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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Mein Ende gehört mir. Für das Recht auf letzte Hilfe.“ So werben Schauspieler auf Plakaten dafür, bei schwerster Krankheit oder in auswegloser Lage Hilfe zur Selbsttötung in Anspruch nehmen zu können. “Mein Ende gehört mir.“ Das scheint ganz selbstverständlich: Nichts ist persönlicher als der eigene Tod. Niemand kann ihn mir abnehmen und niemand kann mich hier vertreten.

Doch daraus den Schluss zu ziehen, mein Tod ginge auch niemanden etwas an, ist für mich ein Trugschluss. So einzigartig mein Tod auch ist, er betrifft nicht nur mich allein. Mein ganzes Leben verdanke ich anderen – und das nicht nur in seinem Ursprung. An jedem Tag, in jeder Phase kann ich mein eigenes Leben nur leben, weil andere daran teilnehmen, mich begleiten und unterstützen. Auch mein Sterben wird nicht nur mich betreffen. Wie ich sterbe, wird Auswirkungen auf meine Familie und Freunde haben, wird Schmerz und Trauer auslösen, wird für sie vielleicht Beispiel oder Warnung sein, jedenfalls ihr Leben beeinflussen. Das gilt für jedes Sterben, auch für Akte der Selbsttötung: Selbsttötungen sind häufig eine brennende Anfrage an Freunde und Angehörige, ob ihr Beistand gereicht hat, ob sie hätten mehr oder anderes tun können. Und wenn sich prominente Persönlichkeiten selbst töten, lösen sie häufig Nachahmungstaten aus. Jedes Sterben, jeder Tod hat Auswirkungen auf andere Menschen.

„Mein Ende gehört mir“, ja, und niemand kann mir das abnehmen. Aber mein Ende betrifft nicht nur mich. Auch mein Sterben hat noch Bedeutung für andere: Für diejenigen, die Teil meines Lebens sind – und deshalb auch Teil meines Sterbens.

Das beantwortet nicht die Frage, wie wir Menschen in allerschwierigsten Situationen beistehen können, die für sich nur die Selbsttötung als Ausweg sehen. Aber es ist eine Warnung davor, Tod und Sterben ausschließlich als individuellen Vorgang anzusehen.

Denn das Ganze hat auch noch eine andere Seite: Gerade weil mein Ende nicht nur mich betrifft, darf ich auch erwarten, dass die Menschen, die mir nahestehen, mich im Sterben nicht allein lassen. Denn niemand stirbt für sich allein.

 

 

 

 

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Seit drei Monaten gilt in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn. Obwohl es sich nur um einen bescheidenen Stundenlohn von 8,50 € handelt, gibt es Schwierigkeiten: Einige Unternehmen halten den Lohn für zu hoch, um am Markt damit bestehen zu können. Andere beklagen den hohen bürokratischen Aufwand, mit dem der Mindestlohn vor Missbrauch geschützt werden soll. Dabei handelt es sich hier nur um die allerunterste Grenzen dessen, was für menschliche Arbeit auf jeden Fall gezahlt werden soll. Wie groß wären die Schwierigkeiten, wenn es nicht um den Mindestlohn, sondern um einen gerechten Lohn ginge. Die Probleme fingen schon mit der Frage an, was denn ein gerechter Lohn leisten soll: Reicht es, wenn der Arbeitnehmer alleine davon auskömmlich leben kann? Oder soll er auch eine Familie ernähren und eine Alterssicherung aufbauen können?

Die Bibel hat eine ganz eigene Auffassung von einem angemessenen Lohn. Jesus erzählt von einem Winzer, der Tagelöhner für seinen Weinberg auf dem Markt anwirbt. Er vereinbart mit ihnen den üblichen angemessenen Tageslohn, einen Denar. Im Laufe des Tages merkt er,  dass er zu wenige Arbeiter hat. Und so wirbt er zeitversetzt immer neue Tagelöhner an, die letzten eine Stunde vor Arbeitsende. Allen verspricht er einen gerechten Lohn. Als es ans Bezahlen geht, bekommt jeder einen Denar. Das empört die Arbeiter der ersten Stunde, die den ganzen Tag geschuftet haben. Aber der Weinbergsbesitzer bleibt bei seiner Vereinbarung, alle bekommen den gleichen Lohn.

Bei seiner Lohnfestsetzung fragt der Winzer nicht nur, was die Arbeit wert ist. Sondern er fragt auch danach, was ein Mensch zum Leben braucht. Auch wenn er nur eine Stunde gearbeitet hat.
In der biblischen Geschichte kann sich der Arbeitgeber seine Großzügigkeit leisten, denn es ist in Wirklichkeit Gott, der hier aus unerschöpflicher Gnade gibt. In der realen Wirtschaft wäre das schwieriger, da gibt es nur begrenzte Mittel. Und doch unterstreicht die Geschichte ein wichtiges Element eines gerechten Lohnes: Es geht nicht nur darum, was Arbeit eben gerade wirtschaftlich wert ist, sondern auch darum, was Menschen brauchen. Die Antwort liegt sicher zwischen den Extremen, aber vielleicht näher am biblischen Tageslohn als am gesetzlichen Mindestlohn.

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Radikale Islamisten auf der einen Seite und auf der anderen Seite ihre ebenso radikalen Gegner: Ein größerer Gegensatz scheint  kaum vorstellbar. Die einen wollen einen Gottesstaat errichten, in dem religiöse Regeln Gesetz sind. Die anderen wünschen, dass der Islam gar nicht in der Öffentlichkeit erscheint und auf seine Ursprungsländer beschränkt bleibt.

Bei genauerem Hinsehen haben beide Gruppen doch etwas gemeinsam: Die Angst vor Bedeutungslosigkeit. Bei den Islamisten sind viele junge Männer ohne erfolgreiche Schul- und Berufsausbildung. Sie haben schlechte Zukunftsaussichten und Angst, in dieser Gesellschaft bedeutungslos zu sein.

Bei ihren Gegnern sind viele, die fürchten die Auflösung von Strukturen und Werten. Werte, die ihnen Orientierung geben, und Strukturen, die ihnen einen Platz in der Gesellschaft zuweisen. Auch sie fürchten bedeutungslos zu werden, wenn das ihnen Fremde scheinbar überhand nimmt.

Beide Gruppen fürchten Bedeutungslosigkeit und suchen den Ausweg darin, Teil eines größeren, bedeutsamen Ganzen zu sein. Für die einen ist es ein radikalisierter Islam. Für die anderen ist es vielleicht das Abendland, als ein Sammelbegriff für Werte, die Bedeutung geben.

Doch dieses Konzept hat eine Schwäche. Was ist mit denen, die nicht dazu gehören, nicht dazu gehören wollen: Weder zu einem radikalisierten Islam, noch zu einem ideologischen Abendland? Sind die dann bedeutungslos? Muss ich überhaupt irgendwo dazu gehören, um Bedeutung zu erlangen?

Die Bibel bietet einen bedenkenswerten Ausweg aus der Falle der Bedeutungslosigkeit: Nach ihrer Überzeugung muss sich der Mensch seine Bedeutung nicht erwerben – und er kann sie auch nicht verlieren. Denn Gott hat sie ihm schon im Mutterleib verliehen, hat jeden Menschen schon beim Namen genannt, lange bevor seine Eltern von ihm wussten. Und diese Bedeutung kann niemand rauben.

Eine solche Überzeugung kann Gelassenheit und Vernunft erhalten, wenn die Angst vor der Bedeutungslosigkeit hochkommt. Nicht der Beitritt zu einer radikalen Sekte, nicht das Festklammern an einer überkommenen Kultur verleihen Bedeutung, sondern Gott selbst. Alles andere kommt erst danach.

 

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Momentan läuft im Theater Bonn das Stück „Hiob“ von Joseph Roth. Hiob ist eine biblische Gestalt. Ein Mann, der viel Leid erfährt, aber trotzdem seinen Glauben nicht verliert. In dem Stück von Roth geht es um eine jüdische Familie, die ebenfalls eine Menge zu tragen hat: Der erste Sohn wird als Soldat in den Krieg eingezogen, der zweite flieht vor dem Militäreinsatz nach Amerika. Und der jüngste Sohn kommt mit vielen schweren Krankheiten zur Welt. „Seine Beine waren gekrümmt und ohne Leben wie zwei hölzerne Bögen“, schreibt Roth in seinem Roman. Diese Rolle wird in Bonn von Samuel Koch gespielt. Ja genau, der Kandidat aus der Sendung „Wetten dass…?“, der sich vor laufender Kamera so schwer verletzt hat. Über vier Jahre ist das jetzt her. Dass er heute in Bonn auf der Bühne zu sehen ist, war für ihn ein sehr langer und harter Weg. Denn als Samuel Koch damals aus dem Koma erwacht, ist er vom Hals abwärts gelähmt. Seitdem wartet ein Leben mit ganz neuen Herausforderungen  auf ihn: Jeder Tag ist eine Geduldsprobe mit heftigen Schmerzen.

Was trägt einen Menschen in einer solchen Situation? Bei Samuel Koch sind es die Familie und die Freunde. Und es ist sein Glaube an Gott. In seinem Buch „Zwei Leben“ schreibt er: „Rückblickend weiß ich gar nicht, wie ich das alles überstanden habe. Aber Gott gibt Kraft für jeden einzelnen Tag.“* Das beeindruckt mich. Denn das ist kein einfach so daher gesagter, frommer Satz. Das schreibt ein ehemaliger Leistungssportler, der sich heute nicht mal mehr mit den eigenen Händen die Zähne putzen kann.

Durch den Unfall hat sich der Glaube von Samuel Koch verändert, aber er hat sich nicht verabschiedet. Denn wie Hiob im Alten Testament bleibt er im Kontakt mit seinem Gott. Wie Hiob ringt er mit ihm, manchmal klagt er ihn auch an: „Diese Schmerzen sind doch total unnötig! Sie nützen niemanden etwas.[...] Geht´s denn nicht auch ohne?“* Diese offenen Fragen bleiben. Und Samuel Koch stellt sie seinem Schöpfer. Aber er erzählt auch davon, dass er immer wieder erfährt, von einer größeren Kraft getragen zu werden, gerade dann, wenn die eigene Kraft an ihre Grenzen stößt. 

*siehe Samuel Koch/Christoph Fasel: Zwei Leben, Asslar 2012.

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Ich bin im Hunsrück geboren. Seit den Filmen „Heimat“ von Edgar Reitz ist diese Landschaft vielen Menschen ein Begriff. Mir persönlich gefallen besonders gut die Filme, die weit in die Geschichte zurück reichen. Dazu gehört auch „Die andere Heimat“, die im vergangenen Jahr den deutschen Filmpreis gewonnen hat.

Der Film spielt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Tausende wegen Hungersnot und Armut den Hunsrück verlassen. Auf der Suche nach einem besseren Leben in Südamerika. Vier Stunden lang erzählt Regisseur Edgar Reitz das Leben der Familie von Jakob und Gustav Simon aus dem Dorf „Schabbach“ im Hunsrück.

Und weil der Kameramann und die Hauptdarsteller sich beim Erzählen enorm viel Zeit lassen, tauche ich tatsächlich ein in jene Jahre, in denen die Not groß war. Der Film stellt mir dabei eindrücklich vor Augen, wie hart es meine Vorfahren vor fünf oder sechs Generationen hatten. Im Kampf um das tägliche Brot. Er zeigt sterbende Kinder, Hunger und Elend in jedem Dorf. Menschen mit dem Gedanken, den Planwagen zu packen und aufzubrechen in ein unbekanntes, fremdes Land. Der Film geht mir durch Mark und Bein.

Wenn ich abends die Nachrichten anschaue, dann sehe ich immer wieder schreckliche Bilder aus Lampedusa. Auch hier: Menschen, die aufgebrochen sind, um in einem fernen Land neu anzufangen. Weil sie in ihrer Heimat verfolgt werden oder verhungern. Weil sie keine Heimat mehr haben. 

„Die andere Heimat“ - sie ist ein zeitloses Thema. Ihre Hauptdarsteller heißen heute nicht Jakob oder Gustav Simon aus dem Hunsrück. Sie heißen heute Mustafa aus Syrien. Jonathan aus Eritrea. Oder Samira aus dem Irak. Sie stranden nicht an der südamerikanischen Küste. Sie klopfen an die Türen Europas und an die Türen Deutschlands. Auf der Suche nach einer anderen Heimat.

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Nach einigen Wochen war es nun wieder so weit: Meine Locken wuchsen in alle Richtungen und meine Freunde fragten mich: „Hey, willst du dir einen Afro wachsen lassen?“

Also: Ab zum Friseur! Und irgendwie mache ich das auch gerne. Denn jedes Mal wenn ich zum Haare schneiden gehe, empfinde ich das als Erholung. Einfach mal in den gemütlichen Ledersessel fallen und das Reden anderen überlassen. 

Dieses Mal Anja, wie mir die junge Frau verrät. Wir kennen uns noch nicht. Anja will wissen, was ich denn so mache. Das könnte jetzt wieder eine haarige Angelegenheit werden, denke ich. Aber gut. „Ich bin Theologe“, sage ich. Stille im Salon. „Okaaayyy“, kommentiert Anja nach einer ausgedehnten Pause. Ihre Augenbraue biegt sich dabei um 90°. „Und was macht man damit?“, fragt sie weiter. „In meinem Beruf begegne ich vielen unterschiedlichen Menschen und komme mit ihnen über Gott und das Leben ins Gespräch. Und ich versuche Menschen zu begleiten und im Glauben zu stärken. Und manchmal, da höre ich ihnen auch einfach nur zu“.  Anja stemmt ihre Hände in die Hüften und sieht mich an: „Ja, also Zuhören, das mache ich hier auch den ganzen Tag.“ Und dann packt sie aus: Erzählt von den Menschen, die ihr ihren Liebeskummer anvertrauen. Die auf der Arbeit gemobbt werden. Die gegen den Krebs kämpfen – und deshalb ihre Haare verlieren. Da weiß ich manchmal auch nicht, was ich sagen soll. Aber ich spüre: Mein offenes Ohr tut den Menschen gut. Viele sind sehr einsam.“

 Zuhören, ja, das könne sie. Und glauben, das tut sie auch. Dass es da jemanden gibt, der uns so liebt wie wir sind. Und der will, dass wir einander Gutes tun. Und einander zuhören. 

Die 30 Minuten vergehen wie im Flug. „Ist es so ok?“, fragt Anja und präsentiert mir  im Handspiegel meinen Hinterkopf. „Alles bestens“, bedanke ich mich. Nicht nur für die Frisur. Auch für das Gespräch. Denn ich freue mich, dass da jemand nicht nur einfach seinen Job macht. Ich freue mich, dass der ganze Mensch für Anja wichtig ist. Nicht nur die Haare. Danke Anja! Und danke allen die anderen zuhören. Im Friseursalon, aber auch auf der Parkbank, in der Straßenbahn oder am Telefon. 

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