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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

In Kaiserslautern gibt es einen kleinen Wollladen. Ich freue mich immer, wenn ich daran vorbeikomme. Da kann man alles kaufen, was man fürs Stricken oder Häkeln braucht.
Wenn Sie sich für Handarbeiten interessieren, dann kennen Sie solche Läden. Dann wissen Sie, dass man da herrlich stöbern kann und man trifft immer jemand zum Fachsimpeln – das weiß ich von meiner Mutter.
Ich war nämlich noch nie in so einem Laden. Ich kann mit Handarbeiten gar nichts anfangen. Ich war in der Schule schon zum Sticken zu ungeschickt.
Aber ich freue mich, wenn ich so einen Laden sehe. Die vielen Wollknäuel, das Garn, die verschiedenen Nadeln – von außen sieht der Laden aus wie ein einziges Gewimmel von bunten Garnen.
Der Laden erinnert mich an die Vielfalt von uns Menschen. Wenn alle Leute so wären wie ich – dann würden solche Läden aussterben. Weil keiner Wolle braucht oder Stricknadeln. Aber das wäre doch furchtbar langweilig. Alles wäre so einheitlich, so monoton. Gott sei Dank interessiert sich jeder für etwas anderes.
Diese Vielfalt finde ich wunderbar. So schön bunt, so unterschiedlich, manchmal auch chaotisch – wie die Wollknäul im Wollladen – oder wie wir Menschen. Das freut mich richtig.
Gott freut sich auch über unser Gewimmel. Er freut sich, dass wir Menschen so unterschiedlich sind, so vielfältig. Die Bibel sagt immerhin, dass er selbst dieses ganze Gewimmel erschaffen hat (Gen 1,21). Und so bunt findet er die Welt sehr gut (Gen 1,31).
Wahrscheinlich freut er sich nicht immer. Ich stelle mir vor, dass er manchmal sehr zornig ist – wenn wir Krieg führen oder wenn wir einander Gewalt antun. Wenn wir die Vielfalt bekämpfen, wenn Schranken ziehen zwischen Schwarz und Weiß. Ich glaube, das ist das Gegenteil von dem, was Gott will.
Gott freut sich am bunten Gewimmel. Er freut sich, dass diese Welt so vielfältig ist. Mit all den unterschiedlichen Menschen, mit den Tieren und Pflanzen.
Deshalb freut mich der Wollladen – auch wenn ich keine Wolle brauche.

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„Hast du schon wieder eine Energiesparlampe gekauft?“ Meine Frau kommt aus dem Wohnzimmer und guckt mich empört an.
„Ja“, sage ich, „das ist gut für die Umwelt!“
„Aber nicht gut für mich“, erwidert sie, „bei uns im Wohnzimmer ist es jetzt so hell wie in einer Arztpraxis.“
Da hat sie leider Recht. Muss ich zugeben. Das Licht der Energiesparlampe ist ganz kalt und fast schon grell hell. Wirklich ein bisschen wie beim Arzt.
Ich verstehe gar nicht, warum ganz helles Licht so ungemütlich ist. Vielleicht weil man da alles sieht? So ganz genau, so schonungslos?
In der Bibel wird Gott oft mit Licht verglichen. Jesus sagt z.B.: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, tappt nicht mehr im Dunkeln.“
Das ist ja schön. Im Dunkeln will man ja nicht sitzen. Im Dunkeln ist alles schlimmer. Nachts ist jeder Mückenstich schlimmer als am Tag. Nachts plagen mich die Sorgen. Da ist der Tag schon besser. Das ist klar. Aber so ein helles Licht?
Gott ist Licht, weil er Orientierung gibt. Weil er mir hilft zu leben. So wie Pflanzen Licht brauchen, um zu leben, so brauche ich eine Richtung. Ich brauche Licht auf meiner Haut. Licht schenkt Wärme und Geborgenheit. Nichts ist gemütlicher als eine schöne Kerze oder ein schönes Kaminfeuer an einem kalten Novemberabend. Aber Gott ist kein kaltes Licht. Kein Licht, das mich bloßstellt. Er durchleuchtet mich, aber er zeigt es nicht weiter.
Gottes Licht schmeichelt mir. Lässt mich so schön aussehen, wie ich gern wäre, aber oft nicht sein kann. Ich muss mich nicht ins rechte Licht rücken, Gott leuchtet meine dunklen Seiten auf heilsame Weise aus. Er leuchtet mir den Weg. Und wo sein Licht brennt, das fühle ich mich zuhause.
Gottes Licht ist keine von diesen kalten, superhellen Energiesparlampen. Gottes Licht ist das Feuer in meinem Kamin. Da habe ich es warm und gemütlich. Da bin ich geborgen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18530

Ich halte ein dünnes, hässliches Gummiband in der Hand.
„Ein Armband, das mich überwacht?“ , frage ich.
„Ja“, sagt die freundliche Dame im Elektromarkt. „Es weiß, wann Sie schlafen oder wie weit Sie laufen.“
„Für was brauche ich sowas?“, frage ich.
Sie sagt: „Es geht nicht darum, was Sie brauchen, sondern was Sie wollen.“
Das finde ich einen tollen Satz.
Ich brauche es nicht – aber ich will es. Das ist bei mir oft so. Meistens bei Musik oder bei Büchern. Die braucht man ja nicht wirklich – man überlebt auch ohne Bücher, aber eben nicht so schön.
Aber will ich wirklich eine Uhr, mit der man telefonieren kann? Oder will ich ein Armband, das mir jeden Abend sagt, dass ich heute wieder zu faul war? Macht mich das fröhlich und zufrieden?
Jeden Tag bekommt man neue Angebote. Im Fernsehen zum Beispiel. Da zeigt mir die Werbung, was ich wollen soll – auch wenn ich es nicht brauche.
Vielleicht einen neuen Fernseher mit einem besseren Programm. Oder einen neuen Turnschuh, der länger laufen kann als ich.
Bei all diesen Angeboten – da denke ich immer: Prüft alles und das Gute behaltet (1. Thess 5,20).
Das hat schon der Apostel Paulus empfohlen.
Aber wie geht das?
Paulus hilft da weiter. Er sagt: Behaltet das, was tröstet. Das, was den Schwachen hilft. Und vor allem: Das, was fröhlich macht.
Der Glaube an Gott ist so eine Sache. Ich glaube, dass mit mir alles gut werden wird. Deshalb kann ich gelassen sein. Ich muss mich nicht kontrollieren lassen. Besser fröhlich als überwacht. Da, wo Menschen zusammen sitzen, sich unterhalten, lachen und fröhlich sind, da bleibe ich.
Ich vertraue darauf, dass ich von Gott geliebt werde wie ich bin. Und in diesem Vertrauen prüfe ich meine Angebote.
Also sage ich zu der freundlichen Dame mit dem Gummiband: „Entschuldigung, ich brauche es nicht und ich will es auch nicht. Ihnen einen schönen Tag.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18529

Renata denkt an die Toten. Jetzt im November. Das hat sie mir neulich bei einer Tasse Kaffee erzählt.
Ich habe reagiert wie viele Leute.
„November?“ habe ich gefragt. „Der ist doch kalt und trüb und dunkel.“
„Das stimmt gar nicht,“ hat sie geantwortet, „erstens ist da gar nicht so schlechtes Wetter wie alle meinen und zweitens kann Nebel doch auch schön sein.“ Und dann hat sie gefragt:
„Weißt du, was mir am besten gefällt am November?“
„Nein, was denn?“
„Ich habe Zeit,“ hat sie geantwortet. „Den Garten habe ich schon ziemlich winterfest gemacht. Im Job ist auch noch ruhig. Bis der Advent kommt und alle Leute hektisch durch die Stadt rennen. Und ich habe Zeit zum Nachdenken.“
Sie trinkt einen Schluck Kaffee.
„Und an was denkst du?“ habe ich gefragt.
Da hat sie es gesagt: „An den Sommerurlaub! Und an die Toten.
„An die Toten?“, ich war echt erstaunt.
„Ja, im November ist doch auch Totensonntag.“
„Ewigkeitssonntag heißt das jetzt“, habe ich gesagt.
„Echt? Für alles Mögliche gibt es heute Gedenktage: Tag der Erfinder, Tag der Studenten, Tag der Kastanien. Warum dann nicht auch für die Toten?“
Ich habe nur mit der Schulter gezuckt.
„Weißt du,“ sagt sie, „im November nehme ich mir Zeit und denke an all die Toten, die ich vermisse. Ich erinnere mich und freue mich, dass ich sie gekannt habe. Und ich freue mich, dass wir uns irgendwann alle wiedersehen werden. Ich glaube, dass sie alle bei Gott sind. Dass sie dort auf mich warten.“
„So gesehen,“ habe ich gebrummt.
„Und wenn ich an die Toten denke, werde ich ganz ruhig. Ich muss im Weihnachtstrubel nicht hektisch werden. Ich muss keinen Geschenken hinterherrennen. Das größte Geschenk ist diese Ruhe. Ich glaube, dass nach dem Tod noch etwas Gutes kommt. Also muss ich keine Angst haben. Und Zeit habe ich auch.“
„Ja, wenn das so ist,“ habe ich gesagt, „hast du noch eine Tasse für mich?“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18528

„Helikopter-Eltern“. Kennen Sie das Wort?
Ich habe den Begriff in der Zeitung gelesen. „Helikoptereltern“. Damit sind Eltern gemeint, die ihre Kinder permanent beschützen. Die um sie herum fliegen wie Hubschrauber, sie überwachen und dauernd bemuttern.
Vielleicht kennen Sie solche Eltern auch?
Auf den ersten Blick finde ich das gar nicht falsch. Es ist doch ganz klar, wenn Eltern sich um ihre Kinder Sorgen machen. So geht mir das doch auch. Ich möchte meine Kinder beschützen, sie vor Gefahren warnen und ihnen helfen.
Aber das geht ja gar nicht. Und für die Kinder ist das auch nicht gesund. Dann haben sie ja gar keine Chance selbständig zu werden. Irgendwann muss man die Kinder loslassen – auch wenn das oft sehr weh tut.
In der Bibel wird Gott oft „Vater“ genannt. Gemeint ist, dass Gott sich genauso um uns Menschen sorgt wie wir uns um unsere Kinder.
Gott ist aber kein „Hubschrauber-Papa“. Er lässt mich auch los. Er sieht wohl die Gefahr. Die Gefahr, dass ich auf die falsche Bahn gerate – aber er lässt mir meine Freiheit. Er geht mit mir meinen Weg.
Wenn Sie auch Kinder haben, dann wissen Sie, dass Eltern auf einem schmalen Grad wandeln. Einerseits wollen wir unsere Kinder beschützen – andererseits dürfen wir uns nicht zu sehr in ihr Leben einmischen.
Gott kennt diesen schmalen Grad auch. Deshalb geht er ganz behutsam mit uns Menschen um.
Er fliegt nicht wie in Hubschrauber ständig um uns herum – aber er hilft uns bei unseren Entscheidungen.
Ich erlebe das so: Manchmal schickt er mir einen Freund zufällig über den Weg, der mir einen guten Rat gibt. Manchmal lässt er mich etwas lesen oder hören, das mir weiterhilft.
Wichtig ist dabei: Gott gibt mich niemals auf. Es gibt immer den Weg zurück nach Hause.
Wenn ich mir das klar mache, dann versuche ich das nachzumachen.
Ich fliege nicht mit dem Hubschrauber um meine Kinder herum – aber wenn sie mich brauchen, dann will ich immer für sie da sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18527

„Achtung an Gleis 3. Der Intercity nach Erfurt fährt ab. Bitte zurückbleiben. Türen schließen selbstständig.“
Ich stehe auf dem Bahnhof und frage mich: Was wäre, wenn ich eingestiegen wäre?
Ich muss nicht nach Erfurt – ich fahre nach Hause. Aber: was wäre wenn?
Kennen Sie diese Frage auch: Was wäre wenn?
Was wäre, wenn ich in einen anderen Zug gestiegen wäre. Wenn ich einen anderen Weg einschlagen würde.
Gerade an großen Bahnhöfen staune ich immer.
So viele Menschen, so viele Schicksale, so viele Wege, so viele Züge.
Ich stelle mir vor: Einfach mal in einen Zug einsteigen.
Einfach mal losfahren und sehen, wo man hinkommt.
Vielleicht haben Sie auch schon mal davon geträumt?
Nicht immer alles planen. Einfach mal spontan sein.
Durch den Bahnhof gehen und sagen: Das ist ja ein schöner Zug – da fahre ich mal mit.
Aber das geht ja nicht. Das habe ich auch noch nie gemacht. Ich weiß immer, welchen Zug ich nehmen muss. Manchmal fühle ich mich deshalb unwohl, fast gefangen, festgelegt auf mein kleines Leben.
So viele Züge, so viele Möglichkeiten – und ich kann immer nur einen Zug nehmen.
Wie viele Züge habe ich schon verpasst?
Aber bevor ich richtig trübsinnig werde, fällt mir ein:  Wenn ich irgendeinen Zug nehme, dann wartet niemand auf mich. Aber wenn ich den richtigen Zug nehme, dann holt mich jemand vom Bahnhof ab. Meine Frau und meine Kinder warten auf mich.
Ich komme dann heim. Und Heimkommen ist irgendwie göttlich. Deshalb heißt es ja in der Bibel: Wir haben einen Gott, der die Einsamen nach Hause bringt (PS 68,7).
Bei Gott kann man ein Zuhause finden. Zuhause ist da, wo jemand auf mich wartet. Wo ich nicht fremd bin. Wo sich jemand um mich sorgt. Bei Gott ist das so.
Also steige ich – wie immer – in den richtigen Zug. Und freue mich, dass ich nach Hause komme.

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Über Martin Luther kann man so oder so denken. Mir ist er oft zu laut und zu grob. Zu radikal. Ich finde es furchtbar, was er über Juden und Türken schreibt. Auch wie er über die Bauern schreibt oder über Frauen. Aber trotzdem muss ich eins an ihm bewundern.
1521 soll Luther der Prozess gemacht werden. Er wird vor den Kaiser zitiert. Angeklagt ist er als Ketzer – und Ketzer werden zu der Zeit verbrannt.
Luther geht trotzdem nach Worms. Dort warten der Kaiser und die Fürsten des Landes auf ihn. Und jetzt kommt das, was mir Luther so sympathisch macht. Luther hat Angst. In seinen eigenen Wort: Er hat richtig Schiss. Ihn plagen ganz schlimme Verdauungsstörungen. Er macht sich beinahe vor Angst in die Hosen.
Und so steht er dann vor dem Kaiser und sagt die berühmten Worte:

„Ich mag und will nicht widerrufen, weil es beschwerlich, unheilsam und gefehrlich ist, wider das Gewissen zu handeln. Gott helf mir. Amen!“

Luther bittet Gott um Hilfe.
Weil er Angst hat. Sein Glaube ist also kein Impfstoff gegen die Angst. Angst hat man, auch wenn man glaubt. Der Glaube schützt nicht vor Angst, macht nicht immun. Aber der Glaube hilft der Angst standzuhalten.
Luther hat zwar Angst – aber er hat auch Mut. Sein Glaube gibt ihm Mut.
Er ist kein Glaubensheld, kein strahlender Triumphator. Aber er steht seinen Mann.
Das imponiert mir. Der Glaube schenkt Mut. Den Mut aufzustehen. Gerade dann, wenn alle gegen dich sind. Wenn das ganze Reich gegen dich steht.
Glaube macht nicht dumm, nicht blind. Luther sieht die Gefahr und er hat Angst davor. Trotzdem ist er sich gewiss, dass Gott ihm helfen wird.
Diese Zuversicht – das finde ich bewundernswert. Da werde ich direkt neidisch. Ich weiß nicht, ob mein Glaube stark genug ist. Ich hoffe, dass ich nie in eine solche Situation kommen werde. In eine Situation, in der ich meinen Glauben beweisen muss.
Angst ja, aber auch Mut und Zuversicht. Der Glaube beseitigt die Angst nicht, aber er hilft sich ihr zu stellen, hilft sie zu überwinden.
Das Einstehen für die eigene Überzeugung, für den eigenen Glauben – das ist dann doch bewundernswert an Martin Luther.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18525