Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Damit wir klug werden.“ So lautet das Motto des Kirchentages, der morgen in Stuttgart zu Ende geht. Klug werden kann man nicht allein. Dazu braucht man Gesprächspartner, Lehrerinnen. Und Brüder und Schwestern, die mit einem unterwegs sind. Unterwegs auf dem Lernweg des Lebens.
Vor kurzem bin ich so einem Lehrer begegnet. Es ist früh am Morgen und ein Müllmann stellt die Biotonnen auf die Straße. „Nehmen Sie unsere Tonne auch mit, wenn der Grünschnitt da drin voller Raupen ist?“ frage ich.
„Ist uns kein Problem!“ meint er. Und weil ich mir nicht sicher bin, ob er mich verstanden hat, zeige ich ihm so eine Raupe. Aber er nickt nur und meint: „Müssen Sie Ihre Hecke schneiden, ist zu lang.“ Ich weiß, sage ich, aber ich hab keine Zeit.“- „Ich habe Firma!“ meint er und drückt mir lächelnd sein Visitenkärtchen in die Hand. Wir kommen ins Gespräch und ich frage, woher er käme. „Türkei“ meint er, aber er sei schon lange hier, deutscher Pass. „Für mich gilt: Mensch ist Mensch. Sagt er dann. Überall. Egal woher er kommt.“ 
Ja, denke ich, warum nicht mal bei dem anfangen, was uns als Mensch verbindet, über die Verschiedenheit von Religion, Sprache und Kultur hinweg. Zu oft denken wir zuerst an das, was uns trennt.
Dass er gerne im Garten schafft, zum Beispiel. Dass er sich neben der Müllabfuhr noch was anderes Sinnvolles zum Schaffen sucht, das verbindet mich doch sehr mit ihm. Und seine Leutseligkeit, mit der er auf Fremde zugeht.
Aber dann krieg ich noch eine philosophische Lektion vor der Mülltonne. „Wissen Sie, was Zukunft ist? fragt er mich und greift in seine Brusttasche. Dann zieht er ein breites I-phone raus, neueste Version. „Das hier ist Zukunft. Wir sind miteinander verbunden. Auf der ganzen Welt. Überall- Mensch ist Mensch. Brauchen einander. Das ist Zukunft.
Unsere Tage lehre uns zählen, Gott, heißt es in einem Psalm. Und ich ergänze: die Verschiedenheit unserer Kulturen lehre uns verstehen, damit wir dahinter den Menschen erkennen. Geschöpfe der einen Erde wie wir. Damit wir klug werden.
Und jetzt bin ich gespannt, wie mein Philosoph im Blaumann unsere Hecke schneiden wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19915

Es war auf einem Kirchentag. Ich sitze in einer Messehalle zwischen mehr als 2000 Menschen, dicht an dicht gedraängt auf Papphockern. Wir haben Vorträge und eine Podiumsdiskussion gehört. Die Luft ist verbraucht und alle freuen sich aufs Mittagessen.

Aber nach dem Schlussapplaus bittet der Moderator noch einmal um unsere Aufmerksamkeit. „Hier auf dem Podium ist ein 100 Euroschein abgegeben worden,“ sagt er. Ein Moment ist alles still. „Schaut bitte in euren Geldbeutel, sagt er, wer so einen Schein verloren hat, kann ihn bei mir  abholen.“ Ich fühle noch diesen Moment der Stille. Dann bricht-  nein, kein Ansturm ans Podium- los, sondern tosender Applaus. Und die Leute fallen sich in die Arme vor Freude.

Wenn mich jemand fragt, was Kirchentag ist, dann fällt mir diese Geschichte ein. Diese Art von Miteinander.

 „Damit wir klug werden“-seit Mittwoch sind über 200 Tausend Menschen auf dem Stuttgarter Kirchentag miteinander unterwegs auf einem Lernweg. Was wären kluge Lösungen unserer großen Probleme: Klima, Hunger, Flüchtlinge. Es sind nicht die Amtskirchen, es sind Laien, die das alles organisiert haben. An der Spitze Kirchentagspräsident Andreas Barner – Chef eines Pharmakonzerns.

Man könnte sagen: in unserem Land ist derzeit die Demokratie ganz lebendig. Spitzenpolitiker stellen sich den Fragen der Leute. Sie bekommen Resolutionen mit auf den Weg, wie zum Beispiel die für eine andere Flüchtlingspolitik. „Damit wir klug werden“.

Die Bibel meint: wir werden klug, wenn wir lernen, mit den Grenzen zu leben, die Gott uns gesetzt hat. Lehre uns bedenken, Gott, die Grenze unseres eigenen Lebens, die Grenze der Ressourcen, die dieser Planet hat. Die Grenze unserer Freiheit, die bei der Freiheit unseres Nächsten beginnt.  

Ein Kirchentag ist so etwas wie ein Lernfeld, eine Spielwiese, auf der man mit dem Denken und Fühlen ausprobieren kann, was das heißt. Wo man für einen Moment vielleicht eine Ahnung von Gottes neuer Welt bekommen kann. Wo einer seine verlorenen 100 Euro wiederbekommt. Und Tausende sich darüber von Herzen freuen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19932

Heute also geht er los, der Deutsche Evangelische Kirchentag in Stuttgart. Mehr als 100 Tausend Gräbele zum Übernachten sind gefunden und 4 Tage lang wird Stuttgart von mehr als 200 Tausend Protestanten aus Deutschland und aller Welt bevölkert werden. Eine kleine Glaubens-völkerwanderung. Sogar Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier haben sich angemeldet, um mit den Kirchentagsbesuchern zu diskutieren.
Ist das gut, wenn Kirche so ein Gewicht in der Öffentlichkeit bekommt? Sich in die aktuelle Politik einmischt? Fragen manche. Ist Religion nicht eher Privatsache? Warum sind die Protestanten immer so politisch?
Die Antwort auf diese Fragen liegt in unserer Geschichte. Ohne die Zeit der Nazidiktatur wäre der Kirchentag wahrscheinlich nicht entstanden. Damals hat die Ideologie der Nationalsozialisten nach und nach alle Lebensbereiche gleichgeschaltet. Auch die Kirchen. Viele haben Hitler für den Nachfolger Jesu gehalten, haben Hakenkreuzfahnen in den Kirchen aufgehängt.
Nur eine kleine Gruppe von Christen hat sich dem widersetzt. Als der Krieg vorbei war, haben sie gesagt: In Zukunft brauchen wir eine starke Laienbewegung in der Kirche. Eine, die ohne Rücksicht auf das Renommee von Kirche die Finger in die Wunden der Zeit legt.
Und so entstand nach dem Krieg der deutsche Evangelische Kirchentag. Bis heute wird der von einem Vorstand geleitet, zu dem Christenmenschen aus allen Berufssparten gehören. geleitet wird. Überzeugte Protestanten schwärmen alle zwei Jahre aus, um für eine halbe Woche so etwas wie eine „Schwarmintelligenz des Glaubens“ ins Leben zu rufen.
Den Kern dieser Bewegung hat 1950 auf dem zweiten Kirchentag in Essen Gustav Heinemann beschrieben, unserem ehemaligen Bundespräsidenten. Er sagte:
„Unsere Freiheit wurde teuer erkauft. … lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen – unser Herr aber kommt! Der einzige Herr, an dessen Macht wir glauben- Jesus Christus.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19914

„Ein Schwob wird erscht mit 40 gscheit,“ heißt es in einem Lied.
„Is zwar e bissl spät, awwer besser wie nie,“ würden die Pfälzer sagen. Und ab morgen laden die Schwaben nach Stuttgart ein, zum evangelischen Kirchentag. Motto: damit wir klug werden. Also gscheit.
Wenn ich Nachrichten höre, dass Flüchtlinge im Meer ertrinken, dass Islamisten alte, heilige Stätten zerstören, dass Menschen verhungern und gleichzeitig Lebensmittel vernichtet werden, dann denke ich oft: sind die nicht ganz gscheit? Wie kann man so dumm sein? Aber beim näheren Hinschauen wird mir klar: Die Welt ist kompliziert geworden. Nicht mal Experten sind sich einig, was richtig und falsch ist. Da wären viele gern ein bisschen mehr gescheit oder besser: lebensklug.
… damit wir klug werden. Das Motto des Kirchentages stammt aus einem Psalm. Dort betet die Gemeinde: Unsere Tage lehre uns zählen, Gott, damit wir klug werden.
Der Kirchentag lädt ein zu einem gemeinsamen Erkenntnisweg. Klug werden, oder ein weises Herz gewinnen, kann man auch nicht allein. Da braucht man das Gespräch, eine Gemeinschaft, die von einem guten Geist beseelt ist.
Denn klug werden wir nur, wenn wir etwas an uns rankommen lassen, was gar nicht so angenehm ist. Dass unsere Tage gezählt sind, wie der Psalm sagt. Beim täglichen Schaffen und Machen denkt man ja nicht so dran.
Unser Leben ist begrenzt. Sie und ich, wir sind verletzbar und sterblich. Ich kann nicht alles, deshalb treffe ich manchmal falsche Entscheidungen und mache Fehler. Ich wär so gerne autonom, aber tatsächlich brauche ich jeden Tag so viel, was ich mir weder verdienen, noch machen kann: dass einer ein gutes Wort für mich einlegt, jemand mir liebevoll die Hand auf die Schulter legt oder einfach mal sagt: ich hab dich lieb. Ohne das kann ich nicht leben- und ich könnte wetten, Sie auch nicht.
Aber genau das ist der erste Schritt zum klugwerden: zu unseren Grenzen zu stehen. Und dazu, dass wir aufeinander angewiesen sind. Und auf Gott, der gnädig seine Hand über uns hält. Denn da lässt sich was Gutes draus machen. Schwobe und Pälzer zusammen mit den anderen Volksstämmen. Das wäre gescheit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19913

Richtlinien sind dazu da, dass man sich nach ihnen richtet. Weil sie Ordnung ins Chaos bringen können. Aber manchmal kriegen Richtlinien ein Eigenleben.
Darüber hat sich schon Jesus aufgeregt. Zu seiner Zeit durfte am Feiertag kein Arzt arbeiten. Hallo? Würde Jesus heute sagen, Menschen sterben lassen, weil Feiertag ist? Das Gesetz ist für den Menschen da und nicht umgekehrt.
Diesen Satz habe ich im Hinterkopf, als ich in einer Hotellobby stehe. Um meine Parkgebühren zu bezahlen. Weil ich kein Kleingeld mehr habe, schiebe ich meine Kreditkarte über den Tresen. „Das geht leider nicht“, meint der Mann hinterm Tresen, Sie müssen Ihre 10 Euro bar bezahlen.“- „Sorry, aber ich muss dringend zu einem wichtigen Termin! Und Sie haben doch so ein Gerät!“ sage ich und zeige auf das Kartenmaschinchen hinter ihm. „Oh, das darf ich nicht, das ist nur für Hotelrechnungen. Aber ganz in der Nähe ist eine Bank. Da können Sie abheben.“
Ich hole tief Luft, um nicht abzuheben, vor Wut. Da mischt sich ein älterer Herr neben mir ins Gespräch. „Wissen Sie was, sagt er zu mir, schlagen wir doch der Bürokratie ein Schnippchen.“ Zieht einen 10- Euroschein aus seiner Tasche und legt ihn auf den Tresen.
Der Hotelier kriegt rote Ohren, nimmt das Geld und reicht mir das Ausfahrtsticket. Ich bedanke mich herzlich und brause davon, nicht ohne den Mann um seine Zimmernummer zu bitten.
Das Gesetz, die Richtlinien sind für den Menschen da. Und sind sie es nicht, dann braucht es Menschen, die diese Lücke ausfüllen. Die der Bürokratie ein Schnippchen schlagen und der Menschlichkeit zum Recht verhelfen. Ob auf dem Arbeitsamt, im Ausländeramt, im Straßenverkehr oder in einer Hotellobby. Mir hat der Himmel einen Mann geschickt, der wach und mutig für mich eingesprungen ist. Mutig, weil er ja nicht gewusst hat, ob ich seine Freundlichkeit zu schätzen weiß.
Natürlich habe ich dem Mann sein Geld mit Dank zurückgeben lassen. Únd falls er das jetzt hört oder all die anderen, die ohne großes Tamtam unbürokarisch helfen und Menschlichkeit riskieren. Ihnen sei gesagt: Danke! Durch Sie haben wir alle es ein paar Grad freundlicher.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19912