht es einem durch den Kopf. Und natürlich auch das: keine Arme, wie schlimm!
Für Felix Klieser ist das kein Thema. Er ist Profi-Musiker und möchte, dass über die Musik, die er macht, gesprochen wird. Und nicht über seine Füße. Deshalb hat er auch kein Problem damit, wenn man ihm auf die Füße schaut, wenn die Zehen über die Ventile seines Horns huschen – wie man anderen auf die Finger schaut.
Ihm geht es um die Musik. Wie jeder Musiker möchte er die Menschen mit der Musik erreichen und nicht mit seinem Äußeren. Gefragt ist also unser musikalisches Taktgefühl.
Wie gehe ich mit einem Menschen mit einer körperlichen Einschränkung um? Die Antwort lautet: ganz normal. Da spielt jemand mit den Füßen Horn. Schön. Sonst noch was?
Felix Klieser wünscht sich, dass man daraus kein Tabu macht. Aber dem auch nicht zu viel Aufmerksamkeit schenkt. Denn mit Einschränkungen leben - wer von uns tut das nicht.
Jeder hat seine Fähigkeiten und Begabungen, jeder seine Handicaps. Dass einer Musik mit den Füßen macht, das sollte höchstens als Fußnote der Rede wert sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20559

Heute in drei Monaten ist Heiligabend.
Aber manchmal habe ich das Gefühl, es ist jetzt schon Weihnachten. Eine hochschwangere Frau kurz vor den Wehen, ohne Dach überm Kopf. Bärtige arme Männer, die im Freien auf Feldern übernachten.
Und Leute, die bitterböse „alles ist voll“ rufen und die Tür zuknallen.
Das ist die Weihnachtsgeschichte. Aber immer wenn ich die flüchtenden Menschen dieser Tag sehe, überall auf der Erde, aber besonders auf dem Weg nach Deutschland, dann muss ich an Weihnachten denken.
Was um uns geschieht, ist keine erfundene, es ist eine wirkliche Geschichte. Sie macht mir auch die Weihnachtsgeschichte wirklicher, ernster. So oft habe ich die Weihnachtsgeschichte gelesen, noch öfter sie gehört. So oft habe ich an Proben für das Krippenspiel teilgenommen. So oft habe ich die Weihnachtsgeschichte in Liedern nachgesungen. Jetzt habe ich drei Monate vor Heiligabend den Eindruck:
Draußen ist schon Weihnachten.
Nicht das vermarktete, falsche Weihnachten, bei dem im September Lebkuchen in den Regalen stehen.
Sondern das echte Weihnachten, bei dem es darum geht, dass Menschen Hilfe brauchen, dass Gott selbst unter den Menschen ist, die Hilfe brauchen. Und dass sie Hilfe finden.
Manchmal denke ich: vielleicht haben wir all die Jahre an Heiligabend Weihnachten geübt und geübt und geübt, damit wir jetzt eben wissen, was zu tun ist! 
Vielleicht haben wir all die Jahre unseres Lebens die verschiedenen Rollen der Weihnachtsgeschichte ausprobiert, damit wir uns einfühlen können in das wirkliche Leben da draußen. In die Rollen derer, die anklopfen bei uns.
Vielleicht haben wir uns all die Jahre von der Weihnachtsgeschichte zeigen lassen, dass auch alles ganz anders sein könnte. Dass die Tür offen steht und genug Platz für alle da ist.
Die Weihnachtsgeschichte ist mehr als eine Geschichte.
Sie zeigt uns eine Not und will, dass wir tun, was wir gelernt haben. Bald ist Heiligabend. Und doch ist heute schon Weihnachten. Heute. In Echt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20558

Als ich ein kleiner Junge war, da gab es für mich außer Geburtstag nur zwei „richtige“ Feste: Ostern und Weihnachten.
An Ostern gab es Eier und Hasen, an Weihnachten gab es Spielsachen. Das war für die meisten Kinder damals so. Heute merke ich:
Das mit dem Feiern ist nicht mehr so übersichtlich. Längst feiern nicht mehr alle die gleichen Feste. Manche feiern sogar überhaupt nicht. Und es gibt andere Religionen, die feiern andere Feste an anderen Tagen.
Heute zum Beispiel gibt’s zwei Feste und ich mache nicht mit:
Die jüdischen Gemeinden feiern Jom Kippur. Ein Fest der Versöhnung mit Gott, an dem die Juden fasten.
Und die muslimischen Gemeinden begehen das Opferfest. Ein Freudentag, an dem sie mit Armen teilen und Gäste einladen.
Hier Fasten, dort Freuen. Und ich mit meinen Festen bin nirgends dabei!
Religion ist in Deutschland bunter und vielgestaltiger geworden. So übersichtlich wie in meiner Kindheit ist es nicht mehr. Manchmal macht mich das traurig – weil etwas, das mich geprägt hat, nicht mehr da ist. Aber dann denke ich:
Gott könnte sich etwas dabei gedacht haben, dass Menschen ihn auf verschiedene Weise anbeten und feiern.
Vielleicht, damit wir beim Zusammenleben lernen, Respekt und Toleranz zu üben. Oder damit eine einzelne Religion nicht das Monopol hat und andere niedermacht oder schlicht langweilig wird.
Oder ganz einfach, damit wir neugierig werden und uns auf Entdeckungsreise begeben in die Welt der Religionen. Im Lauf der Jahre ist mir klar geworden: der Wert meines Glaubens hängt nicht daran, dass alle dasselbe und keiner etwas anderes glaubt, sondern dass man von Herzen glaubt, was man glaubt. Deshalb wünsche ich unseren jüdischen und muslimischen Nachbarn ein gesegnetes Jom Kippur! Und ein gesegnetes Opferfest!
Und in anderthalb Wochen lade ich unsere Nachbarn herzlich ein zu unserem Fest:
dann feiern wir nämlich Erntedank.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20557

Es wird Herbst. Zuerst werden die Blätter bunt, dann wird es kalt und grau. Die Tage werden kürzer, die Abende länger. Da ist es doch gemütlich, sich abends mit einem schönen Buch zu vergnügen.
Meine Buchempfehlung für alle, die im September noch etwas zu lesen suchen, ist das „September-Testament“:
So heißt das Buch, weil es im September veröffentlicht wurde.
Es ist kein Krimi und keine Gedicht-Sammlung, sondern Martin Luthers erste Übersetzung des zweiten Teils der Bibel, des neuen Testaments.
Luther hatte dieses Werk in seinem Versteck auf der Wartburg geschrieben. In nur neun Monaten war alles fertig – unglaublich schnell.
Die Erstauflage betrug damals vor 500 Jahren sagenhafte 3000 Exemplare. Das entspricht einer Millionen-Auflage heute. Auch der Preis war damals sagenhaft: anderthalb Gulden Goldstücke – ein Heidengeld. Dafür musste ein Knecht ein Jahr lang arbeiten. Aber den Menschen damals war es das wert. Sie wollten keine Heiden sein.
Denn schließlich kommt der Name Testament ja nicht von ungefähr:
es gibt etwas, das der nächsten Generation weiter gegeben werden soll.  Die Botschaft von Gottes Liebe. Dass er uns liebt, uns beisteht, tröstet, aufrichtet.
Eigentlich geht es immer wieder nur um diese eine Botschaft. Nur in verschiedenen Geschichten und Worten und an die verschiedensten Menschen gerichtet.
Und in Martin Luthers kräftiger Sprache ist diese Botschaft erst recht ein Genuss und Leseschmaus.
Mit der Bibelübersetzung ins Deutsche hat Luther zugleich unsere Sprache geprägt.
Ganz abgesehen davon, dass die Bibel kein „Buch mit sieben Siegeln“ bleibt – so ein Ausdruck von ihm. Wer sich mit der Bibel und mit Gottes Wort beschäftigt, hat sein Leben nicht „auf Sand gebaut“, auch ein Spruch von ihm.
Und Luther war fest überzeugt: diesen Text, den vor ihm die Gelehrten unter Verschluss gehalten haben, den kann jeder lesen und verstehen. Da wirft man keine Perlen vor die Säue - noch eine Redewendung von Luther.
Ich finde: so ein Testament sollte man nicht ausschlagen.
Und auch wenn dieses Testament heute viel weniger kostet als vor fünfhundert Jahren:
es ist viel mehr wert als anderthalb Goldstücke. Es ist mit Gold nicht aufzuwiegen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20556

„Ihren Ausweis bitte!“ Es wird wieder kontrolliert.
Die Europäische Union schottet sich ab, und jedes Land für sich dann noch mal. Auch Deutschland.
An der deutsch-schweizerischen Grenze habe ich das letzte Woche erlebt. Auf einer Bahnfahrt nach Mainz, kurz hinter Basel auf deutschem Gebiet, kamen Polizisten in den Zug. Sie überprüften Menschen und Personalien.
Mit drei anderen saß ich an einer Tischgruppe im Großraumwagen und wartete, bis wir an der Reihe waren.
Es ist einem ja immer etwas unwohl, wenn die Polizei etwas will.
Die alte Dame aus Göttingen im rosa Pullover kontrollierten sie nicht.
Mich auch nicht – ob das an der Krawatte lag? Aber der Zürcher mit dem Dreitagbart und der Plastiktüte, der musste Rede und Antwort stehen und seinen Ausweis vorzeigen.
Und auch der vierte von uns, ein junger Mann, dessen Eltern aus Sri Lanka stammten, musste in schönstem Hochdeutsch erklären: ich fahre nach Hause – nach Ostfriesland.
Ich muss zugeben, ich habe mich ein bisschen geschämt. Für die Polizisten sah ich anscheinend so deutsch, so solide, so – wie auch immer – aus, dass ich nicht kontrolliert wurde.
Mit der Ausweiskontrolle wurden Grenzen zwischen Menschen errichtet, die es gar nicht mehr gibt. Mit einem Spruch aus der Bibel hätten wir alle zusammen sagen können:
Haltet uns nicht auf, denn Gott hat Gnade zu unserer Reise gegeben.
Es ist eine Gnade, Grenzen überschreiten zu dürfen. Es tut unserem Zusammenleben in Europa gut. Es entsteht ein Gefühl von  Freizügigkeit, nicht nur im Zug.
Es ist absurd und grotesk, wenn Menschen jetzt wieder nach Aussehen und Äußerlichkeiten beurteilt werden auf der Suche nach Flüchtlingen.
Die einen ja, die anderen nein – so kann man Menschen heute nicht mehr auseinanderdividieren in unserem Land!
Ich habe mir vorgenommen: das nächste Mal, wenn kontrolliert wird, zeige ich unaufgefordert meinen Ausweis. Gleiches Recht für alle! Noch besser wäre aber gleiche Gnade für alle: errichtet keine neuen, alten Grenzen zwischen Menschen und Ländern! Haltet uns nicht auf, denn Gott hat Gnade zu unserer Reise gegeben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20555

Gewalt und Religion- manche meinen ja- das eine habe mit dem Anderen zu tun. Könnte man ja auch denken, wenn man die Grausamkeiten sieht, die Islamisten heute im Namen Gottes begehen. Und die christlichen Kreuzzüge sind auch noch nicht so lange her. Offensichtlich ist die Versuchung groß, Gewalt mit dem eigenen Glauben zu rechtfertigen. Das war schon zu Jesu Zeiten so.
Aber - Gewalt und Religion, das geht gar nicht zusammen. Findet Jesus.
Es ist eine der kürzesten Geschichten in der ganzen Bibel, in der Jesus das klar macht. Jesus ist mit seinen Jüngern in Samarien unterwegs. Es wird dunkel, sie suchen ein Quartier. Doch die Samaritaner hassen die Juden - aus religiösen Gründen. Ein samaritanisches Dorf will Jesus und die zwölf Jünger nicht aufnehmen. Da packt es Johannes und Jakobus, zwei der zwölf Schüler Jesu. Sie wollen göttliches Feuer vom Himmel fallen lassen. Das Dorf und seine Bewohner sollen brennen. Wie damals in Sodom und Gomorrha, als Gott die Menschen vernichtet hat, weil die so böse waren.
Aber für Jesus muss dieser Vorschlag so abwegig gewesen sein, dass die Bibel nicht einmal ein kurzes Zitat Jesu überliefert. Stattdessen steht da nur: Jesus weist die beiden zurecht und zieht weiter. Mehr nicht. Der Sinn ist klar: Ihr wollt Gotteskrieger spielen? Denkt nicht mal dran! Auf Kreuzzug wollt ihr gehen? Ohne mich – dann sind wir geschiedene Leute. Mit mir werden keine Häuser angezündet und keine Menschen verbrannt!
Mich fasziniert, wie lapidar und abschließend die Bibel das Thema behandelt. Mehr ist auch nicht nötig. Eine kurze Szene auf einem staubigen Weg am Rande eines Dorfes und alles ist gesagt. Das beeindruckt mich.
Und noch etwas fasziniert mich. In der Bibelgeschichte geht es nicht nur darum zu zeigen: Jesus lebt heilig und gewaltfrei. Die Geschichte macht klar: wer immer sich gestern, heute oder morgen auf Jesus berufen will, der muss auf Gewalt verzichten, wenn er Probleme lösen will.
In der Kürze liegt die Würze. Und eine unscheinbare Geschichte kann es in sich haben. Sie weist uns zurecht und sie weist uns auf einen Weg ohne Gewalt. Das mit Sodom und Gomorrha hat die Gewalt nicht aus der Welt gebracht. Jesus hat eine bessere Idee und fängt damit gleich bei den Jüngern an: reden, und noch mal reden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20554