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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Pflege dein Leben, wo du es triffst“! Dieser Satz von Hildegard von Bingen wollte mich vor einiger Zeit nicht loslassen…
„Pflege dein Leben, wo du es triffst…?“
Aber hallo! Natürlich treffe ich doch dauernd mein Leben, und Sie doch sicherlich auch, oder etwa nicht? Wenn ich ehrlich hinschaue, wenn ich mein Leben wirklich in den Blick nehme, so muss ich auch zugeben, dass vieles „fremdbestimmt“ ist – Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, Vorgesetzte haben ihre Anliegen, und die gilt es, mit meinen Vorstellungen in Einklang zu bringen…!
Wie kann ich ‚mein Leben pflegen, wo ich es treffe’?
Da kommt mir der Spruch von Karl Valentin in den Sinn, der mit Witz und Ironie in etwa gesagt hat: „Heut abend geh’ i  mi b’suchen, hoffentlich bin i dahoam!“
Ich denke, er will damit sagen: Wie oft leben wir an uns selbst vorbei – wir tun dies und jenes, wir sind hier und da, aber bei uns selbst sind wir nur selten; vielleicht stellen wir nach Jahren und Jahrzehnten fest, dass vieles im Leben geschehen ist, aber wir das Gefühl haben, dass das Leben an uns vorbeigezogen ist. So soll es nicht sein – doch noch einmal die Frage: Wie kann ich ‚mein Leben pflegen, wo ich es treffe’?
Ich stelle zwar bei mir selbst fest, dass ich darin noch viele Lektionen zu lernen habe, aber eines hilft mir immer wieder:
Bei aller Hektik, in aller Betriebsamkeit mal kurz stehenbleiben, innehalten, durchatmen, wahrnehmen, was ich jetzt gerade vor Augen habe!
So kann ich „zu mir selbst kommen“ – so verrückt das auch klingen mag – und, vielleicht im Sinne der Hildegard, ‚mein Leben pflegen, wo ich es treffe’!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=17285

„Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.“
Martin Luther King hat kurz vor seinem Tod Worte gesagt, die nicht vergessen werden: „I have a dream…“ – „Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den Hügeln von Georgia die Kinder der früheren Sklaven und die Kinder der früheren Sklavenhalter miteinander sitzen werden an einem Tisch…“
Was war der Antrieb, was war die Hoffnung für Martin Luther King, dass er so etwas sagen konnte? Sein Glaube an Gott, sein lebendiges Christ-Sein, sein Vertrauen darauf, dass Menschen von Gott her nicht in Schwarze und Weiße, nicht in Gute und Böse, nicht in Arme und Reiche eingeteilt und bewertet werden, sondern dass wir Menschen vor Gott gleich sind – dieses Vertrauen hat ihm Kraft gegeben. Diese Überzeugung war tief in ihm verwurzelt, diese Überzeugung hat ihn angetrieben, solange er das Unrecht gegenüber der schwarzen Bevölkerung und auch anderen Menschen sah.
„Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.“
Martin Luther King wurde am 4. April 1968 ermordet. Sein Traum ging weiter, viele andere haben seither daran mitgearbeitet…
Auch wenn sich im Bereich der Apartheid in den letzten Jahrzehnten einiges zum Guten hin gewandelt hat, so ist noch längst nicht alles an Ungerechtigkeiten behoben – Beispiele aus vielen Ländern der Erde, auch hier aus Deutschland zeigen leider immer wieder, wie wichtig das friedliche Kämpfen um Gerechtigkeit auch heute ist.
Ungerechtigkeiten gibt es in allen Bereichen unseres Lebens…

–        die (Un-)Gleichbehandlung der Geschlechter,
–        der Zugang zu Nahrungsmitteln und Wasser,
–        die Bildungschancen je nach sozialer Herkunft,
–        die finanziellen Möglichkeiten…

…um nur einige Aspekte zu nennen. Ich wünsche uns, dass bei uns Hunger und Durst nach Gerechtigkeit nicht aufhören!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17284

„Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich…“ Dieser Satz aus der Bibel kommt mir immer mal wieder in den Sinn, und damit verbunden die Frage: ‚Muss ich also arm werden?’ Was kann das heißen: ‚Arm sein vor Gott?’
Eine Klangschale kommt mir in den Sinn – wenn ich sie anschlage, so entfaltet sie einen angenehmen und schwingenden Klang: Der ganze Raum wird erfüllt. Das geht nur, weil diese Schale leer ist und weil sie frei zum Klingen kommen kann.
So kann diese Schale zu einem Beispiel für uns Menschen werden: Wenn ich leer werde im Abschalten, in der Stille, im Loslassen, kann ich Leib und Seele zum Schwingen bringen; ich werde empfänglich wie eine offene Schale…

Im Gebet eines Töpfers heißt es:
„Gott, mach mich zu einer Schale – offen zum Empfangen, offen zum Geben!“
Empfänglich also, nicht vollgestopft!
Offen – für das Lächeln meiner Mitmenschen,
Offen – für die tastenden Hände eines Suchenden,
Offen – für das Wort eines Freundes, der mir Mut macht oder auch Kritik übt. 

Wenn ich offen und empfänglich bin, dann gebe ich zu: ‚Ich bin nicht vollkommen’, ‚ich bin bedürftig’, ja, dann stehe ich zu meiner „Armut“.
Ich muss somit nicht erst „arm werden“, ich bin es bereits, wenn ich ehrlich bin. Jesus preist jene selig, „die arm sind vor Gott“, jene, die mit leeren Händen vor Gott stehen. Jene werden selig gepriesen, die nichts zu bieten haben – gerade deshalb können sie reich beschenkt werden!
Gott, mache mich heute zu einer offenen Schale – für Dich und für Menschen, die mir begegnen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17283

Auf dem Marktplatz in Assisi, einer kleinen Stadt in Italien, gibt es Zoff. Vater und Sohn streiten sich öffentlich. Vor allen Leuten macht Franziskus seinem Vater deutlich, dass ernicht wie erleben möchte, und dass er das Geschäft des Vaters nicht übernehmen wird. Franziskus hat andere Pläne im Kopf: Sein Leben soll einfach sein, ohne Besitz, auf der Seite der Armen und Kranken, auf der Suche nach Gott.

Zwei Generationen. Zwei unterschiedliche Lebensentwürfe.

In Assisi erinnert eine Kirche noch heute an diesen Konflikt zwischen Vater und Sohn. Inmitten der Chiesanouva ist ein kleiner Kerker erhalten geblieben.

Dort hat der Vater damals Franziskus eingesperrt. Bei Wasser und Brot gab er ihm viel Zeit zum Nachdenken. Das sollte ihn zur Vernunft und auf den rechten Weg bringen.

Heute sperren Eltern ihre Kinder nicht mehr ein. Aber Streitigkeiten gibt es immer noch.

Auch heute gibt es Väter, die bitter enttäuscht sind, wenn die Kinder das eigene Geschäft nicht übernehmen wollen.

Auch heute gibt es Eltern, die die Karriere ihrer Kinder schon von Anfang an vor Augen haben und alles dafür tun.

Auch heute gibt es Mütter, die sich eine scheinbar passendere Partnerin für den Sohn wünschen.

Doch so wie sich Eltern das denken, funktioniert das Ganze oftmals nicht.

Das hat auch bei Franziskus nicht geklappt: Bei ihmverstärkt sichsogar im Kerker dereigene Wunsch. Franziskus will auf jeden Fall die eigenen Lebenspläne verwirklichen.

Mir macht das klar:

Das, was Menschen antreibt, wonach sie sich sehnen und wofür sie leben möchten, lässt sich nicht unterdrücken. Kein Verbot und keine Mauern können das.

Und umgekehrt:

Erfüllte Lebenswege lassen sich nicht erzwingen. Das muss schon aus freien Stücken geschehen.

Und das kann so wie bei Franziskus sogarein heiliger und heilsamer Weg sein, ja ein Weg mit Gott, der den freien Menschen will.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17281

„Zu meinem 50. Geburtstag lade ich dich ganz herzlich ein.“ Die Einladung steckt im Briefkasten. Ich freue ich mich. Freue mich auf Peter, der einlädt, freue mich auf die gemeinsamen Freunde und Bekannten. Wir werden uns sehen, erzählen, gemeinsam feiern. Das Kleingedruckte entdecke ich erst später: Ich wünsche mir keine Geschenke. Ich wünsche mir einen guten Gedanken oder eine Idee. Na super! Das ist mal wieder typisch Peter! Denn gute Geschenke sind mir sofort eingefallen: Das neue Buch seines Lieblingsautors, einen Gutschein zum gemeinsamen Frühstücken oder was ganz Praktisches für den Haushalt. Aber das wollte er ja ausdrücklich nicht. Nichts zum Einpacken und nichts zum Auspacken. Er wünscht sich einen guten Gedanken oder eine Idee!
Noch nie habe ich mich so lange auf eine Geburtstagsfeier vorbereitet. Was ich anziehen soll oder welchen Kuchen ich mitbringen könnte, das war plötzlich alles nebensächlich. Ich habe mich mit dem Freund beschäftigt und an ihn gedacht:
Was habe ich mit ihm schon alles erlebt?Was verbindet uns? Was ist ihm wichtig? Je länger ich über den Geburtstagswunsch nachgedacht habe, desto besser hat er mir gefallen. Ideen bringen weiter, bewegen, etwas Neues auszuprobieren oder helfen, Dingeanders zu sehen. Und gute Gedanken machen froh. Sie stärken. Manchmal habe ich selbst eine tolle Idee. Die kommt einfach so. Beim Bügeln, beim Wandern oder unter der Dusche. Aber oft genug bringen mich auch andere auf eine gute Idee. Sieschlagen mir vor, wen ich für eine bestimmte Aufgabe ansprechen könnte, empfehlen, den Streit einfach mal mit Humor zu beschwichtigen oder das Problem aus der Sicht von Kindern zu sehen. Gute Ideen bringen Schwung und Abwechslung ins Leben, begeistern mich,  etwas anzupacken. Ichfinde, das hält sogar jung!
Und zum Glück hatte ich auch eine schöne Idee für Peter. Aber die verrate ich nicht. Die Idee passt nämlich nur zu meinem Freund.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17280

Abi 2014 – Auf vielen Autos kleben die neuesten Abi-Aufkleber. Abikini- knapp, aber passt! Oder: Abipunktur. Jeder Punkt kostet Nerven! Mit coolen Sprüchen und viel Humor wollen die jungen Leute zeigen, dass sie das Abitur geschafft haben.
Die Aufkleber zum Abi 2014 lese ich als Aufforderung: Freut euch mit mir! Die Schulzeit ist vorbei.
Abi 2014 heißt aber auch: Da ist ein junger Mensch auf der Suche nach etwas Neuem. Da überlegt jemand: Was will ich werden? Gar nicht so einfach.
Der Liedermacher Klaus Hofmann singt:„Wie oft wirst du noch kämpfen, wie oft noch lamentieren, dich aufbauen, behaupten müssen, siegen und verliern…Um zu werden, was du bist.“Das klingt nicht nur rosig. Was kommt, wird nicht nur himmlisch sein. Das ist nach jedem Lebensabschnitt so – und das muss den Abiturienten jetzt nicht die Feierlaune verderben. Aber in allem, was gelingt oder eben daneben geht, bei allem, was auf einen im Leben wartet, ist esentscheidend, zu werden, was du bist. 

Für mich gehört dazu: Herausfinden, was zu mir passt. Entdecken, wofür ich mich einsetzen möchte. Ausprobieren, was ich kann. Erfahren, wer zu mir steht.Und dann immer mehr werden, was ich bin, was mich auszeichnet, was mich einmalig macht. 

Darauf hat die Schule die jungen Menschen hoffentlich vorbereitet und sie ermutigt, immer wieder neu danach zu suchen.
Und dieses Lernen ist mit dem Abitur nicht abgeschlossen, das geht weiter. Eigentlichgeht es ein Leben lang darum, zu werden, was ich bin.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17288