Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Dieser Monat Juni war eine richtig gute Zeit für den Umwelt- und Klimaschutz, finde ich. Da war das Ergebnis der G 7-Konferenz vor drei Wochen in Elmau: Sogar Greenpeace hat gesagt: Das ist wirklich mal ein Erfolg! Sieben führende Industrieländer haben sich verpflichtet, aus der klimaschädlichen Verbrennung von Kohle, Öl und Gas auszusteigen, sie wollen ihre Energieversorgung radikal umbauen. Und letzte Woche: Da hat Papst Franziskus eine Enzyklika zum Thema Umwelt herausgegeben. 

Ich hab mich über beides richtig gefreut: über den Klima-Erfolg in Elmau und über diese Klima-Enzyklika von Papst Franziskus. Mir zeigt das: Es tut sich richtig was beim Klimaschutz. Ganz oben ist das Thema angekommen. Und das ist natürlich gut so. Denn mittlerweile hat der weltweite Klimawandel ja auch Auswirkungen auf alles, was Politik und Kirche beschäftigt: Er sorgt für Hungersnöte, Flucht und Katastrophen auf dieser Welt. Und deshalb ist es wichtig, dass die G 7 und der Papst das Thema ganz hoch hängen. 

Aber mich freut das auch, weil ich glaube: Das Thema ist deswegen so weit oben angekommen, weil viele, viele Menschen weiter unten sich dafür einsetzen. Es gibt ja wirklich eine Menge Leute, die sich für den Umwelt- und Klimaschutz engagieren. Die ihre Freizeit dafür einsetzen. Sie machen in Umweltverbänden wie Greenpeace mit. Sie haben in den letzten Monaten Petitionen im Internet geschrieben, Emails an Minister verschickt und auf den Straßen demonstriert. Wenn es diese vielen engagierten Leute nicht gäbe: Ich weiß nicht, ob der Juni ein so erfolgreicher Klimaschutz-Monat geworden wäre. 

Und mich inspirieren diese viele engagierten Menschen. Ich unterschreibe auch Petitionen im Internet. Und ich versuche, mit meinem kleinen Handeln das Klima zu schonen: indem ich jetzt im Sommer erst recht viel Fahrrad fahre. Oder mit dem Zug in den Urlaub. Ich glaube: Wenn viele Menschen sich weiter für den Klimaschutz engagieren – dann wird dieser Juni bestimmt nicht der letzte Monat bleiben, der eine richtig gute Zeit war für den Klimaschutz.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20024

„Kontrolliertes Nichtstun“. Der Begriff ist mir hängengeblieben. Eine Weingutsbesitzerin hat ihn letzte Woche gebraucht, bei einer Weinprobe im Rheingau, bei der ich dabei war. Es gab leckeren Riesling und Spundekäs und eben auch ein paar spannende Erklärungen zum Thema Wein. Zum Beispiel zum „kontrollierten Nichtstun“. Das ist nötig, hat uns die Winzerin erzählt, damit der Wein in Ruhe reifen und gären kann. Klar, man muss ihn, wenn er dann in Fässern abgefüllt ist, ab und zu kontrollieren. Aber man muss ihn eben auch in Ruhe lassen. Darf nicht ungeduldig werden. Man muss wissen, wann das eigene Tun gefragt ist – und wann Nichtstun nötig ist. 

„Kontrolliertes Nichtstun“. Mich hat das auch eine Stelle aus der Bibel erinnert, um die es gerade vor kurzem sonntags im Gottesdienst ging. Da erzählt Jesus ein Gleichnis, in dem es auch um die Natur geht. „Mit dem Reich Gottes“, sagt er, „ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wieder Tag, der Samen keimt und wächst und der Mensch weiß nicht, wie.“ Also auch hier in der Bibel: ziemlich viel Nichtstun, während die Natur vor sich hin reift. „Die Erde“, so sagt Jesus dann weiter, „bringt von selbst ihre Frucht.“ Von selbst, ohne, dass der Mensch viel dazu beitragen muss. 

Bei Jesus ist die Geschichte vom Ackermann ein Gleichnis, und auch ich muss gleich Verbindungen ziehen zu dem, wie ich so lebe und arbeite. „Kontrolliertes Nichtstun“, das fällt mir meistens ziemlich schwer, wie wahrscheinlich vielen Leuten. Wir denken ja oft, wir müssten alles selbst tun, alles selbst vorantreiben, und unter Kontrolle haben wir die Dinge nur, wenn wir ständig aktiv sind. Aber der Acker und der Wein, die sagen mir: Das stimmt ja gar nicht. Entspann dich. Es hängt längst nicht alles nur von dir ab. Es kommt auch auf anderes an, auf die Natur und den Himmel, auf andere Menschen und auch auf Gott. All denen darfst du auch noch etwas überlassen. 

„Kontrolliertes Nichtstun“: Wenn man das schafft, wenn man geduldig wartet: Dann, so hab ich bei der Weinprobe gelernt, entsteht ein besonders guter Wein.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20023

Jetzt ist sie also wieder zu Ende, die Saison. Gestern am Johannis-Tag war Schluss. Schluss mit dem leckeren Spargel. Traditionell geht ja am 24. Juni, den Tag des heiligen Johannes, die Spargelernte zu Ende. Und das find ich richtig schade, denn: Ich mag Spargel wirklich sehr gern. Ich hab ihn in den letzten Wochen oft genossen, mit frischen Kartoffeln und Sauce Hollandaise. Und es wird mir schwer fallen, jetzt wieder fast ein Jahr lang auf ihn zu verzichten. Aber andererseits: Das steigert ja auch die Vorfreude. Nächstes Jahr im Mai werde ich wieder richtig froh sein, wenn es mit dem neuen Spargel losgeht.

Eigentlich, find ich, ist es nicht verkehrt, wenn es Dinge nur zu bestimmten Zeiten im Jahr gibt. Eben, wenn sie Saison haben. Spargel oder Erdbeeren oder auch Salat und Tomaten. Wenn Dinge ihre bestimmte Zeit haben und nicht immer und überall verfügbar sind. Die Natur hat es ja so eingerichtet, dass fast alle Lebensmittel ihre bestimmte Zeit haben. Aber der Mensch tut sich etwas schwer damit, das zu akzeptieren. Wir lassen Erdbeeren und Tomaten das ganze Jahr aus Spanien kommen. Besonders gesund ist das nicht, vor allem für den Klimaschutz und die Schöpfung. Aber manchmal denke ich: auch für den Menschen. Auch der tut sich keinen Gefallen, wenn immer alles erreichbar und verfügbar ist.

Er macht es ja mit sich selber genauso: Immer und überall verfügbar soll der Mensch sein. Es gibt auch beim Menschen kaum noch Zeiten, in denen er mal nicht bereit steht, sonntags, im Urlaub, immer soll er funktionieren und da sein. Genau wie seine Lebensmittel. Immer sind die Handys an, immer kann der Chef anrufen oder immer ist die Oma auf Abruf. Aber eigentlich hat die Natur auch für den Menschen Pausen vorgesehen. Zeiten, in denen er sich ausklinkt und ausruht. Eben: keine Saison hat.

Ich finde: Wir sollten es unserem Essen und auch uns selbst gönnen, dass wir nicht immer zur Verfügung stehen. Einfach mal eine Weile nicht erreichbar sind. Das muss ja nicht gleich fast ein Jahr sein, wie beim Spargel. Beim Menschen reicht manchmal schon eine Stunde oder eine Woche. Aber bei Lebensmittel wie beim Menschen spüren wir dann: Wir können uns und sie nach so einer Pause wieder viel besser genießen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20022

Er gehört nicht zu meinen Lieblingsheiligen: Johannes der Täufer. Heute ist sein Gedenktag. Er lebte in der Wüste, ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig und war sicherlich ein großer Asket. Und da bin ich ganz ehrlich, das liegt mir nicht so. Und dann hat er auch noch ganz schön hart gepredigt, die Leute so richtig zusammen gestaucht. Und auch das liegt mir nicht so.  Er hat mehr Angst und Schrecken als Freude verbreitet. Er redete wie Jesus vom Kommen Gottes in der Welt, dabei formulierte er dies aber mehr als Droh- denn als Frohbotschaft: „Ihr Schlangenbrut….Glaubt nun ja nicht, nur weil ihr Abraham zum Vater habt, weil ihr zum auserwählten Volk gehört, kann euch nichts passieren. An euren Taten werdet ihr gemessen, nicht an eurer Volkszugehörigkeit oder Religion.“ Solche Sätze sind nicht unbedingt ein Grund zur Freude, damals nicht und heute auch nicht. Sagen sie doch: Wiegt euch nicht in Sicherheit nach dem Motto: Wir sind Christen, wir sind die Guten, uns kann nichts passieren. Nein, wenn der Tag des Gerichts kommt, werde ich nicht gefragt, welcher Religion hast du angehört, sondern was hast du getan und  was hast du unterlassen? Bei einigen seiner Zuhörer hat seine Drohbotschaft gezündet, sie fragen ganz verängstigt: „Was sollen wir tun?“ Und da wird der unbarmherzige Bußprediger Johannes auf einmal recht zahm. Keiner wird dazu verdonnert in Sack und Asche zu gehen, zu fasten oder sich zu geißeln. Sondern seine Anweisungen sind recht einfach und eigentlich auch erfüllbar. Den Zöllnern sagt er: Haut keinen übers Ohr, verlangt nicht mehr als festgesetzt ist. Den Soldaten sagt er: Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit dem Sold. Und allen andern gibt er den Tipp: Teilt, sorgt für Gerechtigkeit, wer zuviel hat, soll dem abgeben, der nichts hat. Eigentlich eine ganz einfache Sache. Da  wird er mir doch ein bisschen sympathisch: Der Bußprediger Johannes der Täufer. Aber in die Wüste gehe ich deshalb trotzdem nicht und Heuschrecken kommen auch nicht auf meinen Speiseplan.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19997

Zunächst einmal ist es nur eine Bank. Türkis angestrichen und recht stabil. Sie steht in Speicher in der Eifel vor dem Rathaus. Aber sie ist mehr als nur eine Bank, sie ist eine Mitfahrerbank. Wer sich auf diese Bank setzt, will mitgenommen werden. Und da auf dem Land sowieso fast jeder jeden kennt, halten viele Autofahrer an und nehmen Wartende mit. Busse fahren auf dem Land nur selten und deshalb ist es gerade für ältere Menschen oft sehr schwierig von hier wegzukommen. Da hilft die Mitfahrerbank, egal ob es zum Arztbesuch oder zum Einkaufsbummel in die nächste Stadt geht. Unterstützt wird dieses Kleinstprojekt vom Caritasverband. Stadt-Land-Zukunft nennt der seine Jahresaktion. Die Caritas will damit etwas gegen die Landflucht machen. Über all in Deutschland – nicht nur in der Eifel – zieht es die Menschen in die Städte.  Das Leben auf dem Land ist nicht mehr gefragt. Zurück bleiben oft nur noch die Alten, die die schon immer hier wohnen. Die Folge: Es wird still in den Dörfern. Es gibt zwar Spielplätze aber keine Kinder. Und ohne Kinder keinen Kindergarten, keine Schule, keinen Nachwuchs für die Vereine, die Dörfer veröden.  Zuerst schließt der Metzger, dann der Bäcker, dann die letzte Kneipe und auch die Kirche ist meist verschlossen. Es ist schön für einige Wochen auf dem Land Urlaub zu machen, aber hier leben? „Stress ist hier draußen ganz weit weg. Genau wie der nächste Arzt.“ So formuliert die Caritas die Problematik auf einem ihrer Plakate.

Fast schon resignativ stehen viele Menschen auf dem Lande diesem Trend gegenüber. Dieser Resignation setzt die Caritas ihre Aktion entgegen. Sie fordert auf, den Wandel zu gestalten. Sich nicht einfach mit den Dingen abzufinden, sondern kreativ und in kleinen Schritten sich gegen den Trend zu engagieren.  Und deshalb unterstützt und initiiert die Caritas solche Projekte auf dem Land wie die  Mitfahrerbank in Speicher. Sicherlich sie ist nur ein ganz kleiner Schritt gegen die Landflucht. Aber wenn viele viele kleine Schritte tun, dann kann man Einiges  verändern.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19996

Er ist alt geworden: Anton. Seine Bewegungen sind langsam und er geht nur noch in kleinen Trippelschritten. Ich treffe ihn beim Metzger. „Wie heißt Du noch mal?“ ist sein erster Satz. Ich nenne meinen Namen und schon fällt ihm alles wieder ein. Was wir früher so zusammen gemacht haben. Ich als junger Theologe und er als Mann im Pfarrgemeinderat. Seine Augen fangen an zu leuchten. Wir scherzen miteinander und machen kleine Rededuelle wie vor 20 Jahren. Damals war er ein rüstiger Jungrentner, ohne die in der Kirche ja nichts läuft. Ein Ehrenamtlicher der einfach anpackte, wo er gebraucht wurde. Jetzt ist er alt, kennt mich noch, aber mein Name fällt ihm nicht mehr ein, zumindest nicht direkt. Nun ja, er geht auf die Neunzig zu und dann ist das wohl in Ordnung. „Ich mache  jeden Tag meine Runde“, erzählt er mir. „Dreimal die Woche hole ich mir mein  Essen beim Metzger und mache es zu hause warm. Denn richtig kochen habe ich nie gekonnt. Ich lasse noch das Wasser anbrennen“, meint er scherzhaft.  Fürs Kochen war immer seine Frau zuständig. Die ist zwar schon über zehn Jahre tot, aber da ist er konsequent: Kochen kann er nicht. Die restlichen Tage in der Woche geht er „raus essen“. Und sonntags geht’s dann zum Mittagessen zur Tochter. Die wohnt am Stadtrand. Dafür nimmt er den Bus und ist ganz stolz, dass er das immer noch schafft. Hauptsache jeden Tag mal raus und eine Runde machen.

Die Begegnung mit Anton macht mich nachdenklich. Wo werde ich in 20, 30 Jahren meine Runde machen? Und vor allem wie? Werden mich meine Beine noch tragen, werden meine Augen noch leuchten? Werde ich beim Metzger noch Leute treffen, die ich von früher kannte? Ich weiß es nicht. Und ich weiß auch nicht, ob es viel Sinn macht, sich darüber Gedanken zu machen was in 20 Jahren ist. Aber für heute kann ich mal wieder zum Metzger gehen und schauen, ob Anton da ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19995