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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

So Gott will und wir leben, sagt der alte Kollege. Wir haben gerade einen Termin ausgemacht. Im kommenden März. Jetzt ist November. Er notiert sich mit Bleistift den Termin in seinen Kalender und schreibt dazu s.c.j. Oh, frag ich. Ein Geheimcode? SCJ?
Das auch! meint er und klärt mich auf. SCJ ist lateinisch „Sub conditione jacobaea“- und heißt: der Termin steht unter dem Vorbehalt des Jakobus. Der hat in einem Brief in der Bibel geschrieben:
„Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen – und wisst nicht, was morgen sein wird. Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“
So Gott will und wir leben. Stimmt ja eigentlich. Ich weiß tatsächlich nicht, ob ich den Tag im März erlebe, an dem wir uns treffen werden. Ich weiß nicht mal, ob ich meinen Mann heute Abend wiedersehe, oder meine Kinder an Weihnachten. Es ist wahrscheinlich, aber sicher ist es nicht.
So Gott will und wir leben. Stellen Sie sich diesen Satz mal hinter jedem Termin vor, den Sie schon gemacht haben. Das schöne Abendessen mit den Freunden, das Konzert mit den Kindern, Weihnachten. So ein SCJ macht sie noch kostbarer, als sie schon sind. Das Projekt, von dem so viel abhängt, das Gespräch mit dem Chef, bei dem es um die Wurst geht, auch das findet nur statt „so Gott will und wir leben.“
Morgen feiern die Kirchen den letzten Sonntag im Kirchenjahr, den Toten- oder Ewigkeitssonntag. Da stehen viele an den Gräbern ihrer Lieben und denken an die, die nicht mehr da sind. „So Gott will und wir leben“ - für sie ist der Satz vom Kopf in den Bauch und ins Herz gerutscht. Und sie können besser unterscheiden zwischen dem, was wichtig ist und dem, was der Sorgen nicht wert ist.
„So Gott will und wir leben“. Termine unter diesem Vorbehalt vergeben. Und dann heiter tun, was zu tun ist.  Ich finde, das hat was.

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„Kinder, lernt was. Bildung ist das Wichtigste!“ Haben meine Eltern immer gesagt. Beide waren nur 8 Jahre in der Schule. Mehr war in der Zeit zwischen erstem und zweitem Weltkrieg nicht drin- für Kinder armer Eltern. Mein Vater machte eine Lehre, bekam sogar ein Stipendium zum Studieren, aber sein Vater wollte, dass er Geld verdient. Da ist er zur Marine gegangen. Meine Mutter pflegte nach dem Schulabschluss ihre kranke Mutter und fügte sich in das „Schicksal“, als Hausfrau und Mutter vom Gehalt des Mannes zu leben.
Meine Eltern hatten keine Wahl. Und gerade deshalb haben sie für meine Schwester und mich das beste Gymnasium der Stadt gewählt und haben uns studieren lassen, was wir wollten. Lernt was, sagten sie. Bildung ist das Wichtigste!
Bildung ist ein Menschenrecht! Sagen wir heute in Europa. Bildung ist der Schlüssel zu Wohlstand und einer friedlichen Zukunft. Mir fällt es unendlich schwer zu verstehen, was in den Köpfen derer vorgeht, die ihren Kindern Bildung verweigern. Sie noch als „Sünde“ bezeichnen, so wie islamistische Extremisten das tun. Ich kann sie mir nur vorstellen als Leute, die weder ihre Kinder noch Gott lieben. Nur sich selbst und ihre Sicht der Dinge.
In abgeschwächter Form gibt’s die ja auch bei uns. Leute, die sagen: „Ich habe meine Meinung, verwirren Sie mich nicht! Ich hab meine Meinung über Flüchtlinge und Homosexuelle. Warum sollte ich mit einem von denen reden, ihnen gar begegnen? Ich habe meine Meinung über Islam, über das Christentum, warum sollte ich in eine Kirche gehen? Oder in eine Moschee?“
Mir fällt schwer, mich in solche Leute einzufühlen. Was immer es ist. Christlich jedenfalls ist es nicht. Christlich ist es, zu forschen, die Welt mit dem Verstand auszuleuchten, sich zu konfrontieren mit Tatsachen: „Prüfet alles, hat der Apostel Paulus geschrieben, prüfet alles und das Gute behaltet. Das ist Gottes Wille.“
Kinder in die Freiheit des Denkens entlassen und ihnen zutrauen, dass sie das Gute behalten. Für mich ist das die größte Liebe.

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Manchmal staune ich, wie unbefangen junge Leute aufeinander zugehen und neugierig aufeinander sind, obwohl oder gerade weil sie aus verschiedenen Ländern und Kulturen kommen. 
Neulich habe ich gedacht: Vielleicht genügt das ja, um sich in unserer globalisierten Welt zurecht zu finden. Da saß ich mit drei junge Frauen, die alle meine Töchter hätten sein können, am Essenstisch in der Küche. Die eine war Marokkanerin mit dunklem Kraushaar, kaffeebrauner Haut und üppigen Kurven, eine Muslima. Die andere stammte aus Norddeutschland, blond, groß und schmal, eine echte Protestantin. Die Dritte sah indisch aus. Der Vater aus Malaysia mit muslimischer Verwandtschaft, die Mutter aus dem Schwäbischen, pietistisch halt. Die Marokkanerin verteilt Spielekarten und lacht. „Warum seid ihr immer so laut!“ fragt die Norddeutsche, „das erschreckt mich“.- „Wieso laut?“ meint die Marokkanerin. Du solltest mal meine Familie kennenlernen, die ist laut! Aber das ist doch schön! Wir sind über 100 und erziehen sogar unsere Kinder zusammen. Wenn eine Mal in die Stadt muss, stillt eine Andere ihr Kind mit.“ –„Ii, nee! wirklich? meint die Norddeutsche, das könnt ich nicht. Meine Familie ist nicht groß und wenn wir uns treffen, dann sitzen wir lang schweigend miteinander am Strand und schauen übers Meer. Wir verstehen uns auch ohne Worte.“-„So ist das mit meiner Familie auch, sagt die junge Frau aus Malaysia.“was meint ihr, wenn meine muslimische Verwandtschaft uns an Weihnachten besucht. Die verstehen gar nicht, warum wir feiern, und finden es auch nicht gut, dass die christlichen Frauen kein Kopftuch tragen. Aber sie feiern trotzdem mit uns. Und  jetzt lasst uns endlich mal Karten spielen.“
So könnte ich sie mir vorstellen, die Welt von morgen. Vielleicht können die drei jungen Frauen Botschafter sein in ihren Familien und Gemeinden. Botschafter dafür, dass andere Länder andere Sitten brauchen. Dass man Frauen nicht einsperren muss. Und dass Großfamilien vieles auffangen, was verloren gehen würde.
Toleranzgespräche am Küchentisch. Manchmal braucht man dafür gar nicht weit gehen.

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Wenn möglich, bitte wenden! Manchmal muss ich laut lachen, wenn mein Navi mir das vorschlägt, mitten auf der Autobahn. Wenn möglich, bitte wenden. Ja, das weiß ich auch, dass ich verkehrt bin! Aber wenn‘s halt keine Ausfahrt gibt?
Heute ist Buß- und Bettag. Da geht es auch um Umkehr. Vieles läuft ja einfach so weiter. Obwohl jeder weiß, dass es in die falsche Richtung geht. Die Klimaveränderung, der Hunger in der Welt und sogar bei uns, in diesem so reichen Land. Wir wissen auch, dass manche Flüchtlinge nach Krieg und Terror, nach langer Flucht übers Meer auch bei uns nicht den Ort finden, an dem ihre Seele gesund werden kann. Wenn möglich, bitte wenden! Ja, gern. Aber wenn keine Ausfahrt in Sicht ist? Was dann?
Mir hilft dann, das Ziel im Auge zu behalten. Ich brauche eine Vorstellung davon, wie es sein könnte, das Miteinander. Jesus hat dieses Ziel immer vor Augen gehabt.
Kehrt um, hat er gesagt, denn das Himmelreich ist nah herbeigekommen. Das Himmelreich- das ist nicht nur hinter den Wolken oder im Jenseits. Es ist auch hier auf der Erde.
Das können wir spüren, an der Atmosphäre, an dem Geist, der unter uns herrscht. Das Himmelreich ist nah. Also gilt es, sensibel zu bleiben und  wachsam. Den Moment nicht zu verpassen, wenn die Ausfahrt kommt. Wenn der Himmel nah ist.
Viele sagen: Damals, vor 25 Jahren, als die Mauer in Berlin aufgegangen ist, das war so ein Moment. Da haben die vielen Gebete und Hoffnungen Gestalt bekommen. Da war der Himmel offen. Ich glaube: Das ist der Himmel, den Jesus gemeint hat. Und den gibt es auch heute. Wenn Sie heute für die Flüchtlingsfamilie in ihrer Stadt beten oder ihnen helfen, bei uns zurecht zu kommen, wenn Sie sich für Schüler einsetzen, damit sich die nicht aufgeben, sondern beharrlich ihren Weg gehen. Wenn Sie die, die sich von Ihnen abgewendet haben, trotzdem innerlich nicht fallen lassen und aufgeben, dann ist das Himmelreich ganz nah.
So fängt es an mit der Wende. Auch wenn die Ausfahrt noch nicht in Sicht ist.

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Niemand ist tolerant so nebenbei. Für Toleranz braucht man Zeit. Braucht Leerlauf und Muße. Nicht erst am Wochenende oder im Urlaub. Mitten im Alltagsgeschäft. Ich glaube: Das geht allen gegen den Strich, die stolz darauf sind, ihren Arbeitstag so richtig optimiert zu haben.
Und das soll man ja, raten alle Coaches. Den Tag planen und durchtakten. Im Büro von dann bis dann Telefonate, Mails, Besprechungen abhalten. Oder zu Hause: Kochen, waschen, putzen- alles in einem vorgegebenen Zeitfenster. Keine unnötigen Wege, kein Bummeln zwischen Termin A und Termin B, kein Labern bei den Besprechungen. Eben: effizient. Ich kenne das. Ein super Gefühl, wenn man am Abend alles geschafft hat. Es darf nur nichts dazwischen kommen. Oder Jemand.
Das ist mir im Urlaub aufgefallen. Da stand ich an der Kasse, eigentlich viel zu lang schon. Und dann hat doch ein Mann vor mir vergessen, seine Äpfel abzuwiegen. Also macht er sich auf den Weg zur Waage, sucht umständlich das Knöpfchen mit den Äpfeln drauf, kommt wieder zurück, holt sein Geld aus der Tasche. Normalerweise schwillt mir da mächtig der Kamm. „Kann der nicht einkaufen, wenn im Laden nichts los ist? Jetzt komm ich seinetwegen zu spät!“ So hätte ich mich normalerweise in meinen Ärger hineingesteigert. Aber jetzt, im Urlaub, nichts davon. Stattdessen höre ich mich sagen: „Kein Problem, ist mir auch schon passiert. So viel Zeit muss sein.“
Ja, so viel Zeit muss sein. Zeit für Störungen, für Irritationen. Zeit für Menschen. Die nun mal keine Roboter sind und nie reibungslos funktionieren. Zeit für das ganz normale Leben. Mit verschusselten Apfelabwiegern, mit Labertaschen und Spätzündern.
Mir hilft’s, wenn ich mich daran erinnere: dass Lebenszeit nichts ist, was man sich verdienen könnte. Lebenszeit ist ein Geschenk. Ich gebe nur weiter, was ich geschenkt bekommen habe. Ich glaube, Gott wird mich am Ende nicht fragen, wie sehr es mir gelungen ist, meinen Alltag zu optimieren. Am Ende werde ich gefragt, ob in meiner Zeit auch Platz für Leute war, die mir gegen den Strich gegangen sind.

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Toleranz ist heute die Mega- Tugend. Tolerant, das ist so viel wie cool, aufgeschlossen, modern. Aber tolerant kommt vom lateinischen. „tolerare“ und heißt so viel wie: aushalten oder ertragen. Sind Sie tolerant?
Also ich nicht. Nicht morgens um 6. Wenn ich mich, zerknittert und ungeschminkt im Spiegel sehe. Und wehe, es kommt dann noch so ein Satz wie: „Schatz, du hast übrigens geschnarcht- aber ich halt das gut aus.“  Nee!
Wollen Sie, dass jemand Sie aushält? Aber das ist der Punkt. Ich glaub, das gehört dazu, so fängt das an mit der Toleranz. Das jemand mich aushält. Dass jemand sagt: Ich seh und hör dich, wie du bist. Die ungeschminkte Wahrheit. Und genau so bist du mir wichtig  und wertvoll. Das ist der Kern von Toleranz. Und es ist der Kern meines christlichen Glaubens. Dass wir umfangen sind von einem großen Ja. Ein Ja zu uns mit all den Macken und Unzulänglichkeiten, die nicht immer einfach zu auszuhalten sind. Gottes Ja zu Ihnen und mir.
Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Erfahrungen als Vikarin in einer Kirchengemeinde, direkt nach dem Studium. Da habe ich einmal eine Kirchenälteste besucht, deren Mann war gestorben. Und wie ich mein Beileid ausspreche, dort auf ihrem blütenweißen Sofa, da fällt mein Blick auf meine Jeans. Die gar nicht hellblau, sondern ziemlich grau sind. Und meine geliebte, selbstgestrickte lila Wolljacke, hier auf dem Sofa hat sie auf einmal ziemlich alt ausgesehen. Das ist keine gute Kleidung für einen Trauerbesuch, schoss es mir in den Kopf. Kurzum, ich habe mich sehr geschämt.
Später habe ich das meinem Mentor erzählt und der hat nur gelacht: “Seit einem halben Jahr soll ich dir sagen, dass manche in der Gemeinde deine Kleidung respektlos finden. Aber ich hab immer gesagt: Habt Geduld und beschämt sie nicht. Sie wird das schon selber merken und ändern.“
Das war das erste Mal, dass Gottes Ja mein Herz berührt hat. Weil eine ganze Kirchengemeinde mich ausgehalten hat wie ich war. Bis ich selber so weit war, mich zu ändern. Und was ist Ihre Toleranzgeschichte?

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Manchmal stelle ich mir vor, wie Gott auf die Erde schaut. Wie die Raumfahrer in ihrer Raumsonde. Da sitzt er dann dort oben, lehnt sich am Ende der Woche entspannt zurück, schaut auf die Erde und sagt: das ist gut. Sehr gut sogar!
So ähnlich ist es auch den drei Astronauten gegangen, die vor kurzem auf der Erde gelandet sind. 6 Monate haben die drei Männer aus Deutschland, den USA und Russland auf engstem Raum miteinander gelebt und gearbeitet. Und haben unseren blauen Planeten bewundert. Die Grenzen ihrer Länder- dort oben haben sie keine Rolle mehr gespielt. Sie haben vorbildlich zusammengearbeitet, wie der russische Astronaut nach der Landung betonte. Respekt und Toleranz über Grenzen der Kultur und Religion hinweg- für die Astronauten war das selbstverständlich.
Heute ist der Internationale Tag der Toleranz. 185 Staaten der UNESCO haben dazu eine Erklärung zur Toleranz unterschrieben. Sie wollen damit erinnern, dass es die Toleranz ist, die wir am dringendsten lernen und leben müssen in dieser einen, vernetzten, globalen Welt. Nur gemeinsam können wir die Probleme meistern, so wie die Raumfahrer in ihrer Kapsel.
Aber wie soll das gehen? Wenn es Leute gibt, die aufgrund ihrer Religion oder Kultur Frauen unterdrücken oder sogar unschuldige Kinder töten? Wie soll man die aushalten, geschweige denn mit ihnen irgendwann oder irgendwie zusammenarbeiten?
Mir hilft es, wenn ich mich dabei auf meinen Glauben besinne. Mein Glaube, dass Gott die Welt geschaffen hat und nicht wir. Dass Gott die Menschen geschaffen hat, auch die, die ich nur schwer ertragen kann.
Mir hilft es, wenn ich mir vorstelle, mit diesem Gott ins Gespräch zu kommen, mich mal neben ihn zu setzen, dort oben auf der Ausguckplattform in seinem Raumschiff. Da würde ich erst mal lange mit ihm schweigend die Erde von oben betrachten, diesen wunderbaren blauen Planeten. „Gut, würde ich sagen, sehr gut! Diese Kontinente und Meere, diese Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren!“-„Und Menschen!“ wird Gott dann zu mir sagen. Und Menschen. Ob schwarz oder weiß, religiös oder atheistisch, homo- oder heterosexuell, so habe ich sie gemacht, als freie Menschen, es sind meine Kinder, ob sie an mich glauben oder nicht. Alle tragen sie in sich mein Ebenbild.“- „Aha!“ werde ich dann sagen und erst mal schweigend neben ihm sitzen. Und dann werde ich es ihm doch sagen: Ich glaube, werde ich sagen, du musst Humor haben. Und ziemlich viel Toleranz.“

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