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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Familie ist etwas Tolles!!", hat meine Freundin mal gesagt. „meine Familie kann ich ohne schlechtes Gewissen fragen, ob sie mir beim Umzug hilft. Es ist schließlich meine Familie und die muss mir helfen."
Und sie macht das auch. Da schleppen die beiden Brüder die Waschmaschine in die neue Wohnung - sogar in den vierten Stock -, der Vater schraubt die Lampen an die Decke, die Mutter kocht für alle. Und am Ende sitzen sie zwischen den halb ausgepackten Kisten und Regalbrettern, essen, reden und lachen.
Familie ist etwas Tolles! Da muss ich meiner Freundin Recht geben.
Dieser Zusammenhalt, diese gegenseitige Hilfe.
In meiner Kirchengemeinde ist das nicht viel anders.
Da ist Herr Paulus. Der ist immer da, wenn's brennt. Schwingt sich an seinem freien Tag ins Auto schwingt und holt, was dringend gebraucht wird.
Da ist Herr Bähr, der besucht Gemeindemitglieder, die krank oder alleine sind.
Da sind die Konfirmandinnen und Konfirmanden. Die tragen beim Gemeindefest den Älteren ihr Essen zum Platz und räumen anschließend die Tische ab.
Wie in einer Großfamilie mit älteren und jüngeren Geschwistern, die aufeinander achten.
Natürlich sind in meiner Kirchengemeinde nicht alle miteinander verwandt. Und trotzdem gehen wir wie eine Familie miteinander um. Das kommt daher, dass wir glauben: Wir haben alle den einen Vater im Himmel Und der liebt uns, so wie ein Vater seine Kinder liebt. Das macht uns zu Brüdern und Schwestern.
Natürlich kann man nicht alle Geschwister gleich gut leiden. Das ist wie in jeder Familie.
Aber wenn's Mal knirscht, versuchen wir uns daran zu erinnern: Gott ist unser Vater im Himmel. Und er liebt uns so wie wir sind. Und will, dass wir wie Geschwister füreinander sind - so wie meine Freundin das mit ihrer Familie erlebt.
Übrigens, morgen um 10 Uhr ist wieder Familientreffen. Auch in Ihrer Kirchengemeinde. Und wenn Sie mögen, schauen Sie doch mal vorbei. Sie sind herzlich dazu eingeladen!

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Schön, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat. Aber oft weiß man es eben nicht.
Da sind zum Beispiel der lustige Lebemann Lars und die strebsame Susanne aus Mainz. Das jedenfalls wird für die Zuschauer am Bildschirmrand so eingeblendet.
Sie müssen sich nicht die Mühe machen, sich eine eigene Meinung von den beiden zu bilden. Die Produzenten der Sendung haben ihnen das abgenommen: Der Lebemann und die Streberin. Ach so!
Bei meinen alltäglichen Begegnungen läuft das ähnlich - mit Bildern, die ich im Kopf habe.
Da ist zum Beispiel der Kollege, der immer viel redet aber nichts sagt.
Oder der Schuhlabbrecher, der nie was zu Ende macht.
Oli ist so einer. Keinen Hauptschulabschluss, eine Lehre angefangen, abgebrochen, vorbestraft, weil er mal einen Roller geklaut hat.
Zum Vorstellungsgespräch geht er in zerrissener Hose und schlabbrigem T-Shirt.
Wenn die schon wissen, wer ich bin, denkt er sich, dann brauche ich mir auch keine Mühe mehr zu geben.
Aber einmal ist einer gekommen, der hat Oli nicht so beurteilt wie die anderen. Einmal hat ihn einer gefragt, wer er gerne sein möchte.
Jesus war auch so einer. Und hat uns gezeigt, wie das gehen könnte. Einmal begegnet er in einer feinen Gesellschaft einer Prostituierten. Aber er behandelt sie nicht wie man damals solche Frauen behandelt hat. Er spricht mit ihr, glaubt ihr, dass sie ihn liebt und kein Geschäft mit ihm sucht. Und er sieht, wer sie wirklich sein könnte.
Oli ist auch so jemandem begegnet. Seinem neuen Chef. Der hat ihm einen Ausbildungsplatz gegeben. Und redet oft mit ihm.
Jetzt arbeitet Oli im Lager. Jeden Morgen fängt er um 6 Uhr an. Mittlerweile ist er sogar für die Bestellungen verantwortlich, wenn sein Chef im Urlaub ist.
Wenn ich Oli treffe, erzählt er stolz von seiner Arbeit, von den Kollegen und davon, was er nach der Ausbildung einmal machen möchte. Letztes Mal hatte er sogar ein Hemd an.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16134

„Schau mal, was ich gemalt habe!" sagt Lukas, 3 Jahre alt und hält mir und seiner Mutter ein Blatt Papier hin.
Es ist knallbunt mit krakeligen Kreisen und krummen Strichen. Schwer zu sagen, was das sein soll. „Toll!" sagt seine Mutter, freut sich und hängt das Bild kurzerhand an die Kühlschranktür.
Toll, denke ich. Wie Lukas sich über sein Bild freut. Natürlich weiß er, dass das Bild nicht jeder versteht. Und dass man das sicher noch besser malen könnte. Aber er hat Mut auch mal was zu tun, was nicht perfekt ist.
Den wünsche ich mir auch für Tim.
„Ich kann nicht malen", sagt er und sitzt schon seit 10 min vor dem leeren Blatt Papier.
„Glaub ich nicht", sage ich und wir malen gemeinsam. Tim hat Recht, so gut malen wie sein Sitznachbar kann er nicht. Zum großen Künstler wird es wahrscheinlich nicht reichen. Aber muss es ja auch nicht. Tim will sowieso lieber Feuerwehrmann werden.
Dieser Mut zur Unvollkommenheit! Einfach mal ausprobieren.
Den wünsche ich mir auch öfters.
Wäre doch schade, wenn nur der malen dürfte, der besonders begabt ist.
Oder wenn nur der singen dürfte, der bei Deutschland sucht den Superstar gewonnen hat.
Nobody is perfect. Bei anderen macht mir das gar nichts aus, wenn sie nicht perfekt sind.
Nur ich selber - ich wär doch gerne hin und wieder so.
Ich würde gerne in meinem Beruf alles richtig machen: Immer für alle Zeit haben und ein offenes Ohr für jeden. Immer die richtigen Worte finden und für jedes Problem eine Lösung parat haben.
Klappt natürlich nicht. Muss es auch nicht.
„Macht mal", hat Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern gesagt und sie losgeschickt. „Tut den Menschen Gutes und erzählt von mir." Das hat er zu Petrus gesagt, der auf dem Wasser untergangen ist, und zu Judas, der ihn verraten hat. Alle alles andere als perfekte Menschen.
Trotzdem oder gerade deshalb: Macht mal, probiert es aus.
Lasst auch mal Fünfe gerade sein.
Denn nobody is perfect.
Perfekt ist nur Gott.
Und Gott sei Dank schaut er uns mit liebevollen Augen an.
So wie bei Lukas und seiner Mutter.
Also: Mut zur Unvollkommenheit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16133

Wollt ihr ohne Geschichte einschlafen oder soll ich euch im Bett noch was vorlesen? Mit diesem Trick habe ich früher immer unsere Kinder ins Bett bekommen. Ich habe sie einfach zwischen zwei Möglichkeiten wählen lassen. Natürlich haben sie die weniger schlimme gewählt- Geschichte vorlesen im Bett. Und dabei völlig vergessen, dass sie eigentlich noch nicht ins Bett wollten.
Manche Politiker machen das mit Erwachsenen so. Wochenlang hieß es: Wollt ihr den schrecklichen Giftgasanschlag auf unschuldige Syrer einfach hinnehmen? Oder wollt ihr einen Militärangriff? Gewalt oder Gleichgültigkeit? Ich finde so eine Alternative gottlos.
Weil es immer einen dritten Weg gibt. Jesus selbst steht dafür ein. „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben." hat er gesagt. Und „Wachet und betet". Es ist der Weg der klugen Diplomatie und des Gebets.
Vor einigen Jahren war die pakistanische Ärztin Ruth Pfau bei uns zu Gast. Sie erzählte uns, wie das war, zu Beginn des Krieges im Irak. „Damals, so die Ärztin, sind in Pakistan die Islamisten durch die Dörfer gezogen. Sie haben die Bevölkerung zum Krieg gegen den Westen aufgerufen und haben Jugendliche Selbstmordattentäter gesucht. Aber es ist ihnen nicht gelungen. Warum? In Pakistan haben die Leute nämlich sogar in den Dörfern einen Fernseher. Und dort haben sie gesehen, dass „der Westen" gar nicht kriegslüstern ist, wie die Radikalen gesagt haben. Sie haben gesehen, wie in vielen westlichen Städten die Leute auf der Straße gegen diesen Krieg demonstriert haben. Sie haben gesehen, dass Christen für ein Ende der Gewalt gebetet haben. „Glaubt nicht, ihr seid ohnmächtig, hat die Ärztin gesagt. Mit euren Gebeten und Demonstrationen habt ihr viele Terroranschläge verhindert."
Wie der Konflikt in Syrien am Ende ausgehen wird, wissen wir nicht. Aber wie damals braucht es auch heute einen dritten Weg- jenseits von Gewalt oder Gleichgültigkeit. Wach bleiben, beten und den Flüchtlingen Gastfreundschaft erweisen. Das ist es, was wir tun können. Und die Mächtigen an ihre Pflicht ermahnen, zu verhandeln. Klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16088

Soziale Gerechtigkeit. Dafür beneiden uns viele im Ausland. Weil es sie nur in wenigen Ländern der Welt gibt. Aber was ist das eigentlich: soziale Gerechtigkeit?
Stellen Sie sich vor- drei Jungs stehen vor einem Bretterzaun. Ein großer, ein mittelgroßer und ein kleiner Junge. Hinter dem Zaun gibt's ein Fußballspiel, aber die drei können es nicht sehen, der Zaun ist zu hoch. Sie bräuchten was zum Draufstehen. Also bekommt jeder eine Kiste unter die Füße.
Der große Junge kann jetzt prima das Spiel sehen. Aber die anderen beiden sind immer noch zu klein. Was wollt ihr? Ihr habt doch eine Kiste bekommen? Das war doch gerecht, oder? Nein, meint die Geschichte. Das ist nicht Gerechtigkeit, das ist Gleichmacherei.
Gerechtigkeit sieht so aus: Der Große bekommt eine Kiste, der mittlere zwei und der kleine drei. Soviel Kisten wie sie brauchen, um beim Spiel dabei zu sein. Das ist Gerechtigkeit. Jedenfalls das, was die Bibel unter Gerechtigkeit versteht.
Gottes Gerechtigkeit, so die Bibel, hat zuerst die im Blick, die nicht aus eigener Kraft „über den Zaun" schauen können. In biblischen Zeiten waren das die Witwen, Waisen und Behinderten. Heute sind das zB. Alleinerziehende, Hartz IV Empfänger, chronisch Kranke. Die dürfen nicht verloren gehen, sagt die Bibel. Erst dann ist es gerecht.
Und das ist die Wurzel unserer sozialen Gerechtigkeit. Keiner darf verloren gehen. Auch der kleinste soll mitreden dürfen- über das Fußballspiel hinterm Zaun freuen. Das ist übrigens auch für den Großen besser. Dann ist er mit seiner Freude oder seinem Frust nicht allein.
Manchmal, wenn ich durch unsere Stadt gehe, denke ich: Was für ein Segen ist das, wenn bei uns Leute aus den verschiedensten sozialen Schichten miteinander ein Dorf- oder Kirchenfest feiern, wenn sie miteinander öffentliche Gärten anlegen, pflanzen und ernten. Was für ein Segen, wenn man um seine Kinder allein zur Schule fahren lassen kann. Gar nicht selbstverständlich ist das. Aber das ist soziale Gerechtigkeit. Keiner darf verloren gehen. Eine große Aufgabe.

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Normalerweise hab ich so meine Betriebsgeschwindigkeit. Aufstehen, duschen, mit der Kaffeetasse in der Hand Blumen gießen, auf der Fahrt zum Büro eine Telefonat und im Aufzug mit dem Kollegen einen Termin besprechen. Das sind wie kleine Rituale, die mir das Gefühl geben: das flutscht, du hast dein Leben im Griff, du managst das.
Bis meine Mutter kommt. Die ist zwar ganz fit und schnell im Kopf, aber mit dem Laufen ist das so ne Sache. Ohne Arm oder Rollator geht gar nichts. Besser noch wäre Rollstuhl. Aber am liebsten ist ihr der Arm. Man hat ja auch noch ne Würde! Meint sie.
Und dann passiert es. Ihre Würde bremst mich aus. Allein von der Wohnungstür bis zum Auto dauert es dreimal so lang wie gewohnt. Wenn wir dann endlich, endlich im Laden sind und an der Kasse stehen, nestelt sie umständlich am Geldbeutel rum und lässt die Kassiererin mit freundlichem Lächeln einfach- warten. Wenn wir dann raus gehen und durch die Einkaufsmeile laufen, sie am Arm,  muss ich immer wieder mindestens einen Gang runterschalten.
Ein Philosoph hat mal gesagt: es gibt zwei Arten von Zeit. Die eine Zeit ist die, die man plant, organisiert und optimiert. Da ist man der Macher, die Managerin. Da flutscht es. Und dann gibt es die andere, die geschenkte Zeit. Da gibt man die Kontrolle ab. Ist einfach nur da. Weil einen jemand braucht. Die alte Mutter, das Baby, die Freundin, die weinend am Telefon ist. Und dann wird man mitten im Lauf ausgebremst.
So muss es auch zwei Männern ergangen sein, von denen die Bibel erzählt. Die beiden wollen ihren kranken Freund zu Jesus bringen, damit er ihn heilt. Aber die Menschenmasse bremst sie in ihrem Vorhaben aus. Es ist kein Durchkommen. Also schleppen sie ihren kranken Freund aufs Dach, decken mühsam Ziegel um Ziegel ab und lassen ihn von oben an Seilen runter. Direkt vor Jesu Füße.
Und dann erleben sie etwas Wunderbares. Sie erleben, wie ihr Freund heil wird. Und sie gleich mit. Und so ergeht es mir mit meiner Mutter. Erst ist es nervig. Dann spüre ich eine wunderbare Ruhe. Geplante Zeit und verschenkte Zeit. Beides ist nötig, wenn etwas heil werden soll.

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Heute wird es spannend. Denn heute entscheiden wir, wie die Politik in unserem Land weitergehen wird.
Wer gewinnt? Wahrscheinlich werden heute Abend alle Spitzenpolitiker erst mal sagen: wir haben gewonnen. Das ist ja fast schon Ritual, auch wenn sie nicht zum erhofften Ergebnis gekommen sind.
Welches Konzept, welche Partei wird über die anderen siegen?
Vor fast 2000 Jahren schreibt ein gewisser Johannes an seine Gemeinde: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat." (1.Joh.5,4) Darüber werden sich eine Zeitgenossen amüsiert haben. „Der christliche Glaube- ein Sieg? Ist dieser Jesus von Nazareth nicht jämmerlich am Kreuz gestorben? Umgeben von einer Handvoll unbedeutender, kleiner Leute?"
„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat."
Damals hätte sich keiner träumen lassen, dass der christliche Glaube einen solchen Siegeszug antreten würde. Dass es heute  Menschenrechte gibt, hat etwas mit dem christlichen Glauben zu tun. Dass bei uns jeder Mensch vor dem Gesetz gleich ist und dass jeder- unabhängig von Stand und Einkommen heute seinen Kaiser, pardon, seine Regierung selber wählen darf. Das ist für mich der größte Sieg des christlichen Glaubens.
Der Sieg des Glaubens geht nicht immer mit dem Erfolg einher. Viele sind für diesen Glauben gestorben. Wie Jesus selber ja am Kreuz scheinbar gescheitert ist. Und doch hat er am Ende gewonnen. Weil das, wofür er gelebt und gekämpft hat, einfach wahr ist: Gott ist nämlich die Liebe. Eine Liebe, die allen Menschen gilt. Und dass diese Liebe wird sich am Ende durchsetzen.
Wenn ich für eine Sache gekämpft und trotzdem verloren habe, dann tröstet mich das.  Weil ich weiß. Es war richtig, dass ich mich engagiert habe. Es war richtig, für mehr Menschlichkeit etwas zu tun. Jesus hätte es ähnlich gemacht, ähnlich gewollt. Wenn ich das sagen kann, habe ich für mich trotzdem gesiegt. Auch wenn der Sieg nicht unbedingt mit äußerlichem Erfolg gekrönt war. Auch wenn ich vor Anderen nicht als strahlender Sieger dastehe.
Und das wünsche ich heute allen, die in den vergangenen Wochen für ihre politische Überzeugung gekämpft haben. Dass sie sagen können: es war richtig, auch wenn es nicht von Erfolg gekrönt war. Manchmal sind es die Verlierer, die den eigentlichen Sieg davontragen.

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