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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Rettet die Schöpfung!“ steht auf einem Plakat. Darüber ein Bild zur Umwelt-zerstörung, mit abgeholztem Regenwald, und so. Ich bin da hin-und-hergerissen: Einerseits will ich das natürlich auch, keine Frage. Andrerseits frage ich mich: Können wir das überhaupt: Die Schöpfung retten? Oder zerstören? – Ich meine, dieses unvorstellbar gigantisch große Universum… - Ist das nicht vermessen? Es gibt eine Geschichte in der Bibel, da zerstört Gott selber einen Teil seiner Schöpfung (1.Mos 6).  Eigentlich hat er es in erster Linie auf die Menschen abgesehen. Er hat nämlich die Nase gestrichen voll von ihnen! Ja, er bereut, dass er sie überhaupt erschaffen hat. So schlimm sind sie! Es gibt nur eine Ausnahme: und das ist Noah. Noah ist so, wie Gott es wollte: Noah ist gut. Und daher beschließt Gott, Noah und seine Familie zu retten. -Den Rest der Welt will er zerstören. Und er gibt Noah einen Auftrag: Er soll ein Schiff bauen, die berühmte Arche. Und von jedem Tier soll er ein Paar mitnehmen. Dann kommt diese riesen Regenkatastrophe, und begräbt alles unter sich. Und - nach ein paar Monaten - beginnt alles von vorne. Nur: diesmal verspricht Gott, dass er so etwas nie wieder tun will. Egal, wie die Menschen sind, ganz gleich, was sie machen - Gott will die Zer-störung nicht. Und als Zeichen dafür setzt er einen Regenboden an den Himmel. Und verspricht: Solange die Erde besteht, sollen nicht aufhören: Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Ja, und seither gibt er auch ganz normalen Menschen einen Auftrag. Einmal hat er sogar einen zum Propheten gemacht, der sofort weggelaufen ist. Aber Gott hat ihm trotzdem zugetraut, dass er das kann. Und genau so kommt es mir auch heute vor: Da fühlen sich lauter Leute berufen, sich für die Umwelt einzusetzen. Die sind nicht alle perfekt. Aber das, was sie umtreibt, kann doch nur im Sinne des Schöpfer sein. Oder? Ja, und da ist es wohl allemal besser, man ist ein bisschen vermessen, als man nimmt sich zu wenig vor. Deshalb: Rettet die Schöpfung! Wir alle.

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Wenn da jemand am Straßenrand sitzt und bettelt, oder in der Fußgängerzone -  das bringt mich immer in eine Zwickmühle: Soll ich was geben - oder nicht? Ich weiß, das geht vielen so. Mir hat einer erzählt: Einmal hat er einem Bettler fünf Euro gegeben. – Ganz spontan. Er wusste selbst nicht, warum. Vielleicht hatte er ja gerade seine großzügigen fünf Minuten... Vielleicht fehlte ihm aber auch nur das Kleingeld. .. – Keine Ahnung! Jedenfalls – der Bettler, der hat sich dermaßen gefreut! Er ist noch hinter ihm hergelaufen, um sich zu bedanken. Ein paar Tage später steckt derselbe Mann seiner Tochter - aus irgendeinem Anlass - fünfzig Euro zu. Und die sagte nur: `Oh. So wenig…?´Seither hat er sich angewöhnt, immer einen fünf- Euro-Schein einzustecken, wenn er in die Stadt geht. Für einen Bedürftigen. Und mit der Tochter ist er ein bisschen strenger. Tolle Idee, dachte ich. Das muss ich auch mal ausprobieren. - Ist doch auch viel besser, einem gezielt was zu geben, als überall nur ein paar Cent. Den fünf-Euro-Schein stopfe ich mir vorsorglich schon in die Hosentasche. - Man soll das ja vermeiden: öffentlich im Portemonnaie herumwühlen. Kaum bin ich in der Stadt, da laufe ich auch schon dem ersten Bedürftigen über den Weg. Und lege ihm den Schein in den Pappbecher. Der dreht aber nicht gleich durch vor Freude. Oder führt gar ein Freuden-tänzchen auf. Er schaut nur kurz auf und bedankt sich. So hatte ich eigentlich nicht gewettet! Ich wollte doch auch ein nettes Erlebnis. Und mich hinterher gut fühlen…In der Bibel steht: Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte Hand tut. Hm. Wenn die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut – das bedeutet doch: Es geht darum, dass man so leichtherzig etwas von seinem Geld abgibt, dass man es selbst kaum merkt. Vergiss es, dir auf die auf die eigene Schulter zu klopfen. Vergiss den Applaus, für die gute Tat… Ja, und wo ich gerade drüber nachdenke: genau so hat es ja auch der Mann mit den fünf Euro vorgemacht.

 

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Es gibt Fragen, die sind für uns nicht lösbar. So sehr wir uns auch den Kopf zerbrechen. Da war z. B. diese Führung über den jüdischen Friedhof. Da wurde uns auch was über jüdische Bestattungsriten erzählt. Alle haben gespannt zugehört. Bis wir erfahren: Bei traditionsbewussten Juden ist die Feuerbestattung nicht erlaubt. Warum? Weil sie glauben, dass ein Toter, der verbrannt wird, nicht wiederhergestellt werden kann.  – Und dann kann er auch nicht auferstehen. Wenigstens der kleinste Knochen am Rückrad (das Steißbein) muss ganz bleiben. Sofort geht ein Raunen durch die Gruppe. „Und was ist mit den Millionen Juden, die gegen ihren Willen im KZ verbrannt wurden?“ – „Oder Juden, die durch einen Flugzeugabsturz umkommen und verbrennen?“ – „Oder durch ein anderes Unglück?“
Der Mann, der uns über den Friedhof führt, hebt die Hand, wie zur Beschwichtigung. Ja, ja. Das höre er oft. Und dann erzählt er von einem jüdischen Rabbi, den hat er mal befragt, dazu. Und der hat ihm geantwortet: Ja, das ist so: Wenn wir einsehen, dass ein Problem – nach menschlichem Ermessen – unlösbar ist, pflegen wir mit den Schultern zu zucken und sagen: „Gott wird´s schon richten.“Das spricht mir aus dem Herzen:  Wenn ich mit meiner Weisheit am Ende bin, muss ich mich gar nicht weiter verrückt machen. Ich kann das Problem einfach an Gott zurückgeben. Er wird´s schon richten…Mir gefällt beispielsweise der Gedanke der Allversöhnung. Der besagt: Gott wird sich am Ende mit allen Menschen versöhnen. Niemand wird verloren gehen. - Aber was ist mit den Verbrechern? Was ist mit Leuten wie Hitler und Stalin? Oder mit den Kindermördern und Vergewaltigern - sollen die etwa ungestraft davonkommen? Wird es keine Gerechtigkeit geben, am Ende? - Ein unerträglicher Gedanke! Da geht es mir wie dem Rabbi. - Keine Ahnung, wie das zusammengehen soll: Gerechtigkeit und Versöhnung. Aber ich muss es auch nicht lösen. Sicher hat Gott da eine Lösung. Oder wie der Rabbi sagt: Gott wird´s schon richten.

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„Fürchtet euch nicht!“ sagen immer die Engel in der Bibel. Und zwar dann, wenn es wirklich was zum Fürchten gibt. Und alle haben Angst.  
Ich kenne Leute, die bräuchten auch mal so ein himmlisches „Fürchte dich nicht!“. Aber in ganz gewöhnlichen Situationen.  Ich kenne eine - ich nenn sie jetzt mal „Sophie“ - die ist schüchtern ohne Ende. Das ist so schlimm – sie versucht fast jeden Kontakt zu meiden. So unsicher fühlt sie sich unter Menschen. Es gibt Leute, die mögen sie trotzdem und rufen ab und zu mal an. Und fragen, ob sie mitgeht, in die Kneipe. - Oder mit ins Kino. Aber meistens sagt Sophie ab. Und erfindet eine Ausrede. Alleine würde sie ja vielleicht noch mitgehen… Aber wenn da auch nur die Möglichkeit besteht, dass da noch andere mit dabei sind – das geht gar nicht! Denn einmal hat sie sich überreden lassen – und das war die reinste Katastrophe! Den ganzen Abend hat sie sich nur geschämt. – Und auch noch hinterher. Weil sie sich so dumm vorkam, und unbeholfen. Eine Psychologin hat ihr mal geraten: „Sie dürfen Situationen, die Ihnen Angst machen, nicht meiden. Sie müssen sie suchen, wieder und wieder. Das ist der reinste Stress! Aber sie werden sehen: Die Angst wird immer kleiner.“ Astrid Lindgren hat das mal so schön in „Ronja Räubertochter“ beschrieben: Ronja, die Räubertochter, darf endlich ganz alleine in den Wald. Der Räubervater ist furchtbar besorgt. „Und hast du dir auch alles gemerkt, wovor du dich hüten musst?“ fragt er. O ja, das hat sie. Schließlich hat sie beim ersten Versuch alles falsch gemacht. Und am Ende ist sie weggelaufen…Doch jetzt hat Ronja eine neue Strategie: Jetzt will sie sich vor allem Gefährlichen hüten - indem sie es aufsucht. -Sie soll sich davor hüten, in den Fluss zu plumpsen. Also springt sie wagemutig von einem Stein zum anderen, direkt am Ufer. Schließlich kann sie sich ja nicht im Wald davor hüten, in den Fluss zu plumpsen. „Welch ein Glück!“ denkt sie. „Ich habe eine Stelle gefunden, an der kann ich mich davor hüten, in den Fluss zu plumpsen. Und üben, keine Angst zu haben!“ Gut möglich, dass es für jeden so eine Stelle gibt. Fürchte dich nicht!

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Wo war Gott? Das werde ich als Pfarrerin oft gefragt, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Wo war Gott? Zuerst höre ich nur den Vorwurf. Und mir ist, als müsse ich mich rechtfertigen: Für meinen Gott, der nie da ist, wenn man ihn gerade so dringend braucht. Aber dann, eine Schicht tiefer - sozusagen - höre ich auch noch was anderes: Nämlich eine Sehnsucht. – Die Sehnsucht nach einem Gott, der alles Schlimme verhindert. - Der für Recht und Ordnung sorgt. Und an den man einfach glauben muss! Selbst Jesus hat diese Frage gestellt: Wo ist Gott? Als er gekreuzigt wurde. Eigentlich hat er das gar nicht mehr gefragt. Er hat geschrien: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und dabei war doch gerade er so randvoll mit Gottvertrauen. Und erfüllt von dem einen Gedanken: Die Liebe Gottes zu den Menschen zu bringen. Und nichts und niemand konnte ihn daran hindern. Nicht einmal die Gefahr für das eigene Leben. Nur, um ein Beispiel zu nennen: Damals war es streng verboten, an Feiertagen ganz alltägliche Arbeiten zu verrichten. Das war - sozusagen - Heiliges Gesetz. Das betraf auch ärztliche Tätigkeiten, zumindest, wenn es nichts Dringendes war. Aber Jesus scherte sich nicht darum. Wenn er einen Menschen traf, dem er helfen konnte, oder heilen, dann machte er das einfach. Ganz gleich, ob gerade Feiertag war. Denn er sagte: „Die Gesetze sind für die Menschen da, nicht umgekehrt.“ Und das brachte ihm den geballten Zorn der Mächtigen ein. Und hat ihm schließlich das Leben gekostet.
Und wo war Gott? Gott hat nicht eingegriffen. Jesus fühlte sich völlig allein gelassen. Und doch war Gott da. War bei ihm. Und hat ihn am Ende zu sich genommen. Seiher glauben wir Christen: Gott ist im Leiden. Dass er genau da ist, wo wir es am wenigsten erwarten: mitten in der Finsternis; in der Einsamkeit. Bei denen, die sich von Gott verlassen fühlen. - Genau dort.

 

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„Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, hat Martin Luther mal gesagt.
Und es stimmt: Jeder hängt sein Herz an irgendetwas.
Aber nicht alles, was einem so am Herzen liegt oder hängt, tut dem Herzen gut.
Es gibt Leute, die hinterziehen Millionen von Steuern, obwohl sie schon super reich sind. Aber sie haben nie das Gefühl, sie hätten genug. Sondern fühlen sich offenbar noch immer leer und arm.
Deshalb ist es nicht gut, wenn man sein Herz an Geld und Güter hängt, und glaubt: das ist der Sinn des Lebens. Weil Geld und Güter einfach nicht erfüllend sind. Und man braucht immer mehr. Und wie viele lassen sich liften und operieren. Und finden sich trotzdem nicht schön genug. Denn immer ist da etwas, das noch verbessert werden kann. Doch irgendwann holt uns alle das Alter ein, und das lässt sich nicht einfach wegoperieren. Was dann? Und wer sein Herz an Macht und Einfluss hängt? Der muss doch immer mit der Angst leben, dass irgendjemand kommt und nimmt sie ihm wegnimmt. Und was bleibt dann übrig von ihm? „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott…“, meint Luther. Woran kann man sein Herz denn noch so hängen - und es tut ihm gut?
Wie wäre es z.B. mit der Freiheit: Denken, was ich will, sagen dürfen, was ich will… Hingehen, wohin ich will, lieben, wen ich will, und glauben, wie ich will... - Das ist doch etwas Großartiges! Oder: das Herz an einen Menschen hängen? Den man liebt; oder die man liebt…? An die Familie..., Freunde… Beziehungen, in denen man sich gut fühlt und geborgen – die machen doch glücklich. Oder: sein Herz an die Natur hängen, oder an den Garten… Das tut der Seele gut. Mein Herz hängt sogar an den Tomaten. Weil es so toll ist, sie wachsen zu sehen. Und zu beobachten, wie jeder noch so winzige Tomatenkern genau weiß, was er zu tun hat: damit eine Pflanze aus ihm wird, mit Früchten. Und das erinnert mich an den, der den Plan gemacht hat: Für das Große und Ganze.

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Wissen Sie, was geistlich arm bedeutet?
Selig sind, die geistlich arm sind; - sagt Jesus -denn ihnen ist das Himmelreich.(Mt 5, 3). Und da haben sich schon viele Generationen  drüber gewundert, was das wohl bitteschön bedeuten soll: „geistlich arm“?
Manche sind zu dem Schluss gekommen: Da sind Leute mit gemeint, die nicht so intellektuell sind. Und die so ihre Schwierigkeiten damit haben, das alles zu verstehen: mit dem Glauben und mit der Bibel und der ganzen Theologie...Aber: Gott kommt es aufs Herz an. Und er liebt die Menschen, ganz gleich, wie intellektuell oder gebildet sie sind. Deshalb: Selig sind, die da geistlich arm sind. Anderen sind dazu die Leute eingefallen, die nicht glauben können. Auch solche, die gerne glauben würden, aber es gelingt ihnen einfach nicht. Und diese aussichtslose Anstrengung berührt Gott irgendwie. Und deshalb: Selig sind, die geistlich arm sind. Und wieder andere hören da noch etwas anderes heraus. Ihnen geht es mehr um so eine Art Lebensarmut: Menschen, die nicht ein noch aus wissen. Die innerlich leer sind, oder verloren. Und keine Hoffnung mehr haben. Ich erinnere mich an eine Frau, die lag im Krankenhaus. „Wer sind Sie?“ fragt sie mich. Ich stelle mich vor. Da fängt sie an zu weinen. “Ich weiß nichts mehr“, sagt sie. Sie weiß nicht mal mehr ihren Namen. Auch nicht, ob sie eine Familie hat, oder  Kinder. Nichts. Das einzige, was sie noch weiß: dass es einmal anders war. Und das geht ihr endlos durch den Kopf. Und bringt sie schier zur Verzweiflung. Nach einiger Zeit fragt sie wieder, wer ich bin. Das geht noch ein paarmal so; sie kann sich nicht beruhigen. Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihnen ist das Himmelreich. Im Neuen Testament wird viel von Menschen erzählt, die hoffnungslos arm sind, an Leib und Seele. Ihnen wird versprochen: am Ende der Hoffnungslosigkeit wohnt Gott. Und wird sie auffangen.

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