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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Vegan, vegetarisch, Rohkost – in den letzten Monaten hat unsere älteste Tochter mit ihrer Ernährung experimentiert. Das war manchmal mühselig. Ich koche oft bei uns zu Hause. Und oft war ich mir unsicher, was ich jetzt machen kann. Aber die Ernährungsexperimente meiner Tochter haben mich mal wieder zum Nachdenken gebracht. Ich gucke jetzt selbst genauer, was ich einkaufe und koche.

Klar ist: Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Essen ist kulturell geprägt: Dass mir Raupen Ekel verursachen, hat mit meiner Erziehung, meinen Essensgewohnheiten, meiner Umwelt zu tun. In Zentralafrika dagegen werden Raupen selbstverständlich gegessen. Und sie sollen ja sogar sehr gesund sein.

Aber auch bei weniger exotischen Lebensmitteln gibt es Unterschiede. Wenn ich an gebratene Leber mit Zwiebel- und Apfelringen und Kartoffelpüree denke, dann habe ich direkt Bilder aus meiner Kindheit im Kopf. Meine Frau dagegen muss sich schütteln. Sie mag das überhaupt nicht.

Aber ich weiß auch: Übers Essen diskutieren – das ist Luxus. Das können wir nur, weil wir keinen Hunger leiden. Weil wir aus einer Vielzahl an Lebensmitteln auswählen können. Gerade deshalb fühle ich mich auch verpflichtet, gut über das Essen nachzudenken.

Mir hilft da der Gang sonntags in die Kirche. Denn auch da gibt es zu essen. Eine Hostie, eine fast geschmacklose Oblate. Dieses dünne Scheibchen Brot macht mir deutlich: Bei diesem Essen geht es eben um mehr, als ums Sattwerden. Die Hostie füllt nicht den Magen, sondern die Seele, das Herz. Sie erinnert daran: Wenn wir essen, dann essen wir auch Erinnerungen mit, wir essen Gefühle und Sehnsüchte. Für mich steht das Brot im Gottesdienst für Jesus und das, was er getan hat. Dass er selbst wie eine Art Lebensmittel für viele Menschen war und ist.

Genauso kann mich aber auch jedes normale Mittagessen daran erinnern, dass Menschen für mein Essen arbeiten, dass Tiere dafür sterben, dass die Erde bebaut und auch ausgebeutet wird. Deshalb kann ich nicht mehr bedenkenlos alles einfach essen. Sondern muss verantwortlich mit Essen umgehen.

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Ein Ersatzspieler zu sein, das ist gar nicht so einfach. Ganz egal, bei welcher Sportart. Der Ersatzspieler sitzt auf der Bank und wartet. Und wenn er nicht gebraucht wird, dann wartet er umsonst. Ersatzspieler zu sein, das kann ziemlich frustrierend sein.

Ersatzspieler gibt’s auch im Alltag. Ersatzspieler bin ich, wenn ich bei einer Bewerbung nicht zum Zug komme. Nur an zweiter Stelle stehe. Ersatzspieler bin ich, wenn die Kinder lieber erst mal mit der Mama reden – und dann erst zum Vater kommen. Ersatzspieler bin ich, wenn ich erst gefragt werde, wenn andere keine Zeit haben. Ersatzspieler zu sein, das kann ganz schön an einem nagen.

Aber Ersatzspieler sind auch wichtig. Oft genug kommt es auf sie an. Sie können ein Spiel rumreißen und ihren Job gut machen. Wie wichtig Ersatzspieler sind, zeigt sich an dem Namenstag, den die Kirche heute feiert. Matthias, der Ersatzspieler schlechthin.

Matthias sitzt bei der frühen Kirche quasi auf der Auswechselbank. Er gehört zu den Anhängern Jesu. Doch in den innersten Zirkel hat er es nicht geschafft. Er ist keiner der zwölf Apostel. Aber als Judas erst Jesus verrät und sich dann selbst tötet, wird ein Platz unter den Zwölfen frei. Und da schlägt die Stunde des Matthias. Er wird gewählt.

Viel mehr ist von ihm nicht bekannt. Nur Legenden ranken sich um den Sohn reicher Eltern. Selbst sein Tod bleibt rätselhaft. Wo und wie er gestorben ist, das ist unbekannt. Seine Gebeine allerdings sollen nach Trier gebracht worden sein. Aber darüber wird erst über tausend Jahre nach seinem Tod berichtet.

Und doch: Dieser Einwechselspieler bewegt viele. Bis heute kommen Menschen nach Trier um am Grab von Matthias zu beten. Sie gehen zu einem, der erst spät zum Zug kommt. Einer, der warten kann auf seine Chance – und die dann auch bekommt. Das kann Mut machen. Wenn ich mich selbst als Ersatzspieler fühle, als zweite Wahl. Weil sich das Blatt wenden kann. Weil ich auch eine Rolle spielen kann. Vielleicht nicht heute, aber dann eben morgen oder übermorgen.

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Wunder oder Hirngespinst? Diese Frage stellt sich, seit vor fast 100 Jahren drei kleine Kinder im portugiesischen Fátima angeblich Maria, der Mutter Jesu, begegneten. Die Geschichte ist eigentlich simpel. Lucia, Francisco und Jacinta, zwischen sieben und zehn Jahre alt, hüten die Schafe ihrer Familien. Am 13. Mai 1917 erscheint ihnen angeblich Maria, die Mutter Jesu, umhüllt von einem strahlenden Licht. In den folgenden Monaten erscheint Maria immer wieder. Den Kindern aber auch immer mehr Schaulustigen, die von den Erscheinungen gehört haben. Heute ist Fatima einer der größten Wallfahrtsorte der Welt. Von überall her kommen Menschen, beten, hoffen auf wundersame Heilung von Krankheiten oder wollen auch nur etwas spüren von der Magie dieses Ortes.

Wunder oder Hirngespinst? Ich gebe zu: Ich kann mit Marienerscheinungen nichts anfangen. Mein Glaube hat viel mit Vernunft zu tun. Glaube muss sich, davon bin ich überzeugt, vor der Vernunft rechtfertigen. Nur so kann ich Rechenschaft über meinen Glauben geben. Kann versuchen zu erklären, warum ich an Gott glaube. In Kurzform: Ich glaube, weil mich dieser Jesus fasziniert und bewegt. Sein Leben, sein Lebensweg. Seine Art und Weise, von einem Gott zu erzählen, der den Menschen nah sein will. Im Glück und im Schmerz. Dafür brauche ich keine Marienerscheinungen.

Ich weiß aber auch, dass Maria und der Glaube an sie für viele Menschen wichtig ist. Zu Recht: Maria, das ist eine starke Frau in einer ziemlich männlichen Religion. Maria gibt dem Glauben ein sehr menschliches, fürsorgliches Gesicht.

Aber braucht es dafür Marienerscheinungen? Ich weiß nicht, was in Fatima wirklich passiert ist. Aber wenn es um Wunder geht, dann halte ich mich lieber an die alltäglichen Wunder, die ich erlebe: Das Lachen meiner Kinder, ein glücklicher Moment, der Sonnenstrahl in einer Pfütze, wenn jemand hilft, obwohl er nicht muss. Das sind meine Wunder. Anderen ist das zu wenig. Für die ist dann vielleicht Fatima genau richtig.

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Wie reden beim Mittagessen über die Sklaverei. Thema in einem Film, den wir gesehen haben. Sklaven gibt’s nicht mehr, sagt unser Sohn. Genauso habe ich auch lange gedacht. Ist aber trotzdem falsch. Sicher: Auf dem Papier ist die Sklaverei kein Thema mehr. Schon seit sechzig Jahren kämpfen die Vereinten Nationen gegen die Sklaverei. Mit Erfolg. Vor gut 35 Jahren verbot Mauretanien als letztes Land der Erde die Sklaverei.

So weit so gut? Eben nicht. Heute leben mehr Menschen als je zuvor unter sklavenähnlichen Bedingungen. Auf Baustellen, in Bergwerken und Fabriken. In der Landwirtschaft und in Privathaushalten, als Prostituierte.

Sklaverei, das heißt: Menschen werden zu einer Arbeit oder zur Prostitution gezwungen. Offiziell sind die meisten dieser Menschen zwar keine Sklaven. Aber tatsächlich sind sie völlig rechtlos, dem Willen und der Willkür ihrer Besitzer ausgeliefert. Das ist ein ziemlich einträgliches Geschäft. Fachleute schätzen, dass allein mit sexueller Ausbeutung 100 Milliarden Dollar im Jahr verdient werden. Und zwar weltweit – auch in Deutschland.

Sklaverei verstößt gegen die grundlegendsten Menschenrechte. Sklaverei darf nicht sein. Davon erzählt auch eine der Basisgeschichte des jüdischen und christlichen Glaubens. Sie beginnt in der Sklaverei. Da sind Menschen, die unterdrückt und unterjocht werden. Sie müssen auf Baustellen schuften, entrechtet und wehrlos. Da machen diese Versklavten eine umstürzende Erfahrung. Sie erfahren Gott. Als einen Gott, der Freiheit will und zur Freiheit verhilft. Und so fliehen die Sklaven, verfolgt von ihren Peinigern. Aber sie entkommen. Am Anfang des jüdischen und damit auch den christlichen Glaubens steht damit die Befreiung. Sie ist der Angelpunkt des Glaubens. Freiheit und Gott sind nicht zu trennen.

Mich fordert das heute auf gegen jede Form von Unterdrückung vorzugehen. Weil dieser Glaube ein Glaube ist, der frei machen will. Vor tausenden von Jahren – und auch heute.

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Am 08. Mai 1945 kapituliert die deutsche Wehrmacht bedingungslos. Fast überall. Eine Ausnahme: Die deutsche Besatzung der Festung Saint Nazaire in der Bretagne in Frankreich. Die ergibt sich nämlich erst drei Tage nach der Kapitulation. Heute war das, vor 70 Jahren.

Eigentlich unfassbar. Da ist der Krieg vorbei, aber ein paar Soldaten machen einfach weiter. Drei lange Tage. Ein Irrsinn. Auch, weil es gar nichts mehr zu verteidigen gibt. Die Stadt Saint Nazaire liegt in Trümmern, der gigantische U-Boot-Stützpunkt, den die Deutschen gebaut haben, ist nutzlos. Schließlich ist der Krieg ja vorbei. Aber die deutschen Soldaten wollen einfach nicht aufgeben.

Nicht aufgeben können. Das finde ich eigentlich einen starken Charakterzug. Sich nicht kleinkriegen lassen, dafür habe ich Respekt. Das ist auch etwas, was ich selbst wichtig finde. Das Leben ist oft kompliziert. Und oft genug anstrengend. Die erfolglose Bewerbung, das missglückte Gespräch, der verschossene Elfmeter. Nicht alles klappt auf Anhieb. Ich muss üben, muss mich engagieren, muss immer wieder Anläufe unternehmen. Nicht zu kapitulieren vor einer Aufgabe: Das ist eine Kunst.

Aber genauso ist es eine Kunst, dass ich erkennen kann, wenn etwas aussichtslos ist. Wenn etwas vorbei ist. Wenn ich nach vielen vergeblichen Anläufen merke: Ich komme nicht vorwärts. Die Frau, in die ich verliebt bin – die mich aber nicht liebt. Der Traumberuf, bei dem ich mir laufend Absagen einfange. Irgendwann muss ich erkennen: Es ist gut. Ich muss loslassen, mich neu orientieren.

Nicht aufgeben ist eine Kunst und es ist eine Kunst, zu erkennen, wann etwas zu Ende ist. Ich brauche für mein Leben beides: Den Mut, immer wieder neue Anläufe zu machen, und den Mut, einen Schlussstrich zu ziehen. Wie man beides erkennt? Dafür gibt’s kein Rezept. Nur die Vernunft, die Erfahrung, das Gefühl. Alle drei können einem helfen, die richtige Entscheidung im Leben zu treffen. Und sie hätten auch deutlich machen können: Einen verlorenen Krieg weiterzuführen, das ist töricht.

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