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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ohne mein Gottvertrauen wäre ich arm dran. Denn ohne Gottvertrauen bin ich für alles Mögliche ganz allein verantwortlich.
Nehmen wir mal die typische Situation: Ich beeinflusse die Entscheidung eines meiner Lieben.
Da beschwöre ich beispielsweise meine Tochter: „Fahr doch lieber mit der Bahn, als mit irgendeiner Mitfahrgelegenheit. Das ist viel sicherer.“
Und hinterher denke ich: Und wenn ihr jetzt auf dem Weg zum Bahnhof etwas zustößt? Oder auf dem Heimweg, mitten in der Nacht? Dann bin ich schuld. Weil ich ihr das geraten habe.
Und schon gehen mir tausend Horrorszenarien durch den Sinn – meine Fantasie kennt da keine Grenzen: Jemand könnte sie überfallen und ausrauben. Und ihr noch viel Schlimmeres antun… Oder ein Betrunkener könnte sie anfahren und Fahrerflucht begehen; sie könnte verletzt im Straßengraben liegen und niemand findet sie... - und erfrieren, bei der Kälte.
Merken Sie was? So bin ich auf dem besten Weg, bekloppt zu werden.
Dabei sind das alles nur Hirngespinste. Und Größenwahn. Denn weder kann  mein mütterlicher Rat etwas Schlimmes herbeiführen, noch kann ich kraft meiner Gedanken und Fantasien irgendetwas verhindern.
Aber, was bleibt einer Mutter, die sich ständig Sorgen macht?
Ich versuche mir immer wieder klarzumachen:
Erstens: Nicht ich lenke den Weltenlauf. Und zweitens: Dinge geschehen, ganz und gar unabhängig von meinen Sorgen und Fantasien. Das liegt nicht in meiner Macht.
Aber es gibt einen, in dessen Macht das liegt: Gott. An den kann ich mich wenden und ihn bitten, dass er meine Lieben beschützt.
Das garantiert natürlich nichts. Aber wenn ich Gott meine Sorgen und Horror-fantasien überlasse, dann werde ich wieder ruhiger. Ich spüre direkt, wie mich das entlastet: das Vertrauen in Gott und Vertrauen in das Leben.
Und ich kann wieder aufatmen.

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„Lasst uns froh und munter sein…“: Heute ist Nikolaustag. Ich möchte Sie nur daran erinnern - falls Sie es vergessen haben, und Sie haben noch Kinder im Haus…
Mir ist das schon passiert: Also nicht, dass ich den Nikolaustag an sich vergessen hätte. Nur, ich bin an dem Abend wohl zu spät ins Bett gegangen, oder vor dem Fernseher eingeschlafen, ich weiß es selbst nicht mehr genau…
Jedenfalls habe ich doch glatt die Stiefel vergessen.
Das gab ein Geheul, am nächsten Morgen! Ich kann Ihnen sagen, das war kein frohes Erwachen. Meine Kinder waren noch klein und voller Vertrauen in die Zuverlässigkeit des Nikolauses. Schließlich liegen dem Nikolaus, dem einstigen Bischof von Myra, bekanntermaßen die Belange der Kinder besonders am Herzen. Das lernt man schon im Kindergarten. Und deshalb war auch die Enttäuschung meiner Kinder, als sie früh morgens aus ihren Bettchen gekrabbelt und voller Erwartung in ihre Stiefel geschaut haben, grenzenlos.
Ich versuchte, sie zu beruhigen und erklärte, der Nikolaus habe sich einfach nur verspätet; das könne schon mal vorkommen, schließlich habe er doch unglaub-lich viel zu tun an diesem Abend.
Und dann schlug ich ihnen vor: „Jetzt krabbelt noch mal schnell in Eure Betten zurück, macht das Licht aus und tut eine halbe Stunde so, als ob Ihr schlaft. Dann hat der Nicolaus noch eine zweite Chance.“     
Das musste ich nicht zweimal sagen. Sie verschwanden schnell in ihren Betten, und siehe da, als sie das nächste Mal in ihre Stiefel gucken, sind sie voll.
Sagte ich doch: Der Nikolaus hatte sich nur ein wenig verspätet…
Als meine Kinder größer wurden, dachte ich: Jetzt brauchen sie keinen Nikolaus mehr; jetzt kann ich das getrost vergessen. Aber von wegen! Am frühen Morgen hielten sie mir vorwurfsvoll ihre leeren Stiefeln unter die Nase und sagten:
„Was bist Du eigentlich für eine Mutter? Als wir klein waren, kam der Nikolaus zu spät. Und jetzt lässt Du ihn nicht mal mehr ins Haus!“
Und wieder bekam der Nikolaus eine zweite Chance.
Jetzt stehen keine Stiefel mehr vor der Tür. Schade. Aber wenn ich mich an diese Nikolaustage zurückerinnere, bin ich augenblicklich froh und munter.

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Hand aufs Herz: Würde Ihnen auffallen, wenn da plötzlich ein Stern aufleuchten würde? - Heller als alle anderen? Wie damals, bei den drei Weisen aus dem Morgenland, in Bethlehem?
Mir würde so ein Stern nicht auffallen. Bei uns in der Stadt ist es nachts so hell, da kann man die Sterne kaum sehen. Und das ist schade. Denn der Anblick der Sterne hatte immer so eine ganz besondere Wirkung auf mich:
Da wird mir immer bewusst: Wie winzig bist du doch im Vergleich zu diesem Universum! Und wie unendlich weit ist jeder Stern von mir entfernt!
Das finde ich atemberaubend!
Diese Millionen von Sonnensystemen, Millionen von Lichtjahren voneinander entfernt - und ich hier, so winzig klein und unbedeutend. Und doch: Das alles zusammen ist Gottes Schöpfung. Und ich - mag ich auch noch so winzig sein - gehöre dazu. Das macht mich irgendwie glücklich.
Und gleichzeitig muss ich über Dinge lächeln, die mir - bei Lichte betrachtet - noch so manchen Nerv geraubt hat.
Und noch etwas wird mir beim Anblick der Sterne immer wieder bewusst:
Was für ein Wunder es ist, die Welt und der Kosmos, in dem wir leben.
- Wer dieses gigantische Universum erschaffen hat, dem ist alles möglich.
Auch auf die Welt zu kommen, in einem kleinen Menschenkind, wie damals, in Bethlehem.
Das ist mir im Kloster Engelport aufs Neue klargeworden. Kloster Engelport liegt in einem engen Tal, am Rande des Hunsrücks. Dort funktioniert nicht mal mehr das Handy. Aber nachts ist es so dunkel, dass man unwillkürlich zu den Sternen schaut. Und da hatte ich einen atemberaubenden Blick ins Firmament.
In Engelport würde mir auffallen, wenn da plötzlich ein Stern heller leuchten würde, als alle anderen.
Es ist wohl so: Wer sich nach den Sternen sehnt, muss hin und wieder die Dunkelheit aufsuchen.


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„Wie stellen Sie sich Gott eigentlich vor?“ - Das ist Dorothee Sölle, die berühmte Theologin, wohl tausendmal gefragt worden: Wie stellen Sie sich  Gott eigentlich vor?
Ihre Antwort: „Mal so, mal so. Als Vater oder Mutter oder Morgenglanz der Ewigkeit oder d-Moll-Klavierkonzert. Kommt darauf an, wo ich Gott treffe.“
Mir geht es genauso. Manchmal treffe ich Gott draußen, in einem windigen Herbsttag. Oder in einem Lied, das mir durch und durch geht. Oder in der Schönheit eines Menschen.
Oft treffe ich ihn im Krankenhaus. Ich freue mich, wenn ich ihm begegne; mir wird dann gleich viel leichter ums Herz. Dann spüre ich zwar immer noch die Schwere von Krankheit und Sterben, aber meine Hoffnung ist groß und wach. Und die Zweifel sind klein.
Im Sommer habe ich Gott an einem Sterbebett getroffen. Ich war allein mit der Sterbenden, saß in einiger Entfernung von ihrem Bett. Ich bin wie immer meinem Gespür gefolgt. Bei dieser Frau hatte ich das Gefühl: ich störe, wenn ich mich zu nah an sie heran setze.
Ich sitze lange Zeit bei ihr, bete leise, singe, schweige. Sehe sie an. Sie ist noch nicht sehr alt; vielleicht zehn Jahre älter als ich.
Die Morgensonne scheint sanft ins Zimmer.
Die Frau ist schon ganz weggetreten. Sie kann sich nicht mehr rühren.
Und doch: Plötzlich bewegt sich was. Ich schaue auf und traue meinen Augen nicht:
Die Frau hebt ganz langsam beide Arme in die Höhe. Ihre Augen sind weit geöffnet und sie blickt nach oben, als ob sie etwas Wundervolles sieht. – Dem  streckt sie sich entgegen. Ein kurzer Augenblick, dann sinken ihre Arme wieder herab. Und sie haucht ihr Leben aus.
Ich bin sehr ergriffen und kann mich lange nicht rühren. Das war ein großer Augenblick. Für mich sah es so aus, als ob Gott sie abgeholt hätte; direkt vor meinen Augen. Ganz feierlich. Und schön.
So habe ich das noch nie erlebt.
-Wie ich mir Gott vorstelle? „Morgenglanz der Ewigkeit“, für diesen Augenblick. - Weil er so erhaben war und ewigkeitsverheißend.

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„Kopf hoch!“ – Das bekommen die Menschen manchmal zu hören, wenn sie grad am Boden sind. „Kopf hoch! Morgen sieht die Welt ganz anders aus.“
Und irgendwie stimmt das ja auch: Wenn ich meine äußere Haltung ändere, ändert sich auch ein bisschen was an meiner Gefühlslage. Wenn ich also den Kopf anhebe, fühlt sich das anders an, als wenn ich ihn hängen lasse.
Solche Aufmunterungen sind meistens gut gemeint. Doch manchmal bewirken sie das Gegenteil:
Da liegt zum Beispiel eine junge Frau im Krankenhaus und weint, weil sie eine Fehlgeburt hatte.
Ihre Bettnachbarin, eine ältere Frau, sagt:
“Ach, Kindchen, das passiert jeder Frau einmal. Kopf hoch, Sie sind doch noch so jung! Eh Sie sich versehen, sind Sie wieder schwanger.“
Sie sagt das ganz lieb und freundlich. Aber die junge Frau dreht den Kopf weg und weint noch mehr.
Warum?
Weil sie sich nicht verstanden fühlt.
Wenn jemand traurig ist, und verletzt, dann hilft es nicht, wenn man versucht, die Ursache kleinzureden. – So wie das manchmal bei kleinen Kindern gemacht wird, wenn sie sich das Knie aufgeschürft haben und man sagt: „Ist doch gar nicht so schlimm! Ist doch gar kein Grund zu weinen.“
Das ist nicht tröstlich, auch für kleine Kinder nicht.
Trösten heißt ernstnehmen. Die Tränen eines anderen ernst nehmen. Und seine Gefühle auch. Trösten heißt im Fall der jungen Frau: sie so sein lassen, wie sie gerade ist. Sie hat ein Kind verloren. Und mag es noch so winzig gewesen sein - die Hoffnung und die Freude waren vielleicht schon riesengroß. Und miteinem-mal ist dieses Glück weg. Das muss erst mal verschmerzt werden. Sie hat guten Grund, den Kopf hängen zu lassen, so lange sie sich danach fühlt.
Also: Nie wieder sagen: „Kopf hoch!“?
In dramatischen Situationen ist es sicher ungeeignet.
Aber als ich mal zerknirscht war, weil ich einen Fehler gemacht habe, da hat es mir schon gut getan, als mir einer gesagt hat: „Kopf hoch! Morgen sieht die Welt ganz anders aus.“

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Es gibt Begegnungen, die ergeben sich zufällig. Doch eh ich mich versehe, bin ich mitten in einem tiefen Gespräch. Einfach so, zwischen Tür und Angel.
Da stehe ich z. B. vor dem Aufzug in unserem Krankenhaus. Der Aufzug öffnet sich und ein junges Paar, so Anfang zwanzig, möchte aussteigen.
„Sind Sie sicher?“ frage ich. „Das ist erst der dritte Stock.“
„Oh!“  Sagen sie und treten wieder zurück.
Das kommt öfters vor: im dritten Stock sind nur Büros; aber wenn der Aufzug auf dem Weg nach unten ist, meinen viele Besucher, sie seien schon angekommen.
Jetzt ist das Pärchen im Aufzug neugierig geworden. Beide beugen sich vor um zu lesen, was einen im dritten Stock denn so erwartet.
„Krankenhauseelsorge…“, liest der junge Mann. „Was ist denn das?“
„Das bin zum Beispiel ich“, antworte ich. Und ich erzähle ihnen auf dem Weg nach unten und beim Hinausgehen, was ich so mache. Sie hören sehr aufmerksam zu.
„Dann trösten Sie also die kranken Leute und machen ihnen Hoffnung?“ fragt der junge Mann.
„Naja“, sage ich. „Ich mache einem Sterbenskranken sicher keine Hoffnung, dass er wieder gesund wird. Aber ich gehe auf das ein, was ihn bewegt. Und wenn man sich verstanden fühlt, das tröstet.“
Die beiden bleiben stehen.
Und dann erzählen sie mir von der tödlichen Erkrankung der Mutter. Und von ihren Sorgen: Wird der Vater die Belastung noch lange aushalten? Und was wird aus den jüngeren Geschwistern, die die Mutter doch noch so sehr brauchen? Und: Ob sie Weihnachten wohl noch alle beisammen sind…?
Um uns herum laufen viele Leute hin und her, aber wir drei sind ganz versunken; wie in einer anderen Welt.
Als wir wieder auftauchen und uns verabschieden, bedanken sie sich.
Ich schaue ihnen nach. – Was für eine intensive Begegnung! Einfach zwischen Tür und Angel. So geschieht Trost oft: Man hält gemeinsam inne und die Welt ringsum tritt in den Hintergrund. Und wenn man wieder auftaucht, fühlt man sich ein bisschen besser. Weil jemand zugehört hat.

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Heute beginnt die Adventszeit, direkt mit dem ersten Advent. Wer einen Adventskranz hat, kann also das erste Licht anzünden - ganz so, wie Millionen andere Christen auf der ganzen Welt. Denn spätestens ab heute erstrahlt es überall im adventlichen Vorweihnachtsglanz.
Wenn ich so zurückblicke:
Die schönsten Weihnachten, an die ich mich erinnere, waren vor meinem elften Geburtstag. Obwohl es da eigentlich gar nicht so weihnachtlich zuging. Ich lebte damals mit meiner Familie in Lateinamerika. Und da war in der Adventszeit  immer grad Hochsommer. Wir liefen in Sandalen rum und kurzen Hosen, und fuhren ans Meer zum Schwimmen.
Damals habe ich von der weißen Weihnacht in Deutschland geträumt:
Von den Lichtern und Kerzen in den Häusern. Von der Dunkelheit ringsum. Und vom Schnee, an den ich mich nicht mehr erinnern konnte.
Meine Eltern hatten nur ein kleines Auskommen, aber das war nicht weiter schlimm. Denn dort lebten fast alle in bescheidenen Verhältnissen; viele waren arm. Als Weihnachtsgeschenk nähte meine Mutter ein altes Kleidungstück für mich um. Und es gab für jedes Kind einen Teller mit Süßigkeiten. Aber nie war ich aufgeregter am Heilig Abend, als in jenen Tagen.
Als wir wieder nach Deutschland zurückkehrten, war ich zehn. Es kam mir vor wie im Schlaraffenland: Da gab es eine Auswahl an Schokolade, davon konnte man nur träumen. Und Spielsachen – so etwas hatte ich noch nie gesehen. Und mein Vater verdiente ein richtiges Gehalt.
Jetzt gab es an Weihnachten große Geschenke: Ich bekam ein Radio, eine Gitarre und einen Schlitten. Ich dachte, ich würde nur so platzen vor Glück. Aber ich musste wehmütig feststellen: Es fühlte sich nie mehr so schön an, wie früher.
Wie kommt das?
Vielleicht, weil man dem Geheimnis von Weihnachten näher ist, wenn es einfach zugeht und bescheiden; wenn man - wie in der Weihnachtsgeschichte -noch etwas spüren kann von ärmlicher Krippe und zugigem Stall. Und von der Hoffnung, die dort im Dunklen geboren wird.
Ja, seither denke ich manchmal: Mir geht´s zu gut. - Nicht, dass ich das beklagen möchte. Aber ich weiß: es kann auch etwas verloren gehen, dabei.

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