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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es gibt Menschen, die haben ganz besonders tolle Begabungen. Und andere gehen scheinbar irgendwie leer aus.
Also, wenn meine Eltern für uns Kindern unterschiedliche Portionen Nachtisch ausgeteilt haben, waren wir Kinder uns sofort einig: das ist ungerecht!
Was hat sich also Gott bloß dabei gedacht, als er die Begabungen unter den Menschen so ungleich verteilt hat? Gott ist doch gerecht, steht immer in der Bibel. Was ist das für eine Gerechtigkeit?
Ich könnte mir vorstellen: Vielleicht wollte er mit den wenigen, großen Begabungen vielen eine Freude machen. Wie etwa bei einem Konzert: da haben ja alle was davon, wenn nur ein paar wenige großartig musizieren können.
Oder bei einem Film. Insgesamt wirkt da ja nur eine überschaubare Menge an Leuten mit. Aber Millionen von Menschen weltweit können von einem schönen Film mitgerissen und verzaubert werden.
Übrigens: eine mangelnde Begabung kann auch schon mal nützlich sein.
Ich habe einen Kollegen, der ist ein großes Talent in seinem Beruf - und dazu noch außerordentlich gescheit und musisch begabt. Nur eines konnte er nie: singen. Daran war nichts zu machen. Da hab ich schon mal so bei mir gedacht:
Vielleicht hat Gott ihm das ja extra vorenthalten.
Damit er auf dem Teppich bleibt.
Wenn man genau hinsieht, hat Gott jedem etwas Besonderes mitgegeben. Mag sein, dass es nichts Auffälliges ist; und auch nicht das, was man sich ausgesucht hätte. Aber es lohnt sich, es herauszufinden.
Mit mir, beispielsweise, hat Gott es bei der Verteilung des Lachens besonders gut gemeint. Ich konnte schon mit vier Wochen lachen, dass die Wände wackelten. Mein Vater ist deswegen extra zum Arzt mit mir gegangen, um das zu dokumentieren. Sonst hätte ihm das später ja kein Mensch geglaubt. Zum Beweis gibt es auch Fotos.
Das war nicht meine Wunsch-Begabung. Aber heute weiß ich:
Es ist schon viel, wenn man immer was zum Lachen hat.
Und das hat auch schon so manch einen Griesgram angesteckt.
Und wie ist es bei Ihnen: Was sind Ihre besondere Gabe?

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Im Gottesdienst auch mal herzlich lachen dürfen - ich mag das. Schließlich verkündigen wir doch die frohe Botschaft. In manchen Gemeinden ist es sogar üblich, an Ostern einen Osterwitz zu erzählen. Um die Leute daran zu erinnern, dass Ostern ein Freudenfest ist. Weil Jesus Christus auferstanden ist von den Toten.
Aber besser als jeder Osterwitz ist mir ein wunderbarer Versprecher in Erinnerung. Es ist schon lange her, aber das vergesse ich nie! Es war im Gottesdienst meines ehrwürdigen Kollegen und Vorgesetzten. Ein ganz humorvoller Mensch. Nur, dass er die Gemeinde gar nicht erheitern wollte. Er wollte sie bloß ganz besonders herzlich im Ostergottesdienst begrüßen. Bei schönstem Wetter und Sonnenschein. Er trat also nach dem Orgelvorspiel ans Pult, blickte feierlich in die Gesichter und sagte aus vollem Herzen:
„Frohe Weihnachten, liebe Gemeinde!"
Es war der fröhlichste Ostergottesdienst meines Lebens!
Die Leute fielen fast aus den Bänken, so groß war das Gelächter. Sie konnten auch kaum mehr aufhören. Und auch mein Kollege hatte seine liebe Mühe, den Gottesdienst ohne weitere Lachattacken durchzustehen.
Ich genieße solche ausgelassenen Momente. Und ich finde, wir Protestanten haben da ganz gut aufgeholt. Bei Martin Luther gings ja noch derb und lustig zu. Denn er sagte: „Gott hat keinen Gefallen an der Traurigkeit des Geistes." Aber es gab ja auch noch andere Reformatoren, z. B. Calvin. Die Calvinisten sahen die Dinge nicht so heiter; für sie war das Christentum eine sehr ernste Angelegenheit. Bei ihnen herrschte Zucht und Ordnung. Und Sittenstrenge.
Bei allem Respekt - die Calvinisten waren schon ziemliche Spaßverderber. Und das Rheinland war besonders von ihnen beeinflusst. Denn der Calvinismus schwappte sozusagen von Frankreich und den Niederlanden zu uns rüber.
Und wie steht es bei unseren katholischen Nachbarn mit dem Humor? Ich werde Ihnen ein paar sehr lebensnahe Verse aus dem Gotteslob vorlesen - das ist das katholische Gesang- und Gebetsbuch. Und dann sehen Sie selber. Da steht:
„Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen. (...)
Herr, schenke mir Sinn für Humor;
gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen,
damit ich ein wenig Glück kenne im Leben
und anderen davon mitteile."

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Lachen hilft gegen die Angst. Daher auch der Galgenhumor - diese eigentümliche Heiterkeit, die manche befällt, wenn ihnen etwas Schlimmes bevorsteht.
Zum Beispiel vor einer Operation. Da höre ich die Patienten schon mal sagen: „Gell, Herr Doktor, Sie holen da aber nichts raus aus meinem Bauch, was ich noch gebrauchen kann...?" Oder: „Oh weh, jetzt werde ich zur Schlachtbank geführt..."
Sicher, der Humor macht die Angst nicht weg. Aber wenn man vor einem gefürchteten Eingriff lachen kann, nimmt es etwas von der Anspannung.
Als ich mir vor ein paar Jahren den Schneidezahn angeschlagen habe, da hatte ich furchtbare Angst vor der Wurzelbehandlung. Und ich habe ziemlich rumgejammert. Man hört ja oft genug, dass die Betäubung der Schneidezähne so scheußlich wehtut. Da hat sich meine Tochter eine Rosine oder Korinthe vorne auf den Zahn geklebt und gesagt:
„Schau, so siehst Du bald aus, wenn Du die Behandlung nicht machst."
Dann hat sie meine Brille aufgesetzt und hat mich bedeutungsvoll nachgeahmt - mit Zahnlücke. Ich bin fast vom Stuhl gefallen vor Lachen. Und bin dann viel entspannter zur Behandlung.
Für mich ist Humor ein Geschenk Gottes gegen die Angst. Selbst gegen die Angst zu sterben.
Ein jüngerer Patient, so um die vierzig, erzählte mir:
„Wenn die Angst mich überfällt, verhandle ich mit meinem Tumor. Ich sage zu ihm: „Hör mal gut zu! Wenn du nicht weiter wächst, haben wir beide etwas davon: Dann können wir nämlich beide weiterleben. Aber wenn du mich umbringst, dann nehme ich dich mit."
Und eine Frau, um die es auch nicht gut stand, erzählte mir etwas Ähnliches:
„Manchmal spreche ich mit meinem Tumor. Ich erzähle ihm von all der Zuneigung und Liebe, die ich erfahre, seit ich krank bin. Und dann sage ich ihm:
Paß mal auf, nur dass du es weißt: Du kannst mich zwar umbringen. Aber das alles kannst du mir nicht nehmen. Und wenn ich so mit ihm Rede, das hilft mir."

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Hat Jesus gelacht? Es ist erstaunlich: an keiner Stelle der Bibel wird erwähnt, dass Jesus gelacht hat. Jesus hat geweint, dazu gibt es in der Bibel eine Geschichte. Und er hat mitgefühlt. Aber gelacht?
Ich bin überzeugt, Jesus muss gelacht haben. Denn er hat gerne gefeiert. Immer wieder hat er mit allen möglichen Leuten zusammengesessen, gegessen und getrunken. Er war auf Hochzeiten eingeladen und einmal hat er sogar für den Wein gesorgt, als er ausging. Er hat Kinder in die Arme genommen und gedrückt - wie soll er da nicht auch gelacht haben?
Für mich gehören Humor und Menschenliebe untrennbar zusammen. Denn ohne Humor ist es schwer, die Menschen zu lieben.
Und das sehe ich auch bei Jesus:
Zum Beispiel, als er dem reichen Zöllner Zachäus begegnet, diesem Gauner. -  Ein übler Zeitgenosse, haut jeden übers Ohr; aber Zachäus ist auch klein. Und neugierig.
Als er hört, dass Jesus in seinen Ort kommt, will er ihn unbedingt sehen. Aber da drängen sich schon so viele Menschen, er hat da keine Chance. Da klettert er in seinen piekfeinen Klamotten auf einen Maulbeerfeigenbaum. Und als Jesus endlich an die Stelle kommt, wo Zachäus im Baum ausharrt, kann er ihn wirklich ganz genau sehen. Doch Jesus sieht auch ihn. Und seine Sehnsucht. Denn Menschen, die mit sich zufrieden sind, klettern nicht auf Bäume. Da muss einem schon was auf der Seele brennen, wenn sich ein Erwachsener benimmt, wie Zachäus.
Jesus sagt: „Zachäus, komm herunter; denn heute muss ich in deinem Hause einkehren." Und wie er das gesagt hat, hat er bestimmt über das ganze Gesicht gestrahlt.
Und sofort steigt Zachäus hinab und führt ihn voller Freude in sein Haus. Und ändert sein ganzes Leben.
Humor und Menschenliebe - womöglich unsere stärksten Waffen, um irgendetwas auf dieser Welt zu bewegen.

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Nehmen wir mal die Affen - die haben richtig Spaß daran, Unfug zu treiben. Eine Freundin von mir lebt in Brasilien. Und musste regelmäßig eine Baustelle besichtigen. „Da habe ich mein Cabrio eben mal offen stehen lassen", erzählt sie. „Jedesmal, wenn ich zurückkam, lagen angelutschte Obstkerne auf den Sitzen."
Einmal versteckt sie sich, um herauszufinden, wer der Übeltäter ist. Kaum ist sie außer Sichtweite, schwingen sich ein paar Affen zu ihrem Auto hinüber und werfen zielsicher angefressenes Obst auf die Vordersitze. - Mit sichtlichem Vergnügen!
Gott muss auch Humor gehabt haben, als er das Faultier erdacht hat.
Das Dreifingerfaultier hat nur einen einzigen Wesenszug: Es ist träge bis zum Umfallen; und verschläft den ganzen Tag.
Und wenn es mal wach ist, bewegt es sich im Zeitlupentempo.
Man kann ein Faultier wecken, aber es interessiert sich nicht für den Ruhestörer. Das Faultier kann zwar hören, aber auch Geräusche sind ihm egal. Es kann sogar einen morschen Ast am Geruch erkennen. - Dennoch wird berichtet, dass Faultiere oft zu Boden fallen. Weil es ihnen gleichgültig ist, ob ein Ast nun morsch riecht oder nicht.
Und wenn ich uns Menschen so betrachte, da muss bei Gott auch eine ordentliche Portion Humor im Spiel gewesen sein:
Da gibt es z. B. diese völlig widersprüchlichen Wesenszüge:
Ich habe einen Freund, der nimmt jeden Umweg in Kauf, nur um ein paar Cent beim Tanken zu sparen. Und der dreht jeden Euro dreimal um. Aber wenn es um's Trinkgeld geht, ist er die Großzügigkeit in Person.
Und ich kenne einen Arzt, der ist ein herausragender Herzspezialist. Aber von sich selber sagt er, er könne überhaupt kein Blut sehen.
Ich habe sogar schon mal einen Millionär kennengelernt, der haust ganz zufrieden - aber ziemlich schmutzig - mit seinen Schweinen. Weil er sich keine bessere Gesellschaft vorstellen kann.
Vielleicht hat Gott seine Geschöpfe ja mit Humor erschaffen, um ihnen eine gewisse Heiterkeit mitzugeben. Damit sie ihre Unzulänglichkeiten leichter ertragen. - So wie er.

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Hat Gott Humor? Was meinen Sie?
Das ist jetzt keine Spaßfrage, im Gegenteil: Ich finde die Frage wichtig. Denn es geht darum, wie man sich Gott vorstellt - wer er ist und wie er ist. Und da macht es einen riesen Unterschied, ob ich ihn mir als strengen Richter vorstelle, der penibel alle meine Sünden notiert. Oder als gütigen Vater, der auch mal lächelnd über meine Fehler hinwegsieht. - So wie ich ihn mir vorstelle. Warum?
Weil es unzählige biblische Geschichten gibt, die von Gottes Güte und Humor erzählen. Nehmen wir die Geschichte von Jona:
Jona ist ein Prophet, der von Gott den Auftrag erhält: „Mach dich auf, geh nach Ninive und drohe ihnen ein schreckliches Strafgericht an."
Jona ist einer, der gleich erkennt: Diese Aufgabe ist unangenehm. Deshalb beschließt er, vor Gott wegzulaufen. Nach Spanien - so weit, kommt Gott bestimmt nicht - denkt er, und besteigt ein Schiff und flieht.
Aber Gott holt ihn ein. Und schließlich landet Jona doch in Ninive und verkündet das große Unheil. Doch da geschieht etwas, damit hat keiner gerechnet: Die Menschen von Ninive bereuen ihre Taten und ändern sich.
Als Gott das sieht, hat er Erbarmen mit den Menschen und nimmt sein Strafgericht zurück. Doch da ist Jona stocksauer.
„Das hab ich doch gleich gewusst, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist", schimpft er. „Am Ende tust du ja doch nie, was Du androhst!"
Er setzt sich zornig vor die Stadt und wartet ab, was geschieht.
Da lässt Gott eine Staude über ihn wachsen, die Jona Schatten spendet.
Am nächsten Tag lässt Gott die Staude verdorren, so dass die Sonne Jona auf dem Kopf sticht.
Wieder schimpft Jona wie ein Rohrspatz - ja, am liebsten möchte er sterben!
Da sagt Gott: „Schau, du hast die Staude nicht großgezogen. In der einen Nacht ist sie gewachsen und in der anderen abgestorben. Trotzdem tut es dir leid um sie. Und da soll es mir nicht um die große Stadt Ninive leidtun, mit all den Menschen und Tieren?"
Die Geschichte von Jona zeigt:
Gott hat einen gütigen Humor. Und er weiß mit törichten Menschen umzugehen. Also, im Zweifel auch mit mir.

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