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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es ist Herbst geworden. Und meine Seele spannt weit ihre Flügel aus und kann Gott von Herzen dankbar sein.
Gottseidank, es ist Herbst.“  So hat ein Bekannter vor kurzem zu mir gesagt. „Denn die Pappeln blühen nicht mehr und diese vermaledeiten Gräser. Und ich kann endlich wieder frei atmen und mein Spray liegt zuhause in der Schublade.“
Ein Allergiker und der Herbst...
O weh, jetzt kommt wieder der Herbst. Und die Tage werden kürzer und die Sonne verschwindet hinter dem Nebel. Und die Kälte beißt sich in die Glieder. Ach und der Sommer ... Dahin sind die schönen und warmen Tage.
Herbstblues...
So verschieden reden die Menschen, wenn der Herbst kommt.
Und ich?
Ich habe einen Quittenbaum im Garten. Voller Quitten. Und habe irgendwann und irgendwo mal erzählt, dass man aus Quitten nicht nur Gelee, sondern auch einen fantastischen Quittenlikör machen kann. Und jetzt bekomme ich von überall her Körbe voller Quitten angeliefert. „Falls deine Quitten nicht reichen“.
Die Fülle des Herbstes...
Danke, Gott, für die Fülle des Lebens.
Als Kind, das in einem kleinen rheinhessischen Dorf aufgewachsen ist, habe ich den Herbst geliebt. Die Winzerfeste haben nach gebrannten Mandeln und Zwiebelkuchen geduftet Die geernteten Äpfel und Birnen auf den Steigen haben einen angelacht. Das ganze Dorf hat nach gärendem Most gerochen.
Wunderbar.
Aber auch: anders als im Sommer.
Langsamer.
Die langen Abende lassen zur Ruhe kommen, Neues darf ich wahrnehmen, innehalten und ausatmen.
Die Natur braucht Ruhe-Zeit, um zu wachsen.
Sie begibt sich gerade zur Ruhe.
Nur wir Menschen meinen, wir müssten allezeit mobil sein und verweigern uns dem Naturgesetz, dass die Zeit auch mal tropfen muss wie langsam fließender Honig.
Ich weiß, wie sehr ich das brauche.
Wie sehr ich mich dieser Weisheit des Herbstes anvertrauen muss. Mich öffnen für seine Fülle und ruhig werden, um danken zu können. Danke, Gott für das, was die Ernte des Lebens mir schenkt.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Herbsttag.

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Meine Großmutter sprach davon, dass wahre Freunde wie Goldmünzen sind.
Goldmünzen.
Wenn sie in einem Schiff transportiert werden, und die Schiffe sinken, dann liegen sie vielleicht für Hunderte von Jahren auf dem Meeresgrund.
Die Würmer zerfressen das Holz. Eisen rostet. Silber wird schwarz, aber Gold verändert sich nicht.
So ist wahre Freundschaft. Sie überdauert alle Gefahren, alle Schiffbrüche, alle Zeiten.
Und selbst wenn sie jahrelang verschwunden war, taucht sie wieder auf und strahlt wie früher.
Ich habe so einen Freund. Gottseidank.
Einen, von dem ich sage: Egal was passiert, und egal wie lange wir uns nicht gesehen haben, da leuchtet immer wieder die alte Vertrautheit auf.
Die Goldmünze.
Und wenn es mir nicht gut geht oder eine Entscheidung ansteht, ihn rufe ich an.
Und wenn es irgendwo zwickt und zwackt, er weiß es als erster.
Kennengelernt haben wir uns während unserer Ausbildung. Da hat es am Beginn eine furchtbare Nacht gegeben.
Ich hatte eine schlimme Nachricht erhalten.
Ich war völlig verzweifelt und kopflos. Und bin im Turm des Schlosses immer treppauf, treppab gerannt.
Ich weiß nicht mehr, wie lange.
Bis sich mitten in der Nacht hinter mir eine Tür geöffnet hat und eine Stimme hat gesagt: „Ich beobachte dich schon eine ganze Weile.
Wie viele Mal willst du noch rauf und runterrennen? Komm endlich rein!“
Und ich bin in sein Zimmer gegangen und wir haben die ganze Nacht geredet.
Die Flasche Kognak, die wir gelehrt haben und die wir mit einem Brummschädel ohnegleichen am andern Morgen büßen mussten, war nicht das Wichtige.
Nein, wir haben gemerkt, an wie vielen Stellen wir gleich ticken. Einer Meinung sind. Das Gleiche für richtig halten. Das Gleiche glauben.
Und das ist so bis heute.
Es ist so, wie ich es im Buch Jesus Sirach lese:
Ein treuer Freund ist ein starker Schutz, wer den findet, der findet einen großen Schatz.
Die Goldmünze.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.

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Was Glück ist, das kann nur jeder für sich selbst sagen.
Du bist von etwas oder jemandem so erfüllt, dass du meinst zu zerspringen.
Du könntest Purzelbäume schlagen. Du hast sie wiedergesehen – und sie hat dich angelächelt. Du hast den ganzen Berg hinauf geschafft – und jetzt schaust du und schaust...
Aber sind das nicht nur Gücks-Momente? Gücks-Momente vergehen.
Meint dann Glück doch etwas ganz Anderes?
Ich halte mich in dieser Frage an die Bibel.
Glücklich sind Menschen, so die Bibel, die jeden Tag dem Willen Gottes Raum geben und über seinen Willen nachdenken.
Im ersten Psalm heißt es.
Herzlichen Glückwunsch, Mensch, wenn du dich nicht da bewegst, wo die Gottlosen und die Spötter sich aufhalten.
Herzlichen Glückwunsch, wenn du Lust hast am Gesetz, dem Willen Gottes und darüber nachdenkst, grübelst, dich hineinversetzt, was er wohl jetzt sagen würde.
Dann wirst du ein Baum, den man an einem guten Wasser gepflanzt hat.
Du wirst Frucht tragen zur Erntezeit und deine Blätter werden nicht welken...
Das ist Glück?
Ja, denke ich.
Was würde die Welt aufatmen können angesichts der überall drohenden Gewalt, der Ausschreitungen, der Kriege und Terroranschläge, wenn sich endlich alle zusammensetzen würden, die damit rechnen, dass ein gütiger Gott diese Welt ins Leben gerufen hat.
Sich zusammensetzen und darüber nachdenken, grübeln, sich hineinversetzen, was er wohl jetzt sagen würde.
Die Evangelischen und die Katholiken, die Orthodoxen, die Muslime und die Juden.
Alle an einen Tisch.
Und die heiligen Bücher in die Mitte.
Und mal hinschauen, wovon da eigentlich die Rede ist, im Innern dieser ganzen Gottesüberlieferung.
Und wenn herauskommt, dass von ganz anderem die Rede ist, nämlich von Frieden unter den Menschen und alle verbindender Liebe?
Ja, davon ist die Rede.
Und ich werde in diesen Tagen immer und überall von diesem Frieden und dieser Liebe reden und dem Hass widersprechen.
Und ich werde beten für alle in der Welt, die das wo auch immer genau so tun.
Ich wünsche Ihnen einen guten, einen friedlichen Tag.

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Wunderbare, lila Steine – wir waren begeistert, als wir im Sommer in Kanada in einer Mine so viele Steine mitnehmen durften, wie wir wollten.
Amethyste, das sind lila Edelsteine, kristallförmige Gebilde, jeder sieht anders aus. Laut Hildegard von Bingen gut gegen Schlangenbisse und Läuse, lindernd bei Schwellungen und auch für einen Kater bei zu viel Alkoholgenuss nicht zu verachten. Als wir dort waren, hat jeder gesammelt, was das Zeug hielt – wer findet wohl den schönsten Stein?
Aber was ich jetzt Wochen später immer noch in meiner Hosentasche trage, ist kein Stein aus dieser Mine. Es ist ein ganz kleiner Amethyst, den ich vorher auf dem Weg gefunden hatte – inmitten von allen grauen und gewöhnlichen Steinen hat mir da schon etwas lila entgegen geleuchtet, klein, aber fein. Der war für mich viel wichtiger, als all die tollen Edelsteine später. Denn ich hatte ihn gefunden, wo sonst keine lagen, und er war dort, wo er lag, einfach einzigartig. Er erinnert mich an ein Psalmwort: „ Du hast mich wunderbar geschaffen!“, heißt es.
Einzigartig und wunderbar  - das ist ja nicht  nur bei Steinen so! Für Gott, so heißt es dort in der Bibel, ist jeder Mensch absolut einzigartig. „Du hast mich wunderbar geschaffen!“,  so fasst der Psalmdichter seine Erfahrungen zusammen. Das heißt doch: Durch Gott sind wir einzigartig und bleiben es auch, selbst dort, wo wir das kaum vermuten. Wo ich immer nur eine von vielen bin, ob in der Schule, im Supermarkt, auf der Arbeit, im Straßenverkehr: Wo man sich vergleicht mit anderen und fragt: Was ist denn schon besonders, wer hat was, wer leistet oder glänzt mehr?
Da erinnert mich der Amethyst in meiner Tasche: ich muss mich nicht vergleichen, nicht andere übertrumpfen wollen. So ist dieser Stein wirklich ein heilsamer Stein für mich geworden – denn mit seiner Einzigartigkeit sagt er ganz ähnlich wie der Psalmbeter:  Egal, wie es Dir heute geht oder was Dir gelingt oder nicht gelingt: Für Gott bist du etwas ganz Besonderes. Und Du hast einen Glanz, einen Wert – direkt von Gott, den kann Dir niemand nehmen.

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Sie ist gerne auch mal zum Übernachten woanders, unsere Tochter. Aber dann sagt sie danach doch leise zu mir: „Ich hab aber auch ein bisschen Heimweh gehabt!“
Wie sehr müssen erst die Kinder Heimweh gehabt haben, über die ich gerade in einem Buch lese. Es handelt von Kindern, die im 2. Weltkrieg ohne ihre Eltern weit weg geschickt wurden, damit ihnen nichts passiert. Passiert ist aber ganz viel – sie bleiben körperlich zwar unverletzt, aber das Heimweh, das Fortmüssen, all das hat sie auch verletzt.
Heimweh kann jeden treffen – ob Flüchtlinge, ob Menschen nach Trennungen oder Verlusten, ob Erwachsene oder Kinder. Und selbst wenn man nie seine Heimat verlassen hat: Wenn der Mensch nicht mehr da ist, der mir wichtig war, oder wenn alles um mich herum ganz anders wird – auch dann habe ich Heimweh.
Zu Abraham hat Gott mal gesagt: „Geh, mach Dich auf in ein neues Land!“ Von seinem Heimweh hören wir nicht viel, aber das kannten er und seine Leute sicherlich. Was gibt ihm trotzdem den Mut zu diesem Schritt? Was hilft ihm bei seinem Heimweh, bei seiner Angst? Wohl die Zusage von Gott – „Ich werde mit Dir sein!“. Das sagt Gott ganz deutlich.
Der Weg, den Gott mit einem geht, ist nicht nur einfach. Und doch ist da ganz viel Verheißung, ganz viel Hoffnung dabei – gerade wenn ich an Abraham denke. Er hat sich mit Gott auf den Weg gemacht – und hat eine neue Heimat gefunden, eine Zukunft, die keine Angst mehr machte, sondern gut war.
Wer weiß, ob nicht hinter der nächsten Wegbiegung doch etwas kommt, was auch so etwas werden könnte wie Heimat, etwas Gutes, auch wenn´s erst einmal fremd und unbekannt ist. In dem Buch über die Kriegskinder, das ich lese, war es dann auch so: sie konnten schließlich auch Geborgenheit finden, es war nicht ihre Heimat, aber doch ein neues und gutes Zuhause. Wie bei Abraham war für sie wichtig zu wissen: Gott steht uns bei und schickt uns Menschen, die uns halten.
Heimat ist dann vielleicht etwas, wo ich mich nach wie vor von Liebe umgeben fühlen kann – von Gottes Liebe und von denen, die auf dem Weg mit mir sind.

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Autofahren, stundenlang. „Wann sind wir endlich da?“ Irgendwann ist den Kindern aufgefallen, dass die Wolken was hergeben und sie spielen ein vertrautes Spiel: In der Wolke was ganz anderes erkennen. „Die sieht aus wie eine Birne“! „Guck mal, seht ihr die Elefantenwolke?“ -  „Ich habe einen Drachen gesehen.“ - „Was, wo denn?“
Wir Erwachsenen: total aufs Fahren oder auf die Campingplatzsuche fixiert, während die Kinder längst in ganz anderen Welten unterwegs sind.
Eine ganz normale Wolke, und auf einmal öffnet sich eine ganz neue Welt von Gegenständen, phantastischen Gestalten, von Wesen und Formen. Etwas erkennen, wo andere nichts erkennen.
Ich finde, dieses Spiel ist nicht nur ein schöner Zeitvertreib. Irgendwie geht es doch im ganzen Leben darum: was erkenne ich in bestimmten Menschen, in bestimmten Ereignissen, wo erkenne ich mehr, als ich erwartet hätte?
Es gibt da eine Geschichte, wo zwei Männer auf dem Meer verloren schienen. Sie waren weit abgetrieben mit ihrem kleinen Ruderboot, erschöpft, kein Land in Sicht, keine Verbindung zum Festland, keine Vorräte, nur Meer und Angst. Ein Sturm scheint nahe. Vielleicht haben sie beide heimlich gebetet. Auf jeden Fall: Ein Boot taucht irgendwann wie aus dem Nichts auf. Der eine ruft „Gott sei Dank!“ – beide werden gerettet. Der eine sieht darin die Hilfe, die Gott in letzter Minute schickt, der andere meint: „Blödsinn. Wir haben einfach nur Glück gehabt.“
Beide speichern das Erlebnis total unterschiedlich ab. Und ich habe gedacht, als ich die Geschichte gehört habe: Wahrscheinlich ist es wie mit den Wolken. In vielem kann ich auf den zweiten Blick Neues sehen, in einem Menschen andere Seiten entdecken und in manchen Erlebnissen auch den Fingerzeig Gottes erkennen.
Etwas erkennen, wo andere nichts Besonderes sehen. Ich finde, das ist eine gute Übung. Weil so das Leben tiefer wird und ich mich für manches dankbar fühle, was ich sonst als selbstverständlich abtun würde. Vielleicht ist ja schon der nächste Mensch, der mir heute begegnet, eigentlich ganz anders, als ich ihn auf dem ersten Blick sehe. Es lohnt sich, zweimal hinzuschauen - nicht nur bei den Wolken!

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Wir Evangelischen haben zwar keine Heiligen – aber es gibt auch Gedenktage. Und heute wird an einen Mann von der Schwäbischen Alb erinnert, der im 19. Jhd. gelebt hat.
Dieser Johann Ludwig Schneller hat als Missionar und Theologe gewirkt. Und er war ganz und gar Pädagoge. Er hat 1860 das Syrische Waisenhaus in Jerusalem gegründet und  Waisenkinder aufgenommen, ganz egal, welcher Religion sie angehörten. Muslimische, christliche und jüdische Kinder haben dort zusammengelebt, und später entstanden weitere Schulen  etwa im Libanon und in Jordanien. Der Lerninhalt von damals ist aktueller denn je: Gegenseitiger Respekt vor der Religion des Anderen, Frieden und Toleranz. Und das wird ganz konkret: Da feiern christliche Kinder nicht nur Weihnachten, sondern alle Kinder, ob sie nun Juden, Muslime oder Christen sind – sie feiern alle auch die Feste ihrer andersgläubigen Klassenkameraden mit.
Die Kinder in der Schneller Schule in Aman in Jordanien zum Beispiel kommen oft aus sehr schwierigen Verhältnissen. Die Schule gibt ihnen nicht nur Bildungschancen, sondern lässt sie auch erfahren: Unsere Religionen müssen sich nicht bekämpfen, sondern haben ganz viel, was uns verbindet! Und es kann Spaß machen, gemeinsam die Feste der Religionen zu feiern und Gott gemeinsam zu danken!
Was wir in den Nachrichten hören, ist ja meist was ganz anderes. Die Hiobsbotschaften aus dem Nahen Ostens jeden Tag in den Nachrichten, es ist zum Verzweifeln. Die Flüchtlinge bei uns und die Frage: Wie soll das alles weitergehen - was ist mit all den traumatisierten Menschen, mit Trauer und Hass?
Es sind viele Fragen. Gerade ein Mensch wie Johann Ludwig Schneller macht mir dabei  Mut. Einer, der seinen Glauben nicht für Streit und Besserwisserei missbrauchte, sondern aus Glauben heraus für Frieden einstand. Der das biblische Wort Schalom, Frieden, nicht nur sagte, sondern lebte.
Er zeigt auch heute noch: Frieden kann wachsen: Jeder noch so kleine Anfang, jeder bei uns willkommen geheißene Flüchtling und jeder Respekt, dem ich anderen entgegenbringe, sind doch Schritte auf dem Weg des Friedens. Gut, dass es solche Menschen gab und gibt, und auch diese Schulen – Orte, die auch heute Segen bringen.

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