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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Morgen endet die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. Für Fußballbegeisterte waren die vergangenen 4 Wochen eine einzige Unterbrechung des Alltags. Eine regelrechte Auszeit vom richtigen Leben.

Jedes Fußballspiel hat eine Auszeit – die Halbzeitpause. Die Spieler verlassen das Feld, kommen in der Kabine zur Ruhe. Atemholen heißt die Devise. Jetzt hat der Trainer das Wort. Vor allem dann, wenn die Mannschaft im Rückstand liegt. Dann spricht er Fehler im Aufbau des Spiels an, verweist auf den mangelnden Spielrhythmus. Wenn einem Spieler die Kraft und die Konzentration fehlt, kann jetzt ein Spielerwechsel gut vorgenommen werden. Muss die Taktik verändert werden? – Und neu motiviert kann das Steuer vielleicht noch herumgerissen werden, das Spiel doch noch gewonnen werden. So eine Auszeit tut gut!

So eine Auszeit tut nicht nur im Fußballspiel gut. Mir gefällt das Bild vom der Auszeit auch für mein Leben. Auch ich brauche immer wieder eine Auszeit – jeden Tag, jede Woche, im Laufe eines jeden Jahres.

Ich nehme mir jeden Tag drei kurze Auszeiten. Morgens, mittags und abends bekommt mein Tag in der Regel eine Struktur, einen besonderen Rhythmus. Kurze Zeiten der Stille, meist genügt das. Die Auszeit für die Woche ist der Sonntag. Auch er gibt meinem Leben einen bestimmten Rhythmus – meist mit Gottesdienst, aber eben ohne Arbeit und viel Zeit für Menschen, die mir am Herzen liegen. Und natürlich die Auszeit des Urlaubs, die ich genieße und auf die ich mich immer freue.

Nach der Halbzeit gehen die Spieler frisch motiviert auf den Platz. Die Auszeit wurde genutzt, um sich neu auf den Gegner, um sich neu auf das Spiel auszurichten. Vielleicht gelingt ja doch noch der Sieg. Und das gilt auch für mich und mein Leben: Mit einer Auszeit bekomme ich mein Leben neu in den Blick, kann ich mich neu ausrichten auf das, was wirklich wichtig ist.

Eine Auszeit tut gut – im Fußball wie im richtigen Leben.

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„Besondere Fähigkeiten habe ich keine!“, sagte eine Frau, die mich im Gemeindehaus ansprach und auf der Suche nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit war. Ich war erfreut und verblüfft zugleich. Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen, kann es ja nie genug geben. Andererseits hat jeder Mensch eine besondere Gabe, eine besondere Fähigkeit, da bin ich mir sicher.

In einigen Ländern der Bundesrepublik  kann dieser Frau und anderen Menschen geholfen werden. Sie bieten einen sogenannten Sozialführerschein an. Unter dem Motto „Zeit zu verschenken – aber an wen?“ können Menschen das für sie passende Ehrenamt finden. In einem Kurs werden interessierte Frauen und Männer sich der eigenen Fähigkeiten und Wünschen bewusst. Sie lernen Einsatzmöglichkeiten kennen, bei denen sie auch ein paar Tage reinschnuppern können. Passt diese Arbeit zu mir? Macht mir die Arbeit mit Kindern oder mit alten Menschen Freude? Vielleicht doch eher Betreuer im Sportverein? – Die Verantwortlichen berichten, dass viele Menschen so fündig werden, sich ihrer Fähigkeiten bewusst werden, ja oft bei einem Schnupperort gleich hängenbleiben. Der Sozialführerschein wird so zu einem Erfolgsmodell für eine Gesellschaft, die ohne ehrenamtlich tätige Menschen nicht existieren könnte.

Besondere Fähigkeiten – die Bibel nennt sie Talente, von Gott geschenkte Fähigkeiten. Und Gott ist großzügig, er übersieht niemanden, jedem gibt er etwas mit, was er besonders gut kann. Manchmal bleibt das zunächst verborgen, bleibt das merkwürdig zugeschüttet, muss das  regelrecht ans Tageslicht befördert werden. Dann kann es eingesetzt werden. Menschen erkennen dann: Wenn ich meine Fähigkeiten einsetze für andere, vergrößern sie sich,  verdoppeln sie sich sozusagen. Ich kann anderen Menschen helfen, und mir tut das gut, macht mich vielleicht sogar glücklich. Und Gott will, dass wir unsere Leben glücklich leben können, deshalb hat er uns mit den unterschiedlichsten Talenten ausgestattet.

„Besondere Fähigkeiten habe ich keine“, sagte die Frau zu mir. Das ist nicht wahr! Niemand kann nichts! Das ist die Wahrheit.

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„Toni, du bist ein Fußball-Gott!“ – Zu jeder Weltmeisterschaft ist dieser Ausspruch eines begeisterten Fußball-Reporters zu hören, wieder und immer wieder. „Toni, du bist ein Fußball-Gott!“. 1954 war das, der Ausspruch galt dem deutschen Torwart Toni Turek, und Deutschland wurde tatsächlich Weltmeister.

Obwohl ich ein großer Fußball-Fan bin- irgendwie passt mir dieser Ausspruch nicht so Recht. Unterstellt er doch, Gott sei auf der Seite der Sieger, der Gewinner – er sei womöglich ein Gott, der höchstpersönlich den Elfmeter pariert. Natürlich für die richtige Mannschaft.

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien geht ihrem Ende zu. Favoriten schieden frühzeitig aus, andere Mannschaften kamen in die Finalrunden, von denen man das nicht erwarten konnte. Sieg und Niederlage lagen – wie meist – ganz nahe beieinander. Die Spiele wurden entschieden durch tolle Tore, durch großartige Torwartparaden und durch falsche Schiedsrichter-Entscheidungen.  Und durch Glück. Und durch den Fußball-Gott, falls es ihn gibt?

Dass Gott auf der Seite der Sieger steht, kann ich nicht glauben. Es ist schön, zu gewinnen. Sieger zu sein ist großartig. Aber auch die Niederlagen gehören zum Fußballspiel. Mehr noch: Niederlagen gehören zum Leben.

Dass Gott auch und gerade bei den Verlierern im Leben zu finden ist, zeigt ein Blick in die Bibel. Jesus umgibt sich meist mit Menschen, denen das Leben nicht mit leichter Hand gelingen will: Den Zöllnern und den Kranken, den Behinderten und Prostituierten seiner Zeit. Sie alle galten als Verlierer, als Frauen und Männer, die es im Leben zu nichts bringen, die verachtet und übersehen wurden. Weil sie Verlierer waren.

Ich freue mich für jede Mannschaft, die gewinnt. Und doch geht mein Blick auf die, die nicht gewonnen haben. Die fassungslos sind, mit Tränen in den Augen die Niederlage irgendwie akzeptieren müssen. Und habe die Hoffnung, dass Gott mit ihnen ist bis hin zu den Tagen, an denen auch Verlierer wieder etwas zu lachen haben.

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Im Sommer lege ich mich gern auf die Wiese und schaue in den blauen Himmel. Und wenn ich Flugzeuge beobachte, frag ich mich, wohin die wohl fliegen. Vielleicht nach Afrika. Da ist der Himmel allerdings nicht überall blau. Ich habe von der schrecklichen „giftigen Stadt“ gelesen: die liegt in Ghana und ist ein Teil der Hauptstadt Accra. Bis vor 15, 20 Jahren war hier eine grüne Wiese, auf der manchmal sogar Flamingos in der Sonne standen und der Himmel war blau wie bei uns. Jetzt ist er schwarz von giftigem  Qualm, den man einatmen muss: andere Luft gibt es nicht. Hier steht eine riesige Müllhalde, vor allem für Elektroschrott, großenteils aus Europa: ausgeweidete Computergehäuse, zertrümmerte Fernseher, Kühlschränke, Scanner, Handys, Prozessoren und Kabel. Mehr als 300 teils noch sehr kleine Kinder zerlegen mit bloßen Händen den Wohlstandsmüll, verbrennen Elektrokabel, um an das Kupfer zu gelangen.  Die Altmetalle bringen ein paar Cent für Essen – der Rauch, die Schwermetalle und die Chemikalien bringen den frühen Tod. Elektromüll ist ein lukratives Geschäft. Einen Röhrenmonitor fachgerecht zu entsorgen, kostet in Deutschland etwa 3,50 Euro, ihn nach Ghana zu schicken nur rund 1,50 Euro.Man kann aber etwas unternehmen, um all das stoppen.

Wenn die Leute in Europa den Elektroschrott selbst recyceln würden.

Wenn Politiker strengere Maßnahmen an den Grenzen durchsetzen würden, um die illegalen Schrotttransporte zu verhindern.

Wenn die Hersteller keine giftigen Materialien in den Elektrogeräten verwenden würden, so dass man die Geräte einfacher entsorgen könnte.

Dann wäre der Himmel in Ghana auch wieder blau. Und eins steht auch fest: mein alter Röhrenfernseher bleibt noch weiter im Gebrauch. Der geht nicht nach Ghana.Und das Handy, das ich mir dieses Jahr neu kaufen will, wird ein gebrauchtes sein.

 * siehe „Publik Forum“ 9 vom 9.5.2014, Seite 16: Königinnen im verseuchten Slum

 

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Ob das schmeckt? Essen aus einem „feindlichen“ Land? Der amerikanische Künstler Jon Rubin betreibt seit drei Jahren  im US-Bundestaat Pennsylvania das Imbiss-Restaurant Conflict Kitchen. Immer drei Monate lang serviert er Speisen aus einem bestimmten Land. Voraussetzung dafür: die USA müssen mit diesem Land verfeindet sein oder mindestens im Clinch liegen.

Für die Rezepte reist Jon Rubin vorher in das jeweilige Land und spricht mit Einheimischen. Später druckt er ihre Geschichten auf das Papier, in das die Gerichte in seinem Restaurant eingewickelt werden.

Alle paar Monate widmet sich der Laden einer anderen Küche. Zurzeit werden afghanische Gerichte serviert. Auf dem Menü stehen Spezialitäten wie Bolani, pikante Rouladen mit Spinat, roten Linsen oder Kartoffeln. Doch die Restaurant-Betreiber wollen nicht nur den kulinarischen Horizont ihrer Gäste erweitern, sondern  auf diesem Weg auch Diskussionen über Länder, Kulturen und Politik anregen. Begleitend zum Essen gibt es Ausstellungen, Vorträge und Kunstprojekte.

Als sich die Welt über das iranische Atomprogramm Sorgen machte, wurde in Pittsburgh Kubideh serviert (Fladenbrot mit gewürztem Hackfleisch). Die Gäste konnten beim Essen mit Menschen im Iran skypen, die die gleiche Mahlzeit vor sich stehen hatten.

Wir sind hier nicht in Pittsburgh und als Privatpersonen sind wir vielleicht auch nicht dauernd in irgendwelchen Konflikten mit anderen Menschen. Aber manchmal schon. Ob es helfen würde, zusammen zu essen? Ob man sich besser verstehen würde? Wenn man das gleiche Essen auf dem Teller hat? Einen Versuch ist es wert.

 * siehe: „Spiegel online“ vom 7.4.2014

 

 

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 Halb 5... mein Wecker schellt doch erst um 6, aber die da draußen können wohl die Uhr nicht lesen und beginnen ihren Tag mit voller Lautstärke. Wenn es die menschlichen Nachbarn wären, würde ich mich ärgern, aber es sind die tierischen, genauer gesagt: die Vögel. Ein Amselmann in einem geschlossen Raum bringt die Fensterscheiben zum wackeln, hat schon Konrad Lorenz festgestellt. Im Garten sind sie aber auch laut genug, wie ich im Bett liegend bemerke.

Sie singen, um ihr Revier zu markieren: viele Vögel wechseln nachts ihren Standort und machen mit ihrem Zwitschern morgens den Kollegen klar: hier ist besetzt.

Oder Männnlein und Weiblein locken sich musikalisch an, um schneller zueinander zu finden und die Fortpflanzung zu sichern. Das Weibchen erhört übrigens nicht den schönsten, sondern den ausdauerndsten und furiosesten Sänger. Ich find das gut.

Die Insektenfresser singen morgens früh einfach so aus Freude, solange die Insekten noch schlafen: später müssen sie auf Jagd gehen, da ist zum Singen keine Zeit mehr.

Die Buchfinken zum Beispiel lernen ihre Melodien im Sommer des ersten und im Frühjahr des zweiten Lebensjahres durch den Gesang ihres Vaters. Vatersprache also...

Stare hingegen lernen ihr ganzes Leben Neues dazu: wenn sie in der Nähe einer Polizeistation leben, dann bauen sie sogar die Sirenentöne oder ein bestimmtes Handyklingeln in ihre Gesänge ein.

Das finde ich alles ziemlich faszinierend und döse darüber noch etwas weiter. Wenn dann um 6 mein Wecker schellt, sind die da draußen schon wieder leiser und ich denke kurz: lieber Gott, welche Freude, ein kleiner Teil deiner wunderbaren Schöpfung zu sein.

 

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Die Mosel hat wunderschöne Seitentäler. Eines davon ist das Schrumpftal. Dort reihen sich allein 15 Mühlen aneinander. Vor kurzem war dort ein autofreier Sonntag , und über 10.000 Menschen spazierten durch das Tal und erfreuten sich an Kunst, Musik, Kinderbelustigung und allerlei Unterhaltungen am Weg.

Helga und ich waren schon früh aufgebrochen und hatten das Tal in der Morgenkühle fast für uns. Ein paar Vögel, Spinnen in ihren Netzen, Tautropfen auf langen Grashalmen und ganz gelegentlich ein Mitmensch. Durch diese grüne Kapelle talaufwärts zu gehen machte ganz andächtig. Da haben wir auch gebetet. „lieber Gott, danke, dass wir gesunde Beine haben und dass die Sonne so schön durch die Blätter funkelt.“ Früher wurde das ja etwas verteufelt, wenn Leute sagten: ich geh nicht in die Kirche, beten kann ich auch im Wald. Ich selber bete aber auch gern im Wald, muss ich sagen.

Und „die Kirche“ kommt ja auch mal in den Wald oder auf die Wiese: als wir zur obersten Mühle kamen, war da grade ein Gottesdienst im Gang. Hinterher hieß es, dem Pastor seien die Hostien für die Kommunion ausgegangen. So viele Christen waren in die Kirche auf der Wiese gekommen. Und dann kam zum Schluss dieser interessante Satz: „jetzt hören wir mal auf zu beten und schauen uns um und erfreuen uns an Gottes Schöpfung.“ Da wurde es ganz still, die Menschen bestaunten mit neuen Augen dieses Haus Gottes, den großen Platz in der Sonne, die Bäume ringsum, den klaren Bach , den Duft vom Grill und die Musik der Vögel. Die ganze Welt ist das Haus Gottes, und dann macht es keinen großen Unterschied, ob ich in der Wald-Kapelle bete oder in meiner Pfarrkirche oder im Dom. Beten ist gut in der Gemeinschaft der Mitglaubenden in der Kirche. Aber es ist auch schön im Wald.

 

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