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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Im ersten Moment denkt man: Da stehen ja Leute auf dem Balkon. Nur, wie merkwürdig – sie regen sich nicht…
Aber wenn man ein bisschen näher kommt, erkennt man: es sind gar keine echten Leute. Es sind Schaufensterpuppen.
Das ist, wenn man nach Sulzheim runterfährt, von Wörrstadt aus - gleich nach der Unterführung: Da kann man sie sehen: Rechts, auf dem Balkon.
Drei Schaufensterpuppen, zwei Kinder und eine Erwachsene.
Z. Zt. muss man sich allerdings ein wenig anstrengen. Leider. Es ist so viel Grünzeug hochgewachsen und das verdeckt die Sicht.
Jede Woche fahre ich einmal mit meiner Schwiegermutter daran vorbei.
Und immer, wenn wir den Hang nach Sulzheim runterfahren, recken wir schon die Hälse: Um zu sehen, was die Schaufensterpuppen diesmal wieder anhaben. Denn das wechselt. In der WM-Zeit hatten die sogar Fußballkleidung an. -Und wir freuen uns jedesmal wie die Schneekönige, wenn wir sie sehen!
Warum eigentlich? Ich glaube, das rührt irgendwie was Kindliches in uns an: Als man noch mit Puppen gespielt hat. Und die dauernd umgezogen hat, mit neuen Kleidern. Ich weiß selber nicht mehr, warum - aber ich erinnere mich genau: das hat mir mal riesen Spaß gemacht. Und ich freue mich darüber, dass die Leute mit dem Balkon einfach so etwas herrlich Unnützes machen. - Die müssen sich doch auch etwas Kindliches bewahrt haben, sonst macht man so etwas doch nicht! Das kostet Zeit. Und das kostet Geld. Und immer stehen da so große Puppen auf dem Balkon herum, und verstellen den Platz…
Aber ich wette: das hat schon viele Leute auf andere Gedanken gebracht. Denn man muss einfach lächeln, wenn man das sieht. Und bestimmt haben schon jede Menge Streitigkeiten jäh geendet - hinten auf der Rückbank - wenn da einer ruft: „Kinder, passt auf, gleich kommt der Balkon mit den Puppen! Mal sehen, wer sie als erstes sieht…!“
Was auch immer…. - bei meiner Schwiegermutter und mir jedenfalls, funktioniert es.

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„Lass dich nicht vom Bösen besiegen“, steht in der Bibel, „sondern überwinde das Böse durch das Gute.“ (Röm 12,21)
Eine wunderbare Idee… - Nur, wie soll das gehen? Zum Beispiel morgens, im Berufsverkehr, und ich hab es eilig: da werde ich richtig sauer, wenn mir jemand die Vorfahrt nimmt. - Als ob der unter größerem Zeitdruck steht!
Als ob der wichtiger wäre!
„Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern überwinde das Böse durch das Gute.“ – Ja, soll ich dem Drängler jetzt auch noch freundlich zuwinken?
In einem klugen Buch habe ich gelesen: wir alle bringen von Geburt an so eine Art Standarteinstellung mit auf die Welt:
Wir gehen mehr oder weniger unbewusst davon aus:
Ich bin der Mittelpunkt der Welt.
Und da ist ja auch was dran. Ich erlebe ja immer alles nur aus meiner Sicht; mit meinen Gefühlen und mit meinen Bedürfnissen.
Deshalb frage ich mich auch im Supermarkt, wenn ich in dieser ewigen Schlange stehe, vor der Kasse: Warum müssen all die anderen ausgerechnet jetzt einkaufen, wo ich doch gerade müde von der Arbeit komme?
Und im Verkehrsstau stöhne ich über die hunderttausend anderen Autos, die diesen blöden Stau verursachen!
Mit anderen Worten: Ständig pfuscht mir jemand in mein Mittelpunktdasein rein, so lange ich lebe.
Aber die gute Nachricht ist: Ich habe die Wahl.
Ich kann endlos über meine Mitmenschen lamentieren.
Oder ich kann mal versuchen, meinen Mittelpunkt zu verlassen. Und mich mal in die Lage der Leute um mich herum versetzen:
Was hat die Frau vor mir in der Einkaufsschlange wohl alles hinter sich, dass sie so müde aussieht? Und nicht mal auf die freundliche Begrüßung der Kassiererin reagiert?
Und die Leute vor mir, im Stau: Ist diese Reise vielleicht die letzte Chance für ihre Ehe?
Und der Drängler, eingangs - vielleicht liegt seine Oma im Krankenhaus und er muss dringend hin?
Klar, ist nur ein Versuch. Aber vielleicht geht es auf diesem Weg ja spielend: Das Böse durch das Gute überwinden…

Literatur: David Foster Wallace: Das hier ist Wasser

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Wer ist schuld?- Das hat die Menschen schon immer bewegt: Erst einmal klären, wer schuld ist.
Einmal kam Jesus mit seinen Jüngern an einem Blinden vorbei. Der war schon immer blind, seit seiner Geburt. Und die Jünger fragen Jesus:
„Meister, wer ist schuld daran, dass er blind ist? Er selbst? Oder seine Eltern?“
Die Jünger sind so mit der Frage beschäftigt, dass sie den Blinden gar nicht mehr sehen. Da sagt Jesus: „Weder er noch seine Eltern sind daran schuld.“
Und dann wendet er sich dem Blinden zu. Und spricht mit ihm.
Wer schuld ist - das kommt mir bekannt vor:
Da hat einer Bluthochdruck - klarer Fall: der Vorgesetzte ist schuld! Was der nicht alles erwartet…! Ein anderer hat Herzbeschwerden - der Kredit ist schuld! Hat sich einfach übernommen!
Und ich kenne eine, die hat Übergewicht. - Und ob nun ihre Hüfte verschleißt oder das Knie, der Blutdruck steigt oder das Cholesterin – wer schuld daran ist, das ist immer sonnenklar: Selber schuld. Soll halt weniger essen!
Sie hat mir erzählt, das macht sie ganz fertig! Wenn es doch nur so einfach wäre! - meint sie.
Die Frage nach der Schuld – die hilft einfach nicht weiter. Nicht einmal, wenn die Ursachen auf der Hand zu liegen scheinen.
Denn solange man sich mit der Schuldfrage beschäftigt, sieht man die Person überhaupt nicht mehr. - Die an etwas leidet, und um die es doch eigentlich geht. Sie wird schlichtweg übersehen. Und das macht es nur noch schlimmer.
Ich denke, deshalb antwortet Jesus - auf die Frage der Jünger - auch nur ganz knapp. Und dann wendet er sich dem Blinden zu; und spricht mit ihm.
Und das trifft für mich genau ins Schwarze:
Denn wenn mir was fehlt, dann ist das genau das, was ich brauche:
Ich will ernst genommen werden. Und mich verstanden fühlen.
Und dann kann  ich mir vielleicht auch meine eigenen Anteile ansehen. Und mich fragen lassen: Wo liegt meine Verantwortung?
Und was kann ich dazu beitragen, dass es mir besser geht?

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Jedes Baby hungert nach Blickkontakt. Dass jemand es anschaut. Nach einem  liebevollen Blick. Da sind die anderen Gesichter wie Spiegel. Es sieht im Anderen ein Gegenüber, genau das, was es braucht. Um Wachsen und sich entwickeln zu können.  Sogar wissenschaftlich erforscht hat man das.
Da war die Mutter in der Straßenbahn, die wohl noch etwas Wichtiges mit dem Handy zu erledigen hatte. Und dabei nicht sieht, wie ihr Baby dauernd den Blickkontakt zu ihr sucht, sie eindringlich anschaut. Es ist sicher nicht immer so – aber jetzt gerade ist die Mutter viel zu beschäftig, um das zu merken. Und das sieht man ja oft – dass wir  Menschen an unseren Geräten hängen mit dem Blick und nicht an dem, der leibhaftig neben uns sitzt. Wahrscheinlich sehen manche irgendwann fast nur noch Gesichter in kleinen rechteckigen Kästen, und weniger die Gesichter aus Fleisch und Blut.
Aber Blickkontakt ist nicht nur für Kinder lebenswichtig. Da können wir noch so erwachsen und selbstbestimmt sein – ohne ein Gesicht, das uns freundlich anschaut, wird alles mühsam und einsam.  Deshalb heißt es am Ende eines Gottesdienstes auch immer, dass Gott uns anschaut. Und mehr noch: sein Gesicht möge über uns leuchten, heißt es.
„Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir“, so lautet der große Segensspruch in der Bibel. Leuchtende Augen, ein strahlendes Gesicht- das kann ich mir vorstellen, wenn ich von Gott reden will. Manchmal kann ich nicht sehen, ob mich jemand anschaut. Aber ich kann es fühlen. Und ich kann fühlen, ob es ein angenehmer, wohlwollender Blick ist oder ein ablehnender.
Bei diesem Wort von Gottes leuchtendem Angesicht, da  stelle ich mir die Sonne vor, die mit ihrem Leuchten Pflanzen wachsen und gedeihen lässt. Auch wir brauchen dieses Leuchten zum Wachsen und Gedeihen. Wo Gott uns so anschaut und wir einander liebend anschauen, da kann ein Mensch wachsen. Jedenfalls geht mir das so, wenn ich mich unsicher und alleine fühle. Ein aufmunternder Blick, ein echter Mensch an meiner Seite - dann ist auf einmal ganz viel möglich.

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Die Stimmung ist aufgeladen. Autos fahren über die Kreuzung, obwohl sie es nicht bis hinüber schaffen und gleich alles blockieren werden, wenn der Gegenverkehr losfährt. Einzelne hupen, alle schauen genervt, manche fluchen. Ein Krankenwagen kommt kaum durch. Es ist fünf Minuten vor Anpfiff, gleich spielt Deutschland gegen Portugal, alle wollen irgendwo hin, zum Public Viewing, zu Freunden, zum Einkauf oder einfach nur nach Hause. Und dann der Stau.
Hektik ist ansteckend. Ich fühle mich angesteckt - mittendrin im Stau. Und schimpfe vor mich hin: „Warum der Stau? Warum gerade hier und jetzt, wo ich es eilig habe?“
Ich versuche, ruhig zu bleiben. Erst mal tief durchatmen. Ein Spruch kommt mir in den Sinn, ziemlich alt schon. Aus einer Zeit, in der es noch keine Staus und keine Autos gegeben hat: „Eine Hand voll Gelassenheit ist besser als beide Hände voll Mühe und Jagd nach Wind!“ So wurde es in den Sprüchen in der Bibel formuliert. Schöner Spruch –trotzdem bekomme ich das nicht hin, die Hand voll Gelassenheit. Überall hochrote Gesichter hinter dem Lenkrad, zusammengebissene Zähne.
So siehst du wohl auch aus, habe ich mir gesagt. Von wegen gelassen. Aber dann musste ich an einen Mann denken, den ich morgens getroffen hatte. Der hat zu mir gesagt:
„Manchmal sehne ich mich nach meiner Hektik von früher. Hier im Krankenhaus gehen die Tage kaum rum, ich hab Zeit, aber nutzen kann ich sie doch nicht. Hier ist mir klar geworden: Gott will wohl, dass ich mit der Zeit ein wenig bewusster umgehe.“
„Eine Hand voll Gelassenheit ist besser als beide Hände voll Mühe und Jagd nach Wind.“ Klar, ich werde auch wieder nach Wind jagen. Aber es hilft daran zu denken, was dem Mann in der Zeit seiner Krankheit klar geworden ist: Wir alle können sicher bewusster mit der Zeit umgehen. Sehr begrenzt ist sie, sehr kostbar. Selbst im Stau.
Natürlich waren die meisten dann doch rechtzeitig da, um das Fußballspiel zu sehen. Und zu hören, wie Thomas Müller,  der Torschütze des Abends, am Ende grinst. Und auf die Frage, ob er nicht aufgeregt war, antwortet er: „Ich bleib da einfach ganz gelassen. Wie immer halt!“

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Guten Morgen und herzlichen Glückwunsch!
Nein, Sie haben nicht geträumt, diese Nacht. Wir sind tatsächlich Fußball-Weltmeister 2014. Danke und Respekt den Argentiniern und ihrer Mannschaft für ein spannendes Finale. Danke an all die Fans und Spieler, die in den letzten Wochen aus der Welt ein Dorf gemacht haben. Ein Dorf, in dem man einfach mal miteinander Fußball spielt!
Eigentlich hab ich es nicht so mit dem Fußball. Aber unsere Mannschaft hat mich diesmal fasziniert. Schon nach dem Halbfinale gegen Brasilien titelte die Presse: „Oh! Mein! Gott!“ Aber der Bundestrainer hat gemeint:
„Wir sollten jetzt vor allem ein bisschen Demut leben.“
Aha! Demut leben beim Fußball. Hab ich so noch nie gehört. Aber das geht! Das können sogar junge Männer, die massenhaft Adrenalin im Blut haben. Die alle besiegen und Weltmeister werden wollen. Auch die können Demut. Wenn sie zum Beispiel zeigen, dass man auch mit ganz wenig Fouls durch ein Turnier kommen kann. Oder wenn sie ihren Gegnern immer voller Respekt begegnen.
Am Eindrucksvollsten fand ich das beim Spiel gegen Brasilien. Da hat man kein breites Grinsen, im Gesicht des deutschen Trainers sehen können, keinen Jubelruf. Nichts, womit er die Brasilianer zusätzlich hätte beschämen können. Erst am Ende des Spiels hat Jogi Löw gelächelt. Als er den brasilianischen Trainer umarmt hat.
Nicht sich selber groß machen, sondern dafür sorgen, dass das Team groß ist. Und dass der Gegner nie seine Würde verliert. Das ist Demut.
Aber die ist einem nicht angeboren. Die muss man genauso trainieren wie Steilpässe und Elfmeterschießen. Dass man sich vom Rausch der Gefühle nicht hinreißen lässt. Dass man sagt: am Ende müssen alle mit erhobenem Haupt vom Spielfeld gehen können!
Ich finde, so eine Demut steht uns gut, uns Deutschen. Gerade als Weltmeister. Wenn die Welt anerkennend auf uns schaut und vielleicht noch mehr Hoffnung auf uns setzt. Dass wir auch in der Politik ein bisschen Demut leben. Und Zeichen setzen in Sachen Fairplay. Eine tiefe Hoffnung, ein alter Traum. Die Bibel formuliert ihn so.
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist , …nämlich Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

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„Einer trage des Anderen Last!“ Das sagen sie fast aus einem Mund. Der alte Mann und die Frau, die mir gegenüber sitzen.
„Einer trage des Anderen Last!“ Lang, lang ist es her, dass sie diesen Satz als Trauspruch bekommen haben, als Motto für ihre Ehe. „Wenn wir geahnt hätten, was das bedeutet!“, sagt die Frau und lächelt.
Manchmal ist es gut, wenn man nicht alles vorher weiß. Die vielen Lasten, die das Paar zu tragen hatte. Als ihr Kind schwer krank wurde, als die Mutter zu pflegen war, oder jetzt, wo beide körperlich nicht mehr so gut können. Sie machen nicht mehr so viele Pläne, versprechen nicht viel. Wer weiß, wie es weiter geht. Und trotzdem bedeutet den beiden das Wort mit dem „Lastentragen“ immer noch sehr viel.
Es stimmt ja auch: Wenn er mal nicht mehr weiter wusste, dann hatte sie eine Idee oder einfach Hoffnung. Wenn sie keine Kraft hatte, dann war er für sie da.
Lasten sind nie gleichermaßen verteilt. Einer wird krank, der andere nicht. Einer macht sein Glück, der andere hat eine Pechsträhne. Das geht uns allen so. Aber wir können einander aufhelfen. Es kann jemand da sein, wenn ein anderer zu schwer zu tragen hat. Das ist in der Familie so, aber auch in der Schule, auf der Arbeit, unter Nachbarn und unter Freunden.
Einer trage des Anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen, das hat der Apostel Paulus geschrieben.
Dieses Lastentragen erfüllt alles, was Jesus vertreten hat. Alles, was nötig ist, um wahrhaft Christ zu sein. Mehr ist nicht nötig. Da sein, wenn eine Last zu tragen ist. Aber auch darauf zu vertrauen: Wenn ich mal die mit der großen Last bin, dann darf ich mir helfen lassen. Und darauf vertrauen, dass einer kommt und mir tragen hilft – vielleicht sogar jemand fremdes.
Für einander und miteinander, mit Gottes Hilfe– vielleicht geht so auch heute manches leichter als gedacht.

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