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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Eine Studie brachte es an den Tag: „Zu viel Geld macht unglücklich!“ – endlich mal eine gute Nachricht. Irgendwie geahnt hatte ich das schon immer, aber jetzt ist das wissenschaftlich belegt. „Zu viel Geld macht unglücklich!“

Das müssen auch Bill Gates und seine Frau Melinda, mit einem Privatvermögen von über 70 Milliarden US-Dollar die reichsten Menschen der Welt, gewusst haben. Fast die Hälfte seines Vermögens hat das Ehepaar  in eine Stiftung überführt. Mit diesem Geld sollen Impfstoffe bereitgestellt und weitere Gesundheitsprojekte in Afrika und Asien unterstützt werden. Ziel ist eine Welt ohne Malaria und ohne Kinderlähmung. Bis zum Tod will das Ehepaar etwa 95 % seines Vermögens gespendet haben, also etwa 65 Milliarden US-Dollar.

„Zuviel Geld macht unglücklich!“ Ich stelle mir das Ehepaar Gates als zwei glückliche Menschen vor, und nicht deshalb, weil sie unendlich reich sind. Auf die Frage, wie sie glücklich werden kann, antwortete Melinda Gates: „Indem ich meinen Reichtum spende!“ Präziser kann man offenkundig in dieser Welt nicht glücklich werden.

„Geben ist seliger denn nehmen“ – das wusste schon die Bibel. Immer nur nehmen und dabei das Weggeben und Teilen vergessen – das macht hartherzig, gierig und eben nicht glücklich. Hin und wieder geht das Ehepaar Gates nach Afrika und schaut, was mit seinem Geld dort geschieht. Die Bilder gehen meist um die Welt: Inmitten von strahlenden Kindern Melinda und Bill Gates – strahlend und einfach nur glücklich.

Für ihre eigenen Kinder haben die Eheleute Gates auch schon vorgesorgt. Sie haben in ihrem Testament verfügt, dass ihr Nachwuchs nur einen Bruchteil des Vermögens erben soll. Sie sollen ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, dabei womöglich reich werden. So besteht auch für sie die Möglichkeit, selber glücklich zu werden, glücklich zu sein.

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„Mann, ist der behindert!“ Ein Satz, einfach so dahingesagt, letzte Woche in Mainz in der Straßenbahn, von Jugendlichen auf der Heimfahrt von der Schule. Sie sprachen über einen Mitschüler, der in Mathe nicht gut ist und wohl nicht in die nächste Klasse versetzt wird.

Ich gebe zu, dass ich einfach nur entsetzt war. Am Liebsten hätte ich mich in das Gespräch eingemischt, hätte einfach gerne gesagt, dass man so nicht über einen Mitschüler, am besten über keinen Menschen sprechen sollte. Doch wir kamen am Bahnhof an und mussten alle  aussteigen.

„Mann, ist der behindert!“ – Zwei Dinge gehen mir dazu im Kopf herum: Ich kenne einige Menschen, die mit ihren Einschränkungen, ihre Behinderungen  bewundernswert umgehen, mehr noch: Die ihre Grenzen, die einen Unfall oder eine Einschränkung von Geburt an für sich angenommen haben. Die damit leben können. Die damit leben wollen. Wie muss ein solcher Satz auf sie wirken: „Mann, ist der behindert!“?

Und das Zweite: Wie gehen wir als Gesellschaft, wie gehen wir als Mitschüler oder als Kollegin mit Menschen um, die Grenzen haben, die nicht perfekt sind, die anders sind als andere? Darf man in unserer Zeit Schwächen haben und diese auch zeigen? Muss alles perfekt sein, schön, gesund und erfolgreich? Ich fürchte um das Klima in unserer Gesellschaft, sollte ein solches Denken mehr und mehr um sich greifen.

Auch ich habe Grenzen, auch wenn die nicht so offen liegen wie bei Menschen, die als Behinderte gelten. Auch ich bin nicht perfekt, auch ich bin in irgendeinem Sinne behindert, weil ich ohne die Hilfe von anderen Menschen nicht leben kann.

„Mann, ist der behindert!“ – Nein! Das kann man anders sehen: Mann, hat der Fähigkeiten! Mann, wie kann ich jemandem weiterhelfen! Mann, die Mitschülerin ist schlecht in Physik, aber sympathisch und eigentlich ganz okay.

Mann!

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„Wie möchten Sie sterben?“, das wurde ich vor einigen Tagen auf einem Friedhof gefragt. Ich hatte eine Trauerfeier zu leiten, und so kam die Frage für mich nicht völlig überraschend. – Ja, wie möchte ich sterben?

Früher dachte ich: „Wie ein Baum, den man fällt“, wie es in einem Lied von Reinhard Mey heißt. Umfallen, tot sein, aus.

Doch heute denke ich anders. Ich möchte mich dem nahen Tod – wenn möglich – noch gegenüber verhalten können, Abschied nehmen können von lieben Menschen. Und: Ich möchte nichts von all dem zurücknehmen, was mir im Leben wichtig war und worauf ich ein Leben lang gebaut und gesetzt habe. Drei Dinge möchte ich nennen: Die Liebe, mein Engagement und meinen Glauben.

Nichts zurücknehmen müssen von der Liebe, die mir geschenkt wurde und die ich anderen Menschen geschenkt habe. Es wäre schön, wenn diese Liebe Bestand halten könnte über meinen Tod hinaus.

Nichts zurücknehmen müssen von dem, wofür ich mich eingesetzt habe. Es wäre schön, wenn mein Einsatz für das, was mir wichtig war, Bestand halten könnte über meinen Tod hinaus.

Und schließlich: Nichts zurücknehmen müssen von dem, woran ich ein Leben lang geglaubt habe. Es wäre schön, wenn ich mich auch im Angesicht des eigenen Todes von der Liebe Gottes getragen  wüsste.

„Wie möchte ich sterben?“ – Nicht allein und ohne Schmerzen, wenn möglich. Aber auch:  Den Tod vor Augen treu zu dem stehen können, was mich ein Leben lang getragen hat – die Liebe, mein Engagement und mein Glaube – das wäre ein Geschenk, um das ich Gott bitten möchte.

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Das Taschentuch. Unentbehrlich. Alle brauchen es. Und Reinhard Mey hat ihm sogar ein Lied gewidmet. Er singt: „Nichts trocknet die Tränenflut so gut und schnell wie dies kleine unscheinbare, alltäglich, einzig wahre Stückchen Stoff es tut: Alles wird gut.“ 

Reinhard Mey singt davon, wie gut es einfach ist, ein Taschentuch dabei zu haben. Denn in der Not, so singt er „hilft vielleicht manchem ein Gebet, vielleicht ein lästerlicher Fluch. Aber mit Sicherheit hilft nur ein Taschentuch.“ 
Da kann ich nur nicken. Wenn mir die Nase läuft oder ich weinen muss, dann brauch ich einfach eins.  Und wenn ich selbst kein Taschentuch habe, ist es gut, wenn andere mir eins hinhalten.  Da kann ich mal durchschnaufen. Luft holen. Zumindest für kurze Zeit.

Mich erinnert das an eine Geschichte über die Heilige Veronika. Heute ist ihr Gedenktag. Die Legende erzählt, dass sie dabei war, als Jesus  mit dem Kreuz auf dem Rücken zu seiner Hinrichtung ging. Und Veronika reicht dem erschöpften und verzweifelten Jesus unterwegs ein Tuch. Damit er sich das Gesicht abwischen konnte. Mich berührt diese kleine Geste. Mit ihr zeigt Veronika: Ich fühle mit dir. Ich bin bei dir. Ich will dir helfen, dass es ein bisschen besser weiter geht.
Und Jesus, so geht die Geschichte weiter, nimmt das Tuch  und wischt sich das Gesicht damit ab. Das verschafft ihm eine kurze Pause, einmal durchschnaufen und Kraft schöpfen für den nächsten Schritt.  

Veronika und Jesus. Die Begegnung der beiden macht mir klar: Oft helfen die ganz kleinen Zeichen weiter: Eine Umarmung, ein Blick, ein Klopfen auf die Schulter oder eben auch ein Taschentuch. Diese kleinen Gesten tun einfach gut. Sie trösten. Sie helfen. Sie ermutigen. Eigentlich ganz einfach. 

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Ich möchte heute mal ein Loblied auf den Hals singen. Der Hals wird viel zu oft vernachlässigt. Um den Hals kümmere ich mich nur, wenn`s kratzt und meine Stimme versagt. Wenn ich erkältet bin. 

Dabei ist der Hals total wichtig. Er verbindet den Kopf mit dem Rumpf.  Er sorgt dafür, dass Herz und Verstand verbunden sind.  Kein Wunder, dass es viele Redewendungen gibt, in denen der Hals vorkommt: „Jemand bekommt etwas in den falschen Hals.“ Oder: „Ich hab so einen Klos im Hals“. „Jemand kriegt den Hals nicht voll genug“ Oder: „Da schnürt mir etwas den Hals zu“. Diese Redewendungen machen deutlich, wie wichtig der Hals ist:  Wenn es um Beziehungen geht oder um Haltungen. Der Hals kann ausdrücken, wie ich mich fühle, kann ausdrücken, wenn ich wütend oder verärgert oder gierig bin.   

Um den Hals geht es heute auch in den katholischen Gottesdiensten. Denn da wird der Hals gesegnet.

Den Hals segnen. Dieser Brauch hängt mit dem heiligen Blasius zusammen. Blasius war Arzt und Bischof. Er hat im 3. Jahrhundert in der heutigen Türkei gelebt. Eine Legende über ihn erzählt: Zu Blasius kommt ein junger Mann. Eine Fischgräte steckt ihm im Hals und er droht zu ersticken. Blasius befreit den jungen Mann von der Gräte und rettet damit sein Leben. 

Daran erinnert der Blasiussegen. Dabei wird jeder Einzelne gesegnet: Mit einem Gebet und mit Kerzen, die vor ihm leuchten.

Das heißt nicht, dass der Segen ein für alle Mal vor Halsschmerzen und Erkältungen bewahrt.

Aber der Segen zeigt: Alles an dir ist wichtig und gesegnet. Es soll dir gut gehen – an der Seele und am Körper. Und du sollst beschützt sein, vor allem dort, wo du anfällig bist, wo du verletzt, traurig oder schwach bist. Dies zu hören und zu spüren tut einfach gut. Und vielleicht stärkt es ja dann auch, wenn es im Hals mal wieder kratzt.

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Die Weihnachtsbäume sind längst abgeholt. Die Sterne von den Fenstern genommen. Und die Krippenfiguren in Kisten verstaut.
Und trotzdem erinnert die Kirche heute nochmal an Weihnachten.
Es geht nochmal um das Kind Jesus. 
Das hängt mit einem Gesetz zusammen, das damals in Israel galt: Alle Eltern müssen ihren erstgeborenen Sohn in den Tempel nach Jerusalem bringen und ihn Gott sozusagen vorstellen. Darstellen hat man früher dazu gesagt. Deshalb heißt das Fest heute auch „Darstellung des Herrn“.
Maria und Josef bringen also Jesus in den Tempel. Dort treffen sie zwei alte Menschen: Hanna und Simeon.
hr ganzes Leben lang haben die beiden darauf gewartet, dass sich Gott ihnen zeigt. Sie warten auf den versprochenen Retter. Dafür haben sie Tag und Nacht gebetet. 
Als Simeon nun Jesus im Tempel sieht, da ist er sich sicher: Hier zeigt sich Gott. In diesem Kind. Er nimmt Jesus in seine Arme und ruft:  „Meine Augen haben das Heil gesehen, das du, Gott, allen Völkern verheißen hast.“
Simeon hätte auch sagen können: Ich bin ja schon so alt. Worauf soll ich immer noch hoffen? Aber nein, er verhält sich ganz anders: Er  hofft, vertraut, bittet und  wartet bis er sagen kann: „Meine Augen haben das Heil gesehen.“ Und dabei hält Simeon  Jesus in den Armen. Was für ein schönes Bild: Das Leben am Ende umarmt das Leben am Anfang. 

Bei Hanna ist das ganz ähnlich: Als junge Frau verliert sie ihren Mann. Seitdem lebt sie als Witwe, arm, ohne Familie. Doch auch für sie ist das kein Grund zum Jammern. Bis ins hohe Alter bleibt sie voll Hoffnung und erkennt so wie Simeon: Dieser Jesus bringt Heil und Frieden. In Jesus erfüllt sich, wonach sie sich gesehnt hat. 
Beide, Simeon und Hanna, hoffen bis sie alt sind, dass das Leben gut und friedlich wird. Daran halten sie fest.
Ich bewundere die beiden und ihre Ausdauer. Sie helfen mir, immer wieder neu zu hoffen und an der Sehnsucht nach Frieden und Heil, ja nach Gott, mitten in der Welt festzuhalten.

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