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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Wie der Start in den Tag dazu beitragen kann, sorgloser zu leben

 „Guten Morgen, liebe Sorgen,
seid ihr auch schon alle da?
Habt ihr auch so gut geschlafen?
Na, dann ist ja alles klar.“

Ein Song von Jürgen von der Lippe. Er spiegelt eine Erfahrung vieler Menschen wider: Kaum bin ich wach, melden sich meine Sorgen. Die vielen, komplizierten Aufgaben, die zu erledigen sind. Das, was mir Druck macht. Und das lastet dann auf dem Herzen. Von wegen frohgemut und locker in den Tag schreiten!

Schade, wenn es so kommt. Ich habe das auch schon erlebt. Aber ich kenne ein Gegenmittel: Ich gestalte ich meinen Start in den Tag so, dass die Sorgen verblassen. Weil etwas anderes, Helles, Positives mich erfüllt.

Ich beginne den Morgen mit einer halben Stunde in Stille. Zeit für Meditation und Gebet. Einfach so dasein – vor Gott, der mich an jedem neuen Tag mit neuem Leben erfüllen möchte. Der mir heute wieder ganz konkrete Lebensmöglichkeiten zuspielt. Dafür möchte ich offen werden.

Also gehe ich auf Empfang. Beten heißt dann nicht, viele Worte zu machen. Beten heißt, dass ich mich innerlich ausrichte auf den, der auch heute für mich sorgt, der mich heute aufleben lässt. Dazu ist ein Wort aus der Bibel hilfreich. Eine Stelle aus den Schriftlesungen des Tages oder aus dem Ökumenischen Bibellesekalender. Oder ein Psalmvers. Z.B. aus dem Psalm 23:

 „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.

Er stillt mein Verlangen, er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.“

Es tut mir gut, wenn ich mir das zum Tagesbeginn vergegenwärtige. Solche Bibelverse können Gottvertrauen und Zuversicht schenken. Dann gehe ich mit einer anderen Einstellung in den Tag. Dann ist all das, was mir Sorgen machen kann, zwar nicht weggeblasen. Aber es erscheint in einem anderen Licht. Dann kann ich gelassen das anpacken, was zu bewältigen ist. Und in dieser Grundhaltung kann ich viel besser an allem Schönen freuen, was auf mich zukommt.

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Im Bahnhof „Ludwigshafen Mitte“ herrscht reges Kommen und Gehen. Ein paar tausend Fahrgäste eilen jeden Tag über die Bahnsteige. Der Bau ist ziemlich nüchtern. Zum Verweilen lädt er nicht gerade ein.

Aber es gibt einen Blickfang. Eine große Nische und einen Glaskubus. Sie sind in eine der Unterführungen eingebaut. Aus der Nische leuchten Kerzen heraus, die Vorübergehende aufgestellt haben. Auf Kerzenständern vor einer grauen Wand oder vor einer Muttergottesstatue. Fast immer brennen hier Kerzen, wenn die große Tür zur Nische offensteht. Passanten, die in der Hektik des Alltags einen kleinen Augenblick innehalten, zünden dann diese Lichter an. Sie drücken mit ihnen ihre Wünsche und Bitten aus, ihre Freude und ihren Dank. Manche schreiben das auch in das Anliegenbuch. Eine Bank lädt dazu ein, ein wenig zur Ruhe zu kommen und die Lichterwand auf sich wirken zu lassen. Und wer noch mehr für sich sein will, der kann durch eine Tür in einen kleinen Gebetsraum gehen.

Neben der Nische liegt ein Raum für Gespräche. Mit seinen Glaswänden ist er ganz lichtdurchlässig, und auch die beiden Tischgruppen und die Kaffeemaschine wirken einladend.

„Lichtpunkt“ heißt dieses Ensemble. Es ist ein Angebot der katholischen Cityseelsorge. Kirche im Bahnhof, Kirche mitten im Getriebe des Alltags. Ein Hauptamtlicher und eine Reihe von Ehrenamtlichen sind im „Lichtpunkt“ für die Passanten da. Pastoralreferent Joachim Lauer spürt im Lichtpunkt: „Viele kommen, um mit uns zu reden oder einfach nur eine Kerze anzuzünden. Die meisten von ihnen würden nie in eine Kirche gehen, schon gar nicht in einen Gottesdienst. Aber in ihnen ist eine Sehnsucht nach so etwas wie Gott. Da ist die Hoffnung auf eine Macht, die über ihrem Leben steht, die ihnen erst recht in ihrer Not beisteht.“

Und so wendet er sich im Gespräch den Menschen zu, die kommen: Den Einsamen, die öfter vorbeikommen und nur ein kurzes Schwätzchen wollen, ein liebes Wort. Der alleinerziehenden Mutter, die am Ende ihrer Kräfte ist. Dem Jugendlichen, der vor Liebeskummer ganz außer sich ist. Diese Menschen gehen anders weg, als sie gekommen sind. Der „Lichtpunkt“ bringt tatsächlich ein wenig mehr Licht in ihr Leben.

 Über meinen eigenen Besuch im „Lichtpunkt“ und das Gespräch mit Joachim Lauer hinaus konnte ich für die Ansprache auch zurückgreifen auf den Artikel von Kirsten Anders „Kirche im Brückenpfeiler. Der Lichtpunkt in Ludwigshafen am Rhein steht allen offen, die ein Gespräch suchen – mitten im Bahnhofstrubel ein Ort des Innehaltens“ in „Bonifatiusblatt“ 2 / 2014, hg. vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken, Paderborn (www.bonifatiuswerk.de), S. 13-14.

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Im Augsburger „Grandhotel Cosmopolis“ können Gäste übernachten wie in jedem anderen Hotel. Aber es gibt keine festen Preise. Die Zimmer sind von Künstlern gestaltet. Auf den Fluren tummeln sich Kinder aus verschiedenen Ländern. Hier sind Hotelgäste, Flüchtlinge und Künstlerateliers unter einem Dach.

 Dazu gehört eine fünfköpfige Familie aus Tschetschenien. „Wir fühlen uns hier wie im Paradies.“ sagt die Mutter Dagmara. Ihr Vater humpelt mit Krücken durchs Zimmer. Sein Fuß ist zertrümmert worden, als er gefoltert wurde. Die Grandhotel-Betreiber haben dafür gesorgt, dass er operiert wurde. Insgesamt wohnen im „Cosmopolis“ 60 Flüchtlinge aus Tschetschenien, Afghanistan und Mazedonien. Die Hälfte davon sind Kinder. „Wir hoffen sehr, dass es keine Abschiebungen geben wird.“ sagt Georg Heber, einer der Väter dieses Projekts. Er lässt sich nicht beirren: „Wenn wir nicht an Utopien glauben würden, gäbe es das Cosmopolis nicht. Mit dem Grandhotel wollen wir zeigen, dass es ein Miteinander von unterschiedlichen Kulturen und gesellschaftlichen Gruppen geben kann.“

Inzwischen gibt es regelmäßig Konzerte, Tauschbörsen, Diskussionsveranstaltungen, Theateraufführungen, Workshops, Lesungen und Feste. „Wenn im Haus etwas stattfindet, dann ist es für alle leicht, miteinander in Kontakt zu kommen. Dann mischen sich alle Bewohner“ sagt ein Mitarbeiter. Es gelingt, die Welt ganz konkret ein bisschen menschlicher und interessanter zu gestalten. Kein Wunder, dass das einzigartige Projekt mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft wurde.

Einer der Künstler, die im Haus ein Atelier haben, erzählt: „Viele Bewohner wirkten anfangs geknickt und eingeschüchtert. Es ist schön, mitzuerleben, wie die meisten aufblühen und auch gerne mit anpacken.“ Gerade bringt eine Mazedonierin einen selbst gebackenen Kuchen ins Lobby-Café. Das ist der Treffpunkt für alle.

Im „Grandhotel Cosmopolis“ wird wirklich Leben geteilt und weitergeschenkt. Bleibt zu hoffen, dass der Geist, der hier weht, Kreise zieht.

 www.grandhotel-cosmopolis.org

Entdeckt habe ich das Projekt durch den Artikel „Utopia in Augsburg. Ein einzigartiges Projekt will Gegenmodell zur Festung Europa sein: Im ‚Grandhotel Cosmopolis‘ sind Flüchtlinge willkommen.“ von Andrea Hösch, in „Sozialcourage. Das Magazin für soziales Handeln“, Frühling 2014, hg. vom Deutschen Caritasverband, Freiburg (www.sozialcourage.de), S. 18-19.

 

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Amnesty international prangert weltweite Folter an. Die Internationale Arbeitsorganisation klagt über Zwangsarbeit und Sklaverei. Das Fernsehen berichtet über Gewalt und Unrecht in allen Ecken der Erde. Das drängt vor allem die Frage auf, wie dieses Unrecht eingedämmt werden kann.  Zugleich entsteht für mich ein massives Gerechtigkeitsproblem. Denn viele Taten bleiben ungesühnt und die Opfer geraten in Vergessenheit, während die Täter ungeschoren davonkommen und die Frucht ihrer Bosheit genießen.

Die Religionen haben verschiedene Vorstellungen entwickelt, wie am Ende noch Gerechtigkeit hergestellt werden kann. Da gibt es das Bild von der ewigen leidvollen Verdammnis, der die Bösen anheimfallen. Oder die Vorstellung einer fast endlosen Kette der Wiedergeburt, in der sich die Übeltäter mühsam von niederen Lebensformen bis zur wahren Menschlichkeit hocharbeiten müssen.

Diese Bilder haben es nicht in das christliche Glaubensbekenntnis geschafft. Dort steht nicht „Ich glaube an die Verdammung der Bösen.“ Stattdessen wird Jesus Christus als der künftige Richter der Lebenden und der Toten angekündigt. Die Bibel nimmt dieses Gericht sehr ernst und schärft die negativen Konsequenzen eines verantwortungslosen Lebens ein. Zugleich weisen Theologen darauf  hin, dass Jesus der Richter ist und dass es deshalb ein barmherziges Gericht sein wird. Denn sonst könnte niemand bestehen.

Das ist eine gute Botschaft für die Opfer. Ein Gericht über Lebende und Tote lässt keinen in der Vergessenheit und schafft auch den Rechtlosen Recht. Aber wie soll ein barmherziges Gericht über die unbarmherzigen Täter aussehen? Muss da nicht  - bildlich gesprochen - ewige Verurteilung die Antwort sein – um der Gerechtigkeit willen?

So naheliegend dieses Bild ist, es führt nicht wirklich zu Gerechtigkeit. Es zeigt den Bösen lediglich die Härte des Gerichts, lässt sie aber in ihrer Bosheit und ändert nichts. Ein barmherziges Gericht lässt sie gerade nicht in ihrer Bosheit, sondern richtet sie zurecht und richtet sie auf aus ihrer verkrümmten Selbstsucht. Dann siegt am Ende nicht der Stärkere, sondern das Gute. Nur so kommen auch die Opfer zu ihrem Recht: Weil am Ende gerade nicht die Logik der Täter siegt, sondern die Barmherzigkeit Gottes.

 

 

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„Diese Wirtschaft tötet.“ So geißelt Papst Franziskus eine Wirtschaft, die die Gier nach Geld und Besitz höher wertet als Menschenleben.

„Diese Wirtschaft tötet.“ Der Satz führte in einer Versammlung von Wirtschaftsführern und Wissenschaftlern zu einem Aufschrei: Das könne ja wohl nicht für Deutschland gelten. Hier herrsche kein Raubtierkapitalismus, sondern die soziale Marktwirtschaft. Hier gingen keine Menschen zu Grunde. Der Papst solle aufhören, seine Erfahrungen mit Lateinamerika auf die ganze Welt auszudehnen.

Abgesehen davon, dass wir bei allem Wohlstand auch in Deutschland echte Armut und Ausgrenzung kennen, geht der Blick des Papstes weiter: Er sieht die weltweiten Zusammenhänge. Und da kommt auch Deutschland nicht ungeschoren davon. Dass bei uns die Lebenshaltungskosten so niedrig sind und Lebensmittel und Kleidung so erschwinglich, das hängt auch damit zusammen, dass Menschen in anderen Ländern für uns unter gefährlichen, ja unwürdigen Bedingungen arbeiten. Wir haben die Not zum Teil nach draußen verlagert, dahin wo tatsächlich Raubtierkapitalismus herrscht und Menschen gefährdet sind, in Bergwerken und Fabriken, auf Feldern und Plantagen. Andere – teils vor der europäischen Haustür, teils in fernen Ländern – zahlen mit ihrer Gesundheit für unseren Wohlstand.

Die Bibel nimmt diese Differenz zwischen drinnen und draußen auf in dem Gleichnis vom reichen Prasser und armen Lazarus. Der reiche Prasser lebt im Wohlstand in seinem schönen Haus, unberührt vom Elend des armen Lazarus vor seiner Tür. Die Bibel nimmt Partei für den Menschen im Elend und geißelt die Blindheit des Reichen für die Not des Armen.

Genauso wenig können wir uns vormachen, bei uns zu Hause sei doch eigentlich alles in Ordnung, man dürfe eben nur nicht aus dem Fenster schauen. Deshalb bin ich dankbar für die klaren Worte des Papstes und seine weite Sicht. Er verallgemeinert nicht seine lateinamerikanischen Erfahrungen, sondern er stellt Zusammenhänge her. Und damit erfüllt er einen biblischen Auftrag: Die in den Blick zu rücken, die wir im Wohlstand leicht übersehen.

 

 

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Leidenschaftlich sprach der Pfarrer über Jesus als den guten Hirten. Der seine Schafe auf saftige Wiesen führt, den verletzten aufhilft und den verirrten nachgeht.

Und dann machte der Prediger einen Sprung: Politiker sollten sich ein Beispiel an Jesus nehmen und wie er als Hirten für ihre Schafe sorgen. Mit Schafen meinte er die Bürgerinnen und Bürger.

Aus meiner Sicht ist das ein schiefes Bild, an dem nichts stimmt: Der Hirte wählt seine Schafe aus, aber in der Politik ist es umgekehrt: Wir wählen die Politiker. Der Hirte ist selbst Eigentümer der Herde oder dem Eigentümer verantwortlich, wir sind aber nicht die Herde der Politiker, sondern sie sind uns verantwortlich.

Natürlich kann ich mir vorstellen, dass sich Herrscher wie Herr Putin oder die nordkoreanischen Diktatoren gerne in der Rolle des Hirten sehen, der am besten weiß, was für die Schafe gut ist. Aber bei uns wollen die Bürgerinnen und Bürger selbst wissen, was für sie gut ist, und verlangen von der Politik, dass es umgesetzt wird.

Also hat das Bild von Jesus als dem guten Hirten Politikern gar nichts zu sagen? Doch, durchaus:

Gerade Politiker sehen sich häufig überfordernden Aufgaben gegenüber. Sie können die Folgen ihrer Entscheidungen nur in Grenzen abschätzen und müssen in unklaren Situationen dennoch entscheiden und handeln. Oft können Politiker nur Vorläufiges oder Kompromisse erreichen und müssen die Unzufriedenheit ihrer Wähler und Verletzungen durch die Gegner aushalten. Und manchmal geht Politik regelrecht in die Irre.

Politiker sind dann keine souveränen Hirten, die die Herde aus Wählerinnen und Wähler ins gelobte Land führen. Sie brauchen selbst Orientierung, brauchen Wege im dornenreichen Wirrwarr der Alltagspolitik.

Da kann es hilfreich sein, wenn Politiker selbst in Jesus einen Hirten sehen, der ihnen Orientierung gibt, ihnen aufhilft, der ihnen Mut macht, auch in schwierigen Situationen an ihren Zielen und Werten festzuhalten.

Wir brauchen deshalb keine Politiker, die sich zum Hirten aufschwingen und mit Jesus messen. Wir brauchen eher Politiker, die sich selbst von Jesus als dem guten Hirten leiten lassen.

 

 

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