Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Im Glaubensbekenntnis gibt es Sätze, die sich viele Christinnen und Christen eigentlich nicht so recht vorstellen können.
Da heißt es z.B., dass Jesus im Himmel sitzt. Und zwar direkt neben Gott -  rechts von ihm, um genau zu sein. Und dass Jesus eines Tages von dort wieder zu uns auf die Erde kommt. Wortwörtlich heißt es: „…von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“
Viele haben ein mulmiges Gefühl, bei dem Satz. Weil das so bedrohlich klingt, das mit dem Richten… Und so endgültig, und abschließend.
-Denn: wenn man dann zu den Toten gehört, ist eh alles zu spät; dann kann man nichts mehr rausreißen; oder wieder gut machen.
-Und wenn man zufälligerweise noch zu den Lebenden gehören sollte…?
Dann muss man ja eigentlich ständig auf der Hut sein. - Weil Jesus ganz plötzlich kommt, wie ein Dieb in der Nacht… - Und das klingt auch ziemlich ungemütlich.
Aber in dieser Spannung steht nun mal das Evangelium: in der Spannung von Gericht und Erlösung. Und keiner weiß so recht, wie es ausgehen wird, für ihm…
Aber wie ist das mit denen, die immer nur einstecken mussten? Die ihr ganzes Leben lang am Rand standen und nichts zu melden hatten? – Die Traurigen und die Sanftmütigen, wie es in der Bibel heißt. Die keiner Seele je was zu leide getan haben.
Die müssen sich nicht fürchten. Denn: „…von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“  – das können sie getrost anders verstehen:
Nicht als Gerichtsurteil, sondern mehr im Sinne von   zurechtrücken   und   in Ordnung bringen.  Wie bei jemandem, dem man alles zutraut. Da sagt man doch auch:  Der wird’s schon richten. Das, was alle anderen gescheitert sind - das kriegt der hin.
Und so stelle ich mir das auch vor, wenn Jesu zurückkommt: Dass er alles wieder zurechtrückt und in Ordnung bringt. Und alle aufrichtet, die nichts zu lachen hatten.
Ja, so gesehen klingt es fast wie ein Versprechen:
Wenn Jesus zurückkommt, kommt eine neue Gerechtigkeit. Und er wird alles wieder geradebiegen. Und er wird die Menschen aufrichten. Und unser störanfälliges Verhältnis  zu Gott wird er in Ordnung bringen.
Und wenn das so ist, freue ich mich darauf!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19577

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Wissen und Weisheit? 
Wissen ist irgendwo beim Verstand angesiedelt. Die Weisheit aber wohnt im Herzen. So wie in einer Geschichte, die zwar nicht in der Bibel steht, aber trotzdem toll ist:
Einmal wurde ein Gelehrter vom Sultan zu einem Vortrag eingeladen. Der Sultan dachte wohl, dass ein bisschen mehr Bildung an seinem Hof gut täte. Jedenfalls, der Gelehrte fühlt sich sehr geschmeichelt. Und deshalb machte er sich auch bei der nächstbesten Gelegenheit auf die Reise. 
Doch: Als er am Hof des Sultans ankommt, ist niemand da.
Irgendwie hatte es da mit der Terminabsprache wohl nicht so geklappt. -
Jedenfalls: der Palast des Sultans ist wie leergefegt. 
Man kann sich gut vorstellen, wie enttäuscht der Gelehrte ist: Er hat so einen weiten Weg auf sich genommen; und sich so gut vorbereitet – und jetzt das!
Da kommt der Stallknecht aus dem Stall.
„Wo sind denn all die anderen“, fragt der Gelehrte.
„Die sind alle weg, auf einem Ausflug“, sagt der Stallknecht. „Und das kann noch ein paar Tage dauern.“
Da seufzt der Gelehrte und sagt:
„Jetzt bin ich den ganzen, weiten Weg hier her gekommen, um mein Wissen auszubreiten und keiner ist da. Was soll ich denn jetzt machen?“
Der Stallknecht überlegt. Dann sagt er:
„Herr – also, wenn ich in den Stall komme, und ich treffe nur ein einziges Pferd an, dann gebe ich ihm trotzdem Futter.“
„Verstehe…“ sagt der Gelehrte. „Das ist wirklich klug!“
Und er holt tief Luft und lehrt den Stallknecht sein ganzes Wissen; acht volle Stunden lang. Als er fertig ist, sieht er den Stallknecht erwartungsvoll an.
Denn er will natürlich hören, wie es ihm gefallen hat.
Da sagt der Stallknecht:
„Herr, wenn ich in den Stall komme, und treffe nur ein einziges Pferd an, dann gebe ich ihm nicht das ganze Futter.“
Ja, ganz gleich, welche Art von Futter – es kommt immer darauf an, wen man vor sich hat. Und was der verträgt. 
Dem Stallknecht war diese schlichte und einfache Wahrheit ins Herz gegeben. Und das ist der Unterschied zwischen einem Weisen - und einem, der viel weiß.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19576

„Also, Pfarrerin sind Sie…“ sagt ein Patient, den ich im Krankenhaus besucht habe. Er sitzt vor mir und winkt ab. „Nah, da haben Sie ja auch nichts mehr zu melden. Tut doch eh keiner mehr, was die Kirche sagt. Schauen Sie sich die Leute doch an: Früher hat man sich eine Frau gesucht, dann hat man geheiratet und dann hat man Kinder in die Welt gesetzt. Heute macht doch jeder was er will.“
Stimmt, denke ich. Da hat sich wirklich einiges geändert. Und ich kann nach-vollziehen, wenn solche Freiheiten ältere Menschen verunsichern. - Aber ist diese Entwicklung wirklich so schlecht?
Grade erst hat mir eine Frau eine Geschichte erzählt, in der gerade dieser Wandel so viel Segen gebracht hat. Es war in den achtziger Jahren. Die Frau war noch ganz jung - da wurde sie schwanger. Das Kind kam zur Welt, aber sie und ihr Freund waren noch nicht bereit für eine Ehe. 
Ein paar Jahre später sah das anders aus. Und da beschlossen sie, zu heiraten. Die Tochter war inzwischen sechs und freute sich unbändig auf die Hochzeit ihrer Eltern. Und sie wollte auch etwas dazu beitragen. Deshalb dichtete sie ein Lied, und das sang sie ihnen bei der Trauung vor; direkt vorne, am Altar.
Sie sang: „Ich freue mich als euer Kind, dass wir jetzt die Müllers sind.“
Wunderbar!
Und jetzt Stellen Sie sich das Gleiche mal in den fünfziger Jahren vor!
Undenkbar, dass das kleine Müllerskind dies Liedchen je irgendwo fröhlich vor sich hingeträllert hätte. Nicht einmal im Kindergarten. Da hätte sie nämlich als uneheliches Kind - wie das damals hieß - sicher erst gar keinen Platz bekommen. Und auch sonst hätte sie nicht viel zu lachen gehabt. Genauso wenig, wie die Mutter.
Und wenn man die Zeit noch einmal fünfzig Jahre zurückdreht:
Wie viele junge Mädchen haben sich um die Jahrhundertwende das Leben genommen, aus lauter Verzweiflung, weil sie ungewollt schwanger waren. 
Die großen Dichter - Goethe, Hauptmann, Brecht - und wie sie alle heißen – in jedem zweiten Drama kam so eine Geschichte vor. So gängig war das.    
Insofern bin ich heil froh über den Wandel der Zeit. Und einer Kirche, auf die man hört nur weil man Angst hat, trauere ich auch nicht nach.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19575

Die Familie kann einem das Leben ganz schön schwer machen. Besonders dann, wenn man eine Schwester hat, die alle tollen Eigenschaften auf sich vereint, und man daneben völlig verblasst. - Und Eltern, die einem auch noch in den Rücken fallen.
So ergeht es auch der biblischen Lea: Lea ist zurückhaltend und unscheinbar. Aber das wäre ja zu ertragen, wenn da nicht die bildschöne Rahel wäre, ihre Schwester. Die wirft alles in den Schatten - mit ihrer dunklen Mähne, und dem wilden Temperament!
Und was es gerade so völlig unerträglich macht: Lea hat sich in denselben jungen Mann verliebt, wie ihre Schwester – in den Jakob. Aber Jakob hat nur Augen für Rahel. Und die Hochzeit ist auch schon abgemachte Sache. Denn schon längst ist ihr Vater ist mit dem Jakob handelseinig geworden: Sieben Jahre Arbeit und er bekommt die Rahel zur Frau.
Ein guter Vater würde vielleicht merken, wie sehr die andere Tochter leidet.
- Und würde sich was überlegen, wie er sie aus ihrem Schattendasein befreit. Aber so ein Vater ist Leas Vater weiß Gott nicht.
Er hegt ganz andere Gedanken: Wie kann er die beiden Mädchen in einem Streich unter die Haube bringen? – Das ist für ihn die Frage. Schließlich will er Lea, seine Ältere, nicht ewig am Bein haben.
Und da man in biblischen Zeiten durchaus mehrere Frauen heiraten konnte, hat er auch schon einen Plan: In der Hochzeitsnacht tauscht er Rahel einfach gegen Lea aus. Als der Bräutigam andern Morgens den Betrug bemerkt, ist die Hochzeit längst vollzogen. Und als er sich beschwert, sagt der Vater nur:
„Für weitere sieben Jahre bekommst du die Rahel gleich noch dazu.“
Man möchte sich gar nicht ausmalen, wie schlimm das alles gewesen sein muss, für die Betrogenen…
Was kann man da machen?
Eigentlich kann man da nur noch ausbrechen. Denn ein Vater, dem nichts heilig ist, hat sein Vatersein verspielt.  – Und die Schwester?
In unserer Geschichte ist sie ja auch nur ein Spielball, genauso wie Lea.
Und als die beiden das begreifen, brechen sie tatsächlich aus. Sie packen ihre Sachen, und ziehen mit Kind und Kegel fort. Und das Schöne ist:
Jetzt, zum ersten Mal sind sich die Schwestern einig. Und sie halten zusammen. Und das gibt ihrem Leben eine ganz neue Wendung.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19574

In Liebesdingen kann ein einziger Augenblick entscheidend sein. Und wenn man das spürt - da muss man schon mal Kopf und Kragen riskieren.
Von so einer atemberaubenden, ersten Begegnung erzählt auch die Bibel:
Da ist einmal Jakob, der weiß noch gar nichts von seinem Glück.
Denn er hat grade eine tagelange Wanderung hinter sich. Und  jetzt sieht er endlich das Ziel vor Augen: Das Haus von Laban – da will er hin.
Schon begegnet er den ersten Hirten, die wollen ihre Schafe tränken. Aber sie müssen noch auf die anderen Hirten warten. Denn der Stein auf der Brunnenöffnung ist so schwer, den kann man nur mit vereinten Kräften runterwälzen.
Und wie Jakob so mit den Hirten redet, da sieht er plötzlich eine wunderschöne Schäferin. Die kommt geradewegs auf den Brunnen zu.
„Das ist Rahel, die Tochter von Laban“, sagen die Hirten.
Und als Rahel näher kommt, wird Jakob miteinemmal von so starken Gefühlen überwältigt, dass er in einer einzigen Bewegung den Stein vom Brunnen wälzt; dann tränkt er die Herde Rahels. - Und im nächsten Augenblick küsst er sie.
Dann bricht er in Tränen aus. Und stellt sich vor.
Das war auch für damalige Verhältnisse nicht gerade die gängige Vorgehensweise. Um nicht zu sagen: ganz schön unverschämt!
Und dennoch: der Auftritt hat seine Wirkung auf Rahel:
Da kommt ein Fremder aus einem anderen Land, beeindruckt sie mit seiner Kraft und seinem Tatendrang - nimmt ihr galant die Arbeit ab - und eh sie sich versieht, wird sie geküsst.
Und im nächsten Moment bricht er in Tränen aus. Und zeigt, dass er auch noch Gefühle hat. Und dann erfährt sie, wer er überhaupt ist.
– Was mag Rahel da nur alles durch Herz und Sinn gewirbelt sein?
Jedenfalls: Es ist der Beginn einer großen Liebe.
Und man sieht: wie ansteckend Gefühle sein können, wenn sie nur so frei und so umwerfend daherkommen.

Eine Frau erzählte mir: Als ihr Mann sie zum ersten Mal gesehen hat, hat er  zu seinen Freunden gesagt: „Das ist die Frau, die ich heiraten werde.“
Dann ist er zu ihr hinüber gegangen, hat sie angesprochen und hat alle Register gezogen. Und hat sie tatsächlich geheiratet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19573

Es gibt Brüder, die können sich schon als Kinder nicht riechen. Und wenn die Eltern dann auch noch Öl ins Feuer gießen – das kann zu lebenslangen Feindschaften führen.
So eine Geschichte gibt es auch in der Bibel (1.Mos 25-27):
Da sind Jakob und Esau, die zweieiigen Zwillinge - die raufen sich schon im Mutterleib. Als sie älter sind, gehen sie sich aus dem Weg. Und das hätte wohl auch funktioniert, wenn da nicht die Eltern gewesen wären…
Denn dem Vater geht der Esau über alles. Deshalb beschließt er, ihm noch zu Lebzeiten die Geschäfte zu übertragen. Er ist ja auch der Erstgeborene.
Bei der Mutter hingegen dreht sich alles um den Jakob. Und der soll nicht leer ausgehen. Denn Jakob – das ist ihr Seelenverwandter. Und wenn es um ihn geht, ist ihr jedes Mittel recht. Und deshalb heckt sie einen Plan aus, wie sie und Jakob den Vater betrügen. Und Esau um seine Rechte bringen.
Der Betrug funktioniert. Aber die Geschichte endet damit, dass die Familie auseinanderbricht: Jakob muss vor seinem Bruder ins Ausland fliehen. Und mehr als 20 Jahre gehen so ins Land.
Ich kenne eine Familie, da war es ähnlich. Da ist die Familie in zwei Parteien zerfallen, nach irgendwelchen Erbstreitigkeiten. - Am Erbe entzündet sich ja oft nur das, was eh schon lange brodelt. Jedenfalls, seither ist Totenstille.
- Was kann man da machen?
In unserer Geschichte geht es so weiter:
In der Fremde baut sich Jakob zwar ein neues Leben auf. Aber jetzt ist er derjenige, der anderen vertraut - und betrogen wird. Und das verändert ihn.
Und eines Tages beschließt er, die Sache mit Esau wieder gerade zu biegen.
Da macht er sich auf den Weg, aber er hat furchtbare Angst. Eine ganze Nacht ringt er mit Gott. Und am Ende traut er sich, dem Bruder gegenüberzutreten.
Und die Geschichte geht gut aus:
Esau nimmt Jakob in die Arme. Und sie versöhnen sich.
Wie kommt es? Ich glaube, die Zeit war reif.
Und als Esau sieht, wie ernst es Jakob ist - das entwaffnet ihn ganz einfach. Und miteinemmal ist die alte Wut verflogen. Und da ist nur noch Freude.
Manchmal ist eine Versöhnung aber auch undenkbar. Dann muss man sich vielleicht mit diesem Gedanken versöhnen: dass es einfach nicht geht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19572