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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Mit dem Wein ist es wie mit dem Menschen: Ein Wein, der jedem schmeckt, hat kein Charakter. Ein Mensch, mit dem jeder klar kommt, hat keinen Charakter oder kann zumindest seine Ecken und Kanten gut verbergen.

Ein charaktervoller Wein hat in seiner Art, seinem Geschmack etwas Besonderes zu bieten. Sei es eine besondere Mineralität, eine besondere Fruchtigkeit, Süße oder Säure, egal was, aber er hat was, was seinen Charakter ausmacht. Aber nicht jedem schmeckt dieser besondere Charakter. Es gibt Menschen, die mögen gar keine säurehaltigen Weine, andere trinken lieber nur trocken oder eben nur süß. Ein Wein kann sehr gut sein, muss mir aber nicht schmecken. Menschen können echte Typen sein, haben etwas, was sie besonders, was sie einmalig macht, aber diese ihre Besonderheit liegt mir nicht und deshalb mag ich diese Menschen nicht, sie schmecken mir nicht.

Sehr charaktervolle Weine haben sogar häufig mehr Ablehner als Fans. Wer nie Rotwein trinkt und dann direkt mit einem teuren Bordeaux beginnt, kann unter Umständen sehr enttäuscht werden. Gerade den besonders charaktervollen Weinen muss man sich eher langsam nähern. Die versteht man oft nicht von Anfang an. Häufig habe ich erlebt, dass Menschen, mit denen ich mich anfangs überhaupt nicht verstand, die mir nicht geschmeckt haben, sich später als die interessanteren Typen herausgestellt haben.

Viele Weine müssen auch erst ein bisschen reifen, bevor man ihren vollen Charakter erfassen kann. Weine, die jung getrunken, störrisch und bockig daherkommen, können im Alter große Harmonie und Eleganz aufweisen. Letzteres lässt sich weiß Gott gut auf den Menschen übertragen. Mütter, Väter, Lehrer, Erzieher können ein Lied davon singen.

Viele Menschen haben Charakter. Trauen sich aber nicht diesen auch zu zeigen. Weil sie Angst haben, dass er den andern, der Allgemeinheit nicht schmeckt. Hier kann ich nur Mut machen, sich nicht zu verstecken. Denn es gibt Weine, die von der Prüfungskommission ganz schlecht bewertet werden, aber trotzdem ihre Fans finden.

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Alles nur Legende: die Sache mit dem Heiligen Jakobus und seinem Grab in Santiago de Compostela. Die Geschichte klingt recht unwahrscheinlich. Der Heilige Jakobus - spanisch Santiago – ist einer der Jünger Jesu und hat wohl in Jerusalem gelebt. Trotzdem soll er ausgerechnet in Nordspanien begraben sein. Das kam so: Aus dem Satz Jesu an seine Apostel: "Gehet hin in alle Welt und verkündet die frohe Botschaft“, und dem Satz aus dem Alten Testament "ihre Botschaft ertönet bis an die Enden der Erde", folgerte man im Mittelalter, dass die Apostel bis an die Enden der Welt missioniert haben. Und die Welt hörte damals - zumindest im Westen - in Spanien auf. An der Atlantikküste war Schluss, danach kam nur noch Meer. Und dieses Ende der Welt fiel dem Apostel Jakobus zu, denn einer Überlieferung nach hatten Petrus und Paulus ihn nach Spanien geschickt. Und als sich im 9.Jahrhundert in Spanien der Islam immer mehr breit machte, fand man urplötzlich das Grab des Apostels. Das war gut, denn ein solcher Heiliger - wenn auch tot - bietet Schutz vor den Andersgläubigen. Historisch alles fraglich, eben eine Legende.

Aber eine Legende, die etwas bewirkt hat und die bis heute wirkt. Denn seit über Tausend Jahren pilgern Menschen aus allen Ländern nach Santiago de Compostela, ans Ende der Welt. Sicherlich für die meisten steht nicht das Grab des Apostels Jakobus im Mittelpunkt, sondern das Pilgern selbst. Der Weg ist für viele das Ziel. Die Pfade gehen, die schon viele Generationen vor einem gegangen sind, das lässt Menschen zu sich selber finden, bringt ihnen oft mehr als die teuersten Abenteuerurlaube.

Eine Legende bringt Menschen in Bewegung und das ist das Entscheidende. Es ist nicht wichtig, dass sich eine Geschichte historisch genau so abgespielt hat, sondern was eine Geschichte auslöst, was sie bewirkt, das ist wichtig. Heute hat Jakobus Namenstag und in Santiago de Compostela gibt's ein großes Fest. Man wird seine Legende erzählen und feiern, dass Jesus seine Jünger bis ans Ende der Welt geschickt hat.

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Kurze Unterbrechung, wir bitten um etwas Geduld. Diese Mittelung hat es früher im Fernsehen öfter gegeben. Wenn die Leitung nicht klappte, sich irgendein Übertragungsfehler eingeschlichen hatte, heute kommt das nur noch selten vor. Schade eigentlich, denn wir Menschen brauchen Unterbrechungen. Wenn alles immer glatt läuft, nach Plan, dann gehen mir wichtige Erfahrungen im Leben verloren. Eine Unterbrechung zwingt mich dazu, etwas zu machen, was ich eigentlich gar nicht vorhatte. Eigentlich wollte ich fernsehen, jetzt rede ich mit meiner Partnerin. Eigentlich wollte ich schon lange am Ziel meiner Reise sein, aber durch die Umleitung lerne ich ganz neue Dörfer und Landschaften kennen. Eigentlich wollte ich arbeiten, aber die Enkelin ist gekommen und wir haben „Mensch ärger Dich nicht“ gespielt und einfach nur Spaß gehabt. Unterbrechungen des Alltags, auch solche, die man zunächst gar nicht wollte, können einem gut tun.

Mit den großen Unterbrechungen des Lebens ist das schon schwerer. Wenn die berufliche Karriere unterbrochen wird, weil der Betrieb dicht macht, ich fünfzig bin und keinen Job mehr finde. Wenn die familiäre Planung durcheinander gerät, die Kinder zu früh oder gar nicht kommen, die Ehe auseinander geht. Oder gar die ganze Lebensplanung in Frage steht, weil eine Krankheit alles verändert oder der Tod eines geliebten Menschen mich in ein tiefes Loch fallen lässt. Von diesen Unterbrechungen zu sagen, dass sie mir gut tun, das fällt schwer. Sie werfen mich aus der Bahn, sie schütteln mich, legen mich für eine Zeit lang lahm. Aber sie können die nicht immer schöne aber letztlich wichtige Erfahrung bringen: Ich kann nicht alles planen, mein Leben liegt nicht nur in meiner Hand. Da gibt es vieles, was einfach auf mich zukommt. Dies – ob gelegen oder ungelegen – annehmen zu können meint wohl der Satz: „Mein Leben oh Gott, liegt in deiner Hand.“

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Die Aufgabe war einfach: Zählen Sie alle Vögel, die Sie in Ihrem Garten oder einem Park entdecken können! Innerhalb einer Stunde.

Die Umwelt-Organisation NABU hat sich diese Vogelzählung ausgedacht.

Und viele haben das gemacht und im Mai landauf landab beobachtet und gezählt. 

Das Ergebnis ist faszinierend: Über 40.000 Teilnehmer haben fast eine Million Vögel gezählt. Platz 1 belegt der Haussperling, gefolgt von der Amsel und den Meisen.  

Die Aktion finde ich klasse. Eine Stunde lang Vögel beobachten heißt für mich: Eine Stunde lang Zeit haben, über Gottes Schöpfung zu staunen. Über die unzähligen, einmaligen Geschöpfe Gottes, klein oder etwas größer, einfarbig oder bunt, schüchtern oder frech.

Mich regt die Aktion an, im Alltag genauer hinzuschauen. Nicht nur auf die Vögel.  Auch auf die vielen Pflanzen, schon allein auf dem Weg zur Arbeit. Oder die Käfer. Das raubt mir keine Zeit. Das muss ich noch nicht mal  in einen Terminkalender eintragen.

Das geht ganz nebenbei. Ganz  nebenbei schaue ich hin und fange an, zu staunen. Ich entdecke die Kornblume, die aus einer Mauerritze wächst. Ich sehe die Meise aus einer Pfütze trinken. Und ich staune über die Ameise. Was die alles tragen kann!

Ich brauche nur ein bisschen bewusster zu schauen, was um mich herum los ist.

Und dann entdecke ich wahre Sehenswürdigkeiten.

Diese Sehenswürdigkeiten gibt es vor der Haustür, wenn ich einkaufen gehe oder aus dem Fenster schaue.  

Und wenn ich genau hinschaue, komme  ich ins Staunen und verstehe, wenn es in der Bibel, in einem Psalm, heißt:

Herr, wie zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen (Ps 104, 24).

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Heute, am 22. Juli, ist der Gedenktag der Maria Magdalena. Sie war eine Freundin von Jesus.

Eindrucksvoll ist für mich das Bild, wie Maria Magdalena am Grab ihres Freundes steht. 

Sie ist verzweifelt und traurig. Jesus hat sie geheilt. Und seit diesem Tag ist sie bei ihm geblieben. Sie wird seine Jüngerin und begleitet ihn. Und sie bleibt auch bei Jesus als er verurteilt wird und stirbt.

Kein Wunder also, dass Maria Magdalena nach Jesu Tod an sein Grab will. Doch ihr Jesus ist nicht da. Das Grab ist offen. 

Da hört sie ihren Namen: „Maria!“ Das geht durch und durch. Das berührt sie. Denn Maria kennt diese Stimme. Es ist Jesus.

Und als Jesus Maria ruft, wird in ihr lebendig, was sie mit ihm erlebt hat. Wie er sie geheilt und ihr Leben verändert hat. 

Maria antwortet „Rabbuni“! Das heißt Lehrer. Denn auch jetzt am Grab lernt sie von Jesus. Sie begreift:

So wie bisher wird es nicht mehr sein. Sie wird Jesus nie mehr so bei sich haben wie gewohnt.  Sie wird ihn nicht mehr ansehen, nicht mehr anfassen können. Nicht mehr neben ihm her laufen können.

Sie kann Jesus nicht festhalten, ihn nicht für sich behalten. Doch am Grab wird Maria klar:

Was sie mit Jesus erlebt hat, ist nicht weg!  Das ist noch da. Ihre Liebe zu Jesus und all das, was sie verbindet, bleibt!  

Das macht ihr Mut, weiterzugehen. Wie das ohne Jesus sein kann, muss sie noch lernen.  

Doch sie spürt, was sie tun kann. Sie geht weiter, dreht sich vom Grab weg und erzählt anderen, was sie mit Jesus erlebt hat, was er getan und worüber er gepredigt hat.

So bleibt ihr Jesus  bei ihr. Und sie macht Jesus durch ihre Geschichten auch für andere lebendig. Bis heute.

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Hämmern, Bohren, Klopfen. In meiner Straße wird gebaut. Seit Wochen schuften Bauleute von früh bis spät. Renovieren und vergrößern ein Haus mit vielen Wohnungen. Das ist laut und macht Dreck. Und die meisten Nachbarn sind davon genervt.  

Aber seit ein paar Tagen sehe ich die Baustelle mit anderen Augen. Seit dem Tag, als die Männer auf der Baustelle gesungen haben. Laut und fröhlich. Mitten im Staub und Dreck. Da musste ich dann doch schmunzeln. Die Männer, die mich mit ihrem Krach und Staub so ärgern, sind richtig gut gelaunt.  

Es macht ihnen wohl Spaß, anzupacken und für andere zu bauen, denke ich. Es macht sie zufrieden, dass andere in ein paar Monaten in das Haus einziehen können und  es sich gemütlich machen. Sie sorgen dafür, dass andere hier bald leben können, gemeinsam essen, spielen, streiten, lachen, arbeiten und ausruhen.  

„Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen.“ Jesus sagt das zu seinen Jüngern. Und er findet damit ein starkes Bild. Gott sehen. Bei Gott zu sein. Das ist wie wohnen. Das heißt: Ein Zuhause finden.  

Bei Gott wohnen. Das Bild gefällt mir und es tröstet mich. 
Eine Wohnung zu haben, heißt für mich:  Platz zum Leben, einen Ort, an dem ich mich geborgen und beschützt fühle, wo ich zuhause bin, wo ich verstanden werde und so sein kann, wie ich bin.

Wie es dann sein wird, bei Gott zu wohnen, beschreibt Jesus nicht. Nur, dass es sein wird.  

Ich stelle mir vor, dass ich mich geborgen und aufgehoben fühle. So wie zuhause, wenn es allen gut geht. Wenn für alle Platz ist. Wenn Raum und Zeit ist für das, was das Leben ausmacht.  

Und ich stelle mir vor, dass gesungen wird. Voller Freude und Begeisterung!

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„Im All erkennt man keine Grenzen.“

Thomas Reiter sagt das. Er ist Astronaut und hat insgesamt fast ein Jahr lang im All verbracht. Er hat dort oben erfahren: „Im All erkennt man keine Grenzen. Kontinente lernt man mit der Zeit zuzuordnen, auch Länder. Aber was man nicht erkennt, sind Grenzen.  Es gibt sie einfach nicht.“

Ganz anders hier auf der Erde. Da gibt es sehr wohl Grenzen. Ich merke das deutlich, wenn ich in ein anderes Land fahre. Wenn ich eine Grenze passiere.  Da sieht dann auf einmal irgendwie alles ganz anders aus: Die Verkehrsschilder, die Häuser und im Radio verstehe ich auch nichts mehr.

Grenzen trennen. Ein Land vom anderen.  Die Menschen. Grenzen machen deutlich: Bis hierhin bestimmen die einen. Dort drüben sagen andere was gilt. 

Die Sicht von Thomas Reiter, dem Astronauten, macht mir jedoch klar:

Wir müssen über die Grenzen hinweg denken, entscheiden und leben. Denn wir leben alle auf dieser einen Erde  und sind für sie verantwortlich.

Wir dürfen nicht nur an uns und unsre kleine Welt denken. Der Blick aus dem All macht deutlich, was an der Zeit ist: Dass wir uns füreinander einsetzen, die reichen Länder für die ärmeren. Dass wir die Nachbarländer genauso im Blick haben wie die weit entfernten. Dass wir die eine Erde sehen, die uns anvertraut ist.

Denn die Verantwortung füreinander hört an den Grenzen nicht auf. 

Zurzeit ist wieder ein deutscher Astronaut im All. Alexander Gerst. In einem Interview hat er gesagt, was er vor allem mit dem Aufenthalt im All erreichen will: Er will den Menschen zeigen, wie schön, aber auch wie verletzlich diese Erde ist.

Ich bin auf die Bilder, die er uns aus dem All mitbringt, gespannt. 

Aber ich weiß jetzt schon, was darauf nicht zu sehen sein wird: Grenzen!

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