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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

In der Zeitung steht, wo und wie sich Hochzeitspaare kennengelernt haben. Am Kopierer. Im Zeltlager. An der Supermarktkasse. Oder im Studentenwohnheim.  

Ich finde das interessant, bei wem es wann, wie und wo gefunkt hat.

War es Liebe auf den ersten Blick? Haben die zwei schon im Sandkasten zusammen gespielt? Haben Freunde beide verkuppelt?

Dahinter steckt die Frage: Wie hat alles angefangen? 

In  der Bibel steht dazu eine Geschichte. Eine Geschichte von einem Anfang.  

Jesus erzählt da von einem Senfkorn. Winzig klein. Aber wenn es ausgesät wird, wird es riesengroß. Es wird zu einem Baum, in dem die Vögel sich niederlassen und nisten können. Jesus sagt: „So ist das mit dem Reich Gottes.“ Wie die Samen ist es erst winzig und klein. Aber es kann wachsen und groß und sogar anderen zur Heimat werden. 

Auch viele Beziehungen fangen klein und zart an: Ein Blick, ein nettes Wort, eine zarte Berührung. Und dann?  Paare treffen sich, schreiben sich, reden miteinander und entdecken, was sie verbindet. Sie haben vielleicht gleiche Werte, einen ähnlichen Geschmack.  Aus einem zarten Anfang wird eine Beziehung. Aus einem kleinen, vielleicht unscheinbaren Anfang wächst die Liebe füreinander und der Mut, das ganze Leben miteinander zu teilen.   

Und was hat das mit dem Reich Gottes zu tun, von dem Jesus in der Geschichte erzählt?

Ich finde, die vielen Paare, die ein gemeinsames Leben miteinander wagen, können etwas von diesem Reich Gottes zeigen. Sie trauen ihrer Liebe und versprechen sie zu hegen und zu pflegen, einander zu achten, zu verzeihen.  Sie versprechen sich, dass sie ihre Beziehung wachsen und groß werden lassen, egal, was kommt.

Für mich zeigt sich darin, wie Gott ist: Einer, der mitgeht, mich liebt, das Leben mit mir teilt, auch wenn es mal schwer werden kann.  

Mich zu erinnern, wie alles angefangen hat, ist schön. Und es kann helfen, zu sehen, was einander verbindet und wie die Beziehung gewachsen ist. Ein Hochzeitstag ist ein toller Anlass, an den Anfang zu denken.  Geht aber auch an jedem anderen Tag. 

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Auf einer Jugendfreizeit wird ein Film gedreht. Die Jugendlichen kennen nur das Thema. Alles andere sollen sie sich ausdenken. Die Jungen und Mädchen kennen sich. Aber einen Film haben sie noch nie zusammen gedreht.

Jetzt gilt es herauszufinden: Wer kann was machen? Wer hat gute Ideen?

Wer ist mutig und stellt sich vor die Kamera?

Wer kennt sich beim Filmen und wer beim Filmeschneiden aus?

Voller Elan gehen die jungen Leute an die Arbeit. 

Teamgeist ist gefragt. Teamgeist: Bei jeder Stellenanzeige aufgeführt. Bei jeder Sportgruppe beschworen. Von jedem Lehrer gefördert.

Aber was ist das eigentlich?

Beim Teamgeist geht es um die Gruppe und die Gemeinschaft. Alle haben das gleiche Ziel und wollen die Aufgabe gemeinsam und gut erfüllen. Jeder Einzelne bringt sich mit dem ein, was er kann. Das heißt: Wer gut schreiben kann, der schreibt. Wer Ideen hat, der lässt ihnen freien Lauf. Wer filmen kann, der filmt. 

Bei den Jugendlichen hat das super geklappt. Nicht nur, weil sie so begabt sind. Auch, weil sie spüren: Wenn das was werden soll, müssen wir aufeinander hören, alle achten, mich selbst auch mal zurücknehmen und geduldig sein. Aber auch klar sagen, was ich kann und was nicht.  Bei der Teamarbeit gibt es keine Zuschauer. Da macht jeder auf die je eigene Art mit. Und genau das ist entscheidend. 

Der Apostel Paulus hat dazu ein schönes Bild gefunden. Er vergleicht eine Gemeinschaft, ein Team, mit einem Körper. Er schreibt in einem Brief: „Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht.“ Paulus verdeutlicht: Jeder Teil des Körpers hat seine besondere Aufgabe – aber erst das Zusammenspiel aller Teile macht den Körper aus und macht ihn lebendig. 

Die Jugendlichen erleben das ganz ähnlich. Sie spüren, dass jede und jeder eine Aufgabe übernehmen kann. Sie erleben, was zusammen als Gemeinschaft alles möglich ist. Das schweißt die Gruppe zusammen und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Und ganz nebenbei hatten sie jede Menge Spaß.

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„Da bin ich über mich hinausgewachsen.“ Meine Freundin sagt das zu mir.

Sie erzählt, wie sie all ihren Mut zusammen genommen und mit ihrem Chef über die Arbeit gesprochen hat. Dass sie unzufrieden ist, hat sie ihm gesagt und dass sie die Arbeit gerne ganz anders organisieren würde.

Sie erzählt mir das alles. Und dann atmet sie tief durch und sagt: „Da bin ich über mich hinausgewachsen“. 

Über sich hinauswachsen. Das hat mit wachsen zu tun. Klar. Gerade jetzt, im Frühling,  wachsen der Rasen, die Sträucher und die Hecken.

Menschen wachsen auch,  bis sie ausgewachsen sind.

Über sich hinauswachsen heißt aber: Ich kann weiter wachsen, auch wenn ich längst erwachsen bin. Wie das geht? 

Meine Freundin hat‘ s mir vorgemacht. Sie hat sich einfach getraut. Hat gesagt, was sie denkt, auch wenn es unangenehm war. Sie wollte nicht länger die brave Mitarbeiterin spielen. Sondern ehrlich zu sich und ihrem Chef sein. Sie nahm all ihren Mut zusammen und sagte, was sie erlebt. Und dann, so erzählt sie, ist sie über sich hinausgewachsen. Woher sie den Mut plötzlich hatte, weiß sie selbst nicht. 

Wachsen. Über mich hinauswachsen.

Ich erlebe das auch, wenn ich es schaffe, auf jemanden zuzugehen, obwohl ich ihn nicht sonderlich sympathisch finde. Oder eine Aufgabe übernehme, die mich herausfordert, bei der ich unsicher bin, ob ich ihr gewachsen bin.

Oder: Wenn ich vergebe, auch wenn es schwer fällt. 

Ich erlebe: Dann kann jede Menge an und in mir wachsen: Meine Beziehung zu anderen kann tiefer und intensiver werden. Wachsen kann meine Erfahrung, mein Wissen. Oder mein Mut. Auch die Liebe kann wachsen. 

Ich entdecke dann, wie viel Leben in mir steckt. Auch als Erwachsene.   

Über mich hinauswachsen, heißt für mich aber auch: Da kommt Gott mit ins Spiel. Aus eigener Kraft schaffe ich das nicht. Für mich ist das Gott, der mich ermutigt und stärkt; der mich wachsen lässt. Sogar über mich hinaus.

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„Warte nicht auf eine spätere, gelegenere Zeit, denn du bist nicht sicher, dass du sie haben wirst.“ (und): „Darum versäumt, wer klug ist, keine Zeit…“ – so schreibt Caterina von Siena, deren Gedenktag heute ist.  

Am 29.April, heute vor 635 Jahren, ist Caterina von Siena gestorben. Sie war eine außergewöhnliche Frau und sie wurde gerade mal 33 Jahre alt.

Unglaubliches hatte sie geleistet – ihre Zeit hatte sie tatsächlich genutzt. Und es war eine schwierige Zeit, die von Konflikten, von Gewalt und Spaltungen bestimmt war. Caterina, die nie eine Schule besucht und nur das Lesen zum Studium der Bibel gelernt hatte, sie setzte sich mutig gegen die Missstände in der Gesellschaft ein. In einer Zeit, in der es keine Gleichberechtigung für Frauen gab, hielt sie öffentliche Ansprachen und diktierte Hunderte von Briefen. Ihr Ruf verbreitete sich in ganz Europa und immer mehr Menschen suchten ihren Rat. Sie setzte sich mit Herzblut für den Frieden zwischen Königen, Päpsten, Städten und Familien ein – in der Nähe von Siena gründete sie ein Kloster für Frauen; eines ihrer besonderen Anliegen war es, die Kirche zu reformieren; ihr ist es zu verdanken, dass der Papst sein Exil in Avignon verlassen und nach Rom zurückkehren konnte. Neben ihrem geistlichen und politischen Wirken hat sie sich sozial engagiert und sich um materiell Arme und Kranke gesorgt. Obwohl Caterina jung und ungebildet war, wurde sie zur Beraterin von kirchlichen und politischen Führungskräften ihrer Zeit.

Ich bin sicher: Caterina hat gespürt, was ihr Auftrag ist und wie sie ihre Zeit nutzen kann! Sie hat nicht auf Morgen oder auf andere Zeiten verschoben, was für sie „jetzt dran“ war, was für sie „jetzt“ angepackt werden musste.

Solchen Mut, solche Entschlossenheit und solches Handeln wünsche ich mir auch für heute, in Kirche, in Politik, in vielen Bereichen unseres Lebens - ganz konkret!

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„Glaube kommt vom Hören…“ – so sagen manche. „O je“ – dachte ich, „da habe ich jetzt schlechte Karten mit meinem Hörverlust im vergangenen Jahr…“

„Glauben und Hören – ob da wirklich ein Zusammenhang besteht?“ - das kann ich mich täglich fragen, seit ich krank war und da ich bis heute mit dem Hören manche Probleme habe. Im Eingangsbereich der Klinik war ein überdimensional großes Ohr zu sehen – das Werk eines Künstlers; ist ja auch kein Wunder an diesem Ort, denn diese Klinik ist spezialisiert auf Therapien im Bereich der Hals-, Nasen- und v.a. Ohrenheilkunde.

Faszinierend ist für mich diese Welt des Hörens schon:

Was unser Körper für Möglichkeiten bietet, die Welt akustisch wahrzunehmen…
Wie ein Gehörgang im gesunden Zustand von Innen aussieht, wie das alles funktioniert…
Was medizinisch und technisch heute möglich gemacht werden kann…       
Das ist erstaunlich, das bezeichne ich als Kunst – nicht „Kunst am Bau“, sondern „Kunst im Körper“!

So bekommt für mich der Ausspruch, „Glauben kommt vom Hören“ eine ganz neue Bedeutung.

Ich bin sicher: Ich kann „hören“, unabhängig von dem, was in meinen Ohren und in meinem Gehörgang „los“ ist.

„Glaube kommt vom Hören…“, nur wie?

Ich denke, es geht um eine andere Art von Hören!

Und mir ist klar, es gibt ein „anderes Hören“. Zum Beispiel, wenn ich glaubend „höre“ auf das Wort Gottes, wenn ich mit allen Sinnen in mich aufnehme, was um mich herum passiert.

„Hören“ in diesem Sinn kann bedeuten,

dass ich meine Gefühle bewusst wahrnehme, dass ich sie ernstnehme,

dass ich bestimmte Zusammenhänge neu einordne.

Dieses „Hören“ kann sich auswirken auf lebendige Begegnungen, auf das klare Denken und Spüren, ja: das Erspüren einer Weite im Leben, die über meinen messbaren Horizont hinausgeht.

Dieses „andere Hören“ muss gemeint sein, wenn mir der Satz begegnet „Glaube kommt vom Hören!“

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Ich bin froh, dass der Platz nicht anders genutzt wurde – es ist gut, dass die Mauern erhalten worden sind, als Ruine, mitten in der Mainzer Altstadt. Hier wurde nicht einfach wieder aufgebaut nach dem zweiten Weltkrieg; an diesem einen Ort wird heute gezeigt, was passiert ist damals. Hier ist es möglich, zu gedenken an das, was längst vorbei ist – alte Steine werden lebendig und zeigen uns, was auch wichtig sein kann. Ich spreche von der Kirche St. Christoph mitten in Mainz. Es lohnt sich, diesen Raum im Innern und die neue Gedenkstätte außen zu erleben und auf sich wirken zu lassen. Fast nebenbei ist im Innenraum die Darstellung einer Person zu sehen, die mit der Geschichte von St. Christoph auch zu tun hat: Petrus Canisius, eine streitbare Persönlichkeit seiner Zeit. Er war Mitglied im Jesuitenorden, später wurde er erster deutscher Ordensgeneral. Hier, im früheren Pfarrhaus von St. Christoph, legte er sein „Gelübde“, sein Versprechen für die „Gesellschaft Jesu“ ab; hier legte er ein Fundament für den späteren Weg. Er lebte aus der Gewissheit, dass man „Gott in allen Dingen finden“ kann.

„Gott in allen Dingen zu finden“, das klingt zwar seltsam, das kann aber die Grundlage dafür sein, dass mein Leben eine neue Dimension bekommt. Jeder Termin, jede Verpflichtung, jede Begegnung, alles, was mein Leben ausmacht, hat dann mit Gott zu tun – ohne Ausnahme!

Für die einen mag dies zunächst beängstigend sein, für mich ist es mit viel Trost und Kraft verbunden, mit Segen, der mich begleitet, der mich aufrichtet und stärkt. Ja, so kann ein Mensch, der vor weit über 400 Jahren gelebt hat, uns heute zum Nachdenken bringen…

Nachdenken kann ich, erinnern kann ich mich, heute, am 27.April, am Gedenktag des Kirchenlehrers Petrus Canisius:

Kann und will ich „Gott in allen Dingen finden?“

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