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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Möchten Sie auch immer gerne recht haben?
Meine Kinder haben mir früher öfter vorgeworfen,
ich würde mich nur dann mit ihnen streiten,
wenn ich schon vorher wüsste, dass ich recht habe.
Und das würde so gar keinen Spaß machen.
Und irgendwie haben sie ja auch recht.
Jedenfalls bin ich auf eine Geschichte gestoßen,
in der mir Jesus eine ganz andere Variante vormacht:
Dazulernen ist auch schön.
Jesus ist dazu unterwegs, außerhalb seiner Landesgrenze,
und da trifft er auf eine Frau, die ihn offenbar kennt vom Hören sagen,
deshalb weiß, dass dieser Wanderprediger helfen und heilen kann,
und sie stellt sich ihm in den Weg und gibt eine mutige Bestellung auf.
Sie sagt, dass sie Hilfe braucht für ihr krankes Kind.
Jesus lässt sie links liegen und denkt wohl: Ist ja nur eine Heidin
Seine Begleiter bestätigen ihn darin, sich nicht zu kümmern!
Die Frau aber lässt nicht locker und ruft ihm hinterher.
Da wendet sich Jesus doch um. Aber nur um ihr zu sagen,
dass er sich für sie nicht zuständig fühlt.
Weil sie eine Heidin ist und er ein Jude.
Und dass er sich nicht um alle kümmern könne.
Bei der Gelegenheit beleidigt er nebenbei diese Frau so dermaßen,
dass man sich nach mehr als 2000 Jahren für ihn schämen möchte,
denn er sagt: Es ist nicht in Ordnung, dass man seinen Kindern, also seinen Landsleuten, das Brot wegnehme und es den Hunden, also einer Heidin wie ihr, gebe.
Dazu muss man wissen, dass die Kategorie Hund im Orient so ziemlich die unterste Schublade ist. Die Frau aber lässt sich nicht kränken
Und ruft ihm hinterher: „Und doch leben die Hunde von dem, was von der Herren Tische fällt!"
Die Frau macht ihm klar, dass sein enges Denken von wegen Zuständigkeit nur für Mitglieder des erwählten Volkes nicht zu halten ist.
Gottes Liebe ist nämlich nicht exklusiv nur für eine Elite da, sondern für alle Menschen.
Und da ereignet sich etwas ganz Großes. Jesus behält am Ende nicht recht.
Und das gibt er auch zu und sagt: „Frau Dein Glaube ist groß!" und hilft ihr.
Womit ein für allemal bewiesen wäre: Wer sich streitet muss darf kann damit rechnen,
dass der andere, die andere recht hat. Und das ist kein Unglück.
Das kann passieren. Heute womöglich auch.Hab ich recht?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15942

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Größte im ganzen Land?
Für den Fall, dass es Ihnen dieses Orakel heute wieder irgendwo begegnet.
Seien Sie mutig. Kehren Sie nichts unter den Teppich.
Machen Sie es wie Jesus. Von ihm können wir lernen,
wie man mit Leuten, die unbedingt ganz groß sein wollen umgeht.
Er hat seine Mitarbeiter für einen Moment alleine gelassen.
Sie sind unterwegs gewesen. Ohne ihren Chef.
Und kaum dass sie unter sich sind, geraten sie aneinander und stellen sich die Frage,
„Wer ist der Größte, der Wichtigste unter uns"?
Die Frage war und ist nicht so ohne Weiteres klar zu beantworten,
weil es da mehrere Spitzenkandidaten gibt. Immer.
Jedenfalls kommen sie ziemlich aufgebracht und angeregt zurück
Mit roten Ohren und blanken Nerven.
Jesus nimmt sie so in Empfang und spürt offenbar ganz genau,
dass da etwas im Busch ist. „Worüber habt ihr euch unterwegs gestritten?"
Fragt er direkt. Dass es Streit gegeben hat, das steht außer Frage.
Darum so direkt und unverblümt die Frage: Worum ist es gegangen?
Jesus weiß offenbar, dass kein Team mehr funktioniert,
das sich innerlich zerstritten und  aufgerieben hat.
Darum deckt er die Sache auf. Spricht sie direkt an. Lässt die Luft raus
und das Gespenst herein.
Wer der Größte ist, war das Thema. Ist immer das Thema.
„Spieglein, Spieglein an der Wand..."Immerzu und überall wird dieses Spiel gespielt.
In jedem team, in jeder Familie, in jeder Gruppe. Immer geht es auch um die Frage:
Wert hat das Sagen? Wer ist wichtig? Wer hat die Fäden in der Hand?
Und da ist nicht immer Einigkeit. Wie auch?
Das muss immer wieder neu geklärt und befragt werden.
Und da führt Jesus als der beste Personal Trainer aller Zeiten ein Kriterium ein,
das zur Klärung dieser zentralen Frage für alle Zeiten Klarheit schafft:
Der Größte ist, wer dient!
Wer sich nicht zu schade ist für die vermeintlich kleinen Dinge.
Größe und Stärke definieren sich an der Bereitschaft, für die anderen da zu sein.
Und damit wird das Leitungskonzept neu aufgestellt: Groß ist, wer andere nicht klein macht!
So einfach ist das. Und jetzt kann es ganz normal weitergehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15941

Meistens sind wir ja friedlich. Vor uns muss niemand Angst haben.
Wir tun keinem was. Aber manchmal muss es doch sein.
Manchmal geht was zu weit und wir müssen uns wehren,
müssen Nein sagen, widersprechen, aufstehen, widerstehen.
Dann heißt es: Keine faulen Kompromisse!
Dabei können wir uns ganz auf Jesus berufen. Der kennt sich da aus.
Und er hält gar nichts von faulen Kompromissen.
Radikal ist die eine Geschichte jedenfalls.
Jesus kommt in den Tempel und sieht sich da um.
Und was er sieht, das macht ihn wütend und er gerät außer sich.
Da ist es aber aus mit dem sanftmütigen Allesversteher,
für den viele diesen Wanderprediger und Wunderheiler halten.
Von wegen Feindesliebe, rechte Backe, linke Backe,
„Mein Haus soll ein Bethaus sein!" schreit er.
„Und ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!".
Tempel als Kommerzarena. Geldwechsler, Seelenverkäufer,
das immer schon lukrative Bündnis von Religion und Konsum
bringt Jesus auf die Palme, macht ihn rasend.
Und jetzt lässt er aber keine Unterschriftenliste herum gehen,
er schreibt nicht etwa einen bösen Leserbrief,
er gründet auch keine Bürgerinitiative
oder gibt eine Aufsehen erregende Presseerklärung ab.
Nein, er schmeißt die Tische um und jagt die Geschäftemacher davon.
Aus dem Tempel hinaus.
Mit unglaublicher power und offenbar unwiderstehlicher Energie.
Wenn es um die Glaubwürdigkeit des Tempels geht,
keine faulen Kompromisse.
Und so ist Jesus auch in die Geschichte eingegangen
eben nicht nur als Friedensstifter,
sondern auch als Angreifer und Dreinschläger und Quertreiber.
Dietrich Bonhoeffer hat es zu seiner Zeit auf den Punkt gebracht
und gesagt, dass Kirche nicht nur die versorgen soll,
die unter die Räder kommen, sondern - wenn es nicht mehr anders geht-
auch einmal dem Rad in die Speichen greifen muss.
Nicht ausgeschlossen also, dass in unserem Alltag auch einmal eine klare Gegenposition von uns gefragt ist.
Wenn wir auf Räuberhöhlen treffen, wo es um das Allerheiligste geht.
Wir sollen nicht nur harmlos sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15940

Es ist heute genau 25. Jahre her.
Es war ein Sonntag, mit blauem Himmel und Sonnenschein.
Der 28. August 1988.
Da ist aus dem Flugtag ein Fluchtag geworden.
In Ramstein waren 300 000 Menschen zusammen gekommen.
Was uns die Woche über als lästiger Fluglärm die Nerven raubte,
sollte jetzt als Unterhaltung am Himmel bewundert werden.
Und bei der letzten Flugvorführung ist es dann passiert.
2 Flieger touchierten sich irgendwie beim gewagten Manöver in der Luft
und ein Feuerball rast auf die Menschen zu.
Diese Bilder stehen mir bis heute vor Augen.
Die Schreie, das Rennen...Das vergesse ich nie.
Ich war damals als junger Pfarrer in meiner ersten Gemeinde in der Nordpfalz.
In der Region waren viele Familien betroffen,
haben an diesem Tag Angehörige verloren
oder wurden selbst schwer verletzt. Der Schock saß tief.
Unser damaliger Kirchenpräsident Werner Schramm ordnete sofort an,
dass in allen protestantischen Kirchengemeinden Gottesdienste stattfinden sollten.
Ich kann mich an den Abendgottesdienst in Gundersweiler noch genau erinnern,
wie da die Menschen aus den umliegenden Dörfern zusammen kamen.
Ich hatte eine solche Stille,
eine so atemberaubende Ohnmachtsstimmung im Kirchenschiff noch nie erlebt.
Und ich weiß, dass ich es nicht schaffte zum Altar zu gehen.
So weich sind meine Knie gewesen und so unpassend empfand ich es,
mich vor die Trauergemeinde zu stellen.
Im Talar blieb ich in der Kirchenbank bei den Leuten einfach sitzen
und betete und sprach von dort aus. Selten habe ich so deutlich gespürt,
wie wichtig und unersetzbar unser gemeinsamer Glaube sein kann,
wenn wir ein Obdach brauchen für unsere Ratlosigkeit und Angst.
Wir sind damals unter dem Kirchendach zusammen gerückt,
wie auf der Flucht vor dem Feuerball.
So saßen die Leute jeden Alters und Herkunft dicht gedrängt.
Und in anderen Gemeinden wird es nicht viel anders gewesen sein.
Ich bin froh, dass heute in Ramstein von Bischof Wiesemann und Kirchenpräsident Schad
ein Gottesdienst gehalten wird
als ökumenisches Zeichen gemeinsames Gedenkens an die Opfer und ihre Angehörigen.
Gut, dass wir heute miteinander ihrer gedenken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15939

Was tun, wenn es heute wieder passiert?
Da zerreißen sich die Leute das Maul
weil sich jemand was hat zu Schulden kommen lassen und sind gerade dabei,
den Stab zu brechen, zu verurteilen, und wir kommen dazu
und werden mit hineingezogen und sollen uns verhalten,
sollen natürlich zustimmen, und ihm dem den Rest geben,
der da am Pranger steht. Was tun?
Jesus hat uns da eine Szene zu bieten, die es in sich hat:
Eine Frau wurde erwischt beim Ehebruch.
Ein Mann muss auch dabei gewesen sein.
Aber von dem ist nicht die Rede.
Nach geltendem Recht droht nur der Frau die Todesstrafe.
Und die aufgebrachte Menge hat schon die Steine in der Hand,
um sie zu werfen auf die Frau, die in der Mitte steht mit Todesangst.
Jesus kommt dazu und alle stürmen auf ihn ein und wollen,
dass er das gut findet und mitmacht und dafür sorgt, dass vollzogen wird
was schon längst beschlossene Sache ist, nämlich die Frau zu steinigen.
Und da gelingt Jesus etwas faszinierend Unmögliches.
Er hält nämlich den Mund und den Atem an und die Gewalt auf.
Er kniet sich hin, er malt etwas in den Sand,
und bringt für einen Augenblick die Unaufhaltsamkeit des Urteils zum Stehen
und rettet das Leben der Frau. Zumindest vorläufig.
Denn noch schwebt sie in Gefahr, noch brodelt der Hass unbändig,
noch ist die Bereitschaft zur Hinrichtung groß.
Aber dieses schweigsame Pausenzeichen wirkt Wunder.
Und es schafft eine Lücke, einen Zwischenraum
in den Jesus hinein spricht und den Satz seines Lebens sagt,
der bis heute Gänsehaut macht: „Wer unter Euch ohne Sünde ist,
der werfe den ersten Stein!" Und da ist der Bann gebrochen.
Bei denen, die eben noch außer Rand und Band gewesen sind,
setzt der Verstand wieder ein und die Einsicht kommt
und einer nach dem anderen geht. Steine fallen zu Boden
und der Frau vom Herzen.
Und Jesus geht zu der Frau und spricht ihr gut zu
dass sie ein Recht auf ein Leben hat, das zukünftig ohne Sünde ist.
Das also könnte man zu tun, wenn es heute wieder passiert,
dass Leute übereinander herfallen und verurteilen ohne Vernunft und Gnade:
Unterbrechen, anhalten, aufhalten, Bedenkzeit ermöglichen,
und so Steinigungen verhindern.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15938

Noch ist alles ganz friedlich bei Ihnen, hoffe ich.
Aber es ist nicht gesagt, dass es das bleibt.
Es könnte heute wieder einmal passieren, dass uns sozusagen was dazwischen kommt.
Montags ist es besonders gefährlich.
Da kommen die Leute seelisch ein bisschen ungeschützt aus dem Wochenende.
Und reagieren empfindlicher auf die Eigenarten ihrer Mitmenschen
Und glauben dann, sich wehren zu müssen.
Da kann es schon mal zu Überreaktion und Kurzschlusshandlungen kommen.
Das fängt auf der Straße schon an. An der Haltestelle, im Bus.
Auf dem Bahnsteig, im Treppenhaus, auf dem Schulweg, im Vorübergehen.
Und dann treffen wir uns womöglich zu heftig und schon ist es passiert:
Ganz schnell ist da ein falsches Wort gesagt, ein böser Blick geworfen,
ein Missverstehen, eine falsche Geste, und schon liegen die Nerven blank.
Wie kann das gut gehen? Nicht mit Gewalt! hat Jesus gesagt.
Er muss es wissen. Er ist der beste Coach aller Zeiten.
Da gab es diese besondre Szene damals. Als sie ihn verhaften wollten
und er mit seinen Jüngern aufgegriffen wird. Plötzlich stehen sie sich gegenüber:
Anhänger und Gegner. Konfrontation eskaliert. Da verliert Petrus die Nerven,
dieser ziemlich beste Freund Jesu, er zieht sein Schwert und haut dazwischen.
Einander übers Ohr hauen, das ist seine Methode. Aber Jesus unterbricht ihn und sagt:
„Steck das Schwert weg! Denn wer zum Schwert greift, wird dadurch umkommen!"
Keine Gewalt! Egal was passiert. Wie auch immer der Zank sich ereignet.
Wenn wir einander im Widerspruch begegnen, wenn gegensätzliche Meinungen unüberbrückbar sind, wenn sich Gegner und Feindselige begegnen,
wenn womöglich Hass und Verrat im Raume stehen,
wenn Wut und Enttäuschung sich Bahn brechen.
Es gibt ein Tabu. Es gibt eine Grenze. Und die heißt: Keine Gewalt!
Keine gegenseitige Verletzung an Leib und Seele.
Nicht dreinschlagen und drauf los legen.
Und auch wer eine Zunge wie ein Schwert zum Einsatz bringt,
soll sich zurück halten. Im Krisenmanagement, das Jesus uns zeigt,
darf es keine Übergriffe geben, die verletzen. „Wer zum Schwert greift,
wird dadurch umkommen!" sagt Jesus.
Darum Vorsicht an diesem Montag! Schlagfertig sein ohne übers Ohr zu hauen.
Das müsste gehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15937

„Immer wieder Sonntags, kommt die Erinnerung!"
Ein alter Schlager fängt so an. Der Sonntag als Memory-Tag.
Heute ist er wieder dran. Warum nur, ist er so besonders?
Ist es die Sonntagsruhe? Ist es die freie Zeit?
Zeit für Familie, Verwandtschaft, Besuche?
Trauernde Menschen sagen mir: Sonntags ist es besonders schlimm!
Sonntags ist das Heimweh so groß! Was ist das nur mit diesem Sonntag?
Wenn wir die Normalität unterbrechen, wenn das Alltägliche außer Kraft gesetzt wird,
wenn es eine Auszeit gibt, dann spüren wir uns auf,
dann wird uns Vieles bewusst, dann kommen wir zu uns.
Der Sonntag ist einfach etwas Besonderes. Kein Tag in der Woche ist damit vergleichbar.
Der Sonntagmorgen ist so leicht, so sanft, so zögerlich, die Menschen schlafen länger,
sie rücken zusammen, sie nehmen sich Zeit, alles sieht so anders aus,
so verschont, so zurück genommen. Wie eine Unterbrechung,
wie eine außergewöhnliche Pausenzeit. Einmalig ist das, wunderbar, köstlich, schützenswert.
Sonntagsausflug, Sonntagsbesuch, Sonntagskaffee.
Nicht umsonst gibt es diese exklusiven Begriffe.
Und am Sonntagmorgen läuten die Glocken. Überall ist Gottesdienst
Der Sonntagmorgen ist dafür wie geschaffen.
Seit jeher kommen an diesem Morgen die Menschen zusammen.
Um zu singen und zu beten. Der Sonntag ist die Auszeit für die Seele.
Es ist schon bemerkenswert,
dass die Bibel schon im Schöpfungsbericht davon erzählt,
dass Gott der Herr selber nach allem Tun und Schaffen
eine schöpferische Pause macht und sich ausruht.
Es entspricht also dem göttlichen Anfang von allem,
dass wir nicht nur fleißig und unterwegs sind,
sondern auch nach Gottes Vorbild sozusagen uns einen Ruhetag gönnen.
Heute besuchen sich die Menschen, heute rufen sie sich an,
denken aneinander, gehen aufeinander zu,
Der Sonntag ist die beste Gelegenheit zum Menschsein,
zum Miteinander und Beieinander.
Aber deshalb ist er auch der gefährlichste Tag
für alle, die unglücklich und alleine sind.
„Immer wieder Sonntags, kommt die Erinnerung!"
Heute fällt uns Vieles ein, was wir fast vergessen hätten.
Es ist der Tag der Aufmerksamkeit füreinander.
Besuchstag, Begrüßtag, Vermisstag. Sonntagsgrüße deshalb an alle,
die jetzt anfangen, diesen einmaligen Morgen zu beginnen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15936