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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Die Leuchtende wird sie genannt, die Heilige Lucia. Heute ist ihr Gedenktag. In der Legende heißt es: Sie wollte nicht heiraten, wollte Christus nachfolgen. Das tat sie gegen den Willen ihrer Eltern. Lucia war eine junge, selbstbewusste Frau. Sie setze sich durch und bezahlte einen hohen Preis: Sie wurde mit nur 21 Jahren hingerichtet. Die Kirche ehrt die Heilige Lucia als Heilige. Lucia, die  von Gott Angestrahlte. Die deshalb leuchten konnte.

Der Gedenktag der Heiligen Lucia wurde nicht grundlos mitten in den Advent verlegt. Ihr Name wird im Advent, den ersten drei Wochen im Dezember, zum Programm. Wie keine andere Zeit im Jahr wehrt sich der Advent gegen die Dunkelheit. Gegen die Dunkelheit am Tag, wenn die Sonne gegen den Nebel nicht ankommt und die Nacht viel länger ist als der Tag. Und gegen die Dunkelheit in Menschen, die an das Licht, das Glück nicht mehr glauben können.

Der Advent wird so zu einer Art Licht-Therapie. Sonntag für Sonntag kommt am Adventskranz eine weitere Kerze brennend hinzu. Ist dann endlich Weihnachten, kann der Baum die Kerzen kaum zählen. So viele sind es. Und so hell soll es sein.

Kerzen können Licht in unsere Zeit und in unserer Herzen bringen. Menschen können das auch – Licht sein für andere, so wie Lucia, die von Gott Angestrahlte. Das wird man nicht nur dann, wenn man das Martyrium erleidet. Das ist jedem Menschen möglich. Im Advent, der Vorbereitungszeit auf Weihnachten. Sich erneut zu fragen, wer auf meine Hilfe angewiesen sein könnte. Wer auf ein gutes Wort von mir wartet. Mit wem  ich zerstritten bin und wo Versöhnung angesagt ist. Dann kann der Advent regelrecht Glanzlichter setzen – im meinem Leben und im Leben anderer Menschen.

Morgen ist dritter Advent. Eine dritte Kerze leuchtet den Weg nach Weihnachten. Denn adventliche Glanzlichter, die kann es gar nicht genug geben. So wie die Heilige Lucia eines war.

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„Kloster wird Flüchtlingsherberge!“ So stand es dieser Tage in einer regionalen Kirchenzeitung. In Dieburg bei Darmstadt ging vor zwei Jahren eine 35o Jahre alte Klostergeschichte zu Ende. Seitdem stand das Kapuzinerkloster leer. Jetzt wird eine Flüchtlingsherberge daraus. Eine gute Sache, denke ich mir.

In den nächsten Monaten werden viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen, so viele, wie noch nie zuvor. In jedem Monat kommen fast 20 000 Menschen zu uns. Sie stellen einen Asyl-Antrag, weil in ihrer Heimat – in Syrien und im Irak – Krieg geführt wird. Sie sind auf der Flucht, weil sie von un- religiösen Fanatikern verfolgt werden und sie um ihr Leben fürchten müssen. Sie haben dabei Furchtbares gesehen und erleben müssen. Familien sind zerrrissen. Und groß ist die Sorge, ob dem Sohn oder der Schwiegermutter gleichfalls die Flucht gelingen konnte. Und ob sie überhaupt noch am Leben sind.

In der Verbandsgemeinde Nieder-Olm gibt es jetzt einen Runden Tisch, um die Aufnahme der Flüchtlinge zu koordinieren. Mit dabei sind die Gemeinderäte, die Kirchen und caritative Einrichtungen. Alles soll koordiniert werden, vor allem das ehrenamtliche Engagement, das überall geweckt werden konnte. Menschen erklären sich dazu bereit, Flüchtlinge zu begleiten, wenn Behördengänge anstehen. Eine Übersetzerin ist eine große Stütze, um ins Gespräch zu kommen. Und ein Arzt bietet kostenlose Sprechstunden an.

Ich spüre, das von mir hier mehr erwartet wird als mein „Ich bin da dafür!“ oder: „Toll, was da geleistet wird!“ Meine Zeit und – zumal im Vergleich mit Flüchtlingen –mein immenser Reichtum ist jetzt gefordert. Und als Christ weiß ich mich besonders verpflichtet. In der Bibel heißt es für Menschen, die zu Gott gehören wollen: „So spricht der Herr: einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten; denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.“ (Ex 22.20)

So machen wir uns in Nieder-Olm an die Arbeit. Wir haben vor Ort kein leerstehendes Kloster, das Flüchtlingen offen stehen könnte. Aber eine Herberge für Menschen auf der Flucht, die können auch wir bieten.

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„Weihnachten ist, wenn aus Besinnlichkeit Besinnung wird!“ Diese Zeile schrieb der Publizist Heribert Prantl vor einem Jahr (in der Süddeutschen Zeitung), und der Satz ist mir seit dem nicht mehr aus dem Kopf gegangen. „Weihnachten ist, wenn aus Besinnlichkeit Besinnung wird.“

Besinnlichkeit – das verbinde ich mit Gemütlichkeit, dem Kerzenschein der Weihnachtsfeiern, mit einem Rundgang über den Weihnachtsmarkt. Das ist nicht schlecht, aber das ist noch nicht alles!

Besinnung dagegen – das ist für mich mehr als nur ein diffuses Gefühl.  Besinnung ruft mich heraus, und ich merke: Ich muss etwas tun. Ich verbinde Besinnung vor allem mit Ruhe, mit sehr aktivem Schweigen. Sicher:  Das kann man das ganze Jahr über tun, aber die Adventszeit bietet dazu eine besondere Gelegenheit.

Die Adventszeit eine Zeit des Schweigens? Wie soll das gehen auf lauten Weihnachtsmärkten und bei trunkenen Weihnachtsfeiern? Wenn Geschenke eingekauft und Plätzchen gebacken sein wollen? Wie soll ich zur Ruhe, zur Besinnung kommen, wenn um mich herum alle in Hektik geraten?

In der Adventszeit nehme ich mir kleine Auszeiten;  kurze Momente der Besinnung sind immer möglich. Ich schreibe in der Zeit vor Weihnachten sehr viele Briefe und merke, wie ich zur Ruhe komme und wie mir diese Besinnung gut tut. In unserer Kirchengemeinde gehe ich in der Adventszeit am frühen Morgen  zusammen mit anderen Menschen in die Kirche, um zu beten und zu singen. „Komm  o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzenstür dir offen ist.“ So heißt es in einem bekannten Adventslied. Dieser ungewohnte, weil ruhige Auftakt eines Tages tut mir gut. Diese Auszeit verändert meine Haltung für den ganzen Tag.

„Weihnachten ist, wenn aus Besinnlichkeit Besinnung wird.“ Der Satz von Heribert Prantl geht mir nicht aus dem Sinn, weil er mich provoziert. Im positiven Sinne. Ich versuche, nicht stehen zu bleiben bei dem, was oberflächlich und unwichtig ist. „Meins Herzenstür dir offen ist…“, und dann kann Weihnachten kommen.

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Jetzt haben sie wieder Konjunktur: Die Engel. Auf den Weihnachtsmärkten, in der Werbung, im Kino und im Fernsehen überall trifft man auf sie. Diese seltsam geflügelten Wesen. Seit einigen Jahren sind die Engel aber auch außerhalb der Advents- und Weihnachtszeit wieder in. In jeder gut sortierten Buchhandlung kann man das ganze Jahr über Bücher finden, die sich mit den Engeln beschäftigen. Die Menschen interessieren sich wieder für Engel.

Meine liebste Engeldarstellung stammt aus dem 18. Jahrhundert. Sie findet sich auf einem barocken Bild in der Trierer Jesuitenapotheke. Gezeigt wird die Opferung des Isaak. Sie erinnern sich vielleicht an die grausame Geschichte. Abraham soll seinen Sohn Isaak opfern. Er ist davon überzeugt, dass GOTT das von ihm fordert. Alles ist vorbereitet, Isaak sitzt schon gefesselt auf dem Scheiterhaufen und Abraham hat bereits das Messer in der Hand, da kommt im letzten Moment ein Engel des Herrn und hält ihn von seinem Vorhaben ab. Der barocke Maler hat die biblische Szene in seine Zeit übertragen. Und so hat Abraham kein Messer, sondern ein großes Jagdgewehr in der Hand. Und gerade als er auf seinen Sohn anlegt, da flattert über ihm ein kleiner barocker Engel, der vom Geschlecht her eindeutig als kleiner Junge dargestellt ist und nicht wie häufig als sexuelles Neutrum. Das ist auch für den Hergang der Szene notwendig. Denn dieser kleine Engel pinkelt in einem gezielten Strahl dem Abraham aufs Zündloch seines Jagdgewehres. Und unter dem Bild steht der schöne Satz: “Abraham du druckst umsunst. Ein Engel dir aufs Zündloch brunst.” Kein theologisches Traktat - und sei es noch so gescheit - kann für mich besser deutlich machen, was ein Engel ist. Ein Engel, das ist ein Bote GOTTES. Und seine Aufgabe ist es, dem Menschen den Willen GOTTES deutlich zu machen, wenn nötig auch mit unkonventionellen Mitteln. Der Wille GOTTES in dieser Geschichte heißt: GOTT möchte nicht, dass Kinder geopfert werden auch nicht im Namen der Religion. Engel, die uns zeigen, was GOTT will, sind immer unterwegs – nicht nur im Advent und an Weihnachten.

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Jetzt ist auch am Vormittag Leben in der Bude. Also Bude ist vielleicht der falsche Ausdruck, denn unser Pfarrhaus mitten in der Koblenzer Altstadt ist eigentlich ein großes stattliches Haus. Aber am Vormittag sind hier nur die Büros besetzt. Es wird zwar gearbeitet, aber besonders lebendig, geht es da nicht zu. Es sind eben Büros, d.h. in erster Linie wird hier verwaltet, nicht gelebt. Normalerweise kommt erst am Nachmittag Leben in die Pfarrhausbude. Dann sind nämlich viele Kinder im Haus. Die Kinderchöre proben. Einer nach dem andern und in den Pausen kann man dann Kindergeschrei hören und im Pfarrhof wird auch Ball gespielt. Eltern kommen und gehen, um ihre Kinder zu bringen oder abzuholen, stehen herum, schwatzen miteinander – Leben eben. Seit zwei Wochen ist solches Leben jetzt auch am Vormittag im Pfarrhaus. Und zwar ein buntes, internationales Leben. Kindergeschrei ist zwar keins zu hören, aber ein Durcheinander von Sprachen, und zwar welche die ich nicht verstehe, dringt schon an mein Ohr. Fünfzehn Flüchtlinge aus Syrien, Ägypten, Pakistan, dem Irak und aus Palästina kommen viermal die Woche in unser Pfarrhaus, um deutsch zu lernen. Es sind junge Leute, keiner älter als dreißig und alle erst seit kurzem hier. Das heißt, sie können noch so gut wie kein deutsch. Es ist ein gemeinsames Projekt unserer katholischen Pfarrgemeinde mit der evangelischen Diakonie. Gelebte Ökumene wie sie besser nicht sein kann. Schon seit Jahren haben wir in der Ökumene ein sehr gutes Miteinander in unserer Stadt. Es gibt ökumenische Gesprächskreise und auch regelmäßige ökumenische Gottesdienste. Das ist alles gut und richtig: Aber wichtiger noch als miteinander reden und beten ist miteinander handeln. Sich gemeinsam als Christen dieser Stadt für Flüchtlinge einsetzen. Landauf landab geschieht das im Moment in vielen Städten und Dörfern. Über die Konfessionsgrenzen hinweg, setzen sich Christen gemeinsam für Flüchtlinge ein. Und in vielen Pfarrhäusern und Gemeindezentren kommt so Leben in die Bude. Ein Leben, das den Kirchen gut tut.

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SIE hat eine Blume in der Hand und ER trägt das Kind. Ein zumindest ungewöhnliches Paar. Die beiden Figuren stehen in unserer Liebfrauenkirche in Koblenz. Lebensgroß, aus Holz geschnitzt, gut sichtbar im Hauptschiff der Kirche. SIE ist natürlich Maria, die Mutter Jesu, die Mutter Gottes. ER ist Josef, ihr Mann. Und das Kind auf seinem Arm ist der kleine Jesusknabe. Eine schöne Arbeitsteilung. Die Frau ist nur mit dem Betrachten ihrer Blume, einer Lilie, beschäftigt und der Mann kümmert sich um das Kind. Ob es vor 2000 Jahren in der Heiligen Familie wirklich so zugegangen ist, das weiß ich nicht. Dem üblichen Rollenbild der damaligen Zeit würde es auf alle Fälle nicht entsprechen. Trotzdem kann ich mir gut vorstellen, dass es genauso passiert ist. Josef nämlich war sicherlich ein liebevoller Vater. Einer, der sich um seinen Sohn gekümmert hat. Denn ohne gute Erfahrungen als Kind mit seinem irdischen Vater Josef hätte Jesus als Erwachsener nie so liebevoll über seinen Vater im Himmel, seinen göttlichen Vater, sprechen können. Und  Maria war sicherlich eine Frau, die nicht nur in ihrem Mutterdasein aufgegangen ist. Sie hat uns - auch unabhängig von ihrem Sohn Jesus -  was zu sagen. Eines der berühmtesten Gebete der Bibel, das Magnificat, wo es um die Befreiung des unterdrückten Volkes geht, stammt von ihr. Zumindest legt der Evangelist Lukas es ihr in den Mund: „ER stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lk 1,52f). Solche Sätze über GOTT sprechen nicht für ein Heimchen am Herd, sondern können eigentlich nur von einer eigenständigen, starken Frau gesprochen werden.

Heute ist einer der vielen Marienfeiertage in der katholischen Kirche. Mariä Empfängnis oder moderner ausgedrückt: Mariä Erwählung. Mit dem Fest soll gesagt werden: Gott hatte Maria von ihrer Geburt an im Blick, er hat sie auserwählt. Und deshalb ist sie es wert, auch mal ganz alleine nur mit einer Lilie – also ohne ihren Sohn Jesus dargestellt zu werden. Um den kümmert sich ja gerade der heilige Josef.

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„Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott.“ Ich frage mich, wie werden wohl syrische Christen diesen Satz hören? Wenn er heute, am zweiten Adventssonntag, in vielen Gottesdiensten vorgelesen wird. Erst recht, wenn es da weiter heißt: „Redet Jerusalem zu Herzen und ruft ihm zu: Zu Ende ist seine Knechtschaft.“ Die Sätze stammen aus dem Alten Testament, vom Propheten Jesaia. Das Volk Israel ist seit mehreren Jahrzehnten gefangen in Babylonien. Aber der Machthaber in Babylonien wechselt und es kündigt sich eine neue Politik an. Und im Volk entsteht die Hoffnung, bald wieder nach Hause – nach Jerusalem – ziehen zu können. Der Prophet Jesaia will in dieser Situation mit seinen Worten Mut machen und Hoffnung verbreiten, zum Durchhalten auffordern.

Viele syrische Christen, genau wie die Jesiden und auch die Muslime, die den Koran nicht so auslegen wie die Terrormilizen der IS, sind zur Zeit Gefangene in ihrem eigenen Land. In Anbetracht der Brutalität und der militärischen Stärke der Islamisten fällt es schwer, Durchhalteparolen zu formulieren. Und ich kann verstehen, wenn Millionen von Menschen fliehen, um sich selbst und auch ihren Glauben zu retten. Leider kündigt sich keine neue Politik an, keine Hoffnung auf baldigen Frieden und Rückkehr in die Heimat. „Tröstet, tröstet mein Volk, denn ein Ende der Knechtschaft ist nicht absehbar“, muss es leider heißen. Und damit kommen wir ins Spiel. Einige Opfer der Terrormilizen schaffen es in ihrer Flucht bis zu uns nach Deutschland. „Tröstet, tröstet mein Volk“ ist damit eine Aufforderung an uns. Denn der biblische Text wird auch uns heute vorgelegt. Wobei Trösten nicht bedeutet, Lösungsmöglichkeiten zu haben. Trösten geschieht einfach durch: Dasein, zuhören, die Not des andern ernst nehmen und konkrete Hilfe anbieten. Jenseits aller rechtlichen und bürokratischen Hürden, die das Asylrecht aufbaut, geschieht dies auch in unserm Land. Gerade auch durch christliche Gruppen. Gott sei dank.

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