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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Heute Abend würde ich gern mit einem Raumschiff die Welt umkreisen. Von oben muss das toll aussehen. Wenn zwischen halb neun und halb zehn das Licht in vielen Industriestaaten ein bisschen gedimmt ist.
Heute ruft zum 9. Mal der WWF dazu auf, abends für eine Stunde das Licht auszuschalten. Angefangen hat es in Australien. Heute sind es 32 Länder, die sich weltweit daran beteiligen. Auch Deutschland. In Mainz werden öffentliche Gebäude nicht angestrahlt, der Kölner Dom wird dunkel sein und die Katharinenkirche in Oppenheim.

„Earth hour“- also „Stunde der Erde“ nennt sich die Aktion. Wer mitmacht, setzt sich ein für den Klimaschutz. Energie sparen, erneuerbare Energie ausbauen und sorgsam mit den Ressourcen unseres Planeten umgehen, darum geht es.

Wenn ich im Dunkeln sitze, denke ich oft an ein Wort aus dem Johannesevangelium. „Das Licht scheint in der Finsternis.“ Oder anders: “Manchmal sieht man erst in der Finsternis, wie hell ein Licht aufscheinen kann. Manchmal muss man erst eine Krise erleben, damit einem ein Licht aufgeht und man tut, was zu tun schon längst nötig gewesen wäre. Nach der Katastrophe von Fukushima ist vielen ein Licht aufgegangen. Aber das muss weitergehen.

Natürlich ist so eine Stunde ohne Licht nichts, was unseren Planeten retten kann. Aber sie ist ein Zeichen. Mir macht das Mut, wenn rund um den Globus Millionen von Menschen das Licht ausmachen, weil ihnen unser Planet am Herzen liegt. Und sie was tun wollen. Anregungen gibt’s ja im Internet in Hülle und Fülle.

Astronauten, die die Erde umkreisen, werden ganz andächtig, wenn sie sie beschreiben. Das Blau, die hauchdünne Atmosphäre, die sie schützt. Ein Wunder inmitten des Alls, in dem kein Leben möglich ist.

Daran werde ich heute Abend denken. Vielleicht bei einem schönen Glas Wein und Kerzenschein. Wunderbar übrigens, wie eine einzelne Kerze einen ganzen Raum erleuchten kann. Schon ein kleines Licht macht die Finsternis hell.

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Meine Welt hört jetzt am Gartenzaun auf! Ich kenne Leute, die wünschen sich das.
Nur noch Privatleben. Wenn man sich engagiert hat, in der Gemeinde, im Verein, in der Nachbarschaft. Aber keiner hat es richtig zu schätzen gewusst. Statt Enerkennung nur Grummeln und Kritik. Dabei hat man es ja freiwillig gemacht! Ehrenamtlich.

In dem 3000 Seelen Dorf Tröglitz in Sachsen- Anhalt hat ein ehrenamtlicher Bürgermeister sein Amt hingeschmissen. Das ist schon eine Weile her, bewegt mich aber noch immer. Der Rücktritt passierte, nachdem Neonazis aus der Umgebung viele Wochen gegen die Unterbringung von 40 Flüchtlingen demonstriert hatten. Dann haben sie eine Kundgebung vor dem Haus des Bürgermeisters mit seinen 7 Kindern organisiert. Da hat er hingeschmissen. Der eigentliche Grund für den Rücktritt war aber: Die Kreisverwaltung, ein demokratisch gewähltes Gremium, die Mehrheit der Mitte also, hat es zugelassen, dass eine radikale Minderheit ihn und seine Familie bedroht. Jetzt hat er sich erst mal hinter seinen Gartenzaun zurückgezogen. Und ich frage mich:

Wie ist das mit der Mehrheit in der Mitte? Müssten wir deren Schweigen nicht mehr fürchten als alle Radikalen zusammen? Und wer ist die Mehrheit in der Mitte? Sind das nicht wir- Sie und ich? In Tröglitz wäre es auf Leute wie uns angekommen.

Die Frau des Bürgermeisters hat mir übrigens geschrieben. „Wir sind nicht resigniert oder verzweifelt, dass wir um uns herum keine Unterstützer gefunden haben.“ Schreibt sie. Aber ihre Welt wird trotz der Enttäuschung in Zukunft nicht am Gartenzaun aufhören. Und warum? Sie zitiert einen Psalm. „Wir heben unsere Augen auf zu den Bergen. Woher kommt uns Hilfe? Unsere Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

Bisweilen übernimmt Gott höchstpersönlich den Job, denen zu helfen, die unter die Räder gekommen sind.

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Unfälle passieren, Flugzeuge stürzen ab, Menschen sterben. Jeden Tag. Auch vorgestern.
Und doch war der Absturz der Germanwings, der 150 Menschen in den Tod gerissen hat, anders als alle anderen. Der Flug war so alltäglich, das Flugzeug so sicher, zu sicher, um einfach vom Himmel fallen zu können. Aber es ist vom Himmel gefallen. Und viele denken:  es hätte auch mich treffen können. Warum hat es mich bisher nicht getroffen?
Worauf kann ich jetzt noch vertrauen, wenn das Sichere nicht mehr sicher ist?

Wahrscheinlich wird es menschliches Versagen gewesen sein. Vielleicht hat auch-  was Gott verhüten möge- jemand Böses gewollt. Doch keine Strafe der Welt wird die Toten wieder lebendig machen.  Wir werden damit leben müssen. Aber wie?

Wir können uns auf die Seite der Opfer stellen. Wir können die Nähe zu ihnen wagen. Unsere Hilfe anbieten, für sie beten.

Mich hat berührt,  mit wieviel Feingefühl  Flughafenbetreuer, Seelsorger und Psychologen die Hinterbliebenen von den Medien abgeschirmt und für sie einen Schutz- Raum der Trauer geschaffen haben. 

Dass Staatsoberhäupter von Spanien, Frankreich und Deutschland ihr Mitgefühl ausgesprochen haben, dass sie dies in großer Einigkeit getan haben, finde ich ein gutes Zeichen europäischer Freundschaft. Ich hätte mir nur gewünscht, der Kreis der Angesprochenen wäre größer gewesen. 

Denn natürlich gilt auch denen unser Mitgefühl, die auf andere tragische Weise einen lieben Menschen verloren haben. Durch einen Verkehrsunfall, durch einen Kunstfehler im Krankenhaus, durch einen Arbeitsunfall. Menschen, deren Schmerz nicht minder groß war als der Schmerz der Hinterbliebenen der Flugkatastrophe heute.

Die Geschichte Jesu endete auch in einer Katastrophe, dem Tod am Kreuz. Aber die Katastrophe war zugleich der Anfang eines neuen Lebens. Vielleicht vermag diese Katastrophe, dass wir uns wohl um Sicherheit bemühen, aber nicht mehr an sie glauben. Wie das sein könnte, hat Hans Dieter Hüsch so formuliert:

Wir alle sind in Gottes Hand,
ein jeder Mensch in jedem Land.
Wir kommen und wir gehen,
wir singen und wir grüßen,
wir weinen und wir lachen,
wir beten und wir büßen,
Gott will uns fröhlich machen.

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Es gibt Leute, denen mutet das Leben viel zu.
Shavgar zum Beispiel. Seit 5 Jahren studiert er in Mannheim. Nicht besonders gut. Weil er viel Zeit auf Ämtern verbracht hat. ER will seine Brüder nach Deutschland holen. Shavgar stammt aus dem Osten von Syrien. Dort entführen IS- Terroristen junge Männer und deshalb hat er Angst um seine Familie.  

Shavgar ist 25, da ist eigentlich Party angesagt. Aber Shavgar feiert nicht, er kann seit Jahren nicht mal gut schlafen. „Ich bin verantwortlich für meine Eltern und die Brüder, sagt er. Dass die dem Terror entkommen.“

Warum haben manche Jugendliche es so schwer? Müssen ihr Leben retten, fliehen. Oder haben eine chronische Krankheit. Genauso haben die Jünger von Jesus gefragt. Als sie vor einem jungen Mann stehen, der blind auf die Welt gekommen ist. Damals ein Almosenempfänger, ein Außenseiter von Anfang an.

Was macht das für einen Sinn? Fragen die Jünger. Wenn die Krankheit eine Strafe wäre für etwas, was er verbrochen hätte. Oder wenn er eine Strafe für seine Eltern sein soll. Weil die eine Schuld haben, für die sie büßen sollen. Dann wäre das gerecht.

Aber Jesus winkt ab. Ihn interessiert die Zukunft. Wofür das gut sein könnte. Jesus sagt: An diesem Blinden soll etwas sichtbar werden, was Sehende oft nicht erkennen: Gottes Herrlichkeit. Liebe und Lebensmut mitten im trostlosen Alltag. Da kann man Gott sehen.

Wenn ich an Shavgar denke, fällt mir sofort dazu etwas ein. Ich hab ja schon viel erlebt. Aber noch nie habe ich in den Augen eines jungen Mannes so viel Liebe gesehen. So viel Mitgefühl. Eine so große Bereitschaft, sich für seine Familie einzusetzen. Koste es, was es wolle.

Jesus würde sagen: An Leuten wie ihm kann man Gottes Herrlichkeit sehen. Vielleicht kennen Sie auch solche Leute. Der junge Mann im Rollstuhl, der allen Mut macht mit seiner Freundlichkeit, die alte Dame, die kaum noch sehen, aber den Kindern wunderbare Geschichten erzählen kann.

Übrigens: Shavgar ist kurdischer Moslem. Und zeigt seinen Brüdern grade, dass es Christen waren, die sie vor dem Krieg gerettet haben.

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Heute Abend geht es wieder gut aus.  Bei der Arztserie „In aller Freundschaft“, die guck ich manchmal. Und da geht es immer gut aus. Ich kenn schon das Strickmuster dieser Sendung. Jemand ist krank, will es aber nicht wahrhaben. Im Krankenhaus entdecken die Ärzte ein noch größeres Problem. Das sofort notoperiert werden muss, weil es lebensgefährlich ist. Die Ärzte operieren, retten sein Leben und meistens eine fast zerbrochene Ehe gleich mit.

Obwohl ich am Anfang schon weiß, wie die Geschichte weitergeht, genieße ich sie. Weil ich weiß, dass sie gut ausgeht. Und das brauche ich im Augenblick. Weil es in den Nachrichten ganz anders ist. Gleich werden Sie ja wieder hören, dass es immer schlimmer wird. Im Osten Europas rüsten Nato und Russland ihr Waffenarsenal auf. IS- Terroristen nutzen das Internet um mit ihren Gräueltaten Schrecken zu verbreiten. Und das mit Griechenland lässt Europa erzittern. Da wünschte ich mir viele Notoperationen an Herz und Hirn um das Schlimmste zu vermeiden.

Aber das Schlimmste passiert. Daran erinnert die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu. Jesus stirbt einen grausamen Tod am Kreuz und die Hoffnung seiner Freunde stirbt gleich mit. Sie wissen nicht mehr, was sie tun sollen und ziehen sich zurück.

Aber dann merken sie: das Schlimmste ist nicht das Ende. Jesu Zeit auf der Erde ist zu Ende. Aber die Liebe, die von ihm ausgegangen ist, die ist nicht zu Ende. Sie wirkt weiter, als sei er noch da. Jedes Wort, das er gesagt hat, lebt weiter in ihren Herzen und Köpfen. Und gibt ihnen neue Kraft und Mut, weiterzuleben, weiterzumachen, anders als bisher.

Im wirklichen Leben kann es zum Schlimmsten kommen. Im wirklichen Leben geht vieles nicht gut aus. Aber das ist noch nicht das Ende. Hinter dem Tod wartet neues Leben, neue Hoffnung. Die Freunde von Jesus haben das so erlebt. Und haben tapfer und mutig getan, was nötig ist. Und wir? Vor 25 Jahren haben die Menschen ist Ostdeutschland eine Mauer zum Eistürzen gebracht. Mit Kerzen und Gebeten. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Gott ein neues Wunder tut. Und dass wir ihm dabei behilflich sind.

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Und- gefall ich dir?
Meine Freundin schaut skeptisch in den Spiegel.
Na klar, sage ich.
Ne, jetzt mal in echt: seh‘ ich gut aus?“
„Also um genau zu sein….weiter komme ich nicht.
Sie jault auf, sagt, sie habe es gewusst, dass sie nicht gut aussehe, bei der Nase. Aber es sei ihr egal. Sie käme schon alleine klar. Tja, manchmal ist gegen Selbstzweifel kein Kraut gewachsen.

So eine Frau muss es gewesen sein, von der die Bibel erzählt. Jesus ist ihr in der Synagoge begegnet. Ihr Rücken war ganz krumm. Ob wegen der Feldarbeit oder wegen ihrer Komplexe erfährt man nicht. Nur, dass sie in der Ecke steht, im Dämmerlicht. Damit man sie nicht so sieht.

Und auf diese Frau steuert Jesus zu. Aber dem nicht genug. Er nimmt sie bei der Hand und zieht sie hinter sich her in die Mitte der Synagoge, ins Licht.  Jetzt können alle sie sehen. Und allen stockt der Atem. Weil ein richtiger Mann sowas nicht macht. Schon gar nicht mit so einer. Aber Jesus nimmt sie bei den Händen und sucht ihren Blick. Und als ihre Blicke sich treffen, richtet sie sich auf. Im wahrsten Sinn des Wortes.

In deinen Augen bin ich schöner als ich bin. Vielleicht kennen Sie das Gefühl, wenn ein liebevoller Blick auf Ihnen ruht. Jeder Mensch ist schön vor Gott. Aber manchmal ist die Schönheit ziemlich versteckt hinter einem Berg von Selbstzweifeln und einem trotzigen: ich-komm-schon-allein klar. Ich glaube, um mich selber schön zu finden, brauche ich immer wieder den Blick, der meine Schönheit sieht und aus mir herausliebt. Ich brauche solche Menschen mit dem besonderen Blick.

Vor allem, wenn ich unsicher bin. Wenn ich zum Beispiel eine Rede halten soll vor Leuten, die ich nicht kenne. Dann suche ich die. Und finde immer zwei, drei Leute, deren Blick freundlich und interessiert auf mir ruht. Und immer wenn sich unsere Blicke treffen, dann geht es mir sofort besser. Ich stehe aufrechter und besser denken kann ich auch.

Wunderbar, dass es solche Menschen gibt. Die wie Jesus eine Schönheit herauslieben können. Und wunderbar, wenn man es zulassen kann.

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