Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Alle Maschinen stopp! Volle Kraft zurück.“ Ich glaube, ich bin auf dem falschen Dampfer. Das Schiff fährt in die falsche Richtung. Alles nochmal auf Anfang. Zurück in den Hafen. Dann in Ruhe überlegen. Was habe ich falsch gemacht? Oder hat der Kapitän einen falschen Kurs eingelegt?
Kennen Sie dieses Gefühl? Sie wissen, irgendetwas stimmt nicht. Aber Sie können nicht anhalten. Nicht in Ruhe nachdenken. Es geht einfach immer weiter.
Manchmal würde man gern aussteigen und sich das Leben in Ruhe betrachten. Von außen. Einfach mal das Bild einfrieren wie bei der Stoppfunktion des Fernsehers. Einfrieren, nochmal nachdenken und dann in die richtige Richtung weiter fahren. Aber das geht nicht.
Der Philosoph und Ökonom Otto Neurath hat einmal gesagt: „Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.“
Wir können nicht aussteigen. Wir sind mitten auf dem Meer, mitten im Leben. Wir können nicht einfach alles auf Null setzen und nochmal von vorn anfangen. Wir können nicht mal anhalten. Wir fahren immer weiter. Deshalb wollen wir ja auch wissen, ob wir auf dem richtigen Dampfer sind.
In der Bibel steht deshalb eine wichtige Bitte an Gott:
„Lass mich deinen Weg erkennen, Herr, und leite mich auf gerader Bahn.“ (Ps 27,11)
Wir können unseren Weg nicht überblicken. Wir müssen ihn einfach gehen. Schritt für Schritt. Aber Gott kennt den Weg für mich. Und Gott lenkt meinen Weg durch das Leben. Darauf vertraue ich. Auch auf einem falschen Dampfer kann man den richtigen Weg finden.
Dieses Vertrauen gibt mir Ruhe. Ich weiß, dass ich mein Leben nicht anhalten kann. Aber ich muss es auch nicht. Ich kann darauf vertrauen, dass Gott mein Leben begleitet. Vielleicht bin ich gerade wirklich auf dem falschen Dampfer. Aber Gott wird mich am Ende sicher nach Hause bringen. Auch wenn es manchmal etwas länger dauert.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16667

"Heute guck ich nicht erst unters Bett." Meine kleine Nichte schaut mich ganz entschlossen an. "Und in den Schrank auch nicht."
"Wie wäre es, wenn ich dir ein Nachtlicht hier lassen würde? Wäre das was?" frage ich sie.
Meine kleine Nichte hat Angst im Dunkeln. Das geht vielen Kindern so. Und wenn ich ehrlich bin: Nicht nur Kindern. Mir auch. Vielleicht Ihnen auch? Aber Sie schauen doch bestimmt nicht mehr unters Bett abends. Oder doch? Vielleicht ganz heimlich? Man weiß ja nie. Vielleicht liegt doch etwas Unheimliches unter dem Bett.
Meine kleine Nicht glaubt jedenfalls nicht mehr an Monster oder Gespenster. "Die gibt es nicht wirklich", sagt sie. Und sie glaubt auch wirklich daran. Aber wenn es dunkel wird, sieht die Sache anders aus.
Mir geht es da ganz ähnlich. Neulich musste ich von einer Veranstaltung nach Hause laufen. Und im Winter wird es ja ganz schnell dunkel. Das hatte ich unterschätzt.
Zwischen den Dörfern habe ich auf einmal Geräusche gehört, die ich gar nicht kannte. Und obwohl ich genau weiß, dass es in der Pfalz keine wirklich gefährlichen Tiere gibt, hatte ich die ganze Zeit ein schlechtes Gefühl im Nacken. Ich habe jedenfalls den Heimweg in Rekordzeit zurückgelegt.
Die Dunkelheit macht einfach Angst. Da helfen weder Kultur noch Zivilisation. Da hilft nur eins: Licht!
Deshalb vergleicht die Bibel Gott auch oft mit dem Licht. "Das Licht scheint in der Finsternis" (Joh 1,15) heißt es in der Bibel. Es gibt also Finsternis. Es gibt die Dunkelheit um uns herum. Und schon die ersten Christen wussten, dass uns das Angst macht. Aber sie waren davon überzeugt, dass es ein Licht gibt, das stärker ist als alle Dunkelheit. Gottes Macht zerstört die Finsternis. Gott bringt Licht in mein Leben. Macht es hell, damit ich keine Angst mehr haben muss. Was Gott für mich macht, das macht das kleine Nachtlicht für meine Nichte. Also stecke ich es in die Steckdose, damit sie es gut sehen kann. "Nur zu Sicherheit", sage ich, "ein kleines Licht.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16666

"Das habe ich schon immer so gemacht und das mache ich jetzt auch noch so!" Meine Oma macht wieder ihren berühmten Nachtisch. Himbeeren, weiße Schokolade und Joghurt.
Ich habe vorher gefragt: "Kannst du nicht mal ein bisschen weniger Schokolade nehmen und dafür ein bisschen mehr Joghurt? Das wäre doch vielleicht gesünder."
Und dann kommt das ganz alte Argument:
"Das habe ich schon immer so gemacht und darum ich das jetzt auch so."
So ein Argument haben Sie doch sicher auch schon gehört. "Das war schon immer so..." Das kann man zuhause genauso gut hören wie in einer politischen Diskussion.
Und es steckt ja auch Körnchen Wahrheit in dem Satz. Was einmal funktioniert hat, wird auch zweimal funktionieren. So denken wir. So machen wir Erfahrungen.
Wer "das war schon immer so!" sagt, meint also eigentlich: "Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Ich möchte nichts Neues ausprobieren. Das ist ein Risiko."
Aber manchmal stehen wir nun mal vor neuen Herausforderungen, manchmal haben wir neue Erkenntnisse.
In der Bibel geht das Abraham so. Er begegnet Gott. Und Gott fordert von ihm: "Verlass deine Heimat und die Familie deines Vaters und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde!" (Gen 12,1) Und Gott verspricht ihm ein gutes Leben. Aber dazu muss Abraham etwas riskieren. Gott will, dass er aufbricht. Er soll sein altes Leben verlassen. Mit diesem  "das war schon immer so" geht es nicht weiter. Abraham vertraut Gott und verlässt die alten Wege. Gott führt ihn in ein neues Leben. Und Abraham bereut nicht, dass er die neuen Wege gegangen ist. Auch wenn sie ein Risiko waren.
Beides ist also wichtig. Wir sollen aus Erfahrungen klug werden. Aber unsere Erfahrungen dürfen uns nicht festlegen. Wenn mich das Leben auf neue Wege führt, dann vertraue ich darauf, dass ich sie gehen kann. Weil Gott verspricht, dass er mit mir geht. Gott begleitet mich, wenn ich mein gewohntes Umfeld verlasse und mich neuen Herausforderungen stelle. Selbst bei einem banalen Nachtisch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16665

Mein Onkel hasst den Tag heute. Heute geht er nicht aus dem Haus. Zumindest nicht in Uniform. Denn gerade heute wollen die Leute ihn anfassen, ihm die Hand geben. Mein Onkel möchte aber nicht angefasst werden. Nur weil er Schornsteinfeger ist.
Schornsteinfeger bringen ja bekanntlich Glück. Ich kann verstehen, dass die Leute ihn gerade heute anfassen wollen. Wenn man heute einen Schornsteinfeger anfasst, dann bringt das Glück im neuen Jahr, sagt man.
Das hätte ich auch gern. Ich bringe das Glück dann zur Bank und lege es auf ein Sparkonto. Dann vermehrt es sich sogar. Und immer wenn ich Glück brauche, hebe ich ein bisschen ab. So kann ich immer Glück haben, wann ich will.
Das wäre schön, aber Sie wissen natürlich, dass das nicht geht. Glück kann man nicht aufheben und ansparen, nicht einmal verdienen. Die Bibel weiß, wo das Glück her kommt:
Gott nahe zu sein ist mein Glück. (Ps 73,28)
Gott und Glück gehören zusammen. Gottes Nähe bedeutet für mich Glück. Ich fühle mich dann ganz leicht. Ich spüre Wärme auf meiner Haut, eine zarte Berührung. Eine wundervolle Begegnung. Ich mache mir keine Sorgen. Ich habe keine Pläne, keine Arbeit, die auf mich wartet. Ich bin ganz bei mir und erlebe diesen einen Glücksmoment als etwas ganz Besonderes. Ich bin zufrieden.
Ich kann diesen Moment nicht machen, kann ihn nicht verdienen. Gott kommt zu mir und findet mich. Seine Nähe bringt das Glück mit.
Mein Onkel kann Ihnen also beim Glück nicht helfen. Aber Sie können ihm vielleicht zum Glück verhelfen. Er ist da recht bescheiden. Glück ist für ihn, wenn er mit einer Tasse Cappuccino in einem italienischen Eiscafé in Kaiserslautern sitzt. Wenn er viele Freunde und Bekannte um sich herum hat, mit denen er schwätzen kann, dann ist das für ihn Glück. Und wenn Sie ihm dann vielleicht ein Gläschen frisch gepressten Orangensaft zum Cappuccino ausgeben, dann hat er wirklich Glück gehabt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16664

"Hast du das Bild gemacht?", frage ich meine Frau und halte das Foto vom Strand hoch.
"Ich? Wieso ich? Du hast doch die ganze Zeit die Kamera gehabt."
"Dann müssen wir uns eine neue Kamera kaufen", sage ich.
"Warum denn?", fragt meine Frau, "das Bild ist doch gut."
Das finde ich nicht. Ich finde, es hat die Situation nicht richtig eingefangen.
Geht Ihnen das manchmal auch so? Sie schauen zuhause die Bilder an, die Sie im Urlaub gemacht haben. Vielleicht waren Sie über Weihnachten oder Silvester in den Bergen oder am Meer. Sie haben vielleicht einen wunderschönen Sonnenuntergang fotografiert. Die ganzen Farben, der Schnee, die vielen Reflexionen, das war so wunderbar. Aber auf dem Bild sieht man das gar nicht. Das sieht irgendwie blass aus.
Mir geht das regelmäßig so. Auf dem Bild fehlt etwas. Aber was?
Ich glaube, es fehlt der Moment. Das Bild ist nur ein fader Abklatsch des Momentes. Der Moment war so schön. Der leichte Wind, das Salz auf der Haut, der Geruch von Seetang, die untergehende Sonne, der Sand unter den Füßen. Daheim ist es einfach nicht dasselbe.
Den Moment können wir nicht festhalten. Manchmal ist das gut - denn wir erleben ja auch ganz böse und schreckliche Momente im Leben. Aber manchmal ist das auch schade. Die Sonne ist weg, das Farbenspiel ist vorbei. Unwiderruflich. Der Moment ist zu Ende.
Offenbarung - nennt die Bibel solche Momente. Oft sind es solche, die man gern festhalten würde und es doch nicht kann.
Offenbarung heißen sie, weil man in ihnen Gott begegnet. Wenn die Sonne ihre Strahlen in allen Farben auf die Erde scheinen lässt, oder wenn ein Freund herzhaft lachen muss, weil ich einen Witz gemacht habe, dann ist das für mich so ein Moment. Da fühle ich mich gut aufgehoben. Ich fühle mich geborgen und behütet. Ich fühle einen tiefen Frieden in mir und große Zuversicht. Das ist der Moment, den ich festhalten möchte. Ein Moment des Glücks. So ein Moment lässt mich an Gott glauben. Lässt mich auf Gottes Zusage vertrauen: Es wird alles gut.
Aber wenn ich das nächste Mal wieder einen Sonnenuntergang sehe, dann sage ich bestimmt wieder zu meine Frau: "Hast du die Kamera dabei?"

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16663

"Was ist das denn für ein Spinner", sage ich zu meiner Freundin. "Der hat ja noch eine Weihnachtsmütze auf. Und wie der daherkommt. Der hat ja nicht mehr alle Latten am Zaun."
Ja, so was sehe ich auf den ersten Blick. Da brauche ich nicht lange zu überlegen. Ich habe ein untrügliches Gespür für Menschen. Und finde auch immer ein schnelles Urteil.
Meine Freundin stößt mir den Ellenbogen in die Rippen. "Psst", sagt sie, "nicht so laut. Ich kenne den Armin, der ist kein Spinner. Das ist ein ganz armer Kerl. Der hat vor zwei Jahren einen Autounfall gehabt. Seitdem ist er ein bisschen schräg. Aber dass der überhaupt wieder selbständig leben kann, das hätten wir alle nie gedacht. Der hat sich richtig ins Leben zurückgekämpft. Ich bewundere den."
"Ach, so ist das", denke ich. "Dann ist er natürlich kein Spinner."
Kennen Sie das auch? Man sieht jemanden. Der sieht nicht ganz so aus, wie man das erwartet und schon hat man eine Meinung. Ganz schnell bildet man sich sein Urteil, bewertet eine Situation und liegt manchmal voll direkt daneben.
Gut, dass Gott das nicht so macht. Gott sagt: „Ein Mensch sieht, was in die Augen fällt; ich aber sehe ins Herz.“ (1.Sam 16,7). Gott lässt sich also nicht vom ersten Eindruck täuschen. Er bleibt nicht beim Äußeren eines Menschen hängen. Er geht tiefer. Sieht den ganzen Menschen an. Ganz genau.
Gott kennt den Armin besser als ich, besser als meine Freundin. Gott hilft ihm wieder auf. Nach seinem Autounfall hat er ihn wieder in die Spur gebracht. Und selbst wenn Armin vielleicht ein bisschen schräg daher kommt, bei Gott ist er genauso gern gesehen wie die Aufrechten und Senkrechten. Denn Gott sieht in sein Herz und weiß: Was außen schäbig und schräg erscheint, kann innen glänzen und strahlen. Gut, dass Gott kein schnelles Urteil fällt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16662