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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Am Anfang zieht sie sich ihre hochhackigen Schuhe aus und macht  das Kreuzzeichen. Ich spreche von Iveta Apkalna, einem Weltstar der Orgelmusik. Im frühen Sommer habe ich sie erlebt in einem Konzert in der Klosterkirche von Himmerod in der Eifel. Die Konzertbesucher konnten sie vor und während des Konzertes auf einer Leinwand beobachten – ich glaube allerdings, dass sie sich die meiste Zeit unbeobachtet fühlte. Mit den flachen Schuhen hüpfte sie über die Pedale und mit den Fingern mit großer Schnelligkeit und Präzision über die Tasten. Neben Bach  spielte sie Philip Glass, heute 78 Jahre alt: sein Musikstil nennt sich minimalistisch:  einfach Akkorde oder einzelne Töne, die im Raum verklingen. 25.350 m³ Raum erfüllt von einem einzigen, lang anhaltenden Ton: unfassbar.

Mir gefällt diese Kirche gut: hoch und hell, durch die klaren Fenster leuchtet von draußen das Grün der Natur und das Blau des Himmels. Mir gefällt Philip Glas: Ich finde seine Musik gleichzeitig kraftvoll, zart und ganz einfach – faszinierend.

Mir gefällt Iveta Apkalna: sie ist erst 38, aber weltweit unterwegs, sie beherrscht die Orgel und bringt zugleich etwas weiblichen Charme in die sonst eher strenge Welt der Orgelmusik. Aber richtig umgehauen hat mich der Moment unmittelbar vor Konzertbeginn, als sie ein Kreuzzeichen machte. Für mich hieß das:

Ich übe seit vielen Jahren, die Orgel zu spielen.  Ich spiele, so gut ich kann.

Ich ziehe mir dafür auch flache Schuhe an statt der Pumps. Aber meine Arbeit so richtig gut machen, die Hörer verzaubern und aus ihrem vielleicht beschwerlichen Alltag für eine kurze Zeit  entführen, das kann ich nicht allein, dazu brauche ich Hilfe….

Ich glaube, sie bekommt diese Hilfe. Und das Kreuzzeichen zeigt mir, auf wen sie dabei baut.

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„Ich hab noch Möhrensuppe vom Wochenende, komm doch heute Abend vorbei, dann machen wir mal einen Mädels Abend“ – so rief mich eine Freundin an. Sonst sind wir oft zu viert und die Männer spielen sich die Bälle zu, das sind immer sehr heitere Abende. Jetzt also „von Frau zu Frau“ – erst ging‘s über Kochrezepte, dann über die Gesundheit, die Männer, das Leben im Allgemeinen und besonderen. Aber so zu zweit ist doch mehr Aufmerksamkeit und Engagement gefordert als zu viert. Ich frage mich, was ich von mir erzählen könnte – und Astrid überlegt auch, wie weit sie gehen will. Wie persönlich wir miteinander reden, was wir uns anvertrauen können und wollen. Manchmal schweigen wir kurz – aber alles in allem ein guter Abend.

Dann komme ich nach Hause, setze mich noch an den PC. Ich finde da meine ganzen „Freunde“ aus den sozialen Netzwerken. Die empfehlen mir Lieder, die ich mir anhören soll oder sie haben Fotos von Blumen gepostet. Es gibt Berichte von Wanderungen und persönliche Nachrichten. Alles nur ein paar Klicks entfernt, und ich schreib dann „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ oder knipse einfach „Daumen hoch“. Das kostet keinerlei Anstrengung und in einer knappen halben Stunde hab ich bestimmt 50 Bemerkungen gemacht und weiß von all meinen „Freunden“, was sie so gemacht haben. Diese virtuelle Welt macht auch Spaß und mein Bekanntenkreis bleibt dadurch wach; ich erfahre von Menschen, die ich selten sehe, trotzdem gelegentlich etwas und kann drauf reagieren.

Die „alte Art“, der persönliche Kontakt, ist natürlich anstrengender: ich muss Schuhe anziehen, irgendwohin gehen oder fahren, muss das Gespräch gestalten und kann nicht einfach weiter klicken wenn ich nicht mehr weiter weiß. Beides ist auf unterschiedliche Art gut – aber letzten Endes ist „in echt“ persönlicher – und es gibt noch ein Süppchen.

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Bei uns in der Nachbarschaft ist eine Flüchtlingsfamilie eingezogen, ein Ehepaar mit zwei erwachsenen Söhnen. Sie sprechen kein Wort Deutsch, einer der Söhne etwas englisch. Ich wollte sie bei uns begrüßen, aber ich kann kein albanisch. Also nahm ich ein paar Blumen aus dem Garten und sagte auf Deutsch, was ich sagen wollte. Die Worte haben sie nicht verstanden, aber die Sprache der Blumen schon: die stellte Elena in ein Wasserglas. Etwas später zeigte sie mir, dass an ihrem Rock der Saum aufgegangen war und machte eine Handbewegung, dass sie nähen wollte. Ich brachte ihr Nadel und Faden, sie streichelte meinen Arm. Das war leicht zu verstehen.

Dann befragte ich sie nach der Waschmaschine – die hatte meine deutsche Nachbarin schon gesehen und fand sie sehr kompliziert in der Bedienung. Es war echt abenteuerlich, bis ich verstanden hatte: ja, die Maschine funktioniert, aber mir fehlen Wäscheklammern. Ich nahm Elena dann einfach mit in meinen Garten und zeigte ihr, dass sie die Wäsche ja erstmal bei mir trocknen kann. Reden mit Händen und Füßen, das klappt doch bei alltäglichen Dingen ganz gut.

Dann fanden wir heraus, dass der Vater Klarinette spielt und der Sohn Klavier. Ein Klavier steht bei mir und der Sohn zierte sich nicht lange, er spielte Tangomusik und dann etwas, was arabisch klang – fremd für unsere Ohren, aber sehr schön. Eine Klarinette war schnell besorgt und nach einer Weile hatte sich der Vater mit diesem Instrument zu recht gefunden: Klarinette und Klavier: passt gut! Wir haben durch das kleine Konzert zwei begabte Männer kennengelernt, die zuhause mit der Musik ihr Geld verdient hatten. Und wir haben ihnen mit „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“ auf ihre Musik geantwortet. Das gab ein großes Gelächter.

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Von der Evolution her gesehen ist der Mensch die Krone der Schöpfung. Unter allen Wesen hat der Mensch das komplexeste Gehirn, kann sprechen, kann schreiben und lesen lernen und sich Gedanken über sein Dasein machen. Und der Mensch kann Handlungen abwägen und sogar Fehler einsehen. Grundsätzlich kann er Impulse kontrollieren und sich gegebenenfalls auch verändern. So reich und differenziert ausgestattet ist der Mensch wirklich ein Wunderwesen und trägt die zugedachte Krone zu Recht. Und christlich gesehen wird dem Menschen noch eine besondere Würde zugedacht: Jeder Mensch ist ein von Gott geliebter Mensch.

Manchmal ist es mit der Krone der Schöpfung allerdings nicht so weit her! Meine Bewunderung hält sich in Grenzen, wenn am frühen Morgen eine Gruppe Betrunkener vor meinem Fenster lärmend auf den ersten Bus wartet. Wenn im Kino viele der Besucher ihren Müll einfach nur auf den Boden werfen. Fühlen sie sich als eine bessere Krone der Schöpfung, dass sie anderen Menschen ohne schlechtes Gewissen ihren Dreck zumuten? Oder warum jagt mich einer per Lichthupe und gefährlich nahem Auffahren von der Autobahn-Spur, obwohl ich die Baustelle wie vorgeschrieben passiere? Und was soll ich von mir selbst halten, wenn mich dann als Antwort doch ziemlich niedere Instinkte überfallen? Wer kann schon von sich sagen, dass er oder sie sich immer vorbildlich verhält? Gibt es jemanden, der immer nur gute Gedanken über andere denkt? Dass es überall menschelt, ist kein Geheimnis. Die Krone der Schöpfung ist nämlich ziemlich entwicklungsbedürftig. Sie hat lebenslänglich eine Menge Nachhilfeunterricht nötig – denn sie benimmt sich leider oft nicht gerade königlich.

Bei mir ist das so: Manchmal brauche ich großen Nachhilfeunterricht. Dann stutzen mich Angehörige, Kollegen oder Freundinnen zurecht. Manchmal übernimmt das Leben selbst die Nachhilfe. Indem ich an Grenzen stoße und mich in Situationen zurechtfinden muss, die mir gar nicht behagen.  Und dann gibt es noch die täglichen kleinen Übungen. Damit beginne ich jeden Morgen. Da bitte ich schon im Voraus um Kraft und Einsicht. Denn ich möchte immer mehr lernen, mich als von Gott geliebter Mensch zu spüren – und auch so zu verhalten.

 

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Der Schrank ist voll – aber was ziehe ich an? Kleidung ist für viele ein Dauerthema. Die einen sind schnell entschieden, andere plagen sich jeden Morgen herum. Jeder Mensch muss sich irgendwie anziehen. Kleidung schützt vor Nacktsein, Hitze oder Kälte. Aber wir drücken mit der Kleidung auch etwas aus: Die Bankangestellte ihre berufliche Rolle, der Künstler seine Lebenseinstellung, die Braut will an ihrem Ehrentag die Schönste sein und die junge Mutter zieht sich praktisch an, weil sie damit am besten für ihr Kind gerüstet ist. Sich anziehen hat etwas mit dem jeweiligen Leben zu tun. Es ist mehr als nur irgendwie Stoff um sich herum haben. Und so war es immer schon.

Der Apostel Paulus hat das aufgegriffen. Er schrieb in einem Brief an die jungen Christen von Ephesus davon, was sie anziehen sollen. Aber er entwickelte keine Kleiderordnung für Christen. Mit solchen Nebensächlichkeiten hat er sich nicht beschäftigt. Er ging in die Tiefe: Zieht den neuen Menschen an! empfahl er den Christen von Ephesus – ändert euer früheres Leben und erneuert euren Geist und Sinn! (Eph 4,12 ff) Den neuen Menschen sollen sie anziehen. Den christlichen Menschen. Der christliche Glaube als schützende Hülle – gleichzeitig Ausdruck der Persönlichkeit und der inneren Haltung.  Es reicht nicht, sich Christ zu nennen. Wenn einer Christ ist, soll das wie eine zweite Haut sein. Erkennbar am Verhalten und an der Haltung zum Leben und zu den Mitmenschen.

 „Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist“ – das ist auch eine Einladung für heutige Christen. Und ein Auftrag:Sich orientieren am Gebot der Liebe. Barmherzig sein. Frieden stiften. Die eigenen Bedürfnisse immer wieder hinterfragen, um anderen Menschen nicht zu schaden. Vor allem dies: Schädliches Verhalten sein lassen. Und versuchen, ein Leben zu führen, das eines Menschen als Gottes Abbild würdig ist. Das bedeutet allerdings, sein eigenes Verhalten immer wieder zu kontrollieren. Bei allem. Sozusagen in den Spiegel gucken. Vielleicht ist das die größte Herausforderung!

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Nein, es ist nicht Fastnacht – sondern Hochsommer. Was also ist los auf dem Vorort-Bahnhof? Eine junge Frau im rosa Federkostüm mit Fledermausbrille in der kühlen Morgenluft. Und ein paar Meter daneben vier junge Mädchen, komplett schwarz und ein wenig altmodisch angezogen. Dazu königsblaue Haare, ja, wirklich, und sehr auffällig frisiert.  Es ist noch früh am Morgen! Mein Kopf ist doch klar, die Szene ist ganz wirklich. Aber doch irgendwie irritierend.

 

Ja, so reagiere ich erst einmal. Ich bin irritiert. Was ist da los? Was wollen diese ungewöhnlich gekleideten jungen Frauen an einem gewöhnlichen Tag? Das macht neugierig. Was haben sie vor? Aber ich frage nicht, und so verschwindet die rosa Federfrau später in einer anderen Richtung als die blauen Haar-Mädchen. Irgendwie ist diese morgendliche Begegnung anregend. Ich denke eine Weile drüber nach. Über junge Frauen heute. Über ihre Lust an Kleidung und Verkleidung. Sie scheuen sich oft nicht davor, sich auffällig zu kleiden. Bei manchen Anlässen gehört das Auffallen auf jeden Fall dazu: Verrückte Frisuren – warum nicht? Schrilles Outfit – ja bitte.

 

Es gab mal andere Zeiten. Meine Großmutter wurde als junges Mädchen aus der Schule weggeschickt. Sie hatte eine bunte Haarschleife getragen. Ein anständiges Mädchen trägt keine Haarschleife, hieß es. Soviel Macht hatte der Lehrer. Sie hatte keine Wahl. Ein Glück, dass diese Enge in unserem Land vorbei ist. Ein Glück, dass die meisten jungen Mädchen und Frauen sich heute ausprobieren können. Dass sie spielerisch ihr Frausein erproben können. Dass Männer ihnen nicht mehr vorschreiben, wie eine Frau zu sein hat. Und es ist auch ein Glück, dass es viele Möglichkeiten gibt, Frau zu sein.

 

Während ich so über die Entwicklung der Frauenrolle nachdenke, zieht eine aufgekratzte Mädchengruppe in Dirndlkleidern an mir vorbei. Die nächste Gruppe junger Frauen, die sich ausprobiert….

 

 

 

 

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Berühmte Leute haben es schwer mit dem Privatleben. Sie können kaum auf die Straße gehen, einkaufen oder nur einen Kaffee irgendwo trinken, ohne dass sie verfolgt werden von Neugierigen, Fotografen und Zeitungsleuten. Die Erwartungen an berühmte Leute sind oft groß und haben nichts mit deren wirklichem Leben zu tun. Das mag lästig sein, aber damit müssen sie umgehen lernen.

Auch Jesus musste das lernen. Zu seiner Zeit war er ein berühmter Mann. Er war Gesprächsstoff, und von ihm erhofften sich viele Menschen Hilfe und Heil. Sie sind ihm gefolgt. Wer mit ihm sprechen konnte oder von ihm angesehen oder berührt wurde, der hatte es gut. Die Geschichten darüber gingen Jesus voraus. Und wo er auftauchte, waren schon Bedürftige da und warteten auf ihn. Manchmal war es ihm zu viel und immer wieder zog er sich auch zurück, um sich zu erholen. Aber im Grunde hat er die Menschen tief verstanden. Er hat verstanden, dass Hilfe nötig ist. Dass viele sehnsüchtig darauf hofften, von Krankheiten und Belastungen erlöst zu werden. Dass sie alles getan hätten, um von ihm berührt zu werden. Dass sie von ihm Brot wollten und Segen. Und er hat gegeben und geheilt, Hände aufgelegt und mit den Menschen gesprochen. Er hat Sünden vergeben und getröstet und gelehrt. Aber… das war nicht alles. Da gibt es noch mehr, sagte er. Mehr als Heilungen, Wunder, pfiffige  Predigten. Das alles sind irdische Sachen. Die sind wichtig. Aber ich will euch mehr geben. Und ich wünschte, ihr würdet euch auch danach sehnen. Euch nicht immer nur um die Alltagssorgen drehen. Ich biete mehr!

Mehr als das Naheliegende, mehr als das Irdische, mehr als die Sorge für den Leib – Jesus hat Nahrung für die Seele. Er nennt  das  „Brot für immer“: Brot, das immer satt macht. Und das wirkt so: Wer mit Jesus in Kontakt ist, ist mit Gott in Kontakt. Mit Gott in Kontakt sein kann den tiefen Hunger und Durst stillen nach mehr Lebendigkeit.

Darauf  kommt es an. Nicht dass alles heil, satt und gut ist. Sondern ob ein Mensch versucht, in Kontakt mit Gott zu bleiben, immer wieder und immer mehr. Jesus hat versprochen: Diese Nahrung wird nie ausgehen. Davon könnt Ihr so viel haben, wie ihr braucht. Das dürft ihr mir glauben.

 

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