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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Wenn sie die Narrenkappe aufziehen, meinen manche, sie hätten jetzt die sprichwörtliche Narrenfreiheit.
Und dürften alles.
Die Bleistifte gespitzt, der Computer hochgefahren – und auf sie mit Gebrüll!
Und alle, die Dreck am Stecken haben, bekommen ihr Fett ab!
Was macht guten Humor aus?
Oder: Was dürfen die Narren?
Was hat Uli Hoeness von den Narren Schelte bekommen.
Und warum?
Doch hoffentlich für sein Verhalten, wofür er ja auch betraft wurde. Aber hoffentlich war nicht seine Person gemeint.
Das ist eine Gratwanderung, auf die sich die Narren da begeben.
Da sind ja im Fernsehen Sendungen entstanden, die sich damit schmücken, Zornestiraden über alles Mögliche, aber vor allem über politische Personen auszukübeln.
Narretei, die an ihre Grenzen gerät.
Die verletzt. Die beleidigt.
Und die damit über die Stränge schlägt.
Wie weit geht die Narrenfreiheit?
Wir haben es uns angewöhnt, sehr tolerant zu sein, also Vieles, was eigentlich weh tut, zu ertragen.
Aber: was einem evangelischen Christen das Schmunzeln in die Mundwinkel treibt, ist für einen katholischen Menschen vielleicht schon kaum zu ertragen und für einen Moslem völlig unakzeptabel.
Ich darf als Narr alles sagen – aber ich darf niemanden in seiner Würde verletzen.
Manches mag mir als Kritiker gar nicht so schlimm vorkommen, wenn es aber die Würde des Kritisierten meint, weiß ich: Da habe ich etwas falsch gemacht.
Meistens habe ich dann gemeint, ihm die Leviten lesen zu müssen, mit erhobenem Zeigefinger, von oben herab.
Ganz schlecht!
Gute Narren lachen von unten nach oben, sie lachen über die da oben, über die Macht der Mächtigen.
Mir gelingt das am besten, wenn ich zu einer „Figur aus dem Volke“ werde. Oder noch kleiner.
Ein Hannes von gescheniwwer.
Ein Kerschemäusje.
Und: Gute Narren nehmen sich selbst nicht so wichtig, und schon gar nicht ernst.
Ich meine. Nur wer über sich selbst lachen kann, darf sich auch über andere lustig machen.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.

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Darf man lachen, schmunzeln, schunkeln, überbordend feiern, wie das bis nächsten Fastnachtsdienstag bei uns üblich ist?
Darf man das, wenn an einer anderen Stelle der Welt verblendete Islamisten Menschen töten, vergewaltigen, verschleppen?
Aber schlimme Zeiten hat es schon immer gegeben.
Wie viele Kinder sind geboren worden in den letzten Jahren des Zeiten Weltkrieges und kurz danach.
Meine Generation wäre überhaupt nicht auf der Welt, wenn die Menschen nur in Sack und Asche gegangen wären in dieser Zeit, als die Bomben die deutschen Städte verbrannten, der Osten überrollt wurde und Leid und Tod in so vielen Familien war.
Damals sind junge Männer von der Front für ein paar Tage auf Urlaub heimgekommen, hatten ihre Frauen ein ganzes Jahr oder länger nicht gesehen, haben sich geherzt und geküsst und heftig geliebt. Und haben nicht nach dem Zustand der Welt gefragt...
Neun Monate später sind Kinder zur Welt gekommen, klein und verhutzelt, schreiend und hilfsbedürftig - und für manche Frau waren sie das Einzige und das Letzte, was sie an ihre Männer erinnert hat.
Die Kinder waren Hoffnungszeichen.
Zeichen für die Liebe, die auch schlimmsten Zeiten standhält und die nie vergeht.
Vielleicht müssen wir noch mal ganz neu annehmen, dass sie ist, wie sie ist, diese Welt.
Und dass wir, wenn wir denn lachen, dem Leben lachen, und dass wir, wenn wir helfen, dem Leben helfen.
Anfang Januar sind über hundert Kinder mit ihren Begleitern durch unser Dorf gezogen, haben den Leuten das Neujahr angesungen als Könige mit ihrem Stern. Ökumenisch, wie es sich gehört.
Und sie haben für Kinder in Indonesien gesammelt.
Über Zehntausend Euro allein in Stadecken-Elsheim.
Das ist doch ein Wort!
Und dieselben Kinder sind es, die jetzt an Fastnacht anders kostümiert und laut lachend durchs Dorf ziehen und beim Kindermaskenball eine große Sammelbüchse aufstellen.
Wir machen es so, wie es Paulus gesagt hat: Wir lachen mit denen, die lachen und weinen mit denen, die weinen.
Und wir helfen dem Leben auf die Sprünge.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.

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Eigentlich müssten die Narren angesichts des Elends in der Welt verstummen.
Einfach mal den Mund halten, die Possenreißerei, die kostspieligen Umzüge einstellen?
So habe ich als junger Mann gedacht und habe deshalb auch nie Fastnacht gefeiert.
Bis zu einem Freitag vor dem Rosenmontag. Da habe ich mit meinem Vikar an einer Predigt für den Fastnachtssonntag gearbeitet. Und als wir fertig waren, hat er mich kurzerhand gefragt: „So, und jetzt ist Fastnacht. Als was geh‘n wir denn? Weißt du was? Nimm deine Gitarre! Wir gehen als zwei Bänkelsänger.“
Und dann haben wir gedichtet zu einer sehr bekannten Melodie und haben uns selbst durch den Kakao gezogen.
Kerschechor, vierzisch Frau´n
Noor zwoo Parre, wie dess verdau´n?
Wer darf wann mit wem und wo ---
Danze geh´n  --- nur oofach so...
So spricht der alte Parre zu soim Lehrbub:
Wild ist Rheinhessen, schwer ist der Beruf
Und auf einmal war er da, der Spaß an der Freud´ und zieht mich seit über 30 Jahren immer wieder auf die Bühne.
Und doch frage ich mich immer wieder: Ist das wirklich in Ordnung?
Possen reißen, während es in der Welt Krieg und Flucht und Hunger gibt?
Vor einiger Zeit hat mir ein alter Mann von seiner russischen Kriegsgefangenschaft erzählt. Dort hat er versucht, mit bescheidensten Mitteln den Mitgefangenen ein guter Lagerarzt zu sein. „Wissen Sie, Herr Pfarrer,“ hat er dann zu mir gesagt, „und dann hab´ ich in Briefen aus der Heimat gehört, dass sie in Mainz wieder Helau rufen und Fastnacht feiern. Sie wissen ja, ich war nie ein Kind der Traurigkeit, aber ich konnt´ nie mehr zu einer Fastnachtssitzung geh´n...“
So unser alter Arzt aus dem rheinhessischen Selztal.
Ich konnte ihn gut verstehen.
Und dennoch.
Mein Glaube setzt darauf, dass das Leben siegt.
Mein Glaube hält daran fest, dass der Tod nicht das letzte Wort behält.
Und auch das Leid nicht und die Angst, die wir haben.
Und ich vertraue darauf, dass das Wort Jesu stimmt: Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten werden die Ersten sein.
Und so lache ich dem Elend ins Gesicht.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19166

Was wird Gott wohl über uns Menschen manches Mal denken?
Lauter Narren.
Und er wird uns nur mit viel Humor ertragen können.
Da marschieren in diesen Tagen Säbelrassler in bunten Uniformen vor den Rathäusern auf und wollen das Regiment übernehmen.
Ist natürlich maßlos übertrieben.
Kein Bürgermeister gibt seine Macht wirklich ab.
Aber man lässt sie halt ein paar Tage lang in dem Glauben, sie dürfen schunkeln, lauthals singen, Verse schmieden, den Mund zu voll nehmen, viel zu viel trinken, und über die Stränge schlagen...
Ich glaube, das kann man wirklich nur mit Humor ertragen.
Und darauf setzen, dass am Aschermittwoch die Narretei wieder gesundem Menschenverstand weicht.
Oder nehmen Sie zum Beispiel Griechenland.
Lauter Narren.
Sind völlig am Ende, die Griechen, können nicht mehr vor und zurück vor Schulden, werden mit Euros ohne Zahl unterstützt, und gehen zur Wahl. Und wählen einen Menschen, der ihnen höhere Löhne und Renten, weniger Steuern und Wohlstand verspricht.
Ja, wovon denn?
Ich setze auf den Aschermittwoch...
Oder nehmen Sie die Tendenz in unserer Gesellschaft, lieber allein als in einer Gemeinschaft leben zu wollen. Schon gar nicht in einer Familie.
Ein Singel lebt, gewollt oder ungewollt, allein. Sein Liebesleben stößt manchmal hart an seine Grenzen. Und da ist kein verlässlicher Partner in Sicht.
Er oder sie verdient gut und leistet sich etwas. Aber alles kann man halt nicht kaufen.
Aber wer soll dann nach ihnen kommen? Ich setze auf den Aschermittwoch.
Oder denken Sie an die vielen Paare, die sich im Sturm der ersten Liebe ewige Treue geloben und schon bei der ersten Krise das Handtuch werfen.
Oder wie oft sich die Regierungschefs mit ihren riesigen Delegationen zusammensetzen, um etwas gegen die Erwärmung des Klimas zu beschließen. Und dann kommt als Ergebnis raus, dass man – in einem guten Klima!!! - miteinander gesprochen hätte.
Da könnte man schon an der Menschheit verzweifeln.
Ich glaube, Gott muss viel Humor haben.
Wie sonst könnte er uns, die Krone seiner Schöpfung, ertragen?
Ich glaube, das liegt an zwei Dingen.
Er hält daran fest, dass ein Neubeginn jederzeit möglich ist.
Und: Er vergibt uns.
Immer wieder.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19165

Kennen Sie einen echten Narren?
Also einen sogenannten Aktiven?
Der Büttenreden hält auf der Bühne.
Ich mache das.
Lange vor den närrischen Tagen sitze ich dann brütend vor dem PC, bis der Text in Verse geschmiedet ist.
„Musst du etwa schon wieder dichten?“ fragt meine Frau dann und verdreht die Augen. Aber ich lasse nicht locker, bis ich weiß: diese Pointe zündet: Da gibt es bestimmt einen Tusch und schallendes Gelächter oder zustimmenden Applaus.
Und warum mache ich das? Was habe ich davon?
Alles nur aus Spaß an der Freud.
Und für – einen Orden.
Ja, und darüber habe ich mal meine Gedanken aufgeschrieben. In Versen natürlich.

1.
En alte Orden, wie ihr wisst
Liegt ja e ganz Jahr in de Kist´,
unn er hat gar nix ze lache
neewer dene Fastnachtssache.
2.
Denn die Kist, die iss sehr eng
unn aach muffisch vor Gedräng´,
weil die Stiwwel , so en Stuss,
duften sehr nach Käs´ vom Fuß
3.
Unn aus dene Unniforme:
Mannsaromen, ganz enorme!
Weil die Offiziere von der Garde
met Seif bis  Aschermiddwoch warte...
4.
Doch grüßt an Neujahr froh die Garde,
kann´s unsern Orden kaum erwarte,
bis er donn wird er rausgenomme,
blinzelt in die Sonn , beklomme
5.
guckt in die Auche von soim Narr:
Doo spiescheln sisch, wie jedes Jahr,
der Applaus, des Täterää,
Fassenacht, was biste schee!
6.
De Orden selbst mag´s, wenn er bambelt,
korz unnerm Doppelkinn mol strambelt,
schrubbert sisch am Stoppelbart,
dess schukkert ihn nach Ordensart.
7.
Er freut sich stumm unn redd aach nix.
Doch er strahlt in vollem Wix,
wonn beim Damekommitee
er bombeln derf im Dekolletee...
8.
Weil doo konn er, dann unn wann
(er iss halt doch en Orden-mann)
voller Freud unn voll Entzucken (!)
stillvergnüüscht no unne gucken...
9.
Unn der Spaß,  isch saach, wies ist
longt fer es gonz Johr in de Kist.
Dort träumt er, (heersten kichern, lache?)
vun lauter wunnerscheene Sache...
10.
Unn freut sisch widder, wann im Bau
Gesang, Balett unn aach Helau...
Spaß an de Freud´ mit annern Worten,
das reicht ihm schon, dem alte Orden.

So wie dem alten Orden geht es den meisten Narren. Es geht ihnen nur um den Spaß an der Freud´.
Das ist ihnen Lohn genug. Wunderbare Narrenwelt!
Ich wünsche Ihnen ein guten Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19164

Jetzt ist er wieder unterwegs und schlägt seine Kapriolen: der Narr.
Ich weiß, manche können damit nicht viel anfangen, vor allem die aus meiner Konfession, der protestantischen.
Aber ich mag ihn. Und bin gern selber einer. Schließlich lebe ich in der Nähe von Mainz, einer echten Narrenhochburg. Und in einer Woche ist der höchste Feiertag der Narren, der Rosenmontag.
Und dann wird aus meinem Herrn Müller, der mir meine Bankformulare aushändigt, wieder wie von Geisterhand ein Marschall der Ranzengarde, mit Degen und Dreispitz, Orden und Chapeau. Er schwenkt am Rosenmontag sein Sträußchen, und umarmt die Frau seines alten Pfarrers und mich gleich mit.
Also ich schlüpfe gern in eine Rolle, werde gern zum Narren. Wahrscheinlich, weil mir meine Mutter das mal verboten hat. Das war bei einem Kindergeburtstag. Da habe ich alle Kinder und ihre Eltern zum Lachen gebracht. Und meine Mutter hat mich, gut protestantisch, zur Seite genommen und ernsthaft gebeten, mich nicht noch einmal zum Narren zu machen.
Seitdem bricht bei mir jedes Jahr die Narretei durch. Manchmal auch mitten im Jahr, auf der Kanzel.
Und das ist dann schon sehr närrisch, wenn der, von dem man gewohnt ist, dass er hochdeutsch redet, plötzlich ganz anders spricht, Mundart.
Es war in einem ökumenischen Gottesdienst. Ich hatte zu predigen.
Thema war Gottes Gebot und Menschengebot.
Und wurde mittendrin zum Hannes, dem Nachbarn an der Eck:
Habt ihr da die letscht Woch geheert, wie die Glocke gebembelt hawwe?
Seerscht die evangelisch Peterskersch:
Bim Bam, Bim bam, Verhüte ist verbote, verhüte ist verbote..‘
Dann die Glock von de evangelisch Paulskersch:
Des gilt noor fer Kaddolische.
Dann widder die Peterskersch:
Awwer sie maches doch, awwer sie maches doch...
Do meldt sisch die Glock von de kaddolisch Kersch Sankt Walburga
Bim bam, Bim bam. Schwamm drüber, Schwamm drüber...
Vielleicht lächelt ja der liebe Gott mit, wenn eine Gemeinde schmunzelt.
Es wurde übrigens eine sehr lebendige Aussprache.
Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit in diesen närrischen Tagen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19163