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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Tod und Leben hängen unauflösbar zusammen. Das liegt auf der Hand. Gerade wenn Menschen sterben. Vor allem alte Menschen. Die ein langes Leben gehabt haben. Kinder, Freund, Verwandte können sich an viele Begebenheiten erinnern. An schöne Lebensmomente oder traurige. An die gemeinsamen Urlaube, an den nachmittäglichen  Kaffee, an Gespräche oder durchzechte Nächte. Und jetzt geht dieses Leben zu Ende. Der Tod stellt sich ein. Tod und Leben hängen zusammen.

Eindrücklich stellt die Grabeskirche in Jerusalem diesen Zusammenhang von Tod und Leben her. Indem sie beides unter ihrem Dach vereint. Denn der Bau ist, der Name sagt es ja schon, über dem Grab Jesu von Nazareth erbaut. Ein gewaltiger Rundbau erhebt sich über einer kleinen Kapelle, die das Grab beherbergt. Das Grab, aus dem der Überlieferung nach Jesus nach drei Tagen von den Toten auferweckt wurde. Aber nur einen Steinwurf entfernt, ebenfalls unter dem Dach der Grabeskirche, findet sich eine weitere Kapelle, die über dem Golgatafelsen erbaut wurde. Über dem Ort, an dem Jesus gekreuzigt sein soll. Von dem Felsen selbst ist unter all den Bauten nur noch ein kleines Stück zu sehen.

Historisch ist gesichert, dass dieser Ort außerhalb der Stadtmauern des antiken Jerusalems lag. Hinrichtungen und Beisetzungen, so war es damals Brauch, hatten vor der Stadt zu erfolgen. Ob beide Stätten, der Kreuzigungshügel und das Grab, historisch wirklich mit Jesus verknüpft sind, ist unsicher. Aber schon im 2. Jahrhundert wurde hier an Kreuzigung und Auferstehung Jesu erinnert.

Auch wenn mich die historischen Fragen interessieren, was ich viel spannender finde: Dass eine Kirche beide zentralen Aspekte des Lebens überdacht. Das heißt: Beides gehört zusammen. Eine triviale Erkenntnis. Aber oft genug vergesse ich das. Im alltäglichen Leben versuche ich den Gedanken an den Tod nicht aufkommen zu lassen. Ich möchte, dass es weiter geht. Und in den Situationen, in denen ich mit dem Tod in Berührung komme, da vergesse ich schnell das Leben. Ich bin zutiefst traurig, kann das Leben nicht denken. Die Grabeskirche aber erinnert mich daran, wie nahe Tod und Leben beieinander liegen.

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An einem Tisch sitzen, gemeinsam essen, miteinander reden – das ist paradiesisch. Sich Zeit füreinander nehmen. Langsam essen. Das ist Luxus pur. Letzten Sonntagabend war das bei uns in der Familie wieder so. Unter der Woche sitzen wir kaum mal alle zusammen, da hat der eine länger Schule, da ist die nächste Konferenz, da ein Handballspiel oder sonst ein Termin. Irgendwer fehlt immer am Tisch. Und oft genug muss es schnell gehen. Keine Zeit für längere Gespräche. Aber jetzt eben. Und so haben wir dann lange gesessen, gegessen und gequatscht. Das hat der ganzen Familie gut getan.

Ähnlich geht es mir mit Freunden, wenn ich bei einer Hochzeit eingeladen bin oder einfach nur mittags mit Arbeitskollegen um einen Tisch sitze. Schon bevor das Essen auf dem Tisch steht können wir miteinander reden, entspannen und uns näher kommen.

Es ist für mich kein Wunder, dass das Letzte, was Jesus mit all seinen Freunden macht, bevor er hingerichtet wird, ein gemeinsames Essen ist. Oftmals wird dieses »Letzte Abendmahl« überhöht. Das Mahl gilt als Symbol für die Art und Weise, wie Jesus sich und seine Leben und seine Botschaft verstanden hat. Dass er für und mit den Menschen lebte und dafür auch in letzter Konsequenzen starb.

All das ist sicher richtig. Vergessen wird aber dabei, dass es sich trotz allem um eine gemeinsame Mahlzeit gehandelt hat. Dass da Männer und Frauen um einen Tisch saßen und miteinander gegessen haben. Ein Bild, das mir diesen Jesus entscheidend näher bringt.  Denn das gemeinsame Essen erinnert daran, dass Jesus einer ist, der zum Lebensmittel werden kann. Jesus teilt einerseits ganz handfest Nahrung aus – die jeder Menschen ja auch zum Leben braucht. Und zugleich wird deutlich, dass Nahrung mehr ist als Kalorienaufnehmen. Essen stiftet Gemeinschaft, stiftet zum gemeinsamen Leben und Handeln an.

Wenn wir sonntags also alle um einen Tisch sitzen, dann spiegelt das unser Leben wider – oder die Hoffnung darauf, dass wir zusammengehören. Daran erinnern sich Christen auch heute, wenn sie Gründonnerstag feiern.

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Provinz: der Begriff verheißt nichts Gutes.Die Provinz gilt als rückständig und abgeschieden. Provinziell, das ist ein Schimpfwort.Aber Provinz lässt sich auch anders verstehen.

In den nächsten Tagen feiern Christen auf der ganzen Welt einen Mann, der aus der Provinz kam. Jesus von Nazareth, ein Provinzler, der seit fast 2000 Jahren im Mittelpunkt eines globalen Glaubens steht.

Es ist wahr: Jesus war aus der Provinz. Er lebt und predigt am See von Genezaret. Sein Leben spielt sich in einem Gebiet ab, das kleiner ist als das Saarland. Die Dörfer haben hier ein paar hundert Einwohner. Hier leben Kleinbauern und Fischer von der Hand in den Mund. 30 Jahre lang lebt dieser Jesus in solch provinziellen Verhältnissen. Sicher: Jesus kannte Städte. In seinen Geschichten erzählt er immer wieder von der Stadt, von Plätzen und Straßen, von Kaufleuten, Geldgeschäften und Richtern.Und schließlich wird er auch in der Stadt Jerusalem hingerichtet. Trotzdem bleibt Jesus provinziell.

Ein wichtiger Grund: Jesus sieht sich als Botschafter für die Menschen am Rand. Das wirtschaftliche Gefälle zwischen Stadt und Land ist zu seiner Zeit enorm. Auf dem Land leben die einfachen, ungebildeten und armen Leute. In den Städten sieht das anders aus. Da sitzt das Kapital, da wird gebaut und gehandelt.

Für mich liegt ein Geheimnis des Erfolgs des Christentums auch darin: dass es provinziell beginnt. Am Rand. Bei denen, die vor allem den heutigen Tag bestehen müssen. Die keine großen Pläne machen und viele Bankkonten verwalten müssen. Sondern bei denen, die dauernd um ihr Leben und ihre Zukunft bangen. Diesen Menschen, so verstehe ich Jesus, wendet sich Gott als erstes zu. Ich bin sicher, Gott ist für alle Menschen wichtig, aber denen, die nichts haben und besitzen, denen am Rand, denen gehört das Herz Gottes.

Wenn der neue Papst Franziskus betont, dass die Kirche für die Armen da ist, dann macht er auch die Kirche provinziell. Und führt sie damit an ihre Anfänge zurück. Kirche ist nicht für sich da, sondern für alle Menschen, die am Rand stehen. Provinziell sein, das Wort bekommt so einen anderen Klang. Es steht für: Beim Menschen sein.

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Fünf Jahre lang saß die Frau tot in ihrem Auto – dann erst wurde sie entdeckt. Die Meldung ging vor wenigen Tagen durch die Presse und hat mich nicht losgelassen. Eine Frau stirbt. Und fünf lange Jahre fällt das niemandem auf. Nachbarn, Verwandte, Freunde, ehemalige Kollegen – keiner vermisst sie. Die Kosten für Telefon oder Strom werden mit Daueraufträgen geregelt, Post gibt es kaum, das meiste läuft über Internet und Mailverkehr. Erst als das Konto auf Null steht, macht sich jemand von der Bank auf und findet die Frau: Auf dem Rücksitz ihres Autos, das in der Garage steht.

Wie kann ein Mensch von niemandem vermisst werden, frage ich mich. Die Erklärungen klingen plausibel. Die Nachbarn denken, die Frau ist beruflich im Stress, viel unterwegs. Die Verwandten leben weit auseinander, haben sich aus den Augen verloren. Kurz vor ihrem Tod verlor die Frau ihren Job – auch auf der Arbeit vermisste sie keiner.

Und trotzdem: Da leben wir in einer vernetzten Welt, da stehen die meisten ständig in Kommunikation mit anderen – und jemand verschwindet plötzlich, ohne dass das bemerkt wird, fällt durch das soziale Netz, bleibt nirgendwo hängen.

Gott, so glaube ich, vergisst niemanden. Hängt an jedem Menschen. Aber das klingt so hochtrabend, wenn ich mir das Schicksal der toten Frau auf dem Rücksitz ihres Autos in der Garage vorstelle. Und ich bin mir sicher. Ich bin aufgerufen, diesen Glauben wahr zu machen. Es liegt an mir selbst – wie jedem anderen Christen – meinen Glauben mit Leben zu erfüllen. Und das heißt: ich muss in meiner Umgebung dafür sorgen, dass keiner vergessen wird. Dass niemand aus dem Leben verschwinden kann, ohne das es jemand merkt. Das kann ich nicht für die ganze Welt tun. Aber in der Nachbarschaft aufmerksam sein, auf Arbeitskollegen achten, mich bei Verwandten melden. Dann werden vielleicht auch andere spüren können, dass dieser Glaube den Menschen meint. In jeder Lebenssituation.

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Der Plan ist total verrückt. Da wollen ein paar Leute im schwäbischen Meßkirch eine Klosteranlage bauen. Ihre Grundlage: der über eintausend Jahre alte Klosterplan von St. Gallen – die einzige bekannte Architekturzeichnung Europas zwischen der Antike und dem späten Mittelalter. Auf dem Plan finden sich Grundrisse von über vierzig Gebäuden: Klosterkirche und Schreibstube, Unterkünfte und Schlafsäle, Friedhof und Gänsestall. Auch Gartenanlagen, Zäune, Mauern und Wege sind verzeichnet.

Verrückt wird der Bau dieses Klosters aber vor allem durch die Methode: die weitläufige Anlage soll wie im 9. Jahrhundertaufgebaut werden. Also: Kein Beton, kein Strom, kein Kran, keine Maschinen, keine Lastwagen. Die pure Handarbeit. Kein Wunder also, dass das Bauprojekt auf 40 Jahre angelegt ist. Handwerker und Mittelalterliebhaber, Wissenschaftler und Freiwillige sollen das Projekt stemmen. Und mancher, der jetzt mitarbeitet, wird den Abschluss der Arbeiten nicht mehr erleben – wie im Mittelalter eben auch.

Was ich spannend finde: Da wird ein Kloster gebaut – aber es sind gar keine Mönche, die da planen und bauen. Warum das Ganze? Auch wenn die Macher unterschiedliche Motive haben, für mich hat das Projekt viel mit dem Glauben zu tun. Die Klosteranlage in Meßkirch führt zurück zu den Quellen unserer westlichen, abendländischen Kultur. Sicher, in ganz Deutschland stehen Kirchen und Klöster aus mittelalterlicher Zeit. Aber wenn das Kloster langsam wächst, dann kann jeder miterleben, welche Leistung vor über 1000 Jahren unsere Vorfahren da vollbrachten. Es waren gläubige Menschen, die damals versucht haben, das Land urbar zu machen, die ihre Welt zu einem Abbild des Paradieses machen wollten. Wer will, kann also heute an der Klosteranlage sehen, was der Glaube für eine weltverändernde Kraft hat.

Mich fordert der Bau heraus, zu fragen, welche Kraft der Glaube heute hat. Und meine Antwort: es geht nicht mehr ums handwerkliche Bauen oder Urbarmachen. Aber es geht auch heute darum, aus dem Glauben heraus an der einen Welt zu arbeiten, in der Menschen leben können.

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