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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

An Menschen gibt es mehr zu entdecken als Schwarz oder Weiß.
Kopf oder Zahl? Wenn ich eine Münze in der Hand halte, sehe ich nur die eine Seite, das Bild oder die Zahl. Deswegen lassen sich damit so gut Dinge klar entscheiden, Münze werfen, Kopf oder Zahl, und die Sache ist klar. Ich muss nicht abwägen, sondern kann ja oder nein sagen.
Ich kann tatsächlich nur eins von beiden sehen, selbst wenn ich noch so schiele und beide Seiten sehen will.
Kopf oder Zahl, Hü oder Hott, Ja oder Nein. Das schafft oft Klarheit.
Schwierig wird´s, wenn über einen Menschen die Münze geworfen wird. Manchmal passiert mir das ganz leicht, ich erlebe eine Situation und denke: „Ja klar, so einer ist das.“
Dieser Raser, dieser Besserwisser, diese Zicke. Bei Herrn P, dem Patienten auf Station, waren sich fast alle einig. Der ist stur. Der redet nicht. Da braucht man er erst gar nicht nachfragen. Brummt ja doch nur als Antwort. Kein Wunder, dass da niemand zu Besuch kommt. Schublade auf, der  Patient ist drin, und bleibt da. Bis ein paar Tage später dann doch Besuch auftaucht. Die einzige Verwandte wohl – eine Cousine, die ganz schön weit weg wohnt.
Im Stationszimmer trauen sie ihren Ohren kaum. Lachen aus dem Zimmer gegenüber, Stimmen aus dem Zimmer von Herrn P, nicht zu knapp. Und selbst am Abend, die Cousine ist lange weg, da hallt es noch nach, das Lachen und die Stimmen, und eine Wärme, ein Glanz ist in dem Zimmer zu spüren, als wäre ein kleines Wunder passiert.
Nein, der gesprächigste ist Herr P sicher nicht. Aber als die Schwester nach seinem Nachmittag fragt, kommt er ins Schwärmen – dass sie, die Cousine, sich so weit auf den Weg gemacht hat, dass sie Zeit für ihn hatte, dass er durch sie heute so ein bisschen von der Welt draußen mitbekommen hat – Mann, hat das gut getan.
Seit der Zeit ist Herr P. anders, auch in den Tagen danach. Er kann sich über manches freuen und manchmal richtig gesprächig sein.
Kopf oder Zahl? Gesprächig oder stur? Hop oder Top? Bei Menschen ist das nicht so einfach. Wir Menschen sehen, was vor Augen ist, heißt es in der Bibel, Gott aber sieht das Herz an. Und das Herz ist halt nicht Kopf oder Zahl, Schwarz oder Weiß. Zum Entscheiden kann ich ja weiterhin manchmal die Münze werfen. Aber an dem Menschen neben mir – da entdecke ich bestimmt mehr als zwei Seiten.

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Auch wenn es das Wort „Gesundung“ nicht gibt: Das Gegenteil von Kränkung ist, sich gegenseitig zu ermutigen und wohlzutun.
Kränkungen können krank machen. Wenn ich mir zum Beispiel Mühe mit einer Arbeit gemacht habe, und dann kommt jemand, der tut so, als wäre das sein Werk. Oder eine Beleidigung, wenn sie jemand über mich lustig macht.
Eine echte Kränkung. Weh tun kann das, oder auch wütend machen. Auch die Botschaft: Du darfst hier nicht  mitmachen, nicht mitspielen. Wenn ein Kind so etwas hört, ist es verletzt, gekränkt. Wenn ich zu oft gekränkt werde, kann das auch krank machen, daher kommt das Wort wohl. Kränkung in dem Sinne: ich werde krank gemacht. Wenn ich mich nicht wehren kann, wenn ich es in mich hineinfresse.
Oft aber erfahre ich genau das Gegenteil:  Man kann Andere auch „gesunden“. Etwas Gutes tun oder sagen, statt zu kränken. Seltsam nur, dass unsere Sprache dieses Wort nicht kennt. Man sagt zwar „jemand hat mich gekränkt“, aber nicht „ „jemand hat mich gesundet“.
Aber es gibt sie- die Gesundungen, Gott sei Dank, auch wenn wir es nicht so nennen.
Eine Gesundung, das wäre ein gutes Wort an der richtigen Stelle. Eine Ermutigung statt einer Demütigung. Eine kurze Überlegung – wie könntest Du doch noch mitspielen, wie können wir dich doch mitmachen lassen, auch wenn es erst nicht zu passen scheint. Viele kleine Gesten dieser Art machen einen kranken Menschen zwar nicht gesund, aber können doch ganz schön viel: Sie können einer Verletzung  etwas Heilsames entgegensetzen. Oder einfach Zuversicht und Wertschätzung vermitteln.
„Das hast Du wirklich gut gemacht!“ Hörte ich einen Vater zu seiner Tochter sagen, als die langsam und mit Mühe, aber immerhin, ihre Schleife am Schuh zubekommen hat. „Lass mich mal, ich kann das schneller“ – das hätte der Vater auch sagen können, und da wäre ganz schön kränkend gewesen. Stattdessen: eine Ermutigung: Das wird schon, du kannst das schon.
Gesundung, das ist: Den einen Ton, den Satz finden, durch den der Andere sich fähig fühlt, egal, wie fähig oder stark er oder sie gerade ist. Gesundung ist: Da sieht jemand, was ich kann, wie ich mich bemühe. „Was du willst, was Dir andere tun, das tue auch ihnen“, so heißt es in der Bibel. Und wenn mir das gut tut, solche Ermutigung, dann soll ich das sicher auch anderen nicht vorenthalten.
In diesem Sinn: Kränkt Euch nicht – gesundet Euch lieber!

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Dort, wo Frieden herrscht, kann man jeden Tag dankbar dafür sein –und zu seinem Erhalt beitragen.
Heute vor 69 Jahren, am 8. Mai 1945, war das Ende des 2. Weltkriegs. Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Eine vernichtende Niederlage.
Heute ist klar: Es war eine Befreiung und hat Frieden auf Dauer möglich gemacht. Jedenfalls hier in Deutschland.
Die Frage nach Krieg und Frieden war damals nichts Theoretisches. Man hat sie nicht im Fernsehen oder im Radio diskutiert. Damals war das hier für alle hautnah, existentiell. Das Schicksal aller Menschen im Land und weit darüber hinaus hing davon ab.
Was das bedeutet, habe ich erst vor kurzem so richtig verstanden.
„Ihr habt Frieden!“ Hat ein junger Mann da zu mir gesagt. Er und seine Familie sind Flüchtlinge aus Ägypten – sie haben fast nichts, haben Heimat und Freunde und Angehörige verlassen müssen. Müssen in einer fremden Sprache ganz von vorne anfangen. Trotzdem strahlen sie. Und wie!
„Ihr habt Frieden!“ Dieser Satz hat mich nicht mehr losgelassen. Manchmal fängt ja schon der Morgen unfriedlich an, da ist Hektik, da ist manchmal Streit zuhause oder auf der Arbeit.
Manchmal ganz banal, ein Missverständnis, ein aufgestauter Ärger. Manchmal nur ein kleiner Riss in der zerbrechlichen Schale Frieden.  Der kann manches zerstören. Ob in Kleinem bei uns zuhause, in meiner Straße – oder im Großen, in den Regionen und Ländern dieser Welt.
Friede ist nicht so einfach zu haben. Wenn ich in den Nachrichten wieder höre, wie sehr Menschen zum Teil unter Kriegen und Gewalt leiden müssen und wo Menschen Angst haben, dann muss ich genau daran denken. Frieden in Syrien, Frieden in der Ukraine, Frieden in Afrika – das ist nicht abstrakt.
Da geht es um Menschen. So wie damals hier bei uns. Und gerade an den komplexen Problemen heute wird deutlich, was für ein beschwerlicher Weg der Frieden ist. Man muss Vorurteile überwinden, sich mit alten Feinden aussöhnen, andere verstehen, nach Lösungen suchen. Frieden fällt nicht von Himmel. Wir können um ihn bitten, und bei uns – da können wir wenigstens im Kleinen daran arbeiten, ihn zu bewahren. Eben weil er so kostbar ist.
Das hat mir der junge Mann aus Ägypten wieder klar gemacht mit seinen strahlenden Augen und seiner Dankbarkeit. Jesus hat gesagt: Selig sind die Friedfertigen! Wenn das keine Ermutigung ist, am Frieden weiterzubauen, jeden Morgen neu!

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Gott ist Richter, er wird’s richten – hoffe ich und denke an Frau Braun.
Sie ist gestorben und ihre Tochter erzählt mir von ihr.
Eine starke Frau sei sie gewesen, hat viel durchgemacht.
Auch in ihrer Ehe. Erst war’s schön. Aber dann hat ihr Mann mit dem Trinken angefangen.
Hat das Geld verspielt und irgendwann das erste Mal zugeschlagen.
Mit 64 Jahren lässt sie sich scheiden.
Das war’s dann: sie bricht mit dem Ehemann, den sie einmal geliebt hat.
Und dann bricht ihre eigene Familie mit ihr, weil für sie eine Scheidung nicht in Frage kommt.
Als Frau Braun gerade anfängt, in der Seele gesund zu werden und neue Wege zu gehen, wird sie krank. Krebs, unheilbar.
Ich höre zu und merke: Das ist eigentlich kaum zum Aushalten.
Dass in einem Leben so viel Leid ist.
So viele Wunden. So viele Brüche. Wie kann das wieder heil werden?
Gott ist Richter, er wird’s richten.
Daran glaube ich fest und vielleicht auch ein bisschen trotzig.
Denn ich merke: Ich kann’s nicht richten. Niemand kann das richten. Nicht in diesem Leben.
Es gibt Leid, Unrecht und Verletzungen, für die gibt‘s in diesem Leben keinen Ausgleich und keine Wiedergutmachung.
Gott ist Richter, er wird’s letztlich richten.
Vielleicht ja so wie ein Arzt, der einen Beinbruch richtet.
Der Arzt sieht erst einmal ganz genau hin, sieht, wo die Verletzungen sind und was gebrochen ist. Dann fügt er das Zerbrochene wieder zusammen.
Ich glaube, mit unseren Lebensbrüchen ist das genauso.
Gott wird sie richten, wie ein Arzt den Beinbruch richtet.
Manche Brüche richtet er schon in diesem Leben, andere erst, wenn wir bei ihm sind.
Wie das genau geht, und warum nicht alle Brüche jetzt gerichtet werden, weiß ich nicht.
Aber ich vertraue darauf, dass keiner vergessen wird – auch Frau Braun nicht.
Gott sieht sie. Er wird ihre Verletzungen und Brüche heilen. Das hat er versprochen.
Dieser Glaube hilft mir auszuhalten, was ich von Frau Braun gehört habe.
Er tröstet mich und lässt mich ein Stückchen Frieden spüren, wo noch gar kein Friede ist.
Gott ist Richter, er wird’s richten. Darauf hoffe ich.

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„Was für eine Verschwendung!“
Ben, Fred und ich sitzen auf dem Sofa. Vor uns eine Flasche Whiskey. Für 150 Euro: Die haben wir an einem Abend bis zum letzten Tropfen leer getrunken.
Was für eine Verschwendung! Könnten Sie jetzt vielleicht sagen. 150 Euro! So teuer?!
Dabei hat keiner von uns Geburtstag gehabt und auch sonst gab es nichts zu Feiern. Ganz im Gegenteil. Fred hatte gerade seinen Job verloren.
Wie es jetzt für ihn weiter gehen sollte: Keine Ahnung!
So sitzen wir abends im Wohnzimmer und lümmeln auf der Couch.
Und dann holt Ben die Flasche Whiskey aus dem Schrank, schnappt sich drei Gläser und schenkt ordentlich ein.
„Der ist jetzt für dich“, sagt er zu Fred und reicht ihm und mir ein Glas.
Am Ende des Abends ist die Flasche Whiskey leer und wir sind sehr lustig.
Ist das nicht Verschwendung? Ein so wertvoller Whiskey! Hebt man den nicht auf für den besonderen Moment? Den guten Sekt gibt’s doch zur Beförderung, den Schampus für die, die auf dem Siegertreppchen stehen. Sie haben es sich verdient!
Wir haben es anders rum gemacht. Und die Anleitung dazu haben wir in der Bibel gefunden.
Bei Gott ist das Besondere immer erst mal der Mensch. Dass es ihn gibt. So wie er ist. Auch wenn er eben nicht auf dem Siegertreppchen steht so wie Fred. Der jetzt erst mal arbeitslos ist. Woher wir das wissen?
In der Bibel gibt es auch so eine Verschwendungsgeschichte.
Jesus sitzt zusammen mit seinen Freunden und isst mit ihnen. Da kommt eine Frau zu ihm herein, holt eine Flasche teures Öl aus der Tasche und salbt ihm damit die Füße. Sie gießt die ganze Flasche über seine Füße und der Duft verbreitet sich im ganzen Raum. „Was für eine Verschwendung!“, schimpfen die Freunde.
Aber Jesus sieht das anders: „Aufs Geld könnt ihr immer achten“, meint er, „aber ich werde nicht mehr lange unter euch sein. Die Frau hat das gemerkt und hat mir etwas Gutes getan. Das ist nicht Verschwendung. Das ist Liebe.“
„Auf dich!“ haben Ben und ich zu Fred gesagt und mit ihm angestoßen.
Ich finde, das hätte Jesus nicht besser sagen können. 

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Einmal volltanken bitte! Einmal die Woche sagt das unser Auto zu mir. Ich also zur Tankstelle, Zapfhahn in den Tank, Benzin rein, Tank wieder voll und weiter geht’s.
Einmal volltanken bitte! Das brauche ich auch.
Mindestens so oft wie unser Auto.
Kraft tanken, für die nächste Woche. Genug Energiereserven sammeln, damit ich die Aufgaben schaffe, die vor mir liegen.
Auftanken eben.
Allerdings ist das mit dem Auftanken bei mir leider nicht ganz so einfach wie bei unserem Auto. Bei uns in der Nähe gibt es keine Zapfsäule, wo ich in 5 Minuten Energie für eine ganze Woche bekommen könnte. Aber ich habe andere Tankstellen. Zwei haben sich bewährt.
Die eine Tankstelle ist für mich das Zusammensein mit meinen Freunden und meiner Familie. Gemeinsam auf der Couch oder draußen in der Sonne sitzen. Miteinander essen und trinken, über Gott und die Welt reden oder lange Spieleabende machen. Das lädt meinen Akku wieder auf. Und wenn ich mal wieder auf Reserve fahre, greife ich – manchmal mit letzter Kraft – zum Telefon und mache einen neuen Termin zum Auftanken aus.
Eine andere Tankstelle ist für mich die Zeit mit Gott. Gleich morgens, wenn der Wecker klingelt, fange ich an mit ihm zu reden. Ich sage ihm alles, was heute ansteht, sage ihm, wofür ich Kraft brauche, was mir Bauchschmerzen breitet oder worauf ich mich freue. Ich bitte ihn, mir bei den schwierigen Dingen zur Seite zu stehen, und danke ihm für das Schöne, das mich erwartet.
So ein Gebet ist für mich wie eine kleine Tankstelle: Sie gibt mir die Kraft, in den Tag zu starten.
Weil ich weiß: Ich gehe nicht alleine in den Tag. Gott geht mit.
Und ich vertraue darauf, dass er mir die Kraft, die ich brauche, schon geben wird. Auch wenn ich sie im Moment vielleicht noch gar nicht spüre. So habe ich es nämlich schon erlebt und andere auch. Der Prophet Jesaja hat das so formuliert: „Die Gott vertrauen, bekommen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie gehen und nicht müde werden.“
Einmal volltanken bitte!
Und was sind Ihre Tankstellen?

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